Adelung 1775/II
Johann Christoph Adelung, Versuch eines vollständigen grammatisch-kritischen Wörterbuches der Hochdeutschen Mundart, mit beständiger Vergleichung der übrigen Mundarten, besonders aber der oberdeutschen II (F–K), Leipzig [Johann Gottlog Immanuel Breitkopf] 1775.
Johann Christoph Adelung (1732–1806) was a prominent German linguist and lexicographer. In his multi-volume Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, he also provided explanations of the meaning and etymology of certain terms related to mural painting. In this case, the terms relate primarily to fresco painting, but also to limestone and lime, including its production and use.
col. 41–42
Farbe
Die Farbe, plur. die -n. 1. Die Eigenschaft der Körper, nach welcher sie die Lichtstrahlen so zurück werfen, daß dadurch eine gewisse Empfindung in unsern Augen verursacht wird, welche sich besser empfinden als beschreiben läßt.
(1) Eigentlich. Das Gras har eine grüne, das Gold eine gelbe, das Blut eine rothe, der Schnee eine weiße, die Dinte eine schwarze, der Himmel eine blaue Farbe. Die Farbe fahren lassen, wenn sich ein Körper oder dessen Oberfläche so verändert, daß er nicht mehr eben dieselben Lichtstrahlen zurück wirft, als vorher, welches man auch verschießen nennet. Die Farbe halten, behalten, Die Farbe gehet aus, ist ausgegangen. Er urtheilet, wie der Blinde von der Farbe, ohne alle Kenntniß. Die Farbe halten, ein im gemeinen Leben üblicher figürlicher Ausdruck, in der Probe wahr oder ächt befunden werden. Die Lügen halten die Farbe nicht. Freunde, die uns Farbe halten, welche treu, beständig sind, Günth.
Wie des Gelückes Mund nicht Wort und Farbe hält, Hofmannsw.
(2) In engerer Bedeutung gehöret schwarz nicht mir unter die Farben, weil es eigentlich ein Mangel aller Farbe ist. Einige Lehrer der Wapenkunst machen einen unnöthigen Unterschied unter Farben und Tincturen, und rechnen zu jenen nur roth, blau, grün und schwarz; zu diesen aber Gold und Silber, oder gelb und weiß. In noch engerm Verstande bezeichnet dieser Ausdruck die natürliche gesunde Gesichtsfarbe. Der Kranke hat alle Farbe verlohren. Er bekömmt wieder Farbe. Er veränderte die Farbe, ward aus Antrieb des bösen Gewissens blaß oder roth. Bey den Weißgerbern bezeichnet dieses Wort die gelbe Farbe, welche das gewalkte Leder, wenn es auf einen Haufen gesetzt wird, durch seine innere Hitze bekömmt. In der Farbe liegen, um deswillen über einander liegen.
(3) Figürlich. Immer in einer Farbe fingen, in der Musik, mit einerley Stärke oder Schwäche des Tones.
2. Diejenigen Körper, welche der Oberfläche anderer Körper Diese Eigenschaft mittheilen.
(1) Eigentlich. Trockene, nasse Farben, mineralische Farben. Erdfarbe, Saftfarbe. Malerfarbe, Öhlfarbe, Wasserfarbe, Färberfarbe u. s. f. Farben reiben, austragen, brechen, mit andern vermischen u. s. f. Der Zeug nimmt die Farbe nicht an. Halbe Farben, gebrochene Farben, S. Mittelfarbe. Einen Zeug durch die Farbe gehen lassen, bey den Färbern, ihn in die zubereitete Farbe tauchen.
(2) In engerer Bedeutung bezeichnet dieses Wort oft einzele Arten färbender Körper. So verstehen die Buch- und Kupferdrucker unter Farbe die schwarze Farbe, mit welcher die Bücher und Kupfer gedruckt werden.
(3) Figürlich, die Art und Weise, wie man eine Sache vorstellt, im gemeinen Leben. Man hat die mit sehr häßlichen Farben bey mir abgemalt.
Verfolgung, Mißgunst, Haß wird ihnen Farben leihn, Weiße.
Besonders, das gute Ansehen, so man einer schlechten Sache giebt. Seinem Vorhaben eine schöne Farbe geben. Er weiß seiner Sache eine gute Farbe zu geben. Liner Sache eine Farbe anstreichen, sie von der guten Seite vorstellen; wo man auch wohl mit dem sonst ungewöhnlichen Diminut. sagt, ihr ein Färbchen anstreichen.
3. Gefärbte Körper, sie mögen nun durch die Kunst oder von Natur gefärbt seyn.
(1) Bey den Jägern, Köchen und Salzsiedern verstehet man unter diesem Ausdrucke das Blut. Die Röche thun Farbe an verschiedene Speisen. In den Salzwerken gießet man Farbe, d. i. Rindsblut, an das kochende Salzwasser, damit es besser schäume und sich reinige.
(2) In dem Kartenspiele bezeichnet, dieser Ausdruck diejenigen Karten, welche einerley Art von Zeichen führen. Diese vier Farben sind Pik, Cör, Treffle und Caro. Eine Farbe anspielen, ausspielen. Eine Farbe verleugnen, bekennen. Mir einer Farbe einstechen, d. i. stechen. In einigen Spielen druckt dieses Wort auch die herrschende Farbe eines Spieles, den Trumpf aus.
(3) Die Liveree, eine größtentheils veraltete Bedeutung, Lines Farbe tragen. Hoffarbe, Staatsfarbe.
4. Der Ort, wo gefärbet wird. So wird die Werkstätte eines Färbers im gemeinen Leben oft die Farbe genannt.
Anm. Dieses Wert lautet in der heutigen Bedeutung bey dem Kero Farauuii, bey dem Ottfried Farauui, bey dem Notker Fareuua, im 12ten Jahrhunderte Varwe, und Variwa, im Dän. Farve, im Böhm. Barwa, im Poln. Farba, im Schwed. aber Faerg. Isidors übersetzer braucht es für Gestalt; Scalches farauua heißt bey ihm Knechtsgestalt. Wachter leitet dieses Wort von wahren, sehen, her, Ihre aber rechnet es zu dem Geschlechte des Latein. varius, welches dadurch wahrscheinlicher wird, weil in manchen alten Mundarten für Farbe nur Var und Far üblich war.
col. 169
Fischpinsel
Der Fischpinsel, des -s, plur. ut nomin. sing. bey den Malern, ein Pinsel von den Haaren der Fischotter.
col. 273
Fresco
Fresco, das Italiänische Wort fresco, frisch, und in engerm Verstande, frischer, d. i. nasser Kalk, die Mahlerey auf nassen Kalk zu bezeichnen. Al Fresco mahlen, auf nassen Kalk. Daher der Fresco-Mahler, die Fresco-Mahlerey.
col. 594
Gerüst
Das Gerüst, des -es, plur. die -e, Diminut. das Gerüstchen, ein auf eine Zeit lang aufgeführtes Bauwerk von Holz, allerley Arbeiten auf demselben vorzunehmen. Dergleichen sind die Gerüste der Mäurer, Gebäude aufzuführen oder auszubessern, der Mahler, die Decke in Kirchen und Pallästen zu mahlen, die Gerüste, welche man zum Behuf der Zuschauer bey feyerlichen Vorfällen bauet u. s. f. Daher das Leichengerüst, Castrum doloris, das Blutgerüst, Franz. Echaffaud, und andere mehr. Von dem Zeitworte rüsten, S. dasselbe. Bey dem Willeram bedeutet Geruste Werkzeug, Waffen, bey dem Ottfried aber ist Sterrono girusti, die Stellung der Sterne.
col. 1471–1474
Kalk
Der Kalk, des -es, plur. doch nur von mehrern Arten, die -e.
1. In der eigentlichsten, wenigstens gewöhnlichsten Bedeutung, dasjenige Product eines durch das Feuer seines brennbaren Wesens beraubten Körpers, welches sich mit dem Wasser erhitzet, und nachmahls mit demselben und mit dem Sande zu einem Steine erhärtet. Steine zu Kalk brennen. Kalk brennen, den Kalk vermittelst des Feuers hervor bringen. Lederkalk, Steinkalk, Streichkalk, welcher aus kalkartigen Steinen gebrannt worden, zum Unterschiede von dem Gypskalke oder Sparkalke, welcher aus Gypssteinen, und dem Muschelkalke, welcher aus Muschelschalen erhalten wird. Der erste wird im gemeinen Leben nur schlechthin Kalk genannt. Den Kalk löschen, den gebrannten Kalk mit dem Wasser sich erhitzen lassen. Lebendiger oder ungelöschter Kalk, welcher sich mit dem Wasser noch nicht erhitzet hat, im Gegensatze des gelöschten. Auch der zur Tünche, und zum Mauern zubereitete Kalk, selbst wenn er schon zu seiner Bestimmung angewandt ist, behält den Nahmen des Kalkes. Der Kalk fällt in den Zimmern ab, der als Tünche aufgetragene Kalk. Der mit Sand vermischte und zum mauern bestimmte Kalk bekommt den Nahmen des Mörtels. Der Wein führet Kalk bey sich oder hat Kalk, wenn er auf einem kalkartigen Boden wächset, und seine Kalktheile mit in seine Mischung aufnimmt, welche er hernach wieder fallen lässet.
2. In weiterer Bedeutung führet in der Chymie ein jedes Product eines durch die Luft, durch das Feuer oder durch andere Zusätze seines brennbaren Wesens beraubten Körpers den Nahmen des Kalkes, welches von den Säuren aufgelöset wird und mit denselben ein Mittelsalz macht. Man hat daher auch metallische Kalke, welche eine undehnbare des brennbaren Wesens beraubte Erde ohne Glanz sind, und nach Verschiedenheit des Metalles, von welchem sie herrühren, und anderer Umstände, den Nahmen des Rostes, der Asche, des Safranes, Beschlages, der Mennige, des Grünspanes, Platzgoldes, Hornsilbers u. s. f. bekommen.
Anm. In hauchenden Mundarten Kalch, in den monseeischen Glossen Chalch, im Schwed. und Dän. gleichfalls Kalk, im Engl. Chalk, im Franz. Chaux, alle aus dem Latein. Calx.
. . .
Kalkbrennen
Das Kalkbrennen, des -s, plur. inus. die Handlung, da man einen Körper vermittelst des Feuers in Kalk verwandelt.
Kalkbrenner
Der Kalkbrenner, des -s, plur. ut nom. sing. der ein Geschäft daraus macht, Steine zum Behufe der Mäurer zu Kalk zu brennen.
Kalkbruch
Der Kalkbruch, des -es, plur. die -brüche, im gemeinen Leben für Kalksteinbruch, ein Steinbruch, in welchem die Steine zum Kalkbrennen gebrochen werden.
. . .
Kalken
Kalken, verb. reg. act. in Kalk einweichen, mit Kalk zubereiten, mit Kalk vermischen, bey verschiedenen Arbeitern. Gekalktes Leder, welches vermittelst des Kalkes zubereitet worden. In Verkalken hat es eine andere Bedeutung.
Kalkerde
Die Kalkerde, plur. doch nur von mehrern Arten, die -n, eine kalkartige Erde, welche im Feuer die Eigenschaft des Kalkes annimmt. S. Kalkartig. Im Bergbaue pflegt man in engerer Bedeutung auch die Bergmilch mit diesem Nahmen zu belegen, S. dieses Wort.
Kalkhaken
Der Kalkhaken, des -s, plur. ut nom. sing. ein Haken von Holz, den Kalk bey dem Löschen damit aus einander zu ziehen.
Kalkhütte
Die Kalkhütte, plur. die -n, eine Hütte, d. i. ein Gebäude, in welchem Kalk gebrannt, und welches am häufigsten ein Kalkofen genannt wird.
Kalkicht
Kalkicht, -er, -ste, adj. et adv. dem Kalke ähnlich. Der Wein schmeckt kalkicht.
Kalkig
Kalkig, adj. et adv. Kalk enthaltend, mit Kalk beschmutzt. Sich kalkig machen, sich mit Kalk beschmutzen.
Kalklauge
Die Kalklauge, plur. doch nur von mehrern Arten, die -n, eine aus Kalk bereitete Lauge.
Kalkmergel
Der Kalkmergel, des -s, plur. inus. eine Art Mergel, welche mehr Kalk als Thon enthält, zum Düngen gebraucht wird, und eigentlich eine Art der Mondmilch ist.
Kalkmesser
Der Kalkmesser, des -s, plur. ut nom. sing. der den zum Bauen bestimmten Kalk den Mäurern zumisset, und welches bey verschiedenen Bauämtern eine vereidigte Person ist.
Kalkmühle
Die Kalkmühle, plur. die -n, eine Mühle, auf welcher der Gypskalk gemahlen wird.
Kalkofen
Der Kalkofen, des -s, plur. die -öfen, ein Ofen, worin Steine zu Kalk gebrannt werden. In weiterer Bedeutung auch das Gebäude, worin sich derselbe befindet, und die ganze dazu gehörige Anstalt. In der Chymie führet auch ein jeder Calcinir-Ofen diesen Nahmen.
Kalkröse, Kalkröste
Die Kalkröse, richtiger Kalkröste, plur. die -n, in einigen Gegenden, z. B. im Lüneburgischen, ein mit Holz schichtweise vermischter Haufen Kalksteine, welche zu Kalk gebrannt werden sollen. An andern Orten der Kalkrost, welchen Nahmen auch zuweilen der ganze Haufe Kalksteine führet, welcher auf Ein Mahl zu Kalk gebrannt wird, und sonst auch ein Brand heißt.
Kalksalz
Das Kalksalz, des -es, plur. doch nur von mehrern Arten, die -e. 1. Das aus dem Kalke mit den Säuren erhaltene Mittelsalz. 2. Auch das Mauersalz ist unter diesem Nahmen bekannt, S. Adelung Mauersalz.
Kalkschiefer
Der Kalkschiefer, des -s, plur. doch von mehrern Arten, ut nom. sing. ein kalkartiger Schiefer, ein Kalkstein in Gestalt eines Schiefers.
Kalksinter
Der Kalksinter, des -s, plur. inus. im Bergbaue, ein kalkartiger Sinter, ein Sinter, welcher aufgelösete Kalktheile bey sich führet, und wovon der zackige unter dem Nahmen der Eisenblüthe bekannt ist.
Kalkspath
Der Kalkspath, des -es, plur. doch von mehrern Arten, die -e, ein kalkartiger Spath, Kalkstein, welcher das Gewebe und die Bauart des Spathes hat, und wovon die gefärbten Arten auch unter dem Nahmen der Flüsse bekannt sind. Die Zweckendruse der sächsischen Bergleute ist ein grauer krystallisirter Kalkspath.
Kalkstein
Der Kalkstein, des -es, plur. die -e, ein kalkartiger Stein, ein Stein, welcher in einem gewissen Grade des Feuers in Kalk verwandelt werden kann, S. Kalkartig, und wohin unter andern auch alle Marmorarten gehören. In engerer Bedeutung verstehet man unter Kalksteinen die gemeinen Steine dieser Art, aus welchen wirklich Kalk gebrannt wird.
Kalkwasser
Das Kalkwasser, des -s, plur. inus. das mit Kalk vermischte Wasser, Wasser, welches Kalk bey sich führet.
