Berzelius 1814

Jöns Jacob Berzelius, Über thierische Chemie II, in: Johann Salomo Christoph Schweiger (ed.), Journal für Chemie und Physik 11, Nürnberg [Schrag’sche Buchhandlung] 1814, pp. 261–280.


Berzelius, über thierische Chemie.

(Schluss der Abhandl. Bd. 10. S. 484).

Ueber die Flüssigkeiten, woraus die Excretionen
bestehen.

. . .

pp. 277–280

Milch.

Meine Versuche wurden mit Kuhmilch angestellt. Die Zusammensetzung dieser Flüssigkeit ist ausnehmend ähnlich der des Blutes. Sie besteht, gleich dem Blute, in einer chemischen Auflösung, welcher eine unaufgelöste darin schwebende Materie beigemengt ist. Indem ich einige Tage lang Milch in einem flachen Gefässe einer Temperatur von 32° F. aussetzte, so trennte ich davon den Rahm so vollkommen, als ich konnte. Der untere Theil der Milch, abgegossen durch ein Loch am Boden des Gefässes, hatte ein specifisches Gewicht von 1,033 und gab bei der Zerlegung folgende Bestandtheile:

Wasser928,75
Käse, mit einer Spur Butter,28,00
Milchzucker35,00
Salzsaures Kali1,70
Phosphorsaures Kali0,25
Milchsäure, essigsaures Kali, mit einer Spur milchsauren Eisens,6,00
Erdige phosphorsaure Salze        0,30
Summe1000,00

Der Rahm enthält die unaufgelösete blos erweichte Materie, mehr concentrirt und vermischt mit einem Antheil Milch. Diese Emulsion wird leicht zersetzt bei dem Rütteln, verschluckt Sauerstoff, und Butter scheidet sich ab, während die Milch bei dieser Arbeit saurer wird, als sie zuvor war. Den Rahm von 1,0244 specif. Gew. fand ich zusammengesetzt aus

Butter  4,5
Käse  3,5
Molken92,0

Da 92 Theile Molken 4,4 Milchzucker und andere Salze enthalten, so folgt, dass der Rahm 12,5 p. C. fester Materie enthält. — Es ist sehr bemerkenswerth, dass kaum irgend ein alkalischer Stoff, ausser Kali, sich in der Milch findet. Ich verbrannte eine bestimmte Menge eingetrockneter Milch, und löste das salzsaure Salz der Asche im Weingeist; und das durch Alkohol unaufgelöst bleibende Alkali, neutralisirt durch Schwefelsäure, gab blos schwefelsaures Kali. Ich weiss nicht, wie weit diese Beobachtung anwendbar ist auf andere Arten von Milch, oder auf Milch von andern Kühen genommen.

Der Käse, welcher bestimmt ist einen Theil der Nahrung des jungen Thieres abzugeben, hat einen sehr eigentümlichen Charakter, der, wie es scheint, ihn hiezu geeignet macht. Er ist leicht einzuäschern, und giebt eine weisse Asche, welche kein Alkali enthält und 6,5 p. C. vom Gewichte des Käses beträgt. Diese Asche enthält vorzüglich erdige phosphorsaure Salze mit wenig reinem Kalke; aber weder Alkali noch Eisenoxyd. Käse, digerirt mit concentrirter Salzsäure, giebt den grössten Theil seiner phosphorsauren Salze an die Säure ab, und verbrennt alsdann, ohne Asche zurückzulassen. Aber der Käse kann niedergeschlagen werden aus der Milch durch irgend eine Säure, ohne Verlust seiner phosphorsauren Salze. Es scheint daher, dass letztere noch nicht gebildet sind, aber dass eine geringe Wahlanziehung zu ihrer Erzeugung erfordert wird. Wir können daraus schliessen, dass die Natur hiedurch die Verdauungskraft des jungen Thieres zu unterstützen sucht, während einer Lebensperiode, worin in der thierischen Oekonomie phosphorsaure Salze sehr nöthig sind zur Knochenbildung, welche in dieser Zeit so schnell fortschreitet.

Der Käse wird gewöhnlich betrachtet als ein im Wasser unauflöslicher Stoff, und dennoch hält Milch einen grossen Theil desselben in wirklicher Auflösung. Eine Auflösung desselben im Wasser kann man erhalten, wenn Käse, gefället durch eine Säure und gut ausgeprest, digerirt wird mit kohlensaurem Baryt, oder kohlensaurem Kalke. Das kohlensaure Salz wird zersetzt mit Aufbrausung und der Käse, seiner Säure beraubt, löset sich auf. Die Auflösung ist gelblich, einer Gummilösung vergleichbar. Zur Trockenheit verdunstet lässt sie eine gelbe Masse zurück, welche wiederum löslich ist im Wasser. Die Auflösung, in einem offenen Gefässe gekocht, bedecket sich mit einem weissen Häutchen, so wie es Milch thut, und hat auch den Geruch gekochter Milch. Das Häutchen ist fast unauflöslich im Wasser, und scheint durch Einwirkung der Luft auf den Käse gebildet.

Mit den mineralischen Säuren bringt der Käse dieselben Verbindungen hervor, wie Eiweiss und Faserstoff, obgleich seine neutralen Verbindungen weniger auflöslich sind, als die des Faserstoffes. Ein grosser Ueberschuss an Essigsäure ist erforderlich, um den Käse aufzulösen, und die neutrale Verbindung mit dieser Säure scheint unauflöslich zu seyn. Der Käse ist leicht auflöslich in Alkalien. Seine Auflösung in Essigsäure, so wie in Ammoniak, bedecket sich mit einer geringen Menge von Rahm, so oft der Käse nicht genau abgeschieden ist vom Butter. Alkohol verwandelt den Käse in einen fettwachsartigen stinkenden Stoff.

Butter und Milchzucker sind so gut bekannt, dass kein weiterer Zusatz aus meinen Versuchen hierüber beizufügen ist.