Höpfner 1785/X
Ludwig Julius Friedrich Höpfner (ed.), Deutsche Encyclopädie oder allgemeines Real-Wörterbuch aller Künste und Wissenschaften X (Fi–Gai), Frankfurt am Mayn [Varrentrapp Sohn – Wenner] 1785.
pp. 481–482
Fresco, (Mahlerey). Dieses Wort ist seinem Ursprung nach deutsch denn al fresco mahlen, sagt nichts weiter als auf frischen Kalch mahlen. Diese Art von Mahlerey wird nirgends anders gebraucht als auf Mauren oder Gewölben und Decken. Das Verfahren dabey ist folgendes. Man sorgt zuerst, daß die Mauer den ersten dauerhaften Anwurf erhalte, der aus dem besten alten Kalch mit gestoßnem Ziegelmehl, oder auch mit Flußsand vermengt, bestehen kann. Ist die Mauer von Backsteinen aufgeführt, so verbindet sich dieser Anwurf leicht damit, oder besteht sie aus rauhen Bruchsteinen, so lassen die daraus entstehende Wände auch vermuthen, daß er gut darauf halten wird. Sollte aber der Bau ausgehauenen glatten Sandsteinen aufgeführt seyn, so müssen in die Wand kleine Löcher gehauen, auch wohl hier und da hölzerne Pflöcker eingeschlagen werden, um dem Anwurf mehr Haltbarkeit zu geben. Die dazu gebrauchte Materialien werden auch dadurch noch verbessert werden können, wenn man statt des Sandes Pozzulane nimmt, wo sie zu haben ist. Ob man gleich davor sorgt, daß die Mauer durch diesen ersten Anwurf nichts von ihrer lothrechten Gestalt verliehrt, so bleibt er doch rauh stehen, und wird nicht abgeebnet, um den zweyten Anwurf desto williger anzunehmen, der zum eigentlichen Grunde des Gemäldes dienen soll.
Dieser zweyte Anwurf darf nicht eher geschehen, bis der erste vollkommen abgetrocknet ist. Um ihn indessen desto besser mit den zweyten zu verbinden, so muß er von neuem in etwas angefeuchtet werden. Man nimmt nunmehr zu dieser zweyten Arbeit feinern Flußsand, und so viel es möglich ist, ganz alten Kalk, wenigstens solchen, der 6 Monate lang abgelöscht ist. Der Anwurf wird so gleich als möglich überall ausgebreitet. Der Arbeiter nimmt überall die hervorstehenden Sandkörner ab; er legt auch wohl einen Bogen Papier darauf, und ebnet, indem er mit der Kelle darauf, herumfährt, alles aufs reinlichste ab. Weil der Mahler nicht länger arbeiten kann, als dieser Kalkanwurf frisch und feucht bleibt, so wird nicht mehr davon aufgetragen, als der Mahler in einem Tag vollenden kann.
Zu dieser Art von Arbeit gehört ein sehr geübter Künstler. Weil auf dem frischen Kalche alle Striche gelten, und die Farben sogleich haften, ist es unmöglich, etwas auszulöschen, oder zu verbessern, wie man in der Oelmahlerey thun kann. Die Reinheit der Conture zu erhalten, kann man sich zwar mit Cartons helfen, d. i. mit Ziehungen auf Papier, in eben derselben Grösse, als sie auf der Mahlerey vorkommen sollen. Man überfährt die Umrisse mit einem stumpfen Stifte auf eine leichte Art, so daß sie einen schwachen Eindruck auf den weissen Anwurf zurücklassen. Dieses dienet den Künstler in etwas zu leiten. Allein nun muß er die Ausführung des Ganzen in seiner Einbildungskraft fertig haben, jede Würkung der einzelnen Schraffirungen genau vorhersehen, und da nur alles Stückweise geendigt werden kann, das Verhältniß einer Figur zu der andern, einer Tinte zur andern, eines Grundes zum andern zu berechnen wissen. Zu einem glücklich ausgeführten Fresco-Gemälde gehört unstreitig ein großer Künstler, der alle Geheimnisse des Conventionellen der Kunst weis und besitzt, um dadurch die beobachteten Gesetze der Natur nachzuahmen.
Die Farben die dazu gebraucht werden können, sind keine andere als mineralische, d. i., solche, welche die Natur selbst hervorbringt, ohne Hilfe der Chemie. So ist Umbra, schwarze Römische Erde, alle Ochren, gebrannter Vitriol, Veronesische grüne Erde, Ultramarin, Kalch, oder gestoßner Marmor u. s. w. allein hierzu dienlich. Hingegen Bleyweis, Lac, Grünspan, Napelgelb, Auripigment, Beinschwarz u. d. gl. höchst schädlich.
Es sind zwar alle gefärbte Erden, die wir als hierzu dienlich angepriesen haben, so gut metallische Kalchen, wie diejenigen, welche die Kunst hervorgebracht hat, indessen zeigt doch die Erfahrung, daß sie einen grossen Vorzug vor den künstlichen haben. Vielleicht hindern die damit verbundenen Erden den Kalch seine Wirkung darauf zu äussern, und es verdiente die eigne Natur derselben von geschickten Chemikern genauer untersucht zu werden, um uns dieses Phänomenon bestimmter zu erklären.
Die Farbenmischungen müssen vorher mit grosser Sorgfalt in eignen Töpfen vorgenommen, und nachher beym Gebrauch allezeit vorher umgerührt werden. Der Künstler hat eine grosse Palette von Holz, oder von verzinntem Eisenblech, mit vielen Vertiefungen, und einem erhabenen Rande, auf welcher er seine besondere Nuancen mischt.
Die Alten waren hierin, so wie in vielen andern Theilen der Kunst unsere Meister. Die Gründe worauf sie ihre Arbeiten trugen, waren ungleich fester und dauerhafter, wie überhaupt alles ihr Mauerwerk. Man erinnere sich nur aus dem Vitruv, wie sie ihren Mörtel bereiteten, welche strenge Aufsicht man über das Alter des Kalches, über die mancherley Arten des dazu gehörigen Sandes und dessen Durchsiebung beobachtete. Es waren ja eigne Strafgesetze darüber bey den Alten vorhanden!
Sie hatten überhaupt wenig Wissenschaft von denen der Fresco-Mahlerey schädlichen chemischen Farben, also konnten sie keine andern, als die dazu nützlichen mineralischen Farben brauchen. Kein Wunder also, wenn sich diese in ihrer natürlichen Schönheit Jahrtausende erhalten haben, und noch jetzt ohne Gefahr hinten von der Mauer abgesägt werden können. Ihr Pinsel und dessen Führung war äusserst leicht und geistreich, so daß die jetzo, besonders unter den Herkulanischen Alterthümern erhaltene antike Gemälde wie hingehaucht scheinen, und mit unnachahmlicher Festigkeit und Leichtigkeit, und mit so wenig als möglichen Farben gezeichnet sind.
Diese Art von Mahlerey hat einen grossen Vorzug vor dem Oelmalen, weil die Tinten nicht nachschwärzen, und weil nicht, wie bey den Oelfarben der Glanz dem Auge hinderlich ist, sie in allen Richtungen zu betrachten.
Die Italiäner haben in allen Schulen große Meisterstücke hierin geliefert. Einzelne Verdienste finden sich auch bey den Franzosen und Deutschen in diesem Fach, doch nur immer sehr sparsam gegen den großen Reichthum Italiens gerechnet! (23)
