Adelung 1780/III

[Johann Christoph Adelung], Kurzer Bergriff menschlicher Fertigkeiten und Kenntnisse, so fern sie auf Erwerbung des Unterhalts, auf Vergnügen, auf Wissenschaft, und auf Regierung der Gesellschaft abzielen. In vier Theilen. Für Realschulen und das bürgerliche Leben, von dem Verfasser der Unterweisung in Künsten und Wissenschaften III, Leipzig [Christian Gottlieb Hertel] 1780.


Johann Christoph Adelung (1732–1806) was a prominent German linguist and lexicographer who was also involved in children’s education. In his textbook Kurzer Begriff menschlicher Fertigkeiten und Kenntnisse, published in Leipzig in 1780, he included a section on the visual arts. Among other topics, the book contains a chapter devoted to fresco painting, that is, painting on wet plaster.


Fünfte Abtheilung.

Bildende Künste.

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p. 344

§. 834.

Was bisher von der Mahlerey gesagt worden, gilt von ihr überhaupt. Allein sie theilet sich in Ansehung der Materialien, womit und worauf sie mahlet, noch in verschiedene Classen, die noch eine nähere Betrachtung verdienen. Es sind solches die Mahlerey mit Wasserfarben, die Pastellmahlerey, die Mahlerey al Fresco, die Oehlmahlerey, die Wachsmahlerey, die Emaillemahlerey, die Glasmahlerey und die musivische Arbeit.

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pp. 347–349

b . Mahlerey al Fresco oder auf nassen Kalk.

§. 844.

Dieses ist diejenige Art der Mahlerey, in welcher ein Künstler eine große Geschicklichkeit zeigen, und seinem Werke die größte Stärke geben kann. Allein er muß auch viel Zeichnung, eine große Uebung, und tiefe Kenntniß seines Werkes besitzen, wenn seine Arbeit nicht armselig, frostig und unangenehm ausfallen soll, weil sich die Farben nicht so leicht wie im Oehl vereinigen und zusammenwirken.

§. 845.

Diese Arbeit findet nur auf Mauern und Gewölbern statt, welche mit Mörtel von Kalk und Sand bekleidet sind. Die Gesundheit des Künstlers erfordert es, daß er sich nicht ehe an die Arbeit mache, als bis der erste und grobe Anwurf recht trocken ist. Dieser erste Anwurf wird aus Kalk und Flußsand, oder auch aus Kalk und gestoßenen Ziegelsteinen verfertigt, auf welchen noch ein zweyter von altem Kalk und Flußsand oder Pozzulane kommt. Dieser zweyte Anwurf muß nur leicht seyn, und weil darauf indem er noch feucht ist gemahlet werden soll, so darf nie mehr davon gemacht werden, als der Künstler in einem Tage bemahlen kann.

§. 846.

Wenn der zweyte Anwurf ein wenig erhartet ist, legt der Mahler seinen Carton, oder die auf Papier gemachte Zeichnung an und fähret mit einem Stifte über die Umrisse der Figuren, so daß sie sich auf dem Anwurfe eindrucken. Zu kleinen Sachen bedienet man sich einer durchstochenen Zeichnung, durch welche man Kohlenstaub stäubet.

§. 847.

Die Farben, welche hier gebraucht werden können, sind Erdfarben, alle übrigen sind hier untauglich. Zur weissen nimmt man Kalk, oder Eyerschalenweiß, zu andern Ocker, römischen Vitriol, Braunroth, Lasur, Ultramarin, Berggrün, cölnische Erde u. s. f. Der Zinnober ist die einige metallische Farbe, welche hier noch gebraucht werden kann. Alle Farben werden mit bloßem Wasser, zuweilen auch mit Kalkwasser angemacht.

§. 848.

Die Farben werden auf den noch frischen Anwurf hurtig und mit flüchtiger Hand aufgetragen. Da die Farben ihren Glanz auf dem Kalkgrunde verlieren, so gibt man ihnen durch Punctiren oder Schraffiren Stärke und Leben. Die Farbe verbindet sich mit dem feuchten Anwurfe auf das genaueste, und macht mit demselben nur eine und eben dieselbe Masse aus.

§. 849.

Diese Art der Mahlerey ist daher eine der dauerhaftesten. Sie war schon den Alten bekannt, und Italien zeigt uns noch verschiedene Werke dieser Art aus den Zeiten des alten Roms, welche sich sehr schön erhalten haben, ob sie gleich viele Jahrhunderte unter dem Schutte alter Gebäude und unter der Erde gelegen haben. Die italienischen Mahler legen sich daher noch jetzt vorzüglich auf diese Art der Mahlerey, und unter ihnen findet man die größten Meister in derselben.