Adelung 1771
[Johann Christoph Adelung], Unterweisung in den vornehmsten Künsten und Wissenschaften zum Nutzen der niedern Schulen, Frankfurt – Leipzig [Christian Gottlieb Hertel] 1771.
pp. 77–82
Das 15te Capitel.
Von den bildenden Künsten.
Was sind bildende Künste?
Vornehmlich diejenigen, welche die Gegenstände dem Auge sichtbar darstellen.
Wie heissen sie?
Die vornehmsten unter denselben sind die Mahlerey und Bildhauerkunst.
Gehören denn sie auch zu den schönen Künsten?
Allerdings, weil ihr Wesen gleichfalls in der Nachahmung der schönen Natur bestehet, weil sie durch das Sinnlichschöne die Einbildungskraft ergötzen, und das Herz rühren.
Wie ahmet der Mahler die schöne Natur nach?
Durch Zeichnung und Farben auf ebenen Flächen.
Wie ahmet sie aber der Bildhauer nach?
Durch erhabene Figuren in Körpern.
Was gehöret zur Kunst des Mahlers?
Vornehmlich vier Stücke, die Erfindung, die Anordnung und Eintheilung, die Zeichnung und die Schattirung.
Was begreift die Erfindung in sich?
Die Bestimmung des Gegenstandes, der da soll vorgestellet werden, mit allen seinen Theilen und Nebenvorstellungen.
Worauf kömmt es bey der Anordnung an?
Auf die Einrichtung aller Theile des Gemähldes, damit ein jedes an seinem gehörigen Orte erscheine.
Womit beschäftiget sich die Zeichnung?
Jedes Stück in seiner eigentlichen Gestalt, seinem Ebenmaaße und in der nöthigen Stellung durch Striche und Linien abzubilden. Die Zeichnung ist der Grund der bildenden und aller mit ihnen verwandten Künste.
Was gehöret endlich zur Schattirung?
Daß man einem jeden Gegenstande nicht nur seine natürliche Farbe gebe, sondern auch Licht und Schatten dergestalt mit einander verbinde, damit sich ein jedes gehörig ausnehme, und geschickt in die Augen falle.
Giebt es mehr als eine Art der Mahlerey?
Ja, nachdem die Materialien oder die Art und Weise, womit und nach welcher man mahlet, verschieden sind.
Welches sind die vornehmsten?
Die Frescomahlerey, die Mahlerey mit Wasserfarben, die Mahlerey mit Oelfarben, das Miniaturmahlen, und die Wachsmahlerey.
Was ist die Fresco-Mahlerey?
Die Mahlerey auf frischen Kalk. Man braucht sie auf Mauern und Gewölbern, die man mit Mörtel bewerfen lässet, und wenn er noch naß ist, darauf mahlt. Diese Mahlerey leidet nur trockne Erdfarben, die mit Wasser aufgetragen werden.
Was hat sie für Vorzüge?
Sie dauret sehr lange, und wir haben noch schöne Stücke aus dem Alterthum davon übrig.
Aber welches sind ihre Unbequemlichkeiten?
Daß sie die Natur nicht so gut nachahmet, als die Oelmahlerey, weil sie nicht alle Farben leidet; daß sie ein helleres Licht, einen schwächeren und nicht so milden Schatten hat, und wenn sie gerathen soll, eine sehr fertige Hand und ein geübtes Auge erfordert.
Wozu dienet die Mahlerey mit Wasserfarben?
Man mahlet damit auf Holz und Leinwand, und trägt die Farben mit Leimwasser auf.
Und die Oelmahlerey?
Sie mahlet auf allerley Gegenstände, bedienet sich allerley Farben, und träget sie mit Lein- oder Nußöl auf.
Was hat sie für Vorzüge?
Daß die Gemählde mehr Glanz und Dauerhaftigkeit erhalten, daß sie mit mehrerem Fleiße ausgearbeitet und wenn es nöthig ist, verbessert werden können, und endlich, daß sich von ihr die Farben stärker auftragen und anmuthiger vermischen lassen.
Was hat die Miniatur-Mahlerey besonders?
Daß sie nur in sehr kleinen Stücken geübt wird, sich der feinsten Wasserfarben bedienet, die sie mit Gummi anmacht, daß sie auf Pergament, Papier oder Elfenbein mahlet, und die Farben in Gestalt zarter Striche oder Puncte aufträgt.
Was ist von der Wachsmahlerey zu merken?
Sie weiß das Wachs so zuzubereiten, daß alle Farben auf alle Arten von Körpern mit demselben aufgetragen werden können. Die Alten waren in dieser Art der Mahlerey überaus geschickt; nach der Zeit ist diese Kunst verlohren gegangen. Indessen will man sie zu unsern Zeiten wieder gefunden haben, und macht von ihrem Nutzen viel Rühmens.
Welches waren die berühmtesten Mahler unter den Alten?
Zeuxis, Parrhasius und Apelles.
Und unter den Deutschen?
Albrecht Dürer, Holbein und Kranach.
Worin unterscheidet sich der Bildhauer von dem Mahler?
Darin, daß er die Gegenstände in erhabenen Figuren abbildet.
Mit was für Materien beschäftiget sich der Bildhauer?
Mit Holz und Stein. Allein da das Holz sehr vergänglich ist, so hat der Stein den Vorzug. Unter diesen bedienet er sich vornehmlich des Sandsteines, des Marmors und des Alabasters.
Worin beruhet das Wesen dieser Kunst?
Erfindung und Anordnung sind ihm so nöthig, wie dem Mahler. Die Zeichnung muß auch ihn leiten; nur daß er statt der Farbenmischung und Schattirung das eigenthümliche seiner Kunst anwendet.
Was für Arbeiten verfertiget der Bildhauer?
Alle, die sich auf eine erhabene Art vermittelst des Meissels vorstellen lassen; besonders gehöret dahin Statuen, Büsten, Bildsäulen, halberhabene Arbeiten, Armaturen, Frisen, Rahmen und Schnitzwerk.
Ist diese Kunst schon alt?
Sie ist unstreitig eine der ältesten, ob wir gleich ihren Erfinder nicht wissen. Die Griechen und Römer haben uns vortrefliche Meisterstücke darin hinterlassen, nach welchen sich noch jetzo alle diejenigen bilden, die in dieser Kunst und in der Mahlerey vorzüglich werden wollen.
Welche Kunst ist mit der Bildhauerkunst am nächsten verwandt?
Die Kunst des Bildgiessers.
Worin unterscheidet sie sich von der vorigen?
Der Bildhauer nimmt von seiner unförmlichen Masse vermittelst des Meissels nach und nach so viel weg, bis sich das verlangte Bild in seiner verlangten Schönheit darstellet; allein der Bildgiesser gießt seine Arbeiten aus flüßigem Wachse, Gypse oder Metall in zubereitete Formen.
Wie heissen die vornehmsten Bildhauer unter den Alten?
Alcamenes, Phidias und Praxiteles.
Was für eine Kunst gehöret noch vornehmlich hierher?
Die Kupferstecherkunst.
Was lehret sie?
Die Figuren auf einem wohlpolirten Kupferblech dergestalt zierlich einzugraben, daß sie hernach vermittelst einer Presse auf Papier können abgedruckt werden, welches denn Kupferstiche, oder auch nur Kupfer heissen.
Wer hat diese Kunst erfunden?
Sie war den Alten unbekannt, und ist eine Erfindung der Neuern. Ein Goldschmidt zu Florenz Namens Maso Fineguerra soll sie um das Jahr 1460 erfunden haben.
Giebt es mehrere Arten diese Kunst zu üben?
Ja, man hat das eigentliche Kupferstechen, wo die Figuren mit dem Grabstichel eingegraben werden, welches sehr mühsam ist, aber auch desto mehr Schönheit giebt; dann das Radiren oder Schraffiren und die schwarze Kunst.
Worin bestehet das Radiren?
Man überziehet die polirte Kupferplatte mit Firniß oder Wachs, gräbt die Figur mit Radiernadeln in den Firniß oder Wachs ein, und streicht Scheidewasser darüber, welches denn die gemachten Züge in das Kupfer einätzet.
Was hat die schwarze Kunst besonders?
Die Platte wird mit einem Instrumente, die Wiege genannt, ganz mit Strichen über das Kreuz angefüllet. Nach diesem löschet man von diesen Strichen so viel aus, als erfordert wird, das Licht und die hellen Partien der Zeichnung zu machen. Solche Kupferstiche sehen hernach aus, als ob sie mit dem Pinsel verfertiget wären.
