Schedel 1789/I

Johann Christian Schedel, Neues und vollständiges Waaren-Lexikon worinnen alle und jede im deutschen und fremden Handel gangbare Artikel, sowohl rohe als verarbeitete Produkten und Kunstsachen, für Kaufleute, Fabrikanten und Geschäftsmänner deutlich und bestimmt beschrieben sind; und zwar nicht allein in Rücksicht auf ihre Natur und Kunstgeschichte, sondern auch nach ihrer Anwendung und Benutzung, ihren Verhältnissen in Waage, Maaß, Verkaufsart, u. s. w. I, Weissenburg – Offenbach [Litter. typogr. Gesellschaftsbuchhandlung | UlrichWeiß – Carl Ludwig Brede] 1789.


pp. 320–322

Farben, Farbenwaaren

Farben, Farbenwaaren, colores, davon giebt es beym Handel zweyerley, nämlich Malerfarben, und Färberfarben oder Materialien für die Färber. Zu der erstern gehören die mancherley Dinge, wovon die Maler ihre Wasser- Saft- oder Oehlfarben zu bereiten pflegen. Solche sind die verschiedenen Farbenerden, Auripigment, Berggrüun, wie auch chymische Produkte, als Berlinerblau, Berlinerroth, Schittgelb, Karmin, Wienerlack, florentiner- und venetianisch Lack und s. w. Hieher gehören die gemalenen Farbematerialien und mit Oehl zubereiteten Farben, die zum Anstreichen der Schiffe und Gebäude gebraucht werden. Diese sind in Fäßchen von 60 bis 70 Pfund und darüber, und gehen insonderheit stark nach Amerika. Alle diese verschiedenen Farben kommen unter ihren besondern Namen vor, und zwar in so fern, als sie als Handelsartikel zu betrachten sind. Wer aber von ihrer Behandlung, Vermischung und Gebrauch weitere Nachricht wünscht, muß hierüber sich aus den Kunstbüchern belehren. Was die andere Gattung von Farben, oder die Materialien des Färbers betrift, so herrscht darinne eine noch weit größere Mannigfaltigkeit. Das Fach dieser Kunst ist so ausgedehnt, als ihr Nutzen für den Handel wichtig ist. Die Färber haben gewisse Farben, die den Namen der Hauptfarben oder ursprünglichen bey ihnen führen. Diese sind blau, roth, braun, gelb und schwarz. Jede dieser Farben kann eine Menge Schattirungen von der hellesten bis zur dunkelsten verschaffen, und die Verbindung verschiedener Schattirungen, giebt alle mögliche Farben. Auch Dinge, welche an und für sich nicht färben, z. B. die mancherley Salze, Urin, Kalck, Hüttenrauch und andere haben Geschick die Farben zu verändern, ja bey den meisten Farben werde die zu färbende Materie, wenigstens durch einige dieser Dinge vorbereitet, und zum annehmen der Farben geschickt gemacht. Aus der verschiedenen Mischung so vielerley Dinge, erwächst die größte Abwechslung für den Käufer und Verbraucher; sie setzt aber auch ungemeine Aufmerksamkeit und gründliche Kenntnisse von Seiten des Künstlers voraus. Man hat in Deutschland, Frankreich und andern Ländern sogenannte Schön- und auch Schlechtfärber. Dieser Unterschied beruht in der Verschiedenheit der Materien, die sie anwenden. Der Schönfärber darf sich nur solcher Materialien bedienen, die die Farbe fest oder beständig machen, und von scharfen Säften nicht angegriffen werden. Der Schlechtfärber hingegen braucht Farben, die in kurzer Zeit an der Luft verschießen. Schade, daß besonders bey uns in Deutschland, die Gränzen zwischen dem Schön- und Schlechtfärber noch so wenig bestimmt sind, und es an den meisten Orten an zweckmäßigen Verordnungen in diesem Fache fehlt. Diese Unachtsamkeit oder Vernachläßigung ist Ursache, daß das Emporkommen unsrer vaterländischen Manufakturen, ihre Verbesserung und vortheilhafte Konkurrenz mit den Ausländischen erschwert wird. Frankreich ist in diesem Betracht weit besser daran; dieß hat seit langer Zeit Verordnungen, wodurch alles, was zum Wesentlichen dieses Gewerbes, zu Aufrechthaltung der Kunst und zur Sicherheit der Käufer erfodert wird, aufs genaueste bestimmt worden ist. Schon im Jahr 1669. kam in diesem Staat eine Vorschrift ans Licht, worinne alle Punkte festgesetzt sind, die über diese Materie zweckmäßig verordnet werden können. Man hat nachher in Deutschland hier und dort auch ähnliche Einrichtungen zu machen gesucht; allein sie werden nicht überall ausgeführt. Indessen ist die Färbekunst nach der Lage, worinne sich gegenwärtig der allgemeine Handel befindet, einer der wichtigsten Punkte, von dem das Emporkommen oder der Verfall unzähliger Fabriken und Manufakturen abhängt. Diese Kunst ist zwar im Grunde für sich allein noch nicht vermögend, die Güte oder Feine der Zeuge und Waaren zu schaffen, allein sie, kann ihnen, doch auf mancherley Art ein schönes, gefälliges und anlockendes Aeussere geben, und solche nach dem Geschmack und Bedürfniß der Verbraucher zurichten. Die Geschichte des Handels ist voller Beyspiele davon, daß oft durch eine neue und ungewöhnliche Farbe nicht nur einzelne Fabriken, sondern ganze Oerter reich geworden sind; so auch, daß manchmal wieder die an sehnlichsten Manufakturen durch irgend eine Vernachläßigung im Färben in Verfall gerieten und zu Grunde giengen. Die Färber können überhaupt in drey Klassen unterschieden werden. Es sind entweder Wollen. Seiden- oder Garn- und Baumwollenfärber. Die Wollenfärberey ist bey uns in Deutschland noch nicht in vorzüglicher Verfassung; sondern noch weit hinter Englands, Frankreichs und der Niederlande Kunst zurück. Gute Seidenfärber können wir auch nur wenige aufweisen. Die besten Wollfärber sind in Aachen, Hamburg, Braunschweig, Breslau, Bautzen, Chemnitz, Gera, Magdeburg, Grossenhain, Weyda und an einigen andern Orten.


pp. 528–530

Kalch, Kalk

Kalch, Kalk, Calx, bekanntlich eine weisse Materie, die aus Schiefer, Marmor, und andern Steinen in dazu eingerichteten Oefen gebrannt wird. Man löscht sie hernach mit Wasser ab, und gebraucht sie vielfach zum Mauren, Anstreichen und dergl. Jemehr sich der Kalkstein dem Marmor nähert, je besser pflegt der Kalk zu werden, und dieser ist hernach sowohl zum Mauren als auch zum Tünchen gleich brauchbar. Der aus Schiefern, weichen Steinarten und dgl. hat hingegen die Haltbarkeit nicht, die der andere besitzt; sondern er verzehrt, sich nach und nach selbst, und ist deswegen nicht sonderlich gesucht. Deutschland ist mit guten Kalksteinen fast allenthalben versehen; dennoch sind die guten Kalkbrennereyen bey uns eben nicht häufig. Man nimmt die Steine gemeiniglich, wie sie vor der Thüre liegen, und ist schon zufrieden, wenn nur Kalk daraus wird, ob er auch gehörig binde, und ausdaure, darum kümmert man sich nicht. Hieraus muß also eine große Verschiedenheit in der Güte des Materials entstehen, welche letztere beym Bauen von der äußersten Wichtigkeit ist. Von dieser Verschiedenheit hängt der Unterschied in Ansehung des Bindens, des Aufquellens, der Farbe und andrer Umstände ab. Ja man hat Kalkarten, die gar nicht zum Weissen, sondern blos zu Mauerwerk angewandt werden dürfen. Die Erfahrung hat bisher gezeigt, daß die harten und marmorartigen Steine von grauer, blauer, und schwarzer Farbe zum Kalkmachen die vorzüglichsten sind. Man findet diesen Kalkstein entweder auf der Oberfläche der Erde, oder in gewissen Flüssen, oder in ordentlichen Steinbrüchen. Eine vorzügliche Gattung ist die, welche in den Baaden-Durlachischen Landen am Oberrhein, in der Wetterau &c. verfertiget wird. Von der Insel Gothland erhalten unsere Seestädte eine große Menge Kalks, den man vorzüglich schätzt. In Holland wird auch aus Muschel- und Austerschaalen ein schöner weisser Kalk gebrannt, der aber nicht zum Tünchen an freyer Luft taugt. Man erkennet die Güte des Kalks daraus, wenn er in großen Stücken, schön weiß leicht und klingend, auch wenn derselbe, wenn er angefeuchtet wird, stark dünstet. Der frischgebrannte weisse Kalk, der zum Bauen angewandt und verschickt werden soll, muß von rechtswegen in Tonnen geschlagen, und vor dem Zugange der Luft wohl verwahret werden. Bey dem, welcher nur zum Düngen bestimmt ist, hat man dieser Vorsicht nicht nöthig. Auch der graue Kalk, den man ebenfalls zum Bauen gebrauchen kann, darf Monate lang in Schoppen liegen, ohne daß er etwas von seiner Kraft verliert. Hamburg handelt sowohl mit Muschel- als auch mit Steinkalk. Die Muschelschaalen werden an der Nordsee gesammelt, und zu Kalk gebrannt. Der Steinkalk aber kommt aus Lüneburg und von Seeberg; man heißt ihn steinberger Kalk. Diejenigen, die den lüneburger Kalk im Großen verschreiben wollen, haben sich an die Kämmerey dieser Stadt zu wenden. Lebendiger Kalk heißt der, der so ist, wie er aus dem Ofen herausgenommen worden, und weder abgelöscht noch verwittert ist. Gelöschter Kalk, der mit Wasser angefeuchtet worden, und den man so lange aufbewahrt, bis man Mauerkalk machen will. Verwitterter ist der, den man lange an der Luft liegen lassen, ohne ihn zu löschen, dessen feurige Theile nach und nach verflogen sind, und der zu einem dünnen Pulver zerfällt; dieser taugt zu nichts. Der Kalk wird übrigens auch in Menge von verschiedenen Manufakturisten, Handwerkern und Fabrikanten gebraucht. Insonderheit nehmen ihn die Gerber, Weißgerber, Schönfärber und Zuckerraffinadöre zu ihren Arbeiten. Bey der Färberey rechnet man ihn unter die nicht eigentlich färbenden Mittel, sondern die nur zur Entwicklung der andern Farbesachen dienen; auch darf er nur von Schönfärbern gebraucht werden. In Ländern, wo keine Aufsicht über das Fabrikwesen Statt findet, wird der Kalk zum Bleichen der Leinwand häufig angewandt; in denen aber, wo man auf Ordnung hält, ist dieß bey Strafe verbothen, weil diese Zurichtung der Güte der Waare schadet. Der Kalk wird Tonnenweise gehandelt. Diese sind nach den Oertern nicht gleichen Inhalts, sondern halten hier mehr dort weniger. Zu Hamburg muß eine Tonne Kalk 3 Faß oder 6 Himten messen.