Zedler – Longolius 1737/XVI

Johann Heinrich Zedler – Paul Daniel Longolius (edd.), Grosses vollständiges Universal-Lexicon aller Wissenschafften und Künste, Welche bißhero durch menschlichen Verstand und Witz erfunden und verbessert worden… XVI (La–Le), Halle – Leipzig [Johann Heinrich Zedler] 1737.


col. 1587–1588

Leim

Leim, Glutinum. Gluten, Colla, Colla taurina, (welches eigentlich der Leim ist, so von Ochsen-Knorpeln und Sennen bereitet wird.) Französisch Colle forte, Colle de Taureau, heisset diejenige klebrige Materie, womit man Holz, Papir, Pergament, Leder und dergleichen so fest an einander fügen oder kleben kann, daß es zusammen halten muß, und nicht leichtlich ohne Gewalt und Schaden wieder getrennet werden kann. Der gemeine Leim, wie solchen die Tischer, Zimmer-Leute und andere Handwercker brauchen, wird von denen Ochsen-Füssen und Häuten, Schaff-Füssen und Abgängen der Schaff-Felle &c. gemacht, welche man eine Zeitlang erstlich in Wasser weichen, hernach so lange, bis die Materie flüssig wird, kochen lassen muß. Hierauf wird solche durch ein grobes dickes Tuch auf einen platten Stein getrieben, allwo man es gestehen und wieder dicke werden lässet, da man es denn nach Belieben in länglichte Stücken schneiden und endlich zum trocknen auf die Netze legen kann. Von denen Abschnitten und Abgängen von Handschuh, Leder und Pergament, wenn solche in Wasser eingeweichet und zur Gnüge gekochet, auch mit etwas Gummi versetzet werden, lässet sich auch ein guter Leim bereiten, welchen die Vergolder, Buch-Binder und Futteralmacher wohl gebrauchen können. Ins gemein pfleget man dergleichen auch Buchbinder- oder Mund-Leim zu nennen, weil er nur mit Berührung derer nassen Lippen kann angefeuchtet werden; wie wohl zu diesem eigentlich nur die reinlichsten Abgänge vom Pergament, Haus-Blasen und etwas Zuckerfant genommen werden, welcher Leim, wenn er auch noch so alt geworden, nie Mahls, wie aller anderer, einen üblen Geruch bekommen kann. Der Kleister ist auch eine Art von Leime, und wird aus Mehl, Stärcke und Wasser gekocht. Die Haus-Blase giebt auch einen guten Leim, und wird dahero Fisch-Leim genennet, wovon an seinem Orte Tom. IX. p. 1029. Aus süssem Quarck, das ist, aus derjenigen Materie, daraus man Käse machet, ehe sie noch gesaltzen wird, und ungelöschtem Kalck, kann man einen uneigentlich also genannten Leim machen, welcher stärcker und besser, als der ordentliche Tischer-Leim in Zusammenhaltung des Holtz-Werckes befunden wird. Von dem Vogel-Leim, welcher aus denen Mistel-Beeren, oder abgeschälten Rinden von Stech-Palmen gekochet, und kleine Vögel, auch allerhand flügendes Ungeziefer damit zu fangen gebrauchet wird, soll an behörigem Orte Erwähnung geschehen. Man soll demjenigen Leim erwählen, welcher sauber, trocken, klar und durchsichtig, sein gleich und dichte, braunroth und nicht voll Sand ist, auch nicht gar zu übel rüchet, wenn er zerlassen worden. Er wird von denen Hutmachern und vielen andern Handwercks-Leuten mehr gebrauchet. Er führet viel Oel und etwas weniges flüchtiges Saltz. Er zeitiget, erweichet und zertheilet, wann er zerlassen und dann aufgelegget wird. Man könnte ihn auch unter die Pflaster nehmen, gleichwie den Fisch-Leim oder die Haus-Blase; allein er ist bishero gar nicht bey der Artzney gebrauchet worden, vielleicht weil er gar zu gemein ist. Er ist gut zur Krätze und allem Jucken der Haut, wenn er in Essig zerlassen wird. Glutinum oder Gluten kommt von γλια, das heisset auch Leim. Colla kommt vom Griechischen κολλα, das heisset auch Leim.