Scheuchzer 1708
Johann Jacob Scheuchzer, Beshreibung Der Natur-Geschichten Des Schweitzerlands Enthaltende vornemlich eine Ober die hochsten Alpgebirge An. 1705. getahne Reise III, Zürich [Michael Schauselb – Christoph Harbmejer] 1708.
pp. 177–180
N. 45.) (177) (Den. 9. Nov. 1707.
Schweizerische
Berg-Reisen.
IHme wurde sich öffnen die Schatzkammer seiner Gedächtnuß/ in dem er vor sich wurde sehen eine verwirr- und mischung aller Materien/ und Formen/ Berge/ Thal/ Felsen/ Erde/ Wasser/ Wolken/ Schnee/ Eis/ Metal/ Mineralien/und Mineralische Wasser; unzehlich verschiedene Gestalten der Felsen/ und Bergen selbs/ welche bald zugespizt/ bald oben flach/ etwann von anderen abgesonderet/ etwann mit anderen Kettenweise angehenkt. Unden/ an dem Fuß einer hohen Bergwand/ wurde er sich förchten/ wegen des Einfalls so alter Gebäuen/ und überhangender Felsen: oben auf den Spizen solte ihn der Schwindel überfallen/ wann er nidsich sihet in die tieffe Thäler/ und enge Kluften. In die weite hinaus wurde er mit verwunderung sehen einen weiten Horizont von vilen nach einander ligenden Reyen anderer Bergen/ und/ wann er je bey sturmendem Ungewitter auf offener See gewesen/ lang zweiflen/ ob nicht die Berg-grossen Meerwellen sich in ihrer grösten Wut in Stein verwandelt/ und also die Berge gestaltet hetten; wurde man ihne hinabführen in tieffe Berghölen/ oder Klüften/ so wurde er sich vorstellen die Werk- und Wohnstätte des Vulcani, und Æoli.
Einem/ der in der Baukunst erfahren/ kommen unsere Gebirge billich vor/ als ein besonders/ seltsames/ von Gott selbs angelegtes Gebäu/ welches zwar ohne scheinbare Ordnung aufgerichtet/ gleichwol so vil 1000. Jahr bereits in seinem Wesen gestanden/ und unendlich weit hinder sich lasset die alte Griech- und Römischen Bauwerke/ auß deren überbleibselen man hier und da die vortrefflichkeit des Meisters/ und den Pracht der nunmehr verdorbenen Völkeren/ und Monarchien/ abnemmen kan. Sehet/ geehrte Leser/ eine kleinfüge Vergleichung der gemeinen/ und Göttlichen Architectur! Das Fundament unserer Berg-Gebäuen bestehet in der vesten Erden auß gewaltigen/ je nach Beschaffenheit der aufligenden Schwere/ und Höhe/ grossen/ gemeinlich Lagerweise aufeinander ligenden Felsen/ so daß die Berge/ wie sie nach dem alleinigen Willen des Allmächtigen Schöpfers aufgebauen seyn/ auch nicht/ ohne besonderen Befehl desselben/ einfallen können/ und werden/ und haben wir des Einfalls halben so wenig Gefahr an denen Wasseren/ als insonderheit dem Vier Waldstätten See/ Wassenstätter See/ &c . als in mitten des festen Lands/ weilen auch dort die Felß-Schalen/ Lectus solidus, unter/ und in dem Wasser so fest ligen/ daß sie niemahl erweicht/ oder aufgelößt/ oder unterfressen werden. Etwas weniges mögen denen Felsen angewinnen die auf dem Horizont der Seen anpütschende schaumichte Wellen/ welches aber erst nach könftigem Ablauff etlicher 1000. Jahren in etwas Gefahr sehen mag. Wo die Felsichte Bergmauren nicht gerad und nakend aufstehen/ sondern die Wände bekleidet sein mit guter Erden/ Graß/ Bäumen/ und allerhand anderen Pflanzen/ da gibt es abhaldige/ gegen den Berg-Spitzen je mehr und mehr/ alles nach den Reglen der unfehlbaren Baukunst/ eingezogene Flächen/ welche bevestnet/ und unterstützet werden von hervor ragenden Gräten/ Blanken/ Planken/ als wahren Strebe-Pfeileren/ Erismatibus, Anteridibus, welche alle ihre angemessene grösse/ länge/ höhe/ und weite zwischen einanderen haben/ wie es die Natur der Sach/ ja die Weißheit des Baumeisters erforderte.
Die Mauren bestehen widerum auf Felsen/ und denen ordentlich sich auf und in einander/ schickenden Lageren/ auf welchen hier/ und da/ auch zwischen harten Felsen/ hervor wachsen grosse Bäume/ welche mit ihren Wurzlen die Fels-Steine noch fester verbinden/ und so zu reden/ verklammeren. Da findet ein Liebhaber der Baukunst opera reticulata, bey welchen nur die ausseren Mauren aus grossen Fels-Stücken/ die inneren Theil aber auß Kißling- und anderen kleinen Steinen bestehen: opera antiqua inserta, verbundene Maurwerke; opera frontata, Isodoma, Pseudisodoma, doppelt verbundene Maurwerke; und unzehlich vil andere zusamengesezte/ verwunderlich in einander gewundene und gekrümmte/ von Gott selbs erfundene/ denen Menschen unnachähnliche/ Werke/ welche etwann zu einer anderen Zeit könten besonders vorgestellet werden: wie fest dise Bergmauren feyen/ ist under anderem auch daraus zu erschen/ daß vil derselben sint ihrem Anfang obern über die senkelrechte Lini außragen/ so daß man meinen möchte/ sie müßten nohtwendig einfallen/ gleich jenem Thurn zu Pisa/ welcher vor ein rechtes Meisterstuk gehalten wird. Die Aestriche/ Böden und Wände/ Ruderationes, seyn selbs die abhaldige Flächen/ in verschiedener Höhe ligende Thäler/ Meyensässe/ Alpen/ Stäflen/ welche mit den schönsten Blumen/ fettest grünem Graß/ Baumvollen Wälderen/ und untermischten glatten rauhen vilförmigen Felsen/ gleich als mit den kostbarsten Tapezereyen und Gemählden beleget/ und bekleidet seyn. In disen Bergzimmeren mit Gemsen/ Hirschen/ Bären/ Schneehüneren/ und anderem Wildprät angefüllten Thiergärten. Da mangelt es nicht an crystaltlauteren Brunquellen/ Springbrunnen/ hohen/ in einen schaumichten Staub sich verkleinerenden Wasserfällen gegen welchen alle in allen Fürst- und Königlichen Garten nichts zurechnen seyn. Bey disen Bergmauren und Wänden sein ohnnöhtig die Uebertünchungen/ Bestechungen/ Ueberkleidungen mit Gyps/ Kalch/ und dergleichen/ Trullisationes, Tectoria, Calcaria opera, gypsata, arenata, marmorata, oder auch die sogenanten Mahlereyen in fresco, weilen alle dise Erfindungen anzeigen seine der menschlichen Unfollkommenheit. Einzeuhungen der oben dünneren/ unten dickeren/ Mauren/ contracturas murorum, zeiget die Gestalt der Bergen selbs/ welche unten breit/ etwelche Meilen im Umkreis haben/ oben aber gemächlich sich zuspizen/folglich unsaglich schwere Laste zu tragen fähig seyn. Dise abhaldige Wände der Bergen kan man zugleich ansehen als Tächer/ und das in einander vilfaltig gebundene Felswerk/ als den Tachstuhl/ oder das Gesparz. Da mangelt es nicht an Stützsparren/ Zwerchsparren/ Streben/ oder Klammersparren/ Tachstürzen; nicht an dem Unterscheid der Tächeren; da gibt es tecta deliciata, welche nur auf eine Seithen ablauffen; tecta pectinata, displuviata,/ welche den Regen auf beyde seithen abführen; tecta restudinata, Zelttächer/ welche von vier Seithen sich oben zuspizen; Tecta fastigiata, welche in eine gähe Thurnspize zulauffen/ und oft kaum derren Gämsen ersteiglich seyn; unzehlicher anderer arten/ welche sich in denen Schriften der Bauverständigen nirgends finden/ zugeschweigen. Dise Bergtächer seyn hier belegt mit Blatten/ dort mit unordentlich geformten Felsen/ meistens mit fruchtbarer Erden/ und schönen kräuteren: Saülen/ die dises Berggebäu aufhalten/ unterstüzen/ und zieren gibt es so vil starke Felsen; da gibt es Anterides, Strebepfeiler/ columnas und Pilas, Colonne, Pfeiler/ opera rurtica, Bäurische so genandte Werk/ von allerhand Art. Hole Bergkluften stellen vor so vil natürliche Gewölber. Die Sommerlichen Gemächer sind zusehen in denen Alpen. Die Winterlichen in denen Thäleren. Die Winterquartier der Murmelthieren in der Erden/ der Gemsen aber unter/ und an den Felsen.
Wie aber/ mochte einer gedenken/ ist dise Berg-Artitectur so grossen Anrühmens wehrt? Es ist ja darbey weder Zierlichkeit/ noch Ordnung/ noch Gleichheit der Theilen under sich selbs/ da sein keine Gemälde/ keine geschnitzte Bildwerke? Nihil magis incertum, inconditum, ac perturbatum, ut solent esse rudera, omnium formarum & figurarum sunt, præter regularium: moles præruptæ & confractæ, nullus modus, nulla ratio partium, aut proportio, nulla pulchritudinis umbra, artis aut consilij nullum vestigium. Burnet. Theor. Tellu, sacr. p. 48. Erstaunet hier/ geehrte Leser/ und Anschauere unserer Bergen! über die wundersame Weißheit des grossen Gottes/ als obersten Werkmeisters! sehet hier eine mechanische Bauart/ welche alle Kräfte der Natur/ und Kunst/ geschweige des Epicureischen casus, oder Zufalls/ unendtlich weit übertrift! Hier haben keinen Plaz die bekanten Corinthischen, Dorischen, Jonischen, Romanischen/ und Toscanischen Ordnungen/ welche geringe Uberbleibselen sollen seyn der sechßten Heiligen Ordnung derjenigen Säulen/ welche gestanden in dem Tempel Salomons. Dise ordentliche Ordnungen seyn hier alle zugering. Allhiesiger Ordo ist inordinatus, eine unordentliche Ordnung/ eine Ordnung/ welche zum Fundament hat die gröste Verwirrung/ gleich in jenem Zimmer eines Fürstlichen Pallasts/ welches mit Fleis und gröster Kunst also gebäuet war/ daß es denen/ so hinein giengen/ schiene/ als ob alles wolte einfallen. Ich bitte mir die Freyheit auf/ selbs die herzlichen Wort einzuführen jenes Jesuiten Danielis Bartoli Ricreat. del Savio cap. 8. р. m. 115. Souviemmi d’haver veduto in un Palagio di Ricreatione d’un Principe, fra le altere bellissime cose una particolar Camera tutta finta a capriccio di rovine, con un nuovo stile d’Architettura, che ben potrebbe chiamarsi l’Ordine Scomposto, e da adoperarvi non meno ingegno, e giudicio, che negli altri, dovendosi dare unità al dissipato, gratia al deforme, regola allo sconcio, simmetria allo sconcertato, e arte al caso. In entrarvi cagiona horrore e diletto, il vedersi di roccata in su’l Capo una fabbrica rovinante, se non che, nel cadere, scontratesi, a ventura come mostra lo strano andamento delle pendenze, l’una parte slogata con altra, tutta in pie si sostiene, posando bizarramente sopra membra non proprie, e pur cosi bene adatte, che l’occhio non che risentirsene come a mostruosità, sommamente gode, trovata una non piú veduta spezie di proportione, e di bellezza, nella diformità, e nella proportione. Jo per me credo, che chi ne formò il disegno, vi studiasse intorno il doppio piú, che a una fabrica ben’ ordinata; ma non è da ognuno l’intenderne il Magistero. So mag dann unsere Bergbaukunst wol mit Bartoli genennet werden Un nuovo ordine d’ Architettura scomposto, e perciò piu artificiosamente composto. Die Werke Gottes scheinen mehrmal dem ausseren Ansehen nach ein Faltig/ und zeigen aber in diser ihrer Einfalt die groste Kunstgebäue/ die einzufallen scheinen alle augenblik/ und stehen aufrecht sint etlich 1000. Jahren; sachen/ welche uns Menschen scheinen gemachet seyn durch eine vilfaltig verwikelte Weißheit/ kommen/ wann man sie genau untersuchet/ einfaltig herauß. Zu einem Exempel könte uns dienen das ganze Weltgebäu.
