Seckendorf 1812

Gustav Anton von Seckendorf, Kritik der Kunst, Göttingen [Johann Friedrich Römer] 1812.


pp. 288–290

§. 160.

Wenn die Mahlerey nur nach dem technischen derselben betrachtet wird, so entstehen folgende Arten:

1) Die Art der Mahlerey, welche von den größten Mahlern in Ausübung gebracht worden, welche dem Kunstwerke die meiste Dauer und die größte Lebendigkeit der Farben gewährt, und durch welche das Werk am schnellsten entsteht, ist die Oehlmahlerey. Bekantlich ist sie darum so genannt, weil die Farbenstoffe mit Oehl gemischt werden, um sodann flüssig aufgetragen zu werden.

Die Oehlmahlerey ward von den größten Mahlern angewendet, bald auf Metall, besonders Kupfer, bald auf Holz, Kalk oder Leinwand.

Nur wenige und nicht die größten Mahler behandelten diese Mahlerey wie Saftfarbenmahlerey, und nahmen daher die Farben sehr flüssig. Es gab hingegen große Mahler, deren Farbenauftrag man zähe nennen kann. Da die Stoffe dieser Mahlerey meist nur aus Metallen gezogene Farben oder Erdarten sind (und selbst diese letztern sind nach den neuesten Wahrnehmungen der Chemie ebenfalls Metalle;) so hat der Mahler vorzüglich auf Zweyerley Rücksicht zu nehmen:

a) Darauf, daß einige dieser Farben keine zuvor aufgetragenen Farben durchschimmern lassen, daher man sie Deckfarben nennt.

b) Andere gestatten dieses Durchscheinen und heißen, im Gegensatz jener, Lasurfarben.

c) Daß die meisten dieser Farben dunkler werden mit der Zeit, oder nachdunkeln.

Einige Mahler, die sich einer großen Geschwindigkeit befleißigten, brachten es dahin, daß sie keines Untermahlens bedurften, daß beynahe ihre erste Mischung sogleich vollendete, treu, wie es in der Natur vor dem Mahler lebte. Auch eignet sich die Oehlmahlerey für jeden Maaßstab. Man kann damit die zartesten Kleinigkeiten ausführen, und wiederum ganz im Großen arbeiten. Der Glanz der Farben ist es, durch welchen Oehlgemählde sich sogleich als Gemählde auch bey der größten Wahrheit ankündigen. Eben dies ist der Fall

2) bey der Wachsmahlerey, wo ein Antheil flüssigen Wachses mit den Farbenstoffen vermischt wird. Diese Art der Mahlerey hat einige technische Hindernisse mehr, als die Oehlmahlerey, und gewährt keine Vortheile in Rücksicht der Schönheit des Bildes.

3) Die Freskomahlerey glänzt nicht. Hier wird auf die Wand in den nassen Kalk-Grund gemahlt. Ihre Werke sind nicht transportabel und dem Schicksale des Gebäudes ganz Preis gegeben, dem sie einverleibt werden. Diese Mahlerey wird gern zu Deckengemählden gebraucht, und gewährt sehr viel Kraft. Die Farben erscheinen beym Auftragen oder Mahlen dunkler, als späterhin, wenn sie getrocknet sind, worauf also der Mahler Rücksicht nehmen muß. Die Fresko-Mahlerey ward von den größten Mahlern ausgeübt, und Italien ist reich an Kunstwerken dieser Art.

4) Die Gouache, oder Wasserfarben-Mahlerey, hat das mit dem Fresko gemein, daß die Farben, trocknend, lichter werden. Diese Mahlerey, die nur Deckfarben anwendet, ist einer hohen Zartheit fähig und ahmt den Glanz der Körper eben so täuschend nach, als die Oehlmahlerey Körper nachahmt, welche nicht glänzen. Dagegen ist die Gouache-Mahlerey nicht auf so großen Maaßstab des Gemähldes anwendbar, als die Oehlmahlerey.

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