Goethe 1788
[Johann Wolfgang Goethe], Auszüge aus einem Reise-Journal, in: Christoph Martin Wieland (ed.), Der Theutsche Merkur October 1788, Weimar 1788, pp. 32–49.
III.
Auszüge
aus
einem Reise-Journal.
. . .
pp. 43–45
Material der bildenden Kunst.
Kein Kunstwerk ist unbedingt, wenn es auch der größte und geübteste Künstler verfertigt: er mag sich noch so sehr zum Herrn der Materie machen, in welcher er arbeitet, so kann er doch ihre Natur nicht verändern. Er kann also nur in einem gewissen Sinne und unter einer gewissen Bedingung das hervorbringen, was er im Sinne hat, und es wird derjenige Künstler in seiner Art immer der trefflichste seyn, dessen Erfindungs- und Einbildungskraft sich gleichsam unmittelbar mit der Materie verbindet in welcher er zu arbeiten hat. Dieses ist einer der großen Vorzüge der alten Kunst; und wie Menschen nur dann klug und glücklich genannt werden können, wenn sie in der Beschränkung ihrer Natur und Umstände mit der möglichsten Freyheit leben: so verdienen auch jene Künstler unsere große Verehrung, welche nicht mehr machen wollten, als die Materie ihnen erlaubte, und doch eben dadurch so viel machten, daß wir mit einer angestrengten und ausgebildeten Geisteskraft ihr Verdienst kaum zu erkennen vermögen.
Wir wollen gelegentlich Beyspiele anführen, wie die Menschen durch das Material zur Kunst geführt und in ihr selbst weiter geleitet worden sind. Für diesmal ein sehr einfaches.
Es scheint mir sehr wahrscheinlich daß die Egyptier zu der Aufrichtung so vieler Obelisken durch die Form des Granits selbst sind gebracht worden. Ich habe bey einem sehr genauen Studio der sehr mannigfaltigen Formen, in welchen der Granit sich findet, eine meist allgemeine Uebereinstimmung bemerkt: daß die Paralleliperden, in welchen man ihn antrift, öfters wieder Diagonal getheilt sind, wodurch sogleich zwey rohe Obelisken entstehen. Wahrscheinlich kommt diese Naturerscheinung in Ober-Egypten, im Syenitischen Gebürge, colossalisch vor, und wie man, eine merkwürdige Stätte zu bezeichnen, irgend einen ansehnlichen Stein aufrichtete, so hat man dort zu öffentlichen Monumenten die größten, vielleicht selbst in dortigen Gebürgen seltenen, Granit-Keile abgesucht und hervorgezogen. Es gehörte noch immer Arbeit genug dazu, um ihnen eine regelmässige Form zu geben, die Hieroglyphen mit solcher Sorgfalt hinein zu arbeiten, und das Ganze zu glätten; aber doch nicht soviel, als wenn die ganze Gestalt, ohne einigen Anlaß der Natur, aus einer ungeheuern Felsmasse hätte heraus gehauen werden sollen.
Ich will nicht zur Befestigung meines Arguments die Art angeben, wie die Hieroglyphen eingegraben sind; daß nemlich erst eine Vertiefung in den Stein gehauen ist, in welcher die Figur dann erst erhaben steht. Man könnte dieses noch aus einigen andern Ursachen erklären; ich könnte es aber auch für mich anführen und behaupten: daß man die meisten Seiten der Steine schon so ziemlich eben gefunden, dergestalt daß es viel vortheilhafter gewesen, die Figuren gleichsam zu incassiren, als solche erhaben vorzustellen, und die ganze Oberfläche des Steins um soviel zu vertiefen.
