Krünitz 1776/IX

Johann Georg Krünitz, Oekonomische Encyklopädie, oder allgemeines System der Land- Haus- und Staats-Wirthschaft, in alphabetischer Ordnung IX (De–Dy), Berlin [Joachim Pauli] 1776.


pp. 29–34

Decke

Decke, L. Teges, Tegmen, Tegmentum, Fr. Couverture, alles dasjenige, was eine Sache decket oder bedecket. Es giebt

I. Unbewegliche Decken an unbeweglichen Dingen, als: die Decke eines Zimmers, eines Saales, L. Laquear, Fr. Plancher, was auf den Wänden liegt, und die ganze Höhlung eines Zimmers von oben zuschließt, da es denn auch oft den Fußboden abgiebt.

Eine solche Decke ist entweder aus Balken und darzwischen gesteckten oder aufgelegten mit Strohleimen umwickelten Wellerholze, und wird in diesem Falle eine Weller- oder Welger-Decke genannt; oder, anstatt der Welgerhölzer werden Bretter eingeschoben, oder aufgenagelt, so eine Bretter-Decke heißt; oder, die Decke ist gemauert, und ein wirkliches Gewölbe, und unterscheidet sich also von den erstern, daß dieses steinerne, und jenes hölzerne Decken sind.

Die hölzernen Decken laßen bisweilen die Balken unterwärts merklich sehen; bisweilen aber werden unter den Balken Schalbretter angenagelt, diese berohrt, das Rohrwerk mit Draht befestigt, und mit Kalk und Gyps völlig überleget, welches man geschalte Decken nennet.

Das Schal- Welger- oder Wellerholz, Fr. Palançon, wird aus Tannen oder Espen gehauen; das tannene aber ist besser, als das espene. Es ist etwa 2 Zoll dick, 3 Zoll breit, und 3 bis 4 Fuß lang, und wird, mit Strohleimen umwickelt, zwischen 2 Balken die Quer eingeschoben, oder auch wohl auf zwey benachbarte Balken mit seinen Enden aufgeleget; wenn aber über und unter die Balken zugleich Bretter kommen, bleiben die Welgerhölzer weg. Um die Anzahl der Welgerhölzer herauszubringen, siehet man, wie lang das Feld oder der Raum zwischen zweyen Balken mit dergleichen Hölzern versehen werden soll, und rechnet alsdenn auf jede Elle oder auf jede 2 Fuß der Länge des Feldes 5 Hölzer, daß also auf ein Feld, welches 10 Ellen lang ist, 50 Welgerhölzer nöthig sind; oder es gehen ungefähr auf 16 Quadratfuß Decke 10 Welgerhölzer.

Nach Penthers Bauanschlag, kostet ein Schock Schal- oder Welgerholz,

3 Fuß lang,   10 Gr.
3 ½  _ _           11 “
4       _ _           12 “

Bey Welgerdecken rechnet man auf jede 72 Quadratfuß im Welgerfelde ein Fuder Leimen, oder auch wohl auf jede 12 laufende Ellen des Feldes ein Fuder Leimen; sind die Felder aber breit, so kommt mehr dazu. Aus den 72 Quadratfußen läßt sich das erforderliche Quantum des Leims am besten herausbringen. Oder man rechnet auf jedes Schock Welgerholz, ein Fuder Leimen.

Zu diesen Welgerdecken hat man Stroh, und zwar auf jede 24 Quadratfuß, 1 Bund nöthig.

Zu den Schal- oder auch sogenannten Beschlag-Brettern (s. Th. IV, S. 257, f. und Th. VI, S. 653) kann man die schlechteste Sorte von Brettern nehmen; man darf auch nichts wegen des Eintrocknens oder Spunde thun, weil es soviel nicht zu sagen hat, wenn kleine Ritzen entstehen. Man nimmt gemeiniglich zwölfschuhigte, deren jedes 12 Quadratfuß bedecket. Um die Anzahl der Schalbretter herauszubringen, multiplicirt man des Hauses Länge mit der Breite, so giebt solches eine Anzahl Quadratfuße, welche mit der Zahl Quadratfuße, die ein Brett enthält, dividiret wird, wovon das Product die Anzahl der Bretter zu Beschlagung in einer Etage anzeiget.

Zum Beschalen gehören auf jede 3 Quadratfuß 2 Brettnägel.

Bey Berohrung der Decken (und hölzernen Wände), [s. Th. IV, S. 250, f.] ist zu merken, daß die Reihen Draht 6 Zoll weit aus einander geschlagen werden; die Nägel aber werden 4 Zoll weit aus einander geschlagen, und daher kommen auf jeden Quadratfuß 2 Fuß Draht und 6 Stück Nägel.

Ein Bund Rohr, so wie es gemeiniglich gekaufet wird, besteht aus 8 kleinern Bunden. Jedes Bund hat ungefähr 8 Zoll im Diameter, im Umkreise aber 8 Fuß und 1 Zoll, und 10 Fuß zur Länge. Diese 8 Bunde, nachdem sie geschälet worden, enthalten vorn am stärksten Ende 2 Fuß 5 Zoll, im Umkreise aber 7 Fuß 3 Zoll, und in der Länge 7 Fuß. An diesen 8 Bunden Rohr schälen 2 Tagelöhner zwey Tage, den Tag zu 10 Stunden gerechnet. Mit 8 Bund geschältem Rohr können 702 Quadratfuß berohret werden. Auf diese 8 Bund Rohr gehören 6 Pfund Draht; und auf 1 Quadratfuß Fläche, 6 Stück Rohrnägel.

Wenn eine Decke ausgestaket und geklebet, oder, anstatt dessen, mit Holzwerk ausgeschalet wird: so verhält sich solches gegen einander, in Ansehung der Kosten, wie 3 zu 4.

Anstatt des Rohrs gebrauchet man zur Begypsung zuweilen auch Schienholz, oder sogenannte Schien- oder Gypsstöcke, wie aus dem Art. Schienholz zu ersehen seyn wird.

Die Decken in gemeinen Bürgerhäusern dürfen nur gerade getüncht werden; oder man ist wohl gar zufrieden, wenn auch gleich die Balken vorragend, doch aber mit einer Tünche überzogen zu sehen sind. In ansehnlichen Häusern hingegen fasset man die gerade Decke mit einem Sims ein, macht auch wohl einige Simszüge an der Decke, und in den Ecken Groteskerien von Stuk, oder beleget meist die ganze Decke mit Stuckatur-Arbeit, läßt aber doch in der Mitte ein gerades Feld, welches mit einem al fresco gemahlten Bilde versehen wird, welches auf den Gebrauch des Zimmers oder andre Umstände abzielet. Man nennt dergleichen al fresco gemahltes Stück, ein Plafond, Deckengemählde, oder Deckenstück.

Eine in Felder oder geometrische Figuren eingetheilte Decke eines Zimmers, welche mit erhabenen Rahmen oder Leisten eingefasset sind, wird, zum Unterschiede von der Spiegel- und Plattdecke, eine Felder-Decke, L. Lacunar, Ital. Soffito, genannt.

Von der Auszierung der Felder an Gewölben und geraden Decken, s. Daviler ausführl. Anleit. zu der Civil-Baukunst, übers. von Sturm, Augsp. 1747, 4. S. 342–345.

Von Verfertigung eines Deckenstücks von Stuc, s. Sprengels Handwerke und Künste, IX Samml. S. 232, fgg.

Noch schöner fallen in Sälen und andern ansehnlichen Zimmern die Decken aus, wenn sie am Rande herum auf Gewölbe-Art gemacht worden, und ein Spiegel- oder Muldengewölbe vorstellen, da denn unter den Gewölbe-Ründungen ein ansehnliches Kranzgesims, und an der Decke, wo die Gewölberündung aufhört, ein anderer Sims gezogen wird, welcher die Umfassung eines Deckengemähldes, oder andern geraden Plafonds abgiebt.

Ein an der Decke eines Saals, ansehnlichen Zimmers oder einer Kirche gemahltes al fresco Stück, kann dem Auge ein großes Blendwerk machen, wenn es perspectivisch gemacht ist, daß es z. E. das Ansehen hat, als wenn es eine besondere Etage wäre, daran allerhand sitzende, gehende und über ein Geländer heruntersehende Personen stünden. Es pflegen auch wohl einige erhabene Gypsbilder hin und wieder untermengt zu werden, damit das Auge desto leichter betrogen werde; wovon Decker in seinem fürstlichen Baumeister allerhand artige Entwürfe mittheilet, Pozzo aber verschiedene in der That ausgeführt hat, die einem curiösen Auge ein ungemeines Vergnügen erwecken, indem die auf geraden Decken perspectivisch gemahlten Kuppeln das Ansehen haben, als wenn sie wirklich perpendiculär in die Höhe gingen. Ist der Anschauer aber außer dem Gesichtspunct, so sieht das Gemählde wie eine schräg erhabene Kuppel aus, und zwar immer schräger, je weiter er sich von dem Augen-Punct entfernet.

Schon die Alten haben bisweilen Gemählde auf den Decken angebracht, die aber, wie aus einigen Fragmenten zu schließen ist, aus bloßen Zierrathen bestanden haben, und also von ganz anderer Art, als die neuern, gewesen sind; denn die Deckengemählde der Neuern stellen insgemein eine Handlung vor. Der Mahler hebt durch seine Arbeit die Decke des Baumeisters wieder weg, läßt uns an deren Stelle den Himmel oder die Luft sehen, und in derselben eine Handlung von allegorischen oder mythologischen Personen. Dadurch bekommen diese Gemählde, wenn sie nur sonst die Vollkommenheit ihrer Art haben, über andre Gemählde den Vortheil, daß sie einigermaßen aufhören Gemählde zu seyn, indem man den wahren Ort der Scene zu sehen glaubt. Bisweilen werden auch wirklich historische Personen gemahlt, die sich aber in die Luft schlecht schicken.

Diese Gattung scheint mehr Ueberlegung, Erfindung und Kunst zu erfordern, als irgend eine andere Gattung der Mahlerey. Um nicht unnatürlich zu seyn, kann sie keine Vorstellung wählen, als die sich zu dem Ort der Scene, welcher die offene Luft oder der Himmel ist, schicket. Da es also keine menschliche Handlung seyn kann, so bleibt dem Mahler die ganze Mythologie und die Allegorie offen. Nicht bloß die heidnische Mythologie, die sich selten in unsere Gebäude schicket, und besonders in Kirchen höchst abgeschmackt wäre, sondern auch die christliche, die an Engeln und Heiligen einen reichern und erhabenern Stoff hat, als an den Göttern des Olympus. Die Allegorie in ihrem ganzen Umfang ist dazu schicklich, vorzüglich aber die, welche Wirkungen der Natur vorstellt, weil Luft und Himmel die Haupt-Scenen der Elemente sind. Jahrs- und Tageszeiten, jede große Naturbegebenheit, als Aeußerungen allegorischer Wesen vorgestellt, finden da ihren Platz. Aber jeder Liebhaber nehme sich in Acht, solche Arbeiten einem gemeinen Künstler aufzutragen; denn dazu wird jedes Talent des Mahlers in einem hohen Grad erfordert. Der größte Zeichner wird in dieser Gattung nichts erträgliches machen, wenn er nicht ein sehr großer Meister in der Perspectiv ist; zumal da die gemeinen Regeln der Perspectiv hierzu nicht ganz hinlänglich sind. Die gewölbten Decken erleichtern die perspectivische Zeichnung sehr, und sind dabey zu solchen Gemählden vorzüglich bequem. Wenn man den Augenpunct mitten im Gewölbe nimmt, so kann die ganze Decke mit einer einzigen Vorstellung angefüllt werden; in jedem andern Fall aber muß die Decke in verschiedene Felder eingetheilt, und jedem seine eigene, für einen besondern Standort gezeichnete Vorstellung gegeben werden. Vornehmlich ist dieses bey sehr großen flachen Decken nothwendig. Denn wer auf einer Decke, die 80, oder wohl 100 Fuß lang, dabey nur etwa 20 bis 24 Fuß hoch ist, nur ein einziges Gemählde anbringen wollte, müßte nothwendig die von dem Augenpunct entferntesten Gegenstände dermaßen verzogen vorstellen, daß sie außer dem Gesichts-Punct höchst unförmlich erscheinen würden. Dieses wird allemal geschehen, wenn auf dem Gemählde Gegenstände vorkommen, die weiter von dem Augenpunct abliegen, als die Höhe des Zimmers beträgt. Also ist wegen der Anordnung und Zeichnung der Deckengemählde sehr viel mehr zu überlegen, als bey irgend einer andern Gattung. Eben dieses gilt auch von den Farben, die in den Deckengemählden nach einer eigenen Art behandelt werden müssen.