Goethe 1811
Johann Wolfgang Goethe, Philipp Hackert. Biographische Skizze, meist nach dessen eigenen Aufsätzen entworfen, Tübingen [J. G. Cottaische Buchhandlung] 1811.
pp. 229–233
Enkaustik.
Da der Rath Reiffenstein in Caserta bey ihm war, so machte Hackert einige Versuche à l’Encaustique, sowohl auf seine Pappendeckel als auf Holz, und auch auf getünchte Mauer, oder auf große Tavolozze, die er tünchen ließ, daß sie also wie eine Mauer waren. Der König, der vielmal in sein Studium kam, wollte das Wachseinbrennen selbst mit ansehen, und sagte: Morgen früh werde ich kommen. Ich vermuthete, daß es, wie gewöhnlich, gegen sieben Uhr seyn würde; er kam aber halb fünf Uhr. Zum Glück waren schon die Bedienten auf. Hackert stieg eben aus dem Bette. Der König unterhielt sich indessen recht gut, bis Hackert zu ihm kam, wo er denn das Einbrennen sah und selbst Hand mit anlegte. Diese Malerey wegen ihrer Haltbarkeit auf Mauer gefiel ihm so sehr, daß er gleich sagte: Ihr müsset mir mein Bad in Belvedere enkaustisch malen lassen; welches auch wirklich geschah. Der König sprach sehr viel über diese Art Malerey, und wollte genau davon unterrichtet seyn. Reiffenstein und Hackert waren verschiedener Meinung. Hackert behauptete, daß es beynahe unmöglich wäre, ein Gemälde in vollkommner Harmonie zu verfertigen, weil man die Farben ganz blaß sehe und auf das Gerathewohl arbeite, daß man erst siehet was man gemacht hat, wenn das Wachs eingebrannt wird; wo alsdann das heiße Wachs das in die Farben bereits befindliche schmelzet, und die Farben sehr lebhaft und schön erscheinen. Reiffenstein behauptete man könne retuschiren. Ich gestand es ein; „Aber, sagte er, man tappet bey der Retusche eben so im Dunkeln wie zuvor: denn die Farben sind blaß. Es kommt also, mit aller Praktik, auf ein gut Glück an, ob es geräth oder nicht.“ Er bewies, daß die antiken Gemälde in Portici, die in Pompeji und Herculanum gefunden waren, keine Harmonie hätten; daß die Gewänder alle mit ganzen Farben gemalt wären, als Roth, Gelb, Grün, Blau u. s. w.; daß das Fleisch in diesen Gemälden gemeiniglich zu roth wäre, oder gar zu blaß und grau. Kurz es schien ihm schwer, daß man ein vollkommenes Gemälde enkaustisch verfertigen könnte. Ueberdem so ist er der Meinung, daß ein Oelgemälde, wenn es mit guten Farben behandelt ist, so lange dauern kann, als ein enkaustisches Gemälde auf Holz oder Leinwand. Eins und Anderes muß in Acht genommen werden, wenn es sich conserviren soll. Was Verzierungen betrifft auf Mauer, da ist diese Art Malerey vortrefflich. In den Verzierungen kommt es so genau nicht an, ob der Ton der Farbe etwas weniges dunkler oder heller ist. Da nun der Maler sich zu seinem ganzen Zimmer oder Saal alle Töne die er nöthig hat, bereitet, so kann es ihm nicht fehlen, daß seine Verzierungen sowohl in Clair-obscur als Camajeu gleich werden. Was Arabesken und andere Sachen betrifft, wozu verschiedene Farben gehören, kann es ihm gleichfalls nicht fehlen, daß alles aus Einem Tone kömmt und folglich die Harmonie in dieser Decorations-Malerey angenehm und gut werde. Es kommt viel darauf an, daß er seine Farben sehr gleich dick, und nicht dick an einer Stelle und an der andern dünner aufträgt: dann wird es auch bey dem Einbrennen egal. In Italien ist diese Malerey sehr nützlich, um ganze Zimmer auszumalen: denn sie hält sich sehr rein. Man staubt es ab, und reibet es mit einem wollnen Lappen über, wie man einen gebohnten Tisch abreibet, so bekommt es seinen vorherigen Glanz. Man ist von allerley Insecten frey, die sich in warmen Ländern häufig in die Kalkritzen einnisten, die sehr schwer herauszubringen sind ohne Auripigment, der aber in Leimfarben das Unangenehme hat, daß er Jahre lang stinket. – Ob in den nördlichen Theilen von Europa die Enkaustik anwendbar ist, müßte die Erfahrung lehren: denn da nach großen Frösten die Wände, wenn sie aufthauen, öfters so schwitzen, daß das Wasser herunter läuft; so könnte es leicht seyn, daß die Farben darunter leiden und vielleicht abspringen. Hernach, so ist sie gegen die Leimfarben-Malerey theuer. Da bey der Decoration viele Mode herrschet, und selten der wahre gute Geschmack nach den Antiken eingeführt ist; so ist die Leimfarbenmalerey vorzuziehen, weil sie weniger kostet, und man nach der Mode seine Zimmer beliebig verändern kann.
