Vitruvius – Rivius 1548

Vitruvius Pollio – Gualtherus H. Rivius, Vitruvius Teutsch. Nemlichen des aller namhafftigsten und hocherfarnesten/ Römischen Architectt/ und Kunstreichen Werck oder Bawmeisters/ Marci Vitruvij Pollionis/ Zehen Bücher von der Architectur und künstlichem Bawen. Ein Schlüssel und einleytung aller Mathematischen und Mechanischen künst/ Scharpffsinniger fleissiger nachtrachtung oder speculation künstlicher werck/ Aus solchem hohen verstand/ rechtem grund/ sattem und wissem fundament aller löblichen künst/ Der massen fleissig und ordentlich in Schrifften verfasset/ das hierin ein yeder kunstbegiriger leser der Architectur und kunstlichen Bawwercks unterwisen wirt/ und der Architectur angehörigen Mathematischen und Mechanischen künften ein rechten verstandt/ leichtlichen erlernen und fassen mag. Alles mit schönen künstlichen Figuren und Antiquiteten/ und sonderlichen Commentarien zu mererem bericht und besserem verstand gezieret und erkleret…, Nürnberg [Johann Petreius] 1548.


fol. LXVIIIr–LXVIIIv

Vom Sandt. Das IIII. Cap.

In rauhen groben gemeurn von unbehawenen steinwerck/ sol man sich für das erst umb den Sand befragen/ damit der selbig tüglichen unnd bequem sey unter den zeug zu mischen/ also das kein grund oder erdich darunter vermischt sey/ und sind aber des Sands so man aus der erden grebt vierley gattung/ als schwartz/ graw/ rot/ unnd der so Carbunckel genennet wird. Von solchen gattungen ist der selbig der best/ so man in zwischen henden reibt dz er seer knirsche/ welcher aber mit vil grunds vermischt und nit also rauch/ des gleichen der sand/ so man in auff ein weiß kleid schüttet/ und wider davon hinweg schüttet kein flecken gibt/ oder sich der staub und erden nicht hinein setzen/ wird der selbig auch nützlich und gut geachtet. Wo man aber nit solche gruben hat/ da man sand solcher gestalt außgraben mag/ als dann sol man aus dem wasser sand nemen/ oder kiß durch die hürten werffen/ oder man mag den Meersand brauchen/ Doch hat er im baw solchen feel und laster/ das er langsam trucknet/ wo er auch hingebraucht wird/ mag die maur nit erleiden das man schnel im werck fortfare/ ee dann das undrist ertrucknet/ lasset sich auch nit zu den gewelben brauchen. So man auch solche mauren mit dem Meersand gemacht/ wol und fleissig dünchet und weisset/ so schwetzet doch die versaltzne feuchte heraus/ unnd schlecht auß der maur und frisset das selbig hinweg. Aber der sand den man auß der erden grebt/ der trucknet schnel im werck/ unnd felt der dünch und das weiß nit bald ab/ und lesset sich zu den bögen der gewelb auch brauchen/ aber solches verstand von dem sand/ der frisch auß solchen sandgruben außgraben wirt/ dan wo er lang am wetter ligt/ von der Sonnen/ Monschein und reissen getroffen und gebrend/ wird er zu grund und erdreich/ so man jn dann zum zeug braucht/ mag er die groben unbehawenen stein nit hart binden/ darumb das sie nit vest ligen/ mag auch also die maur den last nit ertragen/ sonder neigt sich und fellet etwo zu hauff. Aber der frisch außgraben sand/ wiewol er zum gemeur nützlich und gut/ ist er doch nit also bequem zum dünchen/ furnemlichen darumb/ das von seiner fettigkeit wegen mit dem kalck und hexel vermischt/ dardurch nit wol on schrunden ertrucknen mag. Aber der sand auß fliessendem wasser genomen/ der verhartet seiner magrigkeit (wie das Signinum) in solchem dünchen von hartigkeit des außschlahens im dünchen.

fol. LXVIIIv–LXIXr

Außlegung des IIII. Cap. des II. Buchs Vitruvij.

Gleicher gestalt als im nechst vorgehenden Capitel/ Vitruvius mit grossem fleiß die natur und eygenschafft/ mancherley Erden angezeigt hat/ zu unterweisung/ gute/ warhafftige/ nützliche/ unmangelhaffte Ziegelstein oder Maurstein in mancherley form und gestalt/ nach der weiß unnd gebrauch der alten zu bereiten/ also lernet er auch weiter in disem Cap. wie man den bequemlichen Sandt zum guten Mörtter oder Zeug zu machẽ/ erwelen sol/ sonderlichen die Gemeur von groben unbehawenen Stein zu machen/ wie dann der Text Vitruvij selber klerlichen anzeigt. Hie merck aber weiter/ dieweil es sich gentzlichen also helt/ das die natur auff mancherley weiß und gestalt wircket/ wie dir nit allein Vitruvius im achten Buch anzeigt/ sonder die einhellig meinung ist aller furtreflichen Philosophen/ unnd auch die fleissigen erkündiger natürlicher ding teglichen befinden/ also das die natur in solchen vilfeltigen und mancherley dingen/ welche sie teglichen furbringt/ von mancherley erden/ alle ding so ein bestandt oder stercke haben unnd ein schwere/ jren ursprung haben/ daher dann aus solcher wirckung auch weiter mancherley vereynigung oder colligantz entspringen/ mit unterschiedlichem effect der concorporation oder Cörperlichen vermischungen/ und wiewol wir droben im andern Cap. dises andern buchs auffs kurtzst angezeigt haben/ die zusamen setzung oder comparation/ der Atomien von den alten Heidnischen Philosophen/ fur den ersten anfang und ursprung aller ding gesetzt wirt/ welche meinung aber von vil Scribenten als nerrisch unnd toricht verworffen wirt/ erfindet sich doch im rechten grundt der Philosophia/ das kein Erdreich ein Stein sey/ dann der Sandt nit continirt oder nit in einen kloß zusamen getriben werden mag/ sonder die hefftig truckne lest jn nit an einander kleben/ darumb der ursprung des Sandes Philosophischer weiß gar schwerlichen zu erkundigen/ so die truckne die erden nit lest zusamen in ein kloß komen. Doch entschieden die Philosophi solches also/ vermeinen das die Sandtkörnlein durch den hefftigen trieb der Wasser flüsse/ von den gewetzten Steinen sich also abschleiffen aber hernach wider zusamen getriben werden/ nach einer yeden gattung in jrer art/ disen in Sand/ yenes in Sablon so im Erdreich außgrabt/ oder im Wasser getriben wirt. Dieweil nun die Stein also in dem aller ersten Sandt sich verschliessen/ in den fliessenden Wassern oder vom stetigen bewegen des Meers/ das sie zu letzst also rein werden sollen/ wie die Atomi/ unnd aber wider zusamen komen mögen/ das es wider ein Stein gebe/ wöllen etlich darauß probirn/ das also aus den Atomis mancherley ding jren ursprung auch haben mögen/ nach dem die materi geschickt unnd geneigt sich in dises oder jhenes Element zu verwandlen. Damit wir aber von solcher Philosophischen speculation auff unsere verlassne meinung komen/ so wiß das des Sandes dreyerley art gesetzet werden/ zu dem Sandt so man aus der Erden grebt/ nimpt man den vierten theil Kalck. Zu dem welchen die Wasser füren oder zum Meersandt nimpt man den dritten theil/ wie Plinius im 36 buch und 23 Cap. meldet/ und Vitruvius im nechstfolgendem Cap. angezeigt/ so man aber den Meersandt braucht wil/ ist von nöten wie Palladius schreibt/ das man jn vorhin in ein pful schütt in ein frisch Wasser/ damit im dz süß Wasser der Salztz scherpff beneme/ darumb diser Sandt hernach von Vitruvio gewaschen Meersandt genant wirt. Von den dreyen geschlechten des gegrabne Sandts/ wirt der gelb oder goltfarb fur den besten gerechnet/ nechst disem der graw oder weisserbig/ und aber nach disem der schwarz/ wie Palladius im 10 Cap. des ersten buchs schreibt/ Dann dieweil diser Author auch in Teutscher sprach außgangen/ magst du solchen hierüber weiter/ wie auch vil andere nützliche ding darin zu findẽ mit fleiß belesen. Das Signinum welchs aus dẽ Sande der fliessenden Wasser künstlichen von Walhen bereidt wirt/ und Stuccha genant/ wirt von zerstoßnen Hafen scherben gemacht mit Kalck vermischt/ wie Plinius im 12 Cap. des 35 buchs anzeigt/ wiewol Vitruvius solch Signinum hernach auff ander weiß machen lernet/ nemliche zu endt des achten buchs. Dise vermischung nennen die Franzosen Simentum/ aber Cementum sind grobe unbehawene Stein beim Vitruvio.


fol. LXIXr–LXIXv

Vom Kalck. Das V. Cap.

So wir nun gnugsamlich angezeigt/ wie der sand nach notturfft zubekommen/ folgt den nechsten auch vom Kalck zu schreiben/ Nemlichen das solcher von weißen steinen gebrant werde/ oder von kißling/ dann welcher von harten unnd satten stein gebrant wird/ der ist der best zum verbinden in mauren/ Aber der Kalck von lücken steinwerck gebrant/ mag nutzlich zum dünchen gebraucht werden. So der Kalck nun abgelöschet/ sol er der massen zum zeug oder mörtter vermischet werden/ wo es gegraben sand ist/ das man drey theil sands zu einem theil Kalcks neme/ Ist es aber sand aus einem fliessenden wasser/ so ist es gnug mit zwey theil sands zu einem theil Kalcks/ dan solches ist die recht gebürliche maß der vermischung zum zeug oder mörttel. Weiters auch so man zum wassersand oder Meersand rein gesipten staub von hafenscherben nimpt den dritten theil/ wird solcher zeug vil nützlicher und bequemer zum mauren. Warum aber der sand mit wasser zum Kalck vermischt/ ein solche feste krafft bekome/ also hart zu binde/ mag dises die ursach sein/ dz der stein wie andre andre Elementische Cörper in seinen ersten Elementen temperiert ist/ und welche stein mer der lufftigen materi haben/ das die selbigen reiner und zarter/ die mehr wasserigkeit haben der feuchte halb zeher/ und was der yedischen materi mer hat/ am hertesten sind/ aber die so der feurigen materi mer haben/ die sind am mürbste. So man nun solche steinwerck zerflösset und mit wasser und sand vermischet ee dan kalck daraus gebrant wirt/ mag solches im gemeur nit verharten/ noch die verbindung halte/ So man aber solche mit grosser mechtiger hitz im Kalckofen brennet/ also dz sie ire vorige hertigkeit verlieren/ davon jnen ire krafft entzogen/ werden sie lück und mürb/ und wird also alle feuchtigkeit so im cörper des steins verhafft gar außgetrucknet/ des gleichen die lufftigkeit auch verzert/ aber der brand oder die hitz ligt noch darin verborgen/ so man jn dann in das wasser stosset/ entpfahet er ein gewalt ee dann die feurigkeit daraus kompt/ so dann die feuchtigkeit hinein dringt durch die löchlein der lückigkeit/ bünd er auff unnd wird entzündet/ so er dann erkaltet/ ist alle hitz und feurigkeit daraus getriben/ Darumb auch die Kalckstein in solchem gewicht mit gefunden werden/ das sie haben so man sie in Kalckofen thut/ gegen dem wenn sie widerumb herauß genomen werden/ dann so mans gleich eygentlich erwigt/ befinden sie sich wol in gleicher grösse/ aber von verzerter feuchtigkeit wegen/ wol den dritten theil am gewicht geringert/ darumb so nun solche gebrente Kalckstein lück und loß sind/ fassen sie die vermischung des sands in sich/ und vereinigen sich der massen/ so sie mit dem rauhen steinwerck verbunden werden/ das es gar ein starck und ser vest gemeur gibt.

fol. LXIXv–LXXr

Außlegung des V. Cap. des II. Buchs Vitruvij.

In disem gegenwertigen Capitel ist Vitruvij meinung auffs verstendlichst anzuzeigen und satten bericht zu setzen/ von was steinwerck der best kalck gebrennet werden mag/ dieweil so mancherley art und unterschied der stein allenthalben gefunden werden/ welche sich auch zum theil zu Kalck brennen lassen/ dann solchs zu wissen bedarff lange ubung unnd vilfeltigen gebrauch des Ziegels oder Kalck brennens/ solchs aus teglicher erfarnus zu erlernen und geübt zu werden. Dann die weil die stein durch die natürliche wurckung in mancherley gestalt zusamen verhärtet werden/ wie dann Aristoteles mit folgenden worten gnugsam zuversteen gibt/ so er spricht: Die stein haben jren ursprung in zusamenhafftung harter zusamendringung durch die natürliche wurckung/ in welcher materi etwo in einem die Yrdischeit/ im andern die Wasserigkeit/ und also weiter ubertrifft. Darum wo nun solche stein in einem Element mer dann im andern ubertreffen/ wird ir natur unnd eigenschafft on zweyffel sich auch solcher vermischung nach mancherley weiß unterschiedlich verendert/ welches dem fleissigen Architecto oder Bawmeister nit allein in diser sach/ sonder in allen seinen wercken/ waß gestalt er die stein anlegen oder brauchen wil/ wol unnd eygentlichen bewist sein sol/ damit er alle ding verstendlich angreiff/ unnd wie Cato Censorius wil/ das man vom aller hertesten stein Kalck brennen sol. So schreibt Palladius also/ das man vast guten Kalck brennen mag von weißen harten steine/ oder dem Tiburtiner stein/ oder den stein so im fliessenden wasser ligt Columbinus genant/ oder von rotem stein oder Marbel stein. Welcher aber von harte satten stein gebrant wirt/ der ist zu gemeur der best/ aber den so man von lücken steinen oder weichen steinen brennet/ der dienet zum weissen und düncht. Der Kißlingstein haben wir fürnemlichen dreyerley/ als weiß/ schwartz/ und rot/ von solchen mag man auch Kalck brennen/ so man sie von stund an auß der steingruben in Kalckoffen thut. Hie merck das auch der Kalck nit allein zum bawwerck dienet/ sonder auch der Ertzney in mancherley fel und gebrechen seer gebreuchlich/ wie auch die Seyffenlaug damit zu bereyten/ und vilfeltige andere nutzbarkeit der grossen fewriger scherpff unnd entzündeten krafft halber. An etlichen orten am Meer gestad gelegen/ pflegt man Kalck von Muscheln und Meerschnecken heüßlein zu brennen. Damit aber der fleissig Architectus der wunderbarlichen würckung der natur besser bericht würde/ wöllen wir dises orts nit verberge oder ubergeen/ das trefliche wunder so Aristoteles der fleissig erkundiger der natur/ schreibt von einem fewrigen stein Titanie/ dann er spricht: In Titania nechst dem berg Apolloniatidis/ sey ein stein der fewerflamen geb/ welche aber nit gesehen werden mögen/ es sey dann das man öl darauff gieß/ welches von stund an die flammen entpfehet/ und fahet an zu brennen/ also das man es augenscheinlichen brennen sicht. Weiter schreibt Aristoteles an solchem gemelten ort/ von dem fewer/ so ausserhalb den Seulen Herculis brennet mit disen worten/ Nemlichen wie ausserhalb der Seulen Herculis gegnet sein deren etliche die bey der nacht stetigs hell brennen/ aber etliche brennen allein des tags/ und das fewer welches in Lypera erscheint/ das werde allein des nachts gesehen. Des gleiche schreibt Aristoteles noch weiter von wunderbarlichen orten/ da es in tieffen klunsen der erde der massen brennet/ das an solchen orten das erdreich zu Aschen und Kalck gebrennet werde/ so doch die stein unverseret bleiben in der gentze/ so man sie auch gleich zu pulver stosset/ mag in das fewer auch nit schaden/ so bald man aber wasser darauf geust/ so geben sie ein flamm/ wie dan unser Kalck auch thut/ so man jn gleich aus dem ofen nimbt und mit wasser begeusset/ wie dann yeder man wol bewust ist. Solche wunderbarliche wirckung der natur uns mancherley anseygung geben/ haben wir wie obgemelt dem fleissigen Architecto anseygen wollen/ damit er desto mer lust und lieb entpfahe zu der erkundigung der natürlichen ding/ dan er auch gentzlichen mercken mag/ das volgender Text Vitruvij on behülff natürlicher Philosophia vast schwer und mühsam zu verstehn/ nemlichen das er wie solcher gestalt eygentlichen zu ermessen oder abnemen/ was das gewicht vermag in harten satten oder dichten Cörpern/ gegen der künstlichen weiß entledigten/ und also geringerten materi/ wie dann durch die rechten künstlichen Alchimisten die Element von den Cörperlichen dingen gezogen werden/ dan in solcher gestalt mag auch dem Architecto mancherley fürkommen/ do er diser ding zu fleissiger auffmerckung wol von noten haben wirt/ gründlichen bericht zu wissen.