Meyer 1805

[Johann Heinrich Meyer], Entwurf einer Kunstgeschichte des achtzehnten Jahrhunderts. In: Johann Wolfgang Goethe – Johann Heinrich Meyer – Carl Ludwig Fernow – Friedrich August Wolf (edd.), Winkelmann und sein Jahrhundert. In Briefen und Aufsätzen herausgegeben von Goethe, Tübingen, [J. G. Cotta’sche Buchhandlung] 1805, pp. 161–386.


pp. 161–179

Entwurf
einer Kunstgeschichte
des achtzehnten Jahrhunderts.

. . .

Einleitung.


Sechszehntes und Siebzehntes Jahrhundert.


Mahlerey.
Geschichtliche Darstellungen.

Nach dem Ableben der großen Meister, welchen die bildende Kunst ihren höchsten Glanz und die Würde verdankt, die sie in neuern Zeiten erreicht hat, artete dieselbe bald, und fast durchgängig, in unlöbliche Manier aus, weil Schüler und Nachahmer weniger den Geist jener Kunst erfaßt, als bloß den Geschmack der Formen copirt und sich, mit blinder Ergebung, an überlieferte Regeln gehalten hatten. Man wird freylich den Friedrich Barocci, ¹) der, mit eigenthümlichem Talent, geistreich, lieblich, ja manchmahl unübertroffen zart gedacht, auch den Pellegrin Tibaldi 1), welcher ein glücklicher Nachahmer des Michel Angelo war, und im Gewaltigen bisweilen sein Vorbild fast erreichte, den Parmeggianino 2) und andere als Ausnahmen erkennen müssen; gleichwohl konnten auch diese dem manierirten Wesen nicht völlig entgehen, und weil sie von andern wieder bloß nachgeahmt, nicht ergründet wurden, so schien der Kunst, durch ausartende Entfernung von Natur und Wahrheit, ein plötzlicher Verfall zu drohen.

1) Friedr. Barocci oder Barozzi, zu Urbino geb., starb daselbst 1612. im 84sten J.
1) Pellegrin Pellegrini, zugenannt Tibaldi, war zu Bologna 1522. geb., st. zu Mayland 1591. od. 1596.
2) Franz Mazzoli, genannt Parmeggianino, geb. zu Parma 1504, st. 1540.

Der Reiz der Neuheit verschaffte zwar dem Manierirten Eingang und Beyfall; da es aber, seinem Wesen nach, einförmig ist, so wurde man desselben bald überdrüssig, eine allgemeine Reform des Kunstgeschmacks bereitete sich also vor, und fast zu gleicher Zeit, traten an verschiedenen Orten, Künstler auf, welche sich wieder mehr an die Natur und reinere Muster hielten. Die vorzüglichsten waren Jacob Cimenti, 3) genannt Empoli, und Ludwig Cardi, 4) welcher auch unter dem Nahmen Cigoli bekannt ist, beide zu Florenz. Julius Cäsar Procaccini 5) zu Mayland und die Carracci zu Bologna. Empoli gab das merkwürdige Beyspiel: daß er einige Zeit im Geschmack der Manieristen gearbeitet, nachher aber ein trefflicher Nachahmer der Natur geworden war, wobey er sich das Colorit und die Behandlungsweise der Venezianer zu eigen zu machen wußte, verbunden mit großer Kraft und schöner Wirkung. Cigoli hatte anfänglich auch die Venezianer zu Mustern erwählt; doch später seine Farbe, den Pinsel und die Beleuchtung hauptsächlich nach Correggio gebildet; Procaccini folgte diesem Meister in allen Stücken, und ist einer der glücklichsten Nachahmer desselben geworden. Zum völligen Umschwung und zur Verbesserung des Kunstgeschmacks trugen Ludwig, Augustin und Hannibal Carracci ¹) vor allen andern am meisten bey, sowohl mit überwiegendem Verdienst ihrer eigenen Werke, als durch Stiftung der berühmten Malerschule, die so viele große und originelle Künstler hervorbrachte und den Sieg über die Sekte der Manieristen vollenden half.

3) Jacob Cimenti od. Chimenti starb 1640. im 86ten Jahr seines Alters.
4) Lud. Cardi st. zu Rom 1613. 54 Jahre alt.
5) Jul. Cäsar Procaccini starb 1626. ohngef. 78 Jahr alt.
1) V. den drey Carracci ward Ludwig 1555. geb. und starb 1619. Augustin 1557. geb. starb 1602. Hannibal geb. 1560. starb 1609.

Man hat die Caracci Eklektiker in der Kunst genannt; denn sie bildeten sich, indem sie an den Werken der größten alten Meister das Vorzüglichste erforschten, und solches nicht bloß in einer abgerissenen, zerstückelten Manier knechtisch nachahmten, sondern mit frey wirkendem Geist und Sinn alles zum harmonischen Ganzen vereinten, einen eigenthümlichen, in allen seinen Theilen vollendeten Styl. 1)

1) Man fragte den Ludwig Carracci, welchen Mahler er am meisten schätzte? Denjenigen, antwortete er, der von den Besten das Beste sich anzueignen versteht. Quello, dise, che il meglio da migliori togliendo sapra approfitarsene, Malvasia Felsina Pittrice parte terza. p. 481.

Will man das Kunstvermögen eines jeden dieser drey großen Künstler genauer betrachten, so kann Ludwig, Vorgänger und Lehrer der beiden andern, vorzüglich als Original gelten. Er war der eigentliche Schöpfer dessen, was ihre Kunst und ihr Styl gemeinschaftlich sich Auszeichnendes und vor allen ihren Zeitgenossen Vorzügliches hatten. Die gewaltige Wirkung, durch kräftige breite Schattenpartien in seinen Bildern, ist ferner nie, weder vom Augustin noch vom Hannibal, ganz erreicht worden; und bey fast eben so mächtigen Formen lacht eine freundliche Grazie aus seinen Gestalten, von welcher wir manches Beyspiel anführen könnten, uns aber, der Kürze wegen, bloß mit Erinnerung eines der allerreizendsten, nehmlich der berühmten Gruppe dreyer verführerischen Mädchen, im Gemälde von der Versuchung des heil. Benedictus zu St. Michele in Bosco über Bologna, begnügen.

Die Gemälde des Augustin Carracci unterscheiden sich, in wesentlichen Punkten, nicht sehr von den Arbeiten seines Oheims Ludwig, oder denen seines Bruders Hannibal; indessen ist ihm doch eine gewisse Vorliebe für poetisch allegorische Gedanken eigen, wie man unter andern an dem bekannten omnia vincit amor sehen kann. Von seinen freyen Darstellungen sind einige in Hinsicht auf Erfindung vortrefflich. Das Blatt mit der Unterschrift ogni cosa vince l’oro ist ein derber, aber wiziger Einfall, welcher den Zweck, Lachen zu erregen, bey denen, die sein Stachel nicht verwundet, schwerlich verfehlen wird; und in dem Blatt, wo der Satyr als Maurer mit Schurz und Senkbley vor einer liegenden Venus steht, verdient, wenn man auch übrigens die Darstellung nicht in Schutz nehmen mag, doch der sinnliche Uebermuth, recht wie er in einigen antiken Stücken dieser Gattung sonst nur vorkommt, Bewunderung. Die gedachten freyen Darstellungen werden hier in der Absicht angeführt, Augustins Kunstcharakter zu unterscheiden, nicht aber, weil wir sie für seine allerbesten Producte halten; denn er ist auch in ernsten Compositionen zuweilen glücklich gewesen, wovon unter andern das berühmte Gemälde von der Communion des heil. Hieronymus zum Beyspiel dienen kann. Da er sich viel mit Kupferstechen beschäftigte, so ist der Pinsel in seinen Gemälden wohl nicht ganz mit so freyer Hand geführt, wie in den Werken des Bruders, oder des Oheims. Zuweilen geschah es auch, daß er, über dem Streben nach Großheit der Formen, in gigantische Gestalten ausschweifte. Hannibal Carracci ist, nach unserm Gefühl, unter diesen drey vortrefflichen Künstlern das größte Genie, ein mächtiger, riesenhafter Geist! in allem, was zur praktischen Kunst gehört, der unterrichtetste, der stärkste Zeichner und in Führung des Pinsels der Meisterhafteste. Ludwigs Talent erblickt man fast überall schon völlig ausgebildet, seine eigentliche Kunst blieb sich immer ziemlich gleich, und er scheint bloß durch die Uebung größere Fertigkeit und Gewandtheit erworben zu haben. Beym Augustin hingegen, und noch entschiedener beym Hannibal, nimmt man ein wirkliches Fortschreiten, eine stufenweise Erhebung in der Kunst wahr. Mißmuth und Krankheit in den spätern Jahren des Lebens sind wahrscheinlich Ursache, daß ihre damals verfertigten Arbeiten nicht immer diejenigen sind, welchen das höchste Lob zufällt.

Die Dresdner Gallerie bewahrt unter ihren besten Schätzen eine ganze Folge Gemälde vom Hannibal, welche der Wißbegierigen die schönste Gelegenheit darbietet, über die verschiedenen Epochen der Kunst dieses Meisters Betrachtungen anzustellen.

Das allgemeine Kunstverdienst der Caracci, möchte man sagen, haben ihre großen Schüler gleichsam unter sich getheilt, theilweise gepflegt und veredelt. Guido Reni 1) gesellte anfänglich zu den ihm eigenthümlichen zarten Gestalten starke Massen von Schatten und auffallende Lichtpartien, wie Ludwig Carracci sich ihrer zu bedienen pflegte, späterhin soll er auf Hannibals Vorschlag den hellern Ton gewählt haben; und gerne mögen wir glauben, daß solcher Rath nicht bloß gegeben worden, damit, wie die Geschichte meldet, eine totale Opposition gegen die Manier des Carravaggio gegründet würde; sondern weil gefällige Heiterkeit zum Talent des Guido unstreitig besser passen mußte, als dunkle Schatten blendendem Licht gewaltig entgegengesetzt.

1) Guido Reni zu Bologna 1575. geb., st. daselbst 1642.

Dominichino 1) zeigte sich vorzüglich in der Oekonomie tiefgedachter Compositionen, und ahmte mit glücklichem Erfolg schöne sowohl als große Formen der Natur nach und den Antiken.

1) Domenico Zampieri, genannt Dominichino, zu Bologna 1581. geb., st. zu Neapel 1641.

Weniger als Guido oder Dominichino, scheint der gefällige Albani ²) von der carraccischen Schule angenommen zu haben; denn ihr Einfluß äußert sich bey ihm fast bloß in den größern Werken, wo er Figuren im Styl seiner Meister zeichnete, aber nicht das Derbe, Kräftige derselben erreichen konnte. Leicht ist es möglich, daß zu den lieblichen kleinen Gemälden mit Nymphen und Amorinen, durch welche er den Liebhabern der Kunst vorzüglich bekannt ist, Stücke dieser Art von Aug. Carracci die erste Veranlassung gewesen sind, und zuverlässig dankt er der Schule den schönen Geschmack in landschaftlichen Beywerken, welche seine meisten Arbeiten so herrlich schmücken.

2) Francesco Albani, ebenfalls zu Bologna geb., starb daselbst 1660. 82 Jahre alt.

Gute Wirkung des Ganzen durch breite Massen von Licht und Schatten zu erzielen, gelang vor andern dem Lanfranco 1), welcher sich dieses Theils der Kunst zur Bemahlung von Kuppeln und anderen großen Räumen bediente. Dem Guercino 2) gaben, wie er selbst gestand, Werke des Lud. Carracci die erste Veranlassung zu seinen starken Schatten und pikanten Lichtern; und weil er übrigens, ohne viel Wahl oder idealische Zuthat, die Natur nachgeahmt, so geschieht ihm schwerlich Unrecht, wenn man annimmt, die edlen Formen und Charaktere in jenen studirten Vorbildern haben ihn vor dem Niedrigen bewahrt, einer Klippe, die allen Naturalisten von jeher gefährlich war, welcher auch Schidone ³), obwohl ebenfalls ein Schüler der Carracci, nicht immer entgehen konnte. Bey diesem Künstler sieht man das warme Colorit, die klaren Schatten und schmelzenden Uebergänge des Correggio, in Vereinigung mit den Maximen seiner Meister über das Wissenschaftliche der Kunst; in einigen seiner Werke ist auch wohl etwas vom Geschmack ihrer Formen zu merken.

1) Johann Lanfranco, von Parma gebürtig, st. zu Rom 1647. 66 Jahre alt.
2) Joh. Franz Barbieri, genannt Guercino, zu Cento bey Bologna geboren, st. 1666. im 76sten Jahr s. A.
3) Bartholomäus Schidone aus Modena, starb 1616. 56 Jahre alt.

Dieser Künstler Bemühungen also waren es hauptsächlich, durch welche die Kunst von dem Beschränkenden, dem Einförmigen der Manier frey gemacht, der Natur, der Wahrheit, dem guten Geschmack wieder näher gebracht und mit neuen Darstellungsweisen erweitert worden, bald aber, nachdem eine nähere Anwendung der Natur auf die Kunst wieder statt hatte, und das Natürliche in den Darstellungen Beyfall fand, wurde böser Mißbrauch davon gemacht. Es ist oben bereits Erwähnung geschehen, wie Guercino und Schidone, obschon Anhänger der Carracci, jener die Gränze berührt, dieser zuweilen gar über dieselbe hinaus das Gebiet der gemeinen Wahrheit betreten haben.

Michel Angelo, Merigi von Carravaggio 1) aber und sein Schüler Joseph Ribera genannt Spagnoletto 2), stellten sich dem edlern Geschmack ganz entgegen und traten als entschiedene Naturalisten auf, das ist, sie ahmten die Natur, mit sinnlicher Anschauung, treu nach, doch ganz ohne Wahl der Formen, noch mit bestimmter Rücksicht auf den erforderlichen Charakter ihrer Figuren zum beygelegten historischen Zweck. Die Madonnen sind gewöhnlich bloße Dirnen, das Christkind ein gemeiner Knabe, St. Joseph ein Zimmermann, der heil. Hieronymus ein elender, runzliger Alter u. s. w.; ja oft laden diese Künstler sogar den Verdacht auf sich, das Fehlerhafte, das Niedrige, Dürftige und Gemeine absichtlich gesucht zu haben ³).

1) Um 1570. geb., st. 1609.
2) Geboren zu Gallipoli im Neapolitanischen 1593, st. um das Jahr 1656.
3) Guido Reni sagte daher einst vom Carravaggio, Er sey auch gar zu natürlich. Ch’era troppo naturale.

Bilder dieser Art, sollte man glauben, hätten bey den Italiänern, welche seit langem an edlere Kunstwerke gewöhnt waren, unmöglich Beyfall erhalten können, so viel Fertigkeit und Geist übrigens auch auf die Ausführung derselben verwendet seyn mochte; allein die starken Gegensätze von Licht und Schatten, deren sich die eben genannten Künstler bedienten, haben immer auf die Menge gewirkt, welche starker sinnlicher Rührung bedarf; diese Gemälde reizen überdem noch durch ihr warmes gesättigtes Colorit; Carravaggio hat besonders in seinen frühern Werken einen lieblich blühenden Farben-ton, und Gegenstände niedriger Art, z. B. falsche Spieler, wahrsagende Zigeuner u. dergl. stellte kein Maler besser dar.

Christoph Allori 1), Joh. Mannozzi 2), der unter dem Nahmen Giovanni da San Giovanni bekannt ist, beide Florentiner, waren Bekenner derselben Lehre und ebenfalls talentvolle Künstler, jener in Oel, dieser hauptsächlich al Fresco. Doch sind sie nicht zu dem ausgebreiteten Ruhm ihrer vorerwähnten Zeitgenossen gelangt, wiewohl sie denselben, in Rücksicht auf Wahrheit der Darstellung, kaum nachstehen und im Colorit wenigstens gleich geachtet werden müssen. Licht und Schatten aber ist bey ihren Bildern gemäßigter, die Wirkung weniger sieghaft.

1) Starb 1621. 44 Jahr alt.
2) Starb 1636. im 46sten Jahr s. Alters.

Gerhard Honthorst, ³) ein Niederländer, welcher zwischen 1620—1630 zu Rom, in gleichem Sinne und mit nicht geringerer Kunst, gearbeitet hat, bediente sich des Nachtlichts, um die mächtige Wirkung, welche er beabsichtigte, zu motiviren; seine Werke werden noch jetzt als Muster in diesem Fache angesehen.

3) Geb. zu Utrecht 1592.

Auch verdient Moses Valentin, 1) ein Französe, unter die geschicktesten Künstler gerechnet zu werden, welche in ihren Darstellungen sich mit der bloßen Wahrheit begnügten. Man kann von ihm sagen: Er habe die Manier des Carravaggio mehr sich angeeignet als nur nachgeahmt, und ähnliche Gegenstände mit eben so viel Geist in der Ausführung, mit eben so viel Kraft und pikantem Effekt behandelt; aber sein Colorit ist gewöhnlich etwas kälter.

1) Geb. zu Colomiers 1600, starb zu Rom 1632.

Zwischen den Naturalisten und den Künstlern von der edlern Gattung möchten wir dem Peter Franz Mola 2) seinen Platz anweisen. In der Schule des Albani und des Guercino unterrichtet, folgte er dem Kunstgeschmack beider Meister, oft scheint er bloß diesen nachahmen zu wollen und ist Naturalist im edlern Sinne, zuweilen aber sind seine Werke lieblich poetisch, im Geschmack des Albani gedacht, mit schönen landschaftlichen Gründen, aber sie unterscheiden sich beständig durch das sehr kräftige Colorit, durch größern Effekt und dreistern Pinsel. Von dieser Art ist Ceyx und Alcyone, in der Dresdner Gallerie, ohne Zweifel eine der schönsten Productionen unsers Künstlers.

2) Zu Coldre in der Italienischen Schweiz geb. … st.

Der reformirte, oder, wenn man will, der modernere Kunstgeschmack, von den Carracci und ihren Schülern gegründet, war nun herrschend geworden. Die Werke derselben galten in Rom fast ausschließlich als Muster, da erwarb sich Nicolaus Poussin 1) den Ruhm eines vortrefflichen Künstlers, wiewohl seine Gemälde die zu selbiger Zeit beliebtesten Eigenschaften, glänzendes Colorit, freyen Pinsel und kräftige Wirkung, in keinem ausgezeichneten Maaße enthalten; emsiges Studium nach den Antiken verschaffte ihm dagegen einen eigenthümlichen reinen Geschmack, nur ist er dabey dem Trockenen, Steifen nicht immer glücklich entgangen.

1) Geb. zu Andely in der Normandie 1594, st. zu Rom 1665.

Poussin gilt für einen der besten Componisten, und wirklich sind seine meisten Gemälde verständig erfunden, auch wird man bey ihm die Anordnung nicht leicht vernachlässigt, zuweilen sogar musterhaft finden. Vornehmlich versteht er die Gründe schön anzulegen, einfach, bedeutend, mit edler Architektur geziert. Zum Heroischen, und, wie Mengs schon bemerkt hat, zum Idealen vorzüglich geneigt, wollte ihm das Naive, das menschlich zum Menschen Dringende, selten gelingen; auch wo es gilt der Natur unmittelbar etwas abzulauschen, schöne Wahrheit, Leben auf der Leinewand festzuhalten, darin hat unser Künstler weder den von ihm so verehrten Dominichino, noch den Guido, noch den Guercino je erreicht. Ja nicht allein in dem, was wir, in der engern Bedeutung, glückliches Nachahmen schöner Natur nennen, ist er in Verleichung mit jenen zurückgeblieben, selbst naive Motive, welche ihm ganz eigen gehören, sind in seinen Werken nur sparsam anzutreffen: denn in dem berühmten Gemälde von der Pest bey den Philistern zum Beyspiel, ist die todte liegende Frau mit den Kindern, von denen das eine noch lebende an ihrer Brust zu trinken sucht, ein Mann aber mit zugehaltner Nase es mitleidig hindern will, aus dem bekannten morbetto von Rafael entlehnt. Der eben so berühmte Kindermord im Palast Giustiniani erregt weniger Rührung als Schauder über die Unmenschlichkeit des Soldaten, welcher dem schwachen Säugling auf den Hals tritt und noch mit dem Degen über ihn ausholt. Dem ohngeachtet bleibt Poussin einer der großen Meister in der Kunst und besonders einer der vorzüglichsten seiner Zeit. Unter den Italienern findet man den einzigen Nic. Vaccaro, 1) einen Neapolitaner, welcher den Poussin nachzuahmen gesucht und kleine Bilder in desselben Manier verfertigt hat; aber in Rücksicht auf geistreiche Erfindung sowohl, als was die Kunst der Ausführung betrifft, ist er weit hinter seinem Muster zurück geblieben. Wir bemerken bey dieser Gelegenheit: daß, wenn die Italianer damaliger Zeit auch fremdes Kunstverdienst wohl zu schätzen wußten, sie doch zur Nachahmung desselben wenig Neigung gezeigt haben. Vor Poussin hatten Rubens und Vandyk schon ein gleiches erfahren, ihre Werke wurden zwar verdienter Maaßen in Ehren gehalten; allein die Geschichte thut von keinem Italianer Meldung, welcher den Einfall gehabt hätte dieselben nachzuahmen. Benedict Castiglione 1), der berühmte Thiermaler, soll zwar Vandycks Unterricht genossen haben; jedoch ist in seinen Werken nichts zu finden, was uns an diesen Meister erinnern könnte.

1) Geb. zu Neapel 1634, st. 1709.
1) 1616. zu Genua geb., st. zu Mantua 1670.

Gleichzeitig mit Poussin blüheten noch zu Rom Andreas Sacchi 2) und Peter Berettini 3) von Cortona; jener ein gebohrner Römer war zwar des Albani Schüler, soll aber hauptsächlich nach Rafaels Werken studirt haben. Indessen ist in Sacchis Arbeiten nichts wahrzunehmen, was auf eine entschiedene Weise an seinen Lehrer, oder an Rafael erinnern könnte; man findet vielmehr Bilder von jhm, zu welchen Guido das Muster gewesen zu seyn scheint. In der Zeichnung befliß er sich meistens der akademischen Manier, welche eben damals sehr überhand nahm, und malte sanft verschmolzen, gewöhnlich mit kräftigen Schatten und warmen gesättigten Farben.

2) Geb. zu Rom 1599, st. 1661.
3) Starb 1669. 73 Jahre alt.

Keiner der bisher angeführten Maler hat mit so vielem Feuer und solcher Behendigkeit gearbeitet als P. Berettini, weniger bemüht die Gestalt der Dinge selbst, als bloß den Schein ihrer Gestalt darzustellen.

Doch vergütet er die Fehler der Zeichnung, welche in seinen Werken durchauß etwas schwerfälliges hat, mit heiterer Fruchtbarkeit der Erfindung und holdem Reiz junger, weiblicher Figuren, mit fröhlich blühendem Colorit und harmonisch abwechselnden Farben: Diese letzte Eigenschaft verdient hauptsächlich bemerkt zu werden, da dieselbe sein eigenthümliches Verdienst ist, welches weder vor, noch nach jhm kein anderer in dem Maaße besessen hat. Die Werke des Franz Romanelli 1) von Viterbo sind größtentheils eben so leicht und mit Fertigkeit behandelt, wie die seines Meisters des Berettini, den er aber im Geistreichen des Ausdrucks, in der Erfindung, im Lieblichen der Gestalten sowohl als in der frischen Heiterkeit des Colorits, nicht völlig erreicht hat; dagegen ist seine Zeichnung, wenn auch nicht eben richtiger, doch von edlerm Styl und sveltern Formen, und die Falten sind in besserm Geschmack gelegt.

1) St. 1662. 45 Jahre alt.

Cirus Ferri, 2) ein anderer Schüler des Berettini, mag wohl für den treusten Nachahmer von desselben Manier gelten, seine Bilder sind fast eben so anmuthig, nur schwächer in allen Theilen.

2) Geb. zu Rom 1634, st. das. 1689.

. . .


pp. 229–242

Achtzehntes Jahrhundert.


Erste Hälfte.


Malerey.
Geschichtliche Darstellungen.

Unter den berühmten Meistern, deren Flor noch in das XVIIte Jahrhundert fällt, die aber bis zum Anfange des XVIIIten lebten und ihre Kunst, so wie ihre Lehrbegriffe und ihren Geschmack in dasselbe übertrugen, gedenken wir, vor andern, des Lucas Giordano, fa presto, oder der Geschwinde genannt 1), neben ihm des Joh. Bapt. Gauli mit dem Zunamen Baciccio 2). Beide waren Männer von ungemeinen Naturgaben, an Erfindung unerschöpflich und überdem zu weitläuftigen Werken, durch bewundernswürdige Fertigkeit, vor vielen andern berechtigt. Der Beschauer ihrer Werke erwarte jedoch keine ausgesuchten Formen, oder etwas mehr als bloße Scheingestalten; denn ungeduldige Eile nöthigte sie, mit fliegendem Pinsel, die augenblicklichen Ergießungen ihrer Phantasie auch augenblicklich auf die Tafel zu werfen. Alle Ausführung einzelner Theile ist darum aufgegeben und bloß Wirkung im Allgemeinen beabsichtigt; wobey sie denn überhaupt weniger den höheren Sinn zu befriedigen, als das Auge zu vergnügen suchten. Auf eben dem Wege, auf welchem vor ihnen schon der bessere Künstler, Peter von Cortona, allem Strengen und Ernsten in der Kunst ausgewichen war, entfernten sie sich noch weiter als er vom Gründlichen der ältern Schulen. Nicht minder flüchtig gedacht als dargestellt, haben ihre Compositionen selten ächten Inhalt, und wenn der erwähnte Peter von Cortona schon Figuren anbrachte, die keinen andern Zweck hatten, als Lücken zu füllen; so bedienten Giordano und Gauli sich derselben, noch weit häufiger, mit beynahe unbedingter Willkührlichkeit in der Anordnung.

1) Luc. Giord. st. 1705.

2) J. B. Gauli st. 1709.

Lucas Giordano hat in seinen Oelgemälden oft ein gefällig blühendes Colorit, al fresko ist dasselbe zwar minder kräftig, aber von hellen fröhlichen Farben, wie in der Gallerie Riccardi zu Florenz, zuweilen muß man den angenehmen harmonischen Ton loben, wie in der Capelle Corsini al Carmine daselbst. Oftmals unterfing er sich auch Bilder in der Manier verschiedener großer Meister, selbst des Rafael und Tizian zu verfertigen. Es kann freylich die Frage nicht walten, ob dergleichen Nachahmungen etwas mehr als nur oberflächliche Aehnlichkeit mit den Werken der Meister enthalten, die zum Vorbild gedient haben, und ob sie den Kenner täuschen konnten; indessen breitet doch eben die Uebung, die unser Künstler besaß, den äußern Schein edler Kunstwerke nachzuahmen, über alle seine Arbeiten wieder einen gewissen Schein von Geschmack, Zierlichkeit der Formen und des Faltenschlags aus, der unter die bessern Theile seiner Kunst gehört.

J. B. Gauli bildete sich unter Anleitung des Bernini. Man bemerkt in seinen Arbeiten kein so frisches und abwechselndes Colorit wie beym Giordano, hingegen sind die Formen besser. Er malt überhaupt kräftig, am besten in Fresko, mit gelblichtem Ton und gefälliger Harmonie des Ganzen. Noch mehr Beyfall gewährte ihm die in allen Theilen herrschende Lebhaftigkeit und Bewegung. Um deßwillen war sonst die große Gruppe der stürzenden Laster am Gewölbe der Kirche Gesù vornehmlich berühmt, und verdient auch in der That es zu seyn.

Der Pater And. Pozzo 1), aus dem Orden der Jesuiten, schließt sich, weitläuftiger Unternehmungen und nicht geringerer Fertigkeit wegen, mit welcher er dieselben ausgeführt hat, den beiden vorigen Künstlern an. Man hält ihn mit Recht für einen der vorzüglichsten Meister im Fache architektonischer Perspectivmalerey. Doch in historischen Darstellungen erreichte er weder den Gauli, noch den Giordano, seine Zeichnung hat noch weniger Verdienst, das Colorit ist roh, die Anordnung selten gefällig. Was ferner die Erfindung betrifft; so ist dieselbe fast immer matt, ja in einigen Fällen ganz fehlerhaft. Die Malereyen am Gewölbe der Kirche des H. Ignatius können hierüber zum vollständigsten Beweis dienen.

1) Andreas Pozzo ist zu Trient 1642 geb. und st. zu Wien 1709.

Künstler, wie die drey eben erwähnten, sind, weil sie meist nur große Räume zu bemalen pflegten, Machinisten genannt worden, ein Name, der ihnen mit einer schon früher bestandenen Schule oder Genossenschaft Bolognesischer Architekturmahler gemein ist und also nicht ganz ausschließlich auf sie zu passen scheint. Darum möchten wir ihre, im strengen Sinn, wenig mehr als mechanische Kunstfertigkeit zu bezeichnen, sie lieber Praktikanten genannt und diese Benennung auf alle, welche gleich ihnen, über dem Viel- und Geschwindemalen, höhere Kunstzwecke aus den Augen setzen, vererbt wissen.

Carl Maratti 1) wollte, mit strengern Grundsätzen und einem höhern Begriffe von der Kunst, den eklektischen Weg einschlagen und aus den Werken der vorzüglichsten Meister sich einen eigenthümlichen Styl bilden. Doch sein Talent reichte nicht hin, den verschiedenen Gehalt dieser Metalle in einen Guß zu vereinen, oder, mit andern Worten, es weiter als zum Plagiat zu bringen. In seinen allerbesten Werken erscheint er daher, entweder als Nachahmer seines Lieblingsmusters des Guido Reni, wie z. B. in der Anbetung der Könige in der Kirche St. Marco, oder sie sind gleichsam aus mancherley Bruchstücken zusammengesetzt, wie das Altargemälde der Capelle Spada in der Chiesa Nuova, worin man zugleich an den Rafael, Correggio, Guido und Guercino erinnert wird; in mehreren andern bediente er sich eines gesättigten, ernsthaften Farbentons, und scheint alsdann sich seinem Lehrer, dem Andrea Sacchi, haben nähern zu wollen. Von dieser Art sind die schönen Gemälde in einer der heil. Jungfrau und dem heil. Joseph geweiheten Capelle, in der Kirche St. Isidoro; die Geburt Christi in St. Giuseppe de Falegnami; eine Maria mit dem Kinde und Engeln, in der Gallerie zu Dresden, von denen allen man glauben darf, sie seyen aus des Künstlers früherer Zeit. Andere hingegen, welche er wahrscheinlich später verfertigte, wie das große Altarblatt zu St. Carlo al Corso, das Gemälde in der Capelle Cibo zu St. Maria del Popolo, u. a. m. haben einen hellern Farbenton, der zuweilen gar etwas ins Matte fällt, ihre Formen aber sind von edlerem Styl.

1) C. Maratti st. 1713 im 88sten Jahre s. A. [seines Alters]

Maratti genoß unter seinen Zeitgenossen allgemein den höchsten Ruhm und verdiente solchen auch wirklich, da er, nach seines Meisters Sacchi’s Tode, unstreitig der beste Maler war. Seine Zeichnung ist richtig im Nackenden, nur spürt man, besonders an den Hauptfiguren, das Akademische zu sehr, Verhältnisse und Charaktere sind im übrigen wohlbedacht, meistens edel, vornehmlich an den Madonnen, welche oft die einnehmendste Unschuld und Reinheit schmückt. Hierin kam dem Guido keiner so nahe als Maratti. Die Falten legte er zierlich, ebenfalls den Guido nachahmend, an, doch sind sie lockerer gehalten und die Massen häufig unterbrochen. Licht und Schatten ist gewöhnlich gleichgültig, mehr zum Bedürfniß gebraucht, als zu freyen Zwecken der Kunst angewandt, daher dürfte es schwer halten, irgend ein Werk unsers Künstlers zu nennen, welches auffallende Wirkung thut. Wohlangeordnete Gruppen finden sich zuweilen bey ihm; hingegen kann keiner von seinen Erfindungen ein ausgezeichnet poetisches Verdienst zugestanden werden.

Dem Maratti an Ruhm und Kunst der nächste war Carl Cignani 1) ebenfalls ein Plagiarier, aber von beschränkterer Art. In seinen besten Arbeiten, unter welchen die Freskogemälde, unter der Kuppel der Domkirche zu Piacenza, in erster Reihe stehen, ahmte er die heitere gefällige Weise des Guido nach, auch in einem Altargemälde der Hofkirche zu München erinnern manche Gestalten ebenfalls an jenen Meister. Kräftiger behandelt ist der von den Liebhabern so hochgeschätzte Joseph mit Potifars Weib in der Gallerie zu Dresden; in andern Sammlungen finden sich Werke von Cignani, worin er, in Kraft und Ton des Colorits sowohl als in den breiten Massen, den Ludwig Carracci zum Muster genommen zu haben scheint.

1) Cignani st. 1719. 91. Jahre alt.

Wollte man die Kunst des Maratti und Cignani vergleichend gegen einander halten, so würde jener in allen Theilen, wodurch die Künstler der Römischen Schule schon lange sich auszeichneten, den Vorzug behaupten, er würde im Ausdruck lebhafter, in den Charakteren mannigfaltiger, zum Theil auch edler, überhaupt aber als besserer Zeichner sich darstellen. Cignani hingegen, aus der Lombardischen Schule, erschien als der bessere Maler mit sanfterm Colorit, freyerm Pinsel, reinern ununterbrochnern Massen. Daher seine Bilder gewöhnlich mehr Wirkung thun. Auch möchten wir ihn in Behandlung der Falten für vorzüglicher halten, worin die Carracci und vornehmlich Guido, ohne merklichen Einfluß des Berninischen Geschmackes, nachgeahmt sind. In die Gesellschaft der erwähnten Künstler bringen wir aus mehreren Gründen auch den Franz Trevisani, 1) der in seinem vorzüglichsten Werk, einem heilg. Franziscus, der die Wundmale empfängt, auf dem Hauptaltar in der Kirche delle Stigmate, sich als ein glücklicher Nachahmer des Guido bewies, welcher damals, wie man aus dem allgemeinen Bestreben der Künstler, ihn nachzuahmen, wahrnimmt, für den Canon des malerischen Kunstgeschmacks galt. In andern Bildern, z. B. in denen zu S. Silvestro in Capite, bediente sich Trevisani hingegen sehr dunkler Schatten und eines warmen Farbentons, der etwas ins Braune fällt. Er zeichnete seine Figuren, nach damals üblicher akademischer Manier, ziemlich richtig, ohne sich jedoch in den Formen zu einem großen Sinn erheben zu können. Ihm möchte von dieser Seite hauptsächlich Benedict Luti 1) verglichen werden, dessen Geschmack übrigens mehr zum Zierlichen und Geschmückten, die Ausführung zum Glatten sich neigt, mit fröhlichen Farben in den Gewändern, welche allen Gemälden dieses Künstlers ein sehr munteres Ansehen geben.

1) Fr. Trevisani st. 1746. 90 Jahr alt.

1) B. Luti st. 1724. 58 Jahr alt. G. M. Morandi st. 1717. M. A. Franceschini st. 1729. B. Lamberti st. 1721. J. Ghezzi st. 1721. J. Odazzi st. 1731. L. Garzi st. 1721. Joh. Nic. Nasini st. 1736. J. Chiari st. 1727. Melchiori st. …. Procaccini st. 1734. Passeri st. 1714. de Matteis st. 1728.

Giambatt. Maria Morandi und Marc. Ant. Franceschini sind bereits unter diejenigen Maler zu zählen, deren Kunst noch enger bedingt war, als die der vorerwähnten Plagiarier, welche nun von diesen wieder als Vorbilder nachgeahmt wurden.

Vom Morandi sieht man, in der Kirche S. Maria del Popolo, die Heimsuchung, kräftig und mit gefälliger Wirkung gemalt, worin er sich die Werke der Lombardischen Schule zum Muster genommen hat. Franceschini, der in Rom bedeutende Arbeiten verfertigte, hatte sich zwar unter C. Cignani, doch, wie aus seinem schönsten uns bekannten Gemälde, einer büßenden M. Magdalena in der Gallerie zu Dresden augenscheinlich erhellet, vornehmlich nach Werken des Guido Reni gebildet, als dessen Nachahmer er in dem erwähnten Gemälde auftritt. Allein er ist diesem seinen Vorbild nicht immer so treu geblieben, daß in andern Werken nicht auch zuweilen die Manier des Lehrers mit durchblicken sollte. Gefällige Ausführung mit freyem Pinsel, angenehmere Beleuchtung, mehr Fließendes und Zierliches als Kraft und Bestimmtheit in der Zeichnung, ist der Charakter von Franceschinis Bildern.

Bonaventura Lamberti, aus dem Modenesischen, welcher die Kunst vom Cignani gelernt; Joseph Ghezzi, von Ascoli, Joh. Odazzi und Joh. Nic. Nasini des Cyrus Ferri, Ludwig Garzi des A. Sacchi Schüler; ferner Joseph Chiari, Joh. P. Melchiori, Procaccini und Passeri, alle vier vom C. Maratti gezogen. M. Benefiali, welchen der obige Lamberti unterrichtet hatte, nebst diesen de Matteis, der den Maratti nachahmte, obschon Lucas Giordano sein Lehrer gewesen, waren zu Anfange des Jahrhunderts geschätzte Künstler, und wurden (der Erste nebst den beiden Letzten ausgenommen) mit Luti, Trevisani und dem nachher zu erwähnenden Seb. Conca im Jahr 1718 erkohren, die großen Figuren der Propheten, in der Kirche St. Giov. in Laterano, zu malen; Werke, die, sobald man an jene herrlichen Typen denken will, welche Michel Angelo und Rafael für dergleichen Charaktere aufgestellt haben, freylich keiner großen Achtung werth sind, Forscher der Kunstgeschichte aber doch interessiren, weil sie ihnen den Zustand der damaligen besten Kunst und des Geschmacks, in einer Reihe Arbeiten der vorzüglichsten Meister, vor Augen stellen.

Zu gleicher Zeit hatte eine andere, noch viel weniger correcte, in wilder Manier ausschweifende Schule der Kunst ihren Sitz in Neapel. Dem Haupt und Stifter derselben Franz Solimena 1) glauben wir kein Unrecht zuzufügen, indem wir ihm frevelhaft oberflächliche Leichtigkeit im Zeichnen, so wie in der Behandlung überhaupt, schlechten Geschmack und gehaltlose Erfindungen Schuld geben. In der Anordnung scheint er um nichts besorgt gewesen zu seyn, als den Raum auszufüllen. Er suchte das Auge nicht anzuziehen; nein, es gewaltsam zu blenden, durch grellen Contrast von Licht, von Schatten und Farben, Fleck gegen Fleck gesetzt. Die Italienische Kunstsprache hat diese Manier treffend a macchie, d. i. fleckenweise malen, genannt. Wir fassen daher alle diejenigen, welche sich derselben bedient haben, unter dem Namen Macchianten zusammen. Der oben schon genannte Sebastian Conca von Gaeta¹) war des Fr. Solimena Schüler; ein langer Aufenthalt in Rom und die Concurrenz mit den besten Künstlern daselbst hatte jedoch seinen Geschmack besser gebildet und ihn etwas größern Ernst auf Zeichnung und Ausführung wenden gelehrt. Die Uebergänge vom Licht zum Schatten sind bey ihm sanfter, der Ton des Colorits minder ins Graue fallend, die Farben überhaupt fröhlicher. Willkührliche Anordnung und bunte Unruhe in seinen meisten Werken verrathen indessen die Schule.

1) Fr. Solimena st. 1747.

1) Seb. Conca st. 1764. D. Vaccaro lebte nach 1740. F. Muro st. …. G. Corrado st. 1765. J. Bapt. Piazetta st. 1755 im 72sten Jahre. J. Bapt. Tiepolo st. 1770. 77 Jahr alt.

Dominicus Vaccaro, Francisciello del Muro und Giaquinto Corrado waren die getreusten Nachahmer von Solimena, besonders gilt Francisciello in dieser Rücksicht für den Vornehmsten. Die Behandlung seiner Werke ist, im Ganzen, nur noch leichtsinniger, loser und dabey nicht so geistreich als Solimena’s. Bey ernsthaften Beschauern erregt er wirklich Unwillen und zuweilen, im eigentlichsten Sinn, schmerzhafte Empfindungen. Corrado ist bunt, unruhig, gehaltlos; aber eben nicht widerwärtig. Er hat viel in Fresko gearbeitet und von dieser Seite kennt ihn der Verfasser bloß. Wiewohl J. Bapt. Piazzetta und J. Bapt. Tiepolo, beide Venezianer und von ganz anderem Stamm als die Neapolitanischen Macchianten sind, so dürfen sie doch, als Geschmacksverwandte und auf gleichem Irrwege, denselben zur Seite stehen. Schwache Gedanken, fehlerhafte Zeichnung, Mangel an Ausdruck, Charakter und edlen Gestalten, der Zweck durch heftige Gegensätze Wirkung hervorzubringen, unzulängliches Wissen unter kecke Pinselstriche zu verbergen, sind ihnen allen gemeine Eigenschaften. Piazzetta unterscheidet sich nur durch mächtigere Schatten, welche ins Rothbraune fallen, Tiepolo wendet hingegen hellere Farben an und bedarf deswegen keiner gewaltsam dunklen Stellen. In beider Werken finden sich zuweilen noch Spuren von dem guten Colorit der ältern Venezianischen Schule.

Leicht würden sich noch viel mehrere Maler, sowohl aus Venedig als von Neapel anführen lassen, welche alle, unter sich wenig abweichend, in derselben tadelnswerthen Manier gearbeitet haben; allein wir wollten, unserm Vorsatz gemäß, bloß die Gattung anzeigen, wozu das Gesagte bereits hinreichend seyn mag.

Vom jüngern Brutus haben die Alten gesagt: „Er sey der letzte Römer gewesen,“ und jetzt pflegte man dasselbe Wort unter anderer Beziehung auch auf den C. Maratti anzuwenden. In der That war der Einfall treffend, weil nach des Maratti Tode kein Römer mehr, ja bald nachher auch nicht einmal ein Künstler von italischer Zunge, zu Rom den höchsten Ruhm in der Kunst genoß, sondern abwechselnd Ausländer verschiedener Nazionen, bis auf den noch lebenden Bildhauer Canova, welcher seinen Landsleuten erst neulich diese Ehre wiedergewonnen hat. Hieran war nicht der größere Flor oder eine lebhaftere Steigerung der bildenden Kunst in den verschiedenen Landen Schuld: denn die Niederländische Schule hatte ihre schönste Epoche schon zurückgelegt; auch in Frankreich lebten die bessern Künstler aus Ludwig des Großen Zeit nicht mehr; sondern Kunst und Geschmack hatten überhaupt eingebüßt, und waren auch bey den Italianern, durch die Verirrungen, welche so eben angezeigt worden, auf schlimme Abwege gerathen.

Der vorhergegangenen Bemerkung zu Folge war Peter Subleyras, 1) ein Franzose, ohngefähr um das Jahr 1740 zu dem Ansehen des besten Historien-Malers gelangt, so daß ihm ein Altargemälde für die Peterskirche zu verfertigen aufgetragen wurde. Es ist in Mosaik gesetzt und das Original wird seither in der Carthause, neben andern aus der Peterskirche dahin transportirten Bildern, aufbewahrt. Der Künstler stellte auf demselben eine Geschichte vom Kaiser Valens oder Theodosius dar, welcher, vom Wunder der Messe gerührt, ohnmächtig hinsinkt. Es ist ein Werk ohngefähr von dem Verdienst einer Arbeit des Carl Maratti; einige Massen der Gewänder sind vielleicht besser geworfen, andere im Ton zarter abgewechselt, als von jenem zu erwarten wäre, hingegen findet sich wohl im Ganzen nicht so viel Gemüthliches; auch würde Maratti die nackenden Theile eines dienenden Mannes, im Vordergrund, vermuthlich in besserm Style gezeichnet haben.

1) P. Subleyras geb. 1699 ging 1728 nach Rom st. das. 1749. S. Bombelli geb. 1635 lebte nach 1716. R. Carriera 1672 geb. st. 1751. C. F. Rusca um 1700 geb. st. 1769. Lucatelli soll 1741 zu Rom in Dürftigkeit gestorben seyn, man weiß von seinen Lebensumständen wenig. J. P. Pannini geb. 1691. Ant. Canal st. zu Venedig 1768. J. F. Blomen st. zu Rom 1748. 92. Jahr alt. J. F. Beich geb. 1665 st. 1748. Ch. Lud. Agrikola geb. 1667 st. 1719. A. Manglard im Anfang des Jahrh. geb. st. zu Rom 1762.

. . .


pp. 273–286

Achtzehntes Jahrhundert.


Zweyte Hälfte.

Erstes Viertel von 1750. bis 1775.


Malerey.
Geschichtliche Darstellungen.

Wenn wir bereits zu Ende des eben abgehandelten Zeitraums manches Symptom von abermaliger Wiederkehr eines besseren Geschmacks wahrgenommen haben, so läßt sich daraus auf ein allgemein gefühltes Bedürfniß desselben schließen; jedoch hätte das Gute und Rechte wohl erst nach langem Ringen die Herrschaft erhalten, weil man die Manieren, besonders der Meister des Plagiats, in den Schulen durchgängig angenommen hatte, wäre nicht eben jetzt Anton Raphael Mengs, 1) ein vortrefflicher, aber gegenwärtig von wenigen mehr nach Verdienst geschätzter Künstler aufgestanden, Talent, Ruhm, Werke und Lehren für die bessere Sache in die Schale legend. Es war ein bedeutender Vortheil für das, was er leisten und wirken sollte, daß er nicht in der Schule irgend eines zu jener Zeit in Ruf stehenden Malers gebildet ward, sondern unter Aufsicht eines strengen Vaters in völliger Absonderung gehalten und bloß angewiesen wurde, vornehmlich Raphaels Werke nebst den Antiken zu studiren, wodurch er, allem schädlichen Einfluß herrschender Irrthümer entzogen, ungehindert auf dem Wege fortwandelte, den ihm die besten Muster zeigten.

1) Mengs war zu Außig in Böhmen 1728. geb. und starb zu Rom 1778.

Nicht ohne Grund wird Mengs der Dürftigkeit in seinen Erfindungen beschuldigt; das Poetische derselben ist nicht selten gesucht, die Allegorien dunkel, und oft ringt er mit ungünstigen Gegenständen, überdieß gelang ihm auch die Ausführung der einzelnen Theile besser als die Uebereinstimmung des Ganzen. Zwar ließ er es an ernster Ueberlegung, an Aufwand von Fleiß und Mühe nicht fehlen, ja das Gepräge einer nie zu befriedigenden Sorgfalt in Anlage und Vollendung ist den meisten Werken unsers Künstlers sichtbarlich aufgedruckt, welches ihm denn auch als Fehler angerechnet worden ist; allein man wird sich den Mangel an freyer Leichtigkeit in der Behandlung leicht erklären, und auch geneigt seyn denselben zu vergeben, wenn gehörig erwogen wird, wie Mengs in Reden und Schriften überall eine hohe, gleichsam schwärmerische Idee von dem Ernst, von der Würde der Kunst geäußert, den höchsten, wünschenswerthesten Zweck derselben in die Schönheit der Formen gesetzt und rastlos bemüht gewesen ist diesen Zweck zu erreichen. Im Schönen der Form besteht denn auch eben sein größtes, sein ganz vorzügliches Verdienst, womit er unter den neuern Künstlern sich glänzend auszeichnet, weil vorher keiner diesen Theil eigentlich bezielt hatte. In Raphaels Werken finden sich zwar oft schöne Formen, aber die Schönheit war es nicht, was dieser Meister vorzüglich suchte, vermittelst des Bedeutenden, zart, wahrhaft Empfundenen und Dargestellten wollte er zum Verstand des Beschauers reden, zum Herzen dringen. Das Schöne war ebenfalls nicht die Absicht des Michel Angelo, sondern das Große und Gewaltige. Correggio strebte überall der Anmuth nach, Guido begnügte sich damit, leicht und zierlich zu seyn.

Weiter auszumachen, ob Mengs seiner übrigen Verdienste wegen, oder, wenn man will, überhaupt als Künstler mit den genannten Meistern verglichen werden könne, gehört nicht zu unserm gegenwärtigen Vorhaben; wir bestreiten auch diejenigen nicht, welche die allgemeine Anordnung seiner Bilder zuweilen tadeln; wir geben zu, die Köpfe seyen selten treffend charakteristisch, noch seltener von lebendigem, in hohem Grade geistreichem Ausdruck. Von jenem Geschmack in Gewändern und Nebensachen, den wir etwa den feinen und putzenden nennen möchten, besaß Mengs ebenfalls nur wenig, er behauptet aber demohngeachtet einen Platz unter den vornehmsten und belobtesten Künstlern neuerer Zeit, wegen des angeführten Vorzugs schöner Formen, und weil seine Bemühungen zur Einführung eines bessern Kunstgeschmacks nicht ohne gute Wirkung geblieben sind.

Kurze Bemerkungen über einige der bekanntesten Werke unsers Künstlers mögen unbefangene Leser mit seinem Kunstverdienst noch näher bekannt machen.

Die Dresdner Gallerie zeigt als Mengsische Jugendarbeiten verschiedene Bildnisse in Pastell, welche, hinsichtlich auf den wahrhaften Ton des Colorits und geistreiche Darstellung, auch einen vollendeten Meister ehren würden, und ein in Fresko gemaltes Deckenstück der Kirche St. Eusebio, welches er in einem Alter von nicht mehr als acht und zwanzig Jahren zu malen unternommen, mußte die Römer in Erstaunen setzen, indem sie lange kein öffentliches Werk von solchen Verdiensten hatten entstehen sehen. Es ist von äußerst frischen, warmen Farben, kräftig, in Haltung und Ton ein wahres Meisterstück, die Anordnung des Ganzen ist dem Gegenstande sowohl als dem Zweck des Bildes angemessen, und eine der glücklichsten, die wir von Mengs kennen.

An den guten Formen verschiedener Engel bemerkt man schon das Ringen und Streben desselben nach dem Schönen. Der Parnaß, ein anderes Deckenstück in Fresko, welches er einige Jahre später in der Villa Albani gemalt, zeigt, verglichen mit dem vorigen Werk, seine weitern Schritte gegen diesen Zweck; bey eben so frischblühendem Colorit sind die Formen weit sorgfältiger gewählt, in einigen Theilen dem Antiken nachgeahmt und sehr schön. Aber auf einer noch höhern, ja der höchsten Stufe, die seine Kunst erreicht hat, stehen die Malereyen am Gewölbe eines zur Vatikanischen Bibliothek gehörigen kleinen Zimmers, la Camera de’ papiri genant, welche Mengs um das Jahr 1772 verfertigte. Vor andern nehmen sich daselbst die vier Genien aus, die neben den Figuren Mosis und St. Petri stehen. Sie gelten für die besten Werke unsers Künstlers und sind, was man ohne unbillig zu seyn nicht abstreiten kann, die schönsten Gestalten aus der ganzen Schöpfung der neuern Kunst.

Mengs hat sich beynahe in allen Arten der Behandlung versucht, in Fresko, Oel, Pastell, Guazzo, Miniatur und in Schmelzfarben. Auch findet sich eine plastische Arbeit in Marmor von ihm. Er hat nämlich die Beine an einer kleinen schönen Venus, welche sein Biograph, der verstorbene Ritter Azara, besessen hat, restaurirt. Seine vorerwähnten Freskogemälde werden an Kraft und Frischheit des Colorits von wenigen übertroffen, und man muß sich in der That wundern, wie er eben in dem Deckenstück zu St. Eusebio alle Schwierigkeiten dieser Art zu malen schon so völlig beherrschen konnte. Den Amor in der Gallerie zu Dresden kann man als eine musterhafte Pastellmalerey betrachten. In den Oelgemälden ist unser Künstler nicht immer sich selbst gleich geblieben; einige derselben sind etwas grau und frostig gerathen, andere grünlicht in den Schatten, aber dabey klar und kräftig. Die besten sind diejenigen, bey welchen er die großen Meister der Venezianischen Schule zum Muster nahm; sie haben wenig Schatten und vortrefflichen warmen Ton. Das Bildniß des Papstes Rezzonico ist von dieser Art und eins der trefflichsten Werke seines Pinsels. In der eben angeführten Camera de’ papiri der Vatikanischen Bibliothek ist, wie Azara bemerkt, der Apostel Petrus in Guazzo gemalt, sehr kräftig und vollkommen mit den Freskogemälden daselbst übereinstimmend. Zu Dresden zeigt man eine Halbfigur der M. Magdalena in Miniatur, schwach im Ton, aber rücksichtlich auf schöne Form höchst schätzbar, und selbst im Ausdruck wohlgelungen. Seinem Vater hat Mengs bey verschiedenen Schmelzmalereyen geholfen. Die Zeichnungen unsers Künstlers sind meistens, wie der Charakter seiner Kunst es nicht anders erwarten läßt, ausführlich, sehr selten getuscht, gewöhnlich mit schwarzer und weißer Kreide gezeichnet, zuweilen auch mit rother; desgleichen findet man einige, wo er mehrere Arten Kreide zugleich angewendet hat. Ihm wird auch die Erfindung der zarten, gefälligen Weise mit Sepia zu zeichnen beygelegt, von welcher wir künftig zu sprechen Gelegenheit haben werden. Doch ist uns nie eine Arbeit dieser Art von seiner eigenen Hand zu Gesicht gekommen.

Als Lehrer empfahl unser Künstler seinen Schülern vor allem Erwerbung von Fertigkeit des Auges und der Hand. Er hielt es für Anfänger nützlich, geometrische Figuren zu zeichnen. Mit denen die schon weiter gekommen waren, ließ er sich selten über höhere Theorien der Kunst, oder auf Entwickelungen allgemeiner Grundsätze, welche den Künstler leiten sollen, ein, sondern berichtigte in ihren Arbeiten meistens bloß die begangenen Fehler gegen Anatomie, Verhältnisse, Charakter des Contours; er blieb auf diese Weise gewöhnlich innerhalb der Gränzen des Technischen und pflegte verschiedentlich zu äußern, die Erfindung hänge allein von einer gewissen Inspinazion, einem zarten Gefühl und der Empfindung des Rechten und Guten ab.

Diese Aeußerung von dem denkendsten Künstler seiner Zeit mag freylich über Erwarten schwankend und unbestimmt scheinen; allein sie ist, in geschichtlicher Hinsicht, bedeutend, indem sie die dunkle Unsicherheit der damals allgemein gangbaren Begriffe von dem wichtigsten Theile der Kunst bestätigt.

Weit bündiger, aus den Tiefen bewährter Erfahrungen geschöpft, waren hingegen Mengsens Aussprüche, wenn sie auf das Praktische Bezug hatten. Einer vor andern geht jetzt noch als allgemeine Kunstregel von Mund zu Munde. Er sagte nämlich: beym Zeichnen soll man immer ans Malen, beym Malen ans Zeichnen denken. In der That ein großes, wahres Wort.

Man wird nun fragen, woher es komme, daß der Mengsischen Schule wohl nicht ganz ohne Grund der Vorwurf gemacht worden sey, nur wenig geschickte und keinen einzigen sich besonders auszeichnenden Künstler gezogen zu haben, da doch eine solche Lehrmethode wenigstens dem praktischen Theile der Kunst günstig zu seyn scheine? Die Antwort ist leicht; Mengs hielt keine eigentliche Schule, wo die Schüler unter des Meisters Aufsicht zum Theil mit an seinen eigenen Werken arbeiteten, wie solches in frühern Zeiten gebräuchlich war; sondern wer sich seinen Schüler nannte, hatte freyen Zutritt bey ihm, um seine Arbeit vorzuzeigen, woran er dann, auf oben erwähnte Weise, die Fehler zeigte und verbesserte. Wie redlich aber auch Mengsens Absichten bey Ertheilung seines Unterrichts seyn mochten, so wurde die mögliche Wirkung davon durch seine allzu strengen Forderungen an Geschick und Kunstfertigkeit der Schüler wieder gehemmt, ja meistens gar aufgehoben. Vermuthlich rührte diese Strenge theils von seiner Erziehung, theils von dem hohen Begriff her, den er von der Vollkommenheit der Kunst in Hinsicht auf Formen gefaßt hatte. Ernste strebende Naturen verzweifelten, daß sie die unendlichen Schwierigkeiten würden überwinden können; an andern, die ein bloß zum Praktischen sich neigendes Talent hatten, wie Knoller, 1) Guibal, 2) Unterberger, gleitete das Ernsteste ab, sie überließen sich ihrer Natur, und man erkennt Mengs Schule in ihren Werken nicht aus der wohlverstandenen Zeichnung schöner gewogener Formen, sondern bloß an hellen, muntern Farben und herrschendem guten Ton im Allgemeinen.

1) Knoller war ein Tyroler; er arbeitete viel und mit Beyfall in Mayland.

2) Guibal war Hofmaler des Herzogs von Wirtenberg.

Der hohe Begriff von möglicher Vollkommenheit schöner Formen, der Glaube, daß die verlornen großen Meisterwerke der Griechen die strengsten Forderungen müßten befriedigt haben, bestimmten unsren Künstler zu einem unbezwinglichen Mißtrauen gegen die Originalität der vornehmsten, noch übriggebliebenen antiken Kunstwerke. Er, der, wie gezeigt worden, in die Schönheit der Formen das höchste Ziel der Kunst setzte, hatte wohl ein scheinbares Recht, auch die kleinsten Schatten von Unvollkommenheit an einzelnen Theilen der Gestalten hoch anzuschlagen. Weil sich aber darthun läßt, daß die schönen Formen noch nicht Hauptzweck der griechischen Kunst waren, sondern sie sich nur aus dem Geist derselben entwickelten, als nothwendiges Mittel zum Ausdruck schöner Gedanken; so hat man völlig zureichenden Grund, eine jede Antike, wo die Ausführung im Ganzen mit dem in der Erfindung herrschenden Geist nicht im Widerspruche steht, unter Bedingungen für ein Original-Werk zu halten, und sich in diesem Glauben weder durch die ungleich großen Füße des Apollo, noch durch das kürzere Bein des einen Sohnes an der Gruppe des Laokoon rc. irre machen zu lassen.

Ernst und Strenge hingen Mengsen nicht nur bey der Ausübung seiner Kunst, sondern auch im Leben an; über Welt und Verhältnisse durch seine Talente sich erhaben fühlend, ließ er, bey einem sonst lautern edeln Gemüth, sich nicht selten von Launen beherrschen, war herb, eigensinnig, floh die Gesellschaft und lebte bloß für die Kunst, mit übermäßigem Fleiß und Anstrengung arbeitend, völlig sorglos über seine, fast immer zerrütteten, ökonomischen Umstände.

An Ruhm und Kunst kam Pompejus Battoni 1) unserm Landsmann am nächsten. Wiewohl beträchtlich älter an Jahren, hatte derselbe doch nicht eher sich vorzüglichen Ruhm erwerben können. Seine Werke erinnern noch sehr an die Zeit und Schule des C. Marratti, deren Vorschriften gemäß er studirt hatte; auch ihn nöthigte die von Mengs eingeführte größere Aufmerksamkeit auf schöne Formen zur sorgfältigern Wahl derselben. Daher findet man, zum wenigsten in denjenigen Werken, worauf Battoni’s Ansehen sich vornehmlich gründet, manches Lobenswerthe dieser Art. Es scheint indessen allemal mehr von wohlgestalter Natur veranlaßt, als im Geist der Antike gedacht oder derselben nachgeahmt. Er besaß Lebhaftigkeit und Wärme des Colorits; aber Harmonie der Farben, die angenehme Wirkung und Ton des Ganzen gelangen ihm gewöhnlich nicht; dagegen muß man einzelne, vortrefflich und mit äußerster Sorgfalt ausgeführte Theile, welche hier und da in seinen Werken vorkommen, billig bewundern, zuweilen auch geistreiche Köpfe, von kräftigem, wahrhaftem Ausdruck; überdem besaß er noch ein natürliches Talent zum Gefälligen und Naiven, weßwegen ihm jugendliche weibliche Figuren oft reizend gelungen sind.

1) Battoni war aus Lucca gebürtig, und ist zu Rom im Anfange der Jahre neunzig, nachdem er mehr als 80 Jahre alt geworden war, gestorben.

Unter diesen zeichnet sich die M. Magdalena in der Gallerie zu Dresden besonders aus. Sie hat zierliche Formen, anmuthige Züge, man kann dem Werk leicht ansehen, daß der Meister solches, wenig von der Wahrheit abweichend, einer jungen hübschen Römerinn nachgebildet hat; mit der Reue scheint es ihr kaum halber Ernst, und sie thut nur büßertig, um desto reizender zu erscheinen. Die Farben sind frisch, auch gebricht es ihnen weniger an Kraft als an Uebereinstimmung des Tons. Die gute Wirkung in diesem Bilde ist den gesammelten hellen Localfarben zuzuschreiben.

Ein anderes Bild, so uns werth scheint unter Battoni’s beste Arbeiten gezählt zu werden, befindet sich in den obern Zimmern der Villa Borghese und besteht aus drey Figuren. Die Stadt und Republik Marino, in Gestalt einer jugendlichen weiblichen Figur, liegt in flehender Stellung zu den Füßen eines Cardinals; darneben steht ein Jüngling, der wegen seines schönen Kopfs gefällt. Fast eben so viel Lob verdient auch der Cardinal; weniger das Mädchen, welches nicht zu den gelungenen Figuren unsers Künstlers gehört. Das Colorit dieses Gemäldes ist im Ganzen heiter, ein wenig unruhig; buntes Spiel nicht mit einander harmonierender Farben.

Battoni hat auch die Ehre genossen, ein Bild für die Peterskirche zu malen, welches aber nie in Mosaik gesetzt worden ist. Es stellt die Geschichte von Simon dem Zauberer vor, und hängt gegenwärtig in der Carthause. Ein reich angefülltes Werk, worin einzelne Theile sehr wohl gezeichnet und vortrefflich ausgeführt sind. Vornehmlich zieht ein junges Weib, ihr Kind im Arme, sitzend, mit großgefaltetem rothem Gewande, das Auge auf sich. Diese Figur ist vor allen andern von gefälliger, edler Wahrheit in Form und Ausdruck. Fast ganz im Halblicht gehalten, macht sie, für sich betrachtet, auch eine sehr angenehme Wirkung.

Der nachher so berühmt gewordene Engländer Josua Reynolds, 1) war zwischen 1750 und 1752 in Rom. Wir bemerken ihn hier vornehmlich deßwegen, weil er einer der Ersten gewesen, die, Mengs zuwider, welcher nächst den Antiken Raphaels Werke für die edelsten Muster in der Kunst erkannte, den Michel Angelo vorzog. Diese Lehre fand, wahrscheinlich weil sie neu schien, bald Anhänger, besonders unter den Engländern, und erweckte die veraltete unnütze Streitfrage wieder, welcher von den erwähnten zwey großen Männern der preiswürdigste gewesen sey.

1) Reynolds wurde zu Plymton 1723. geb. und starb 1792.

Reynolds hat in Italien kein Werk von Bedeutung hinterlassen. Das Wenige, was man von ihm sieht, weicht durchgängig von des Michel Angelo gründlichem Wissen und großem Geschmack in den Formen so sehr ab, daß man keinen Lobredner desselben in dem Verfasser solcher Werke ahnden würde. Ihre Verdienste bestehen hingegen in der wirkungsvollen Beleuchtung, im kecken Pinsel und einem sehr kräftigen glänzenden Colorit.

Gavinus Hamilton, 1) ein anderer englischer Maler, wurde der Kunst nützlicher, und verdient unser dankbares Andenken darum, daß er das Mangelhafte, Beschränkende der sonst gewöhnlich dargestellten historischen, allegorischen, oder aus der christlichen Mythe geschöpften Gegenstände eingesehen, und sich dafür vornehmlich an die Homerischen Dichtungen gehalten hat. Er bearbeitete eine ganze Folge von Erzählungen aus der Ilias, und hat überhaupt selten andern als griechischen Stoff für seine Gemälde gewählt. Ob er übrigens immer die am besten für die Darstellung geeigneten Gegenstände ausgefunden, ist hier nicht der Ort zu untersuchen. Es war damals erstlich nur darum zu thun, der Kunst von dieser Seite eine bessere Richtung zu geben, und durch Hamiltons Bemühungen öfnete sich derselben gleichsam eine neue schönere Welt; die Forderung des Poetischen wurde mehr rege.

1) Hamilton mochte mit Mengs ohngefähr in gleichem Alter seyn, und ist nur erst vor einigen Jahren in Rom gestorben.

Hamiltons Werke kritisch betrachtet und mit den Mengsischen verglichen, stehen in den Theilen, welche zum Technischen gerechnet werden können, meistens zurück. Zeichnung und Formen sind gut, doch nicht von solcher Reinheit und Schönheit, wie wir an Mengsens Werken gelobt, das Colorit hat ebenfalls weniger Glüthe, weniger Schmelz und Kraft; es fällt zuweilen gar etwas schmutzig und hefenartig aus. Der Pinsel ist zwar überhaupt freyer, doch führt ihn Mengs mit größerer Kunst und endigt seine Werke in allen Theilen besser; Hamilton hat dagegen mehr Gewandtheit im Gebrauch der Motive und ordnet gefälliger an. Seine Hebe kann in dieser Rücksicht als ganz vorzüglich angeführt werden.

. . .