Meyer 1799

[Johann Heinrich Meyer], Ueber Restauration von Kunstwerken, in: Johann Wolfgang Goethe (ed.), Propyläen. Eine periodische Schrift herausgegeben von Goethe II/1, Tübingen [J. G. Cotta’sche Buchhandlung] 1799, pp. 92–123.


pp. 92–94

LV.
Ueber Restauration von Kunstwerken.

Mancherley Umstände welche von der Zeit, der Unwissenheit, von barbarischer Geringschätzung und Zerstörungssucht herbey geleitet worden, haben immerfort zum Verderben der Kunstwerke gearbeitet. Die Liebe zur Kunst hingegen, der Begriff von dem Werthe, von der Kostbarkeit solcher Monumente, verbunden mit der Liebe zur Pracht, sind bemüht sie zu erhalten, das schadhafte auszubessern und das alte wieder aufzufrischen. Doch ist dieses Bemühen, ohngeachtet der bessern Absicht, oft schädlich geworden und man mag ohne Bedenken behaupten daß durch Restauration eine Menge trefflicher Kunstwerke aller Art zum Untergange befördert worden. Deswegen werden die besten Kenner der Kunst z. B. ein Gemälde allemal höher schätzen wenn solches noch unberührt, oder, nach der Italianischen naiven Art sich auszudrükken, Vergine ist, und werden sogar lieber eine sichtbare Beschädigung, woran die Zeit oder der Zufall Schuld hat übersehen, als wenn solches ausgeputzt und gefirnißt erscheint, dabey aber Spuren von ehemals schadhaft gewesenen und nun ausgebesserten Stellen zeigt. Eben so ist es auch mit den Werken der Bildhauerey, wo ein antiker Torso, so verstümmelt er ist, mehr befriedigt und reiner genossen wird als eine fehlerhaft ergänzte Statue.

Wer indessen hieraus nun schließen wollte daß gar alle Art der Restauration unzulässig und verderblich sey, würde zu weit gehen, denn manches vortreffliche Gemälde welches dem Untergang nahe war ist durch geschickte Behandlung ausgebessert, noch auf lange Zeit erhalten worden, andere, die ganz verdunkelt gewesen, hat man zu reinigen gewußt und dadurch zur heitern fröhlichen Anschauung zurück gebracht. Desgleichen geben wir auch die Möglichkeit zu, antike Bildhauerwerke richtig zu ergänzen und dadurch ihre Wirkung und ihren Genuß zu erhöhen, allein es ist immer ein äußerst schweres Unternehmen, zumal wenn wichtige Theile fehlen. Tiefe Kunstkenntniß, Vorsicht und Mäßigung sind bey dem Restaurationsgeschäft überhaupt, es werde nun an Gemälden oder an Statuen geübt, dringende Erfordernisse, und man kann als Regel annehmen daß es schwer ist zu wenig zu thun, da hingegen durch zu viel schon oft Schaden angerichtet worden. Aus diesem Gesichtspunkt sind die gegenwärtigen Betrachtungen über Restauration von Kunstwerken angestellt die wir unsern Lesern vorlegen, den entstehenden Nutzen und Schaden in Verfolg der Abhandlung etwas näher untersuchen und das practische Verfahren, in sofern der Verfasser desselben kundig ist, angeben wollen.

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pp. 105–123

Restauration von Werken der Malerey.

Da die Gemälde ihrer Natur nach weniger Widerstand leisten können als die Statuen, so sind auch die Ursachen ihres Verderbens weit mannigfaltiger. In den Kirchen leiden sie oft von der Feuchtigkeit, sie werden von Schmutz, Staub und Rauch verdunkelt, oft werden sie auch von den gar zu nahe stehenden Kerzen auf den Altären beschädigt. In den Gallerien werden sie nicht selten durch unvorsichtiges Waschen, durch den Ueberzug schädlicher Firnisse zu Grunde gerichtet. Die hölzernen Tafeln spalten sich und werden von Würmern zerfressen. Vom Kupfer springen die Farben gerne ab.

Die Leinwand zerreißt leicht und geringe Stöße lassen Beulen in derselben zurück. Von den Mauren endlich löst sich der Anwurf und fällt in Stücken ab.

Die Mosaik ist ohnstreitig von aller Art der Malerey die dauerhafteste, demohngeachtet nimmt sie doch oft von der Feuchtigkeit Schaden. So fest und bindend der Kitt auch ist welcher die Stifte zusammen hält, so giebt er doch endlich nach, und wird aufgelöst. An verschiedenen großen mosaischen Werken (*) die in diesem Zustande waren hat man die lockern Stellen wieder frisch nachgesetzt und sie auf diese einfache Weise ausgebessert.

(*) Wie z. B. die alten Mosaiken in der St. Markuskirche zu Venedig, die im Battisterium zu Florenz u. a. m.

Indem man in Ruinen alter Gebäude viele Fußboden von Mosaik gefunden, die man gerne weggenommen und anders wohin versetzt hätte, so wurden dieselben in dieser Absicht zuerst mit Gips übergossen, stückweise aufgenommen und, nachdem ein frisches Bindungsmittel darunter gebracht war, an dem für sie bestimmten Ort wieder zusammen gesetzt. Diese Operation ist mit allen mosaischen Fußboden im clementinischen Musäum vorgenommen worden und überall vortrefflich gelungen.

Beschädigte Freskomalereyen können am besten mit Leimfarben, oder mit den Italianern zu sprechen a tempera, ausgebessert werden, die man bekanntlich auch schon zum Retouchiren dieser Art von Malerey braucht (*), weil sich die mit Kalk gemischten Freskofarben auf trocknem Grund nicht anwenden lassen. An Gewölben, wodurch betasten kein Schaden entstehen kann, hat man auch schon Pastellfarben zum Ausbessern gebraucht, wie in der Farnesina durch Carl Maratti geschehen seyn soll, eben daselbst wurden die lockern Stellen des Anwurfs mit kupfernen Nägeln wieder befestigt und so ist man auch mit dem Gemälde vom Heliodor im Vatikan verfahren, wo in der Gruppe von dem Reuter und den herbey schwebenden Jünglingen beträchtlich große Stücke abzufallen drohten.

(*) Der Maler Bottani, ehemaliger Director der Academie zu Mantua, hat auf solche Weise die berühmten Malereyen des Julius Romanus im Pallaste dell. T. mit gutem Erfolg wieder genießbar gemacht. Wir gedenken in einem der folgenden Stücke der Propyläen unsere Leser mit einer Nachricht von diesen Meisterwerken zu unterhalten.

Um solche Gemälde vom Staub zu befreyen werden sie mit Brotkrumen gerieben, der festklebende Schmutz und die Unreinigkeit geht durch sorgfältiges Waschen mit dem sogenannten griechischen Weine ab, welches ein sehr schwacher Weingeist, oder eigentlich der einmal übergezogene Wein ist. Allein dieses Waschen nimmt schon alle Retouchen mit, welche wie oben gedacht bey Freskogemälden mit Leimfarbe gemacht werden und ist also nicht rathsam, ausgenommen bey Bildern die entweder ganz ungenießbar geworden, oder wo man versichert ist daß der Meister alles im Nassen vollendet hat.

Bilder von Leimfarben können am leichtesten ausgebessert werden weil ebendasselbe Material womit sie gefertigt sind immer wieder dazu anwendbar ist. Dieselben sind hingegen wenn sie schmutzig geworden schwer zu reinigen, und es giebt, so viel wir wissen, kein anderes Mittel als, wie vorhin gedacht, den Staub mit Brotkrumen abzureiben.

Seit nicht gar langer Zeit hat man versucht Bilder in Leimfarbe, zu besserer Erhaltung derselben, nachdem ihnen Eyweiß gegeben ist, mit dem gewöhnlichen Firniß aus Mastix und Terpentinöhl bereitet zu überziehen, wodurch sie Glanz und überhaupt den Character von Oehlgemälden bekommen. Die Retouchen können allenfalls mit Farben die mit eben diesem Firniß angerieben worden gemacht werden, man kann hernach auch die gewöhnlichen Lasurfarben darauf anwenden und sie überhaupt wie Oehlgemälde behandeln.

Miniatur- und Pastellgemälde erfordern zur Ausbesserung keine eigenen Kunstgriffe, sondern werden mit eben den Farben und auf eben die Weise behandelt wie sie anfänglich gemalt worden. Man hat sich sonst viele Mühe gegeben eine Methode zur Fixation der Pastellgemälde ausfindig zu machen und die Versuche sollen befriedigend ausgefallen seyn; jedoch läßt sich in der That nicht absehen daß von diesem Kunststücke auch wirklich ein wesentlicher Vortheil zu erwarten sey. Denn das Glas ist einem Pastellgemälde durchaus nothwendig, weil es die Stelle der Firnisse vertritt, und besonders den Schattenparthien Kraft und Wahrheit giebt, welche ohne dasselbe trocken erscheinen würden und wenn, aus diesem Grunde, das Glas nicht wegzulassen ist, so gilt es gleichviel, ob die Farben fest sitzen oder nicht. Die Pastellmalerey hat überdem keine wesentlichen Vorzüge vor andern Arten, vielleicht ist die Behandlung leichter, aber dieses ist kein Grund warum wir sie höher schätzen oder auf Kosten von jenen in Aufnahme bringen sollten, dadurch daß ihr eben solche Dauer und Festigkeit verschafft würde. Es ist auch nicht der Fall daß irgend eine Eigenschaft der nachzuahmenden Gegenstände besser oder wahrhafter durch sie ausgedrückt werden könnte, als es in Oehl, Fresko oder selbst mit Wasserfarben geschieht. Ueberdies haben die Striche mit dem Pinsel ungleich mehr Mannigfaltigkeit, Reiz, Zierlichkeit und Genauigkeit als möglicher Weise die Striche mit Kreide haben können.

Wir kommen jetzt auf die Oehlmalerey, welche an Saft und Glanz der Farben, an Schmelz und Weichigkeit und Kraft alle andern Arten übertrifft, sie verträgt das Waschen und es können die größten Bilder, auf Leinwand gemalt, leicht transportirt werden. Wegen aller dieser Vorzüge wird sie am meisten geschätzt und geübt. Dagegen hat sie aber auch die nachtheilige Eigenschaft an sich daß besonders die saftigen Schattenfarben nachdunkeln und wo sie reichlich gebraucht sind ganz verdüstern. Dieses ist beynahe der gewöhnlichste Fall welcher die Reparatur nothwendig macht. Es begiebt sich ferner zuweilen daß, besonders bey alten Bildern, welche auf Holz gemalt sind, die Breter reissen, oder die Farben, durch den Wechsel von feucht und trocken, sich nach und nach von dem Kreidegrund, dessen man sich besonders in der schönsten Zeit der neuern Kunst bediente, abheben und zusammen rollen. Oft sind die Bilder von schädlichen Firnissen ganz schmutzig und dunkel geworden, oft haben ungeschickte Menschen wegen kleiner Beschädigung einen breiten Fleck übermalt und man hat Beyspiele wo das Uebermalen mehrere male wiederholt ist.

Das Register der mancherley Arten von Beschädigungen würde ohne große Mühe noch ansehnlich vermehrt werden können, allein die Liebhaber und Kenner der Kunst werden sich die Fälle entweder selbst hinzu denken, oder es wird ihrer bey der folgenden Angabe der Mittel und des Verfahrens beym Ausbesserungsgeschäft gedacht werden.

Das erste was mit einem beschädigten Oehlgemälde, wenn es auf Leinwand gemalt ist, vorgenommen wird ist die Untersuchung des Zustandes der Leinwand selbst. Wenn beträchtliche Risse darinnen sind, oder Ungleichheiten welche durch Stöße entstanden, oder wenn sie durch Alter und Staub morsch geworden, oder die Farben des Gemäldes an einigen Stellen abzubröckeln anfangen; so ist es wohl gethan eine frische Leinwand unter zu ziehen. Zu diesem Ende wird das alte Bild von seinem Rahmen genommen, auf einer glatten Tafel ausgebreitet, vom Staube gereinigt, nachher mit einem Kleister, welcher aus zwey Drittheilen Waizenmehl, einem Drittheil Leim und einem Zusatz von Terpentin bereitet ist, überstrichen und wenn es etwas erweicht ist nöthigenfalls noch einmal, damit der Kleister überall fasse und keine Blasen entstehen. Alsdann wird die neue Leinwand aufgelegt und das Werk, auf der Rückseite, mit einem marmornen Läufer, wie er zum Farbenreiben gebraucht wird, sorgfältig übergangen und auf allen Punkten fest angedrückt. Der Blindrahmen darf mit Keilen versehen seyn um, wenn es nöthig wäre, etwas auseinander getrieben werden zu können.

Ist nun das auf frische Leinwand gezogene Bild trocken, so wäscht man solches mit lauem Wasser sauber ab, und bereitet aus Kreide, die mit gekochtem Oehl (dem sogenannten Oehlfirniß, oder trocken Oehl) so dick als möglich abgerieben ist, eine Masse, womit alle Lücken der beschädigten Theile der übrigen Fläche gleich ausgefüllt und somit ein frischer Grund für die neu zu malenden Theile gemacht wird. Im Verfolg giebt man dem Bilde nur den Mastixfirniß (*), mit welchem überhaupt viel bey der Restauration schadhafter Malereyen gethan wird. Dieser giebt nun den Farben ihr Fett und ihren Glanz wieder und hat die Eigenschaft alle Unreinigkeit an sich zu ziehen. Er löst sich nach Bedürfniß ganz oder zum Theil wieder auf, wenn man Flocken von Baumwolle, mit Lauge aus der Asche von Weintrestern, oder mit schwachem Weingeiste benetzt, und das Bild sachte damit reibt. Auf diese Weise, wenn man wiederholt Firniß giebt und denselben immer wieder abnimmt, kann das Gemälde so rein geputzt werden als man es für nothwendig befindet; unterdessen ist auch hier das Nicht zu viel eine goldne Regel, welche man nie vergessen darf, weil man leicht Schaden anrichten kann. Ein Gemälde ganz abscheuern heißt nicht dasselbe restauriren sondern verderben, und es ist allemal am sichersten die Patina, oder denjenigen Farbenton welchen ihm die Zeit gegeben hat, stehen zu lassen und blos zu versuchen die gedunkelten Schattenparthien wieder ein wenig zu erhellen. Auf diese Weise wird man am wenigsten Gefahr laufen der Harmonie der Bilder zu schaden und den eigenthümlichen Character ihrer Wirkung zu stören. Dieses gilt übrigens nur von Bildern welche noch nicht in schlechtem Zustande sind, sondern nur überhaupt in den Schatten dunkel geworden und in einzelnen beschädigten Stellen der Ausbesserung bedurfen. Wenn die Farben im Ganzen, auch im Licht wo der Auftrag gewöhnlich dick ist mangelhaft und so zerrissen sind daß viel punktirt werden muß, so wird man freylich weniger schonend verfahren können, die Harmonie des Ganzen wird fürs erste leiden und hernach wieder hergestellt werden müssen, wobey aber immer das beste vom Kunstwerke verlohren geht.

(*) Dieser Firniß ist oder sollte doch allen Künstlern und Kunstliebhabern wohl bekannt seyn weil er der brauchbarste und ohnschädlichste von allen ist. Denselben zuzubereiten darf man nur 1 Pfund Terpentinöhl, oder, wenn man es habhaft werden kann, Aqua di Ragia [!] von Venedig und ½ Pfund reine Mastixthränen in eine Flasche thun und solche an die Sonne, oder auf den warmen Ofen setzen und oft schütteln. Wenn sich der Mastix aufgelöst und das Unreine niedergefallen so ist der Firniß zum Gebrauche fertig.

Zum Ersatz der mangelnden Farben die, nach dem technologischen Ausdruck, Körper haben, d. i. gebraucht werden eine größere oder kleinere Lücke in dem schadhaften Bilde auszufüllen, nehmen Einige alte zähe Farben die schon einige Zeit auf der Palette gelegen, weil sie sich weniger als die frischen ändern sollen und also das Ausgebesserte dem Alten ähnlicher bleibt; sie verdünnen solche mit Terpentinöhl, um sie zum Gebrauch tauglich zu machen. Andere reiben die trockenen Farben gar nur mit dem oben gedachten Mastixfirniß an, und setzen beym Gebrauch immerfort so viel als nöthig ist Terpentinöhl hinzu. Solchergestalt werden sie sich wahrscheinlicher weise noch weniger verändern, sind aber auch noch um so viel schwerer zu behandeln. Die saftigen, durchscheinenden, oder sogenannten Lasurfarben, deren man sich bedient und welche blos zum Tongeben bestimmt sind, werden eben so wie gewöhnlich bereitet und gebraucht. Asphalt thut vorzüglich gute Dienste weil er sich zu keiner Farbe sehr entschieden hinneigt, sondern nur dämpft; ist aber mit Vorsicht zu bereiten und zu gebrauchen (*). Die Mumie wäre auch gut, fällt aber schon entschiedener in’s braune. Hiernächst können Ultramarin, die feinen Lacke, das dunkle Schüttgelb und die gebrannte Terra di Siena gebraucht werden.

(*) Die Bereitungsart ist folgende. 2 Unzen Asphalt zerstoßen, 1 Unze venetianischer Terpentin und ½ Unze Aqua di Ragia oder Terpentinöhl werden in einem irdenen glasirten Gefäß über gelindes Kohlfeuer gesetzt; wenn alles wohl erwärmt ist und zu kochen anfängt, so thut man etwas peruvianischen Balsam hinzu und rührt solches wohl unter einander. Wenn keine Körner vom Asphalt mehr bemerkt werden, sondern alles geschmolzen und sich auf’s beste mit einander vermischt hat, so wird’s vom Feuer genommen und man gießt noch etwas Mohnöhl dazu. Soll nun diese Masse wirklich zur Malerey oder Restauration angewendet werden, so nimmt man davon so viel als man zum Gebrauche nothwendig zu haben glaubt, läßt solches in einem blechernen Löffel über einem Licht zergehen und setzt noch so viel Mohnöhl dazu bis es sich auf der Palette mit dem Pinsel füglich behandeln läßt.

Das Verderben vieler Bilder kommt von schädlichen Firnissen, zu welchen man Bernstein, Bergöhl, Sandrac u. s. w. genommen. Sie sind sehr hart, vergelben, ziehen die Farbe zusammen und machen Risse. Man bringt sie nur mit vieler Mühe und selten ohne wesentlichen Schaden des Bildes herunter, ja es giebt Fälle wo man gar das Messer anwenden und sie abkratzen muß; eben so muß auch mit den übermalten Stellen verfahren werden, von welchen man die Farben gern herunter bringen möchte.

Man liebte sonst sehr mit Oehlfarben auf einen weißen Grund von Leim und Kreide zu malen, welcher die Farben heiterer erhält und weniger verändert als ein Grund von Oehlfarben, vorzüglich wenn er dunkel ist. Aber es geschieht nicht selten daß jener weiße Grund, bey Bildern die auf Holz gemalt sind, sich von der Tafel ablöst und mit der Farbe überall aus jedem Riß sich zusammen krümmt. Bilder in diesem Zustand, denen der Untergang zunächst bevorzustehen scheint, werden auf folgende Weise gerettet. Es wird ein starkes Leimwasser, welches ein wenig mehr als lauwarm seyn kann, auf das Bild geträuft, oder mit einem weichen Pinsel sachte aufgetragen und wenn es etwas angezogen hat, so wird ein öhlgetränkt Papier aufgelegt und über demselben mit einem erwärmten Bügeleisen sachte hin und wieder gefahren und alles platt auf die Tafel angedrückt. Der Leim, welcher sich zufällig auf die Oberfläche des Bildes angesetzt haben könnte, wird durch Waschen mit dem Schwamm und die darauf folgende oben erwähnte Operation mit dem Firniß, der Lauge oder Weingeist wieder weggebracht.

Da das Holz sich dehnt und zusammen zieht, so geschieht es selten daß an großen Bildern nicht eine oder mehrere Fugen sichtbar würden, und diesem Uebel ist nur, nach Beschaffenheit des Holzes mehr oder weniger, und vielleicht nie ganz vollkommen abzuhelfen. An kleinen Bildern, welche nur aus einem Bret bestehen und zufällig gespalten sind, legt man auf der Rückseite wenn sie erst zusammen getrieben worden ein eisernes Blech mit Schrauben an wodurch sie fest gehalten werden.

Die Löcher von Wurmstichen werden mit Wachs, oder auch mit der oben angegebenen Masse von Kreide und Oehlfirniß ausgefüllt und man malt darüber. Einige behaupten das Arkanum zu besitzen die Würmer ganz aus dem Holz zu vertreiben und so die Bilder zu sichern, dieses kann immer von Nutzen seyn, indessen haben die Würmer uns wohl nicht den beträchtlichsten Schaden an alten Gemälden zugefügt.

Gemälde vom Holz und sogar von der Mauer abzunehmen und auf Leinwand überzutragen ist ein Kunststück welches man vor nicht gar langer Zeit erfunden zu haben vorgab, die Sache machte damals viel Geräusch und es wurde in Menge darüber geschrieben und gesprochen; das Geheimniß ist aber, so viel wir wissen, nie öffentlich bekannt gemacht worden und gegenwärtig nun alles wieder vergessen, oder wenigstens nicht mehr in Uebung. Auch ist der Gewinn welcher sich davon erwarten läßt überhaupt nicht groß. Denn wenn man sich’s auch als möglich denkt so scheint die Arbeit doch immer mit so vieler Schwierigkeit und mit so vieler Gefahr für das Kunstwerk nothwendig verknüpft zu seyn, daß niemand gerne ein gutes Bild daran wagen wird.

Nun noch überhaupt ein Wort von dem Nutzen und Schaden welcher aus dem Putzen der Gemälde entsteht. Wir bemerkten vorhin daß bey Restauration von Statuen durch die neu angefügten Theile leicht der Sinn und die Schönheit ihrer ursprünglichen Anordnung verfehlt werde und dadurch eine unangenehme Zweydeutigkeit der allgemeinen Wirkung des Werks entstehe. Die Gemälde und besonders Oehlgemälde haben zwar von dieser Seite weniger zu befürchten, denn ihre Beschädigungen sind selten so groß daß ganze Glieder von Figuren bis auf die Spur verloren sind; aber sie leiden durch Waschen und Ausbessern als Gemälde desto mehr, d. i. die allgemeine Wirkung und Uebereinstimmung der Theile durch Abstufung, wie sie der erste Meister beabsichtigt hatte, verschwindet, indem die gedunkelten Lasurfarben abgenommen werden. Stellt der Restaurateur solche wieder her, so erhalten wir nur das was derselbe in solchem Fache zu leisten vermag. Es läßt sich also leicht urtheilen daß der Originalgeist des Werks sehr dabey leiden und das Aussehen überhaupt verändert werden müsse. Wenn man noch überdem in Anschlag bringt daß selten ein guter, in den Geheimnissen der Kunst gründlich unterrichteter Künstler sich mit dem Ausbesserungsgeschäft, welches ein wahrer Prüfstein der Geduld ist, abgiebt, sondern lieber den Arbeiten von eigner Erfindung seine Zeit widmet, so wird es niemanden weiter befremden wenn man so viele Bilder überall antrifft die durch Waschen und unter dem Titel der Restauration verdorben worden. Ein wahrer Liebhaber der Kunst tritt darum allemal mit Schrecken in eine Gallerie oder ein Cabinet worin ihm alle Bilder gereinigt, frisch und glänzend, gefirnißt in die Augen fallen, weil er dabey schon zum voraus den Schaden ahnden kann über welchen er bey der nähern Beschauung sich zu betrüben haben wird.

Alle Kunstwerke gehören als solche der gesammten gebildeten Menschheit an und der Besitz derselben ist mit der Pflicht verbunden Sorge für ihre Erhaltung zu tragen. Wer diese Pflicht vernachlässigt, wer mittelbar oder unmittelbar zum Schaden oder zum Ruin derselben beyträgt, ladet den Vorwurf der Barbarey auf sich und die Verachtung aller gebildeten Menschen jetziger und künftiger Zeiten wird seine Strafe seyn. Freylich kann man sagen daß der Schade selten vorsätzlicher Weise, vielmals aus Nachlässigkeit, oft sogar aus gutem Willen, meistentheils aber aus Unverstand, angerichtet werde; dadurch vermindert sich aber das Unheil welches schon geschehen und noch täglich geschieht nicht im geringsten.

Möchte man doch die Wichtigkeit dieser Erinnerungen allgemein fühlen! Möchte doch der Verfasser so glücklich seyn allen denen welche diese Schrift lesen werden und im Besitz von kostbaren Kunstwerken sind, oder dergleichen unter ihrer Aufsicht haben, dergestalt an’s Herz zu reden daß sie in Absicht auf Reinigung und Ausbesserung von Gemälden immer nur das Nothwendige, ja nur das Allernothwendigste vornehmen und vornehmen lassen! Wenn Gemälde jeder Art nur vor ihrem hauptsächlichsten Feind, der Feuchtigkeit, geschützt sind, so können sie sich lange erhalten. Es giebt Bilder von Giotto, die noch in eben dem Zustande sind wie sie aus seiner Werkstätte hervor gegangen und sogar von den herculanischen antiken Gemälden haben sich einige in vollkommenem Glanz und Pracht ihrer Farben unversehrt erhalten, blos aus der Ursache weil diese unter der Erde verborgen ruheten und jene nicht geachtet, vergessen an den Wänden und auf Altären ohne Pflege ruhig hängen blieben. So ist es auch mit den Oehlgemälden. Werke vom Peter von Perugia, von Johann Bellini, und selbst vom Johann von Eyck, sind oft besser erhalten als solche die in diesem Jahrhundert verfertigt worden; denn weil sie glatt und hell auf Gipsgrund gemalt sind, so waren sie weder dem Staub noch dem Verdunkeln ausgesetzt und bedurften darum des Ausputzens nicht.

Wir sind vollkommen überzeugt daß ein Oehlgemälde, wenn dasselbe, wohl bewahrt, im Trocknen hängt und nicht eher als bis die Farben eingeschlagen sind, bis es durch Staub verdunkelt ist, kurz wenn der Genuß desselben gehindert worden, jedesmal nur mit Wasser sorgfältig abgewaschen, mit dem oben angezeigten Mastixfirniß, welcher nach allen Erfahrungen der beste und unschädlichste ist, überzogen würde, viele Jahrhunderte ausdauern könnte. Freylich wird diese einfache Conservations-Methode nicht immer ausreichen und man wird in jeder Sammlung die Bilder nach dem Zustande behandeln müssen in welchem sie sich eben befinden, man wird sich vielleicht genöthigt sehen, nach der Reihe, alle vorhin abgehandelte Restaurationskünste zu exerziren; aber man suche sich in jedem Fall der einfachen und unschuldigen Methode zu nähern, welche blos erhalten, nicht erneuern will und thue nichts überflüssiges, sondern schränke sich jedesmal auf das ein was eben dringend erfordert wird. Wenn eine oder mehrere Stellen Schaden gelitten haben, wenn die Farbe abgefallen ist, so bessere man sie so sorgfältig als möglich aus und wenn Schattenparthien schwarz und düster geworden seyn sollten, so werde versucht dieselben ein wenig zu erhellen. Dieses wird immer besser und unschädlicher seyn als wenn die gesammten Lasurfarben, und damit alles was man die letzte Hand des Meisters nennt, herunter gewaschen werden. Wähne niemand daß durch den Schein von Erneuerung etwas gewonnen sey. Man wird kaum die Unwissenden, kaum den Pöbel betrügen; aber der Kenner bemerkt nur zu bald den Schaden welcher durch Putzen und Abscheuern gestiftet worden.

Einzig diejenigen Bilder welche bereits viel gelitten haben, und die man deswegen für fast verlohren ansehen muß, mögen, damit sich wenigstens das Andenken derselben erhalte, einem in diesem Fache erfahrnen und geschickten Manne überantwortet werden, und hier sind dann alle Restaurationskünste an ihrem Platz anwendbar, gut und empfehlenswerth; denn es ist besser etwas erhalten und wenn es auch nur ein Schein und Schatten des Guten wäre als alles verlieren, so unweise es im Gegentheil ist das Wesentliche aufzuopfern um einen Schein zu erhalten.

Wir fügen nun zum Beschluß noch ein Wort von Kupferstichen hinzu. Man hat solche, wenn sie schmutzig sind zu waschen und die gelbgewordnen zu bleichen unternommen, allein weder das eine noch das andere geschieht ohne ihren Schaden. Wenn an alten Blättern hie und da abgeriebene Stellen sich finden, so kann man solche mit einem feinen Pinsel und chinesischer Tusche so ausbessern daß sie füglich übersehen werden. Das gleiche wird oft mit schlechten Abdrücken vorgenommen, aber ein geübtes Auge entdeckt den Betrug leicht, und wird für ein solches Blatt nie den vollen Preis bezahlen, oder solches in eine auserlesene Sammlung aufnehmen. Wahrscheinlich gilt aus eben dem Grund, wenigstens bey den Italianischen Kunsthändlern, der Umstand daß ein Blatt nie auf anderes Papier aufgeklebt gewesen sey und einen Rand habe für eine gute Empfehlung und erhöhet den Preis, weil man desto sicherer seyn kann daß es nicht beschädigt ist und also auch nicht ausgebessert zu werden nöthig gehabt habe.