Pozzo 1700/IIb
Andrea Pozzo, Prospettiva de Pittori e Architetti | Fernsehkunst Deren Mahlern und Bawmeistern II, Roma [Joannes Jacobus Komarek] 1700.
s. p.
LEHR AUF NEWÜBERKALCHTE
MAUR ZU MAHLEN.
Sintemalhn in vorigen Lehrsatzungen der Fernsehwissenschafft öffters die Mahlerkunst ingedanken gekommen; als habich gebillicht dem end dieses buchs beyzu füegen ein kurtze unterweisung, mittels dero ein lebhaffte und wohlgestalte Bildnus auf einer frisch oder new überkalchten maur gemahlt werden könnte. Lasse ihm der jenige diese Lehr gefällig sein, deme unterhand kommen därffte ein sothane mahlerey zu üben, und zwar im beyfall, da keiner anwesend wäre, welcher in denen minderen dingen einige an- und unterweisung geben vermochte. Ich hab öffters dieser gattung unterschiedene Bildnussen vor gestellt, und also fähig worden, anzumerken auch jenes, was wenig bisweilen geacht wird, viel aber nutzt. Nunn diese anmerkungen theile ich in zwey theil, und diese in vielfältige untertheilungen. Der erste theil begreifft die Bereitfchafft, welche ob sie zwar den Maurer angeht, dannoch auch dem mahler dienlich ist. Der andere theil aber legt diese mahler kunst aus.
ERSTER THEIL. I. UNTERTHEILUNG.
Das gerüst bawen.
Diese geht zwar den Maurer an, nicht destoweniger auch den Mahler, damit erwohl in obacht nehme, worauf er sein leben festige, und nicht meine, wo ein keker mit unverhofften glück vorgegangen, ein unwissender nachfolgen möge, und in gefahr sich fliertzen.
II. UNTERTHEILUNG.
Den mertel anverffen.
Bey dem ersten anwurff des Kalchs auf die maur, soll der Mahler in obacht nehmen, das er nicht begönne an der new oder unlängst überkalchten maur zu mahlen, ja vielweniger wann der orth geschlossen wäre, wo die lufft den dumpff nicht mag vertreiben: dann da zumahl nicht allein der gesundheit die dumpfflichte feûchtikeit sondern vielmehr der üble geruch dem haubt schaden würde.
III. UNTERTHEILUNG.
Die Maur anstreichen.
Wann die mit ersten oder groben kalch angeworffene maur gehärtet und getruknet sein wird, benässe selbe wieder, und wirff ihr ein oder die andere hand voll des leichteren kalchs an, und dann den leichtesten, welcher der anstrich genennt wird. Der kalch sey ein jahr oder sex monat alt, gemischt mit sand von reinem baach genommen, welcher sand weder grob weder gantz zermahln, sondern zart sein soll. In Rom braucht man den sand von Puteoli: weil er aber ungleich ist, fallt schwer selben zu gleichen und nach etlichen stunden unmöglich dessen mahlzeichen zu verbessern ohne öfftere benässung. Als wierd vonnöthen sèin ein wohlerfahrenen Kalchbereiter aufzunehmen, welcher gantz gleich und eben den sand bereite, und so viel zeitraum lasse dem Mahler, damit er seine kunstgedanken völlig könne innerhalb der selben in der maur abbilden und darstellen.
IV. UNTERTHEILUNG.
Sand emporbeben.
Ist die maur geglätt oder geebnet? alsdann mittels des pinsels überstreiche die mindere Sandkornlein und hebe selbe empor, umb ihnen desto leichter die farben an zu kleiden; dieses thuen heist: graniren oder körnen, und ist im brauch wan grosse und weit von uns entlegene ding zu mahlen. Soll das bild aber in der nahe verharren, wird nützlich sein, nach verrichteter mahlerey, leg auf selbe ein papier blat und mit leichtem daum druke die ungeschickliche unebne korner tiefer ein, umb die bildgestalt feiner dar zu thuen.
V. UNTERTHEILUNG.
Abreyssen.
Ehe man mahle, komt in die arbeit der abriess oder die vorbildung, welche auch mit farben dargestellt dem Mahler allzeit für augen schwebe, und dessen gedanken, so öffters können zerstrewet werden, in ihr ziel fasse: ja nicht geringer nutz wird sein, wann der abriess oder der ebenbild auf einem papier abgezeichnet werde, welches dem ort der mahlerey in der gösse gleiche, umbalso die fehler zumerken und zu bessern.
VI. UNTERTHEILUNG.
übergattern.
Soll etwan gamehlt sein in einem Weitschichtigen platz, als wie in einem Kirchen Khor, Hoffsaal, zimmer gewölb &c. deren gestallt und grösse das papier nit fasse, wird vonnöthen sein des übergatterten entwurffs sich zugebrauchen, krafft dessen die grosse in kleine eingezogene bildungen in vorgezeigte grösse übertragen werden. Der gleichen übergattertes oder geschranktes werck ist vonnöthen wann zumahlen seye in krumme, hohle und vielförmig gebogene gewölber und decken, damit das angemahlte Bild dannoch gleich oder erhoben laut der Fernsehkunst scheine. Die Weis solches zu verfertigen suchet im ersten Bruch am 100. und diesem am 67. Bild. Erstens dann übergattere das kleine schatten-abriess oder eben-bild; dann übertrag der’augen oder löcher zahl in grösserer form auf die maur wo gemahlt werden soll, und nach dem man gezeichnet, was man in gegenwärtigen ziel beliebt zu mahlen, den selben orth lass überstreichen, und glätten; endtlich zih wieder die gatter linien über. Sollte kürtzeder zeithalber etwas übrig bleiben nicht gemahlter, habacht das solches nicht geschehe in leib oder fleichmahlen, sondern in anzierden, kleidern &c. Also nemblich mit diensten des Maurers und obacht, das selber die gelegte farben nicht bemakle, fahr fort im Werck und fertige selbes. Zu deme füeglich ist jene Mahler weiss, so von dem obersten theilen der Bildnus absteiget.
VII. UNTERTHEILUNG.
Eindrukhen.
Wann nunn die aüssere einfassungen deren Bildschattungen auf dem Papier wohl entworffen seind, so legt man solches auf die überstreichene maur; welche weil selbe noch nicht Verhärtet, füeglich ist an zu nehmen allen druckh: dahero dann mit einem eisernen griffel, stich ordentlich ein die umlaüffe der’schatten oder des Bildriesses. In den’mindern figuren können ringere stiche vergnüegen: in welche der kohlenstaub aus feinem lumpen oder hader allwo er eingehalten wurde damit er wenig merksamen grund von sich lasse, das ist, wie die mahlerreden, nur wenig anstaube.
VIII. UNTERTHEILUNG.
Zu bereyten.
Ehe gemahlt werde, richte die farben zu und für eine figur genugsame tinten: ja wann gebawt werden sollte etwas haubtsächlichs wirdt von nöthen sein ein sonderliche tinten, so aller arbeit im werk dinst leiste; damit sothane obschon in unterschidlichen zeitten angewendet, dannoch keinen unterscheid der dunkle gebe. Die übrige Bereitschafft unter lasse ich, weil selbe gleichförnig seye jener dero bedürfftig ist die mit Oelfarben mahlende kunst.
ANDERTER THEIL.
IX. UNTERTHEILUNG
Mahlen.
Auf frische Maur mahlen folgt der manier, so geübt wirdt im mahlen durch Oel farben: allein jenes erheischet geschiklichere Behendigkeit ob des unbefugs welchen mit sich bringt die gelegenheit des orths: dahero nebenst denen der ordnung nach in den’geschirren oder häfelein gestelten farben, mus man die mahlertaffel brauchen welche von zinplatten oder blech sein sollte, und wohl umfasset, damit die wohl gewaschene farben nicht abfliessen können: In dessen mitte setz ein Wassergeschierr, umb die farben öfters zu nässen. Niemals beginne das bild, ehe der mertel also beschaffen, das er nicht weiche dero auf ihme ligenden und arbeitenden hand, und also saume und verweile den pinsel, woraus folgen würde, als Wann wier nur eine unförmliche gestalt hätten wollen in dem unter händigen werck darstellen.
X. UNTERTHEILUNG.
Farben auf farben legen.
Dis ist dieser lebhaften Maur oder Wandmahlerey eygenthümblich das wann die farben den kalch berühren, alsbald ihre fein und holde verschwinde, dahero müssen diese alzeit ohn unterlass in ihrer gattung verstärkt werden, bies sie unsere augen vergnüegen: ich sag ohn unter lass, dann sonst, wann nach dem ersten farben strich der Pinsel zu anderen fortliesse, wurden viel unterschiedene flek oder makel der’ farben im bild sich häflich darzeigen: dahero folgt, man solle warten, damit die farb trukne, und dann gedulde einen newen und frischen überzug,
XI. UNTERTHEILUNG.
Wiederholltes färbeu oder verfertigen.
Welcher das Bild auf frisch und newer maur vollenden mag, hat die hofnung ein angenehmberes werk dar zu stellen, ja auch einstandt haftigeres; Weil aber der kalch, und der weisse überzug denen farben etwas von ihren kräften und leben benehmen, Könnte absonderlich denen schatten farben, als muess diese abmattung und ohnmacht mit newen zarten strichen bestättigt werden, laut jeder farben gattung. Diese öftere überfärbung geschiht allein in verdekten örthern, nichtaber in offenen allwo der regen oder die dachrinnen das bild abschweiffen därfften.
XII. UNTERTHEILUNG.
Die farben dämpffen oder Dunst geben.
In mässigung und mifchen der’farben brauch zarte pinsel aus linderen borsten. Untermahlens helffen auch die finger, wann mann eylends wiel besänftigen die angelegte farben in gesichtern, händen, und andern ringeren sachen, besonders wann der kalch gehärtet ist. Wann aber die farben in einem bild sollten gemässigt werden, auf deme die Himlische glory worgebildt wäre, mus es geschehen wann der mertel noch frisch ist, oder ja gar und völlig getruknet, durch fug jenes werk zeügs, welches dem Mahler der fleis in die händ wird legen.
XIII. UNTERTHEILUNG.
Verbessern oder endern.
Es Könte unterweilen geschehen das das Bild nicht nach dem willen des mahlers ware, sondern von nöthen hätte, geendert zu sein: da mahls kan er solches thuen mit abwerffung des alten Kalchs, und wann das feld oder der grund wird gesaubert sein, las er ihn gute befeüchten, mit newen mertel überkleiden, und für das newe Bild die maur einrichten. Woaber die maur offen steht kan die enderung auf der trukne vorgenommen werden, das ist auf dem vorigen alten Bild, wann es nur weich und lind ist.
XIV. UNTERTHEILUNG.
Befarben.
Mein vorhaben in folgenden ist zuhandlen von denen farben so zu dieser auf frischem kalch und maur fertige Mahler Kunst dienstbahr sein: dann es Wenig nutzen würde, ein feines Bild gemahlet zu haben, wann etwan ob innerlicher widrigkeit der’farben oder des Kalchs selbes wenigen bestand zu hoffen hätte, dahero dann nicht ohne fallenwird die farben zu erzehlen in kürtze.
Weisse Kalchfarb.
Die vom Kalch genommene weisse farb ist die dinstlichste die übrige zu benässigen, so wohl in fleisch als kleider mahlen, wann er nur ein jahr oder sex monat bevor gelescht oder gedämpft worden. Waschtihn, siebt ihn, und last ihn in einem geschierr fallen oder sich setzen, als dann giesst das oben schwimmende wasser ab, damites gehalten werden könne unter der mahlertaffel.
Weisse eyerschallen farb.
Diese leistet hielff in jeder mahlerey, ja auch zum inhalten und zu sam fügung des farben teigs in widerholten übermahlen. Niehm dero halben viel solche schaalen, zerstoss und, koch selbe mit einem stuk ungeleschten kalchs, dann siebe und wasche sie mit Brunn wasser; bache sie noch zärter, un wasche sie wieder bies von ihnen abtrieffe lauteres wasser. hernacher reibe sie auf dem Mahlrstein, und mach aus ihnen küchle, welche von der sonnen getruknete die leiber, oder weisse kleider &c. leicht dargeben werden. Merke anbey, wann solche feüchte oder nasse schaalen ein zeitlang verschlossen werden, so schmeken sie übel, aber diesen widrigen ruch kann mann vorkommen, wann man selbe wohl verwahrt in einem wohl ausgebrennten hafen.
Weisse marmel farb von Carrara.
Zerstoss den marmel und sambt dem mit wasser wohl gewaschenenen kalch zerreibe ihn, damit er feist seye. Diese farbenlak ist gutt, aber die arbeit in dessen verfertigung ist über fliessig, wann die vorigen geschehen sein.
Zinnaber.
Diese lebhaffte farb obschon gantz dem kalch zu wieder, obsonderlich wan sie der lufft ausgesetzt wird, nihmt dannoch selben an wann der orth bedekt ist. Ich hab sie öfters gebraucht in kleidern, nach deme sie geläutert worden auf folgende weiss. Nihm den zinnaber, zerstoss ihn, leg ihn in ein schiffel, gies das vonn kalch absidende Wasser da rauff; der kalch aber sey der förnste und klareste: dann giess das wasser wieder ab, und giess frisches öftermahlen darauff. Also wird der zinnaber die eigenschafft und natur des zinnabers eintrinken und behalten.
Gerbrenntes schaidwasser.
Viel hielfft zu vorhanbender Mahler art das in Römischen öfen gebrennte schaidwasser, und zwar mit gebrennten wäsern vermischt, weist es dar die schönste rothe laken. Man braucht sie zu den’ astaltungen und dem zinnaber unter zulegen: mit deme so es in einem kleid wohl wermischt wird gibt es die beste purpur gleich als wäre sie von glantzenden oelfarben.
Engelländische Röthe.
Ob mangel des schaidwassers komt zu statt diese Röthe: dann wann selbte wohl ein gemischt wird, scheint sie auf dem frisch aufgestrichenen mertel eine lake zu sein.
Rothe erd.
Diese erdkügle gleich anderen sein mehr eygenthüblich zu unserm vorhaben, und werden gebraucht zu leib und kleider farben.
Gelb gebrennte erd.
Diese ist bleich roth oder die rechte leib farb selbe zu beschatten, wann mann sie vermischt der schwarzen Venediger erd, alss dann nutzt sie auch im kleider schatten und falten &c.
Klar gelbe erd.
Sothane erd befindet sich in zweyerley gattung allhier in Rom, eine gelblicht, die andere dunklicht, beyde üblich an den kleider anstreichen, alwo sie nichts abspielet von der ordinarie gelben farbe. Unterschiedene gelblichte erd wird auch sonsten in Welschland angetroffen.
Leim oder schweffel.
In Rom nennt man sie: Gialdolino di Napoli. Dero hab ich in diesen Bildwerken zwar öfters gebraucht, niemahls aber mich erkühnet selbe i die lufft zu wagen.
Grüne Küchle.
Gemelte grüne farb wirdt zubereitet mittels des safft Spincervino. Und wann sie mit weisen kalch vermischt wird, so gelblet sie, aber sehr oede und wenig.
Erdgrün.
Die erd von Verona ist die beste und allein tauglich auf frischen kalch kleider zumahlen, dann andere grüne erd, die kunst bereitet, ja auch anderstwo die natur, aber swächeres ansehen.
Schwartze erd oder schatten.
Mann braucht sie mit nutz in den schattungen absonderlich gelber kleidungen.
Gebrennte erd.
Sothane schwärtze ist träflfich in den’ leibs schattungen absondrelich wo mehr schatten erfordert wird, mit beyhielff eingemischter schwartzer erd von Venedig.
Venedische schwartzeerd.
Aus allen ist sie die schwäriste in unserer Mahlerey, üblich die fleisch farben zu dunklen, dahero sie ebensolche wïrkung hat als der Rust vom rauch fang oder pech schwartz für die oelfarben.
Römische schwartze erd.
Ihre würkung gleicht der kohl schwärtze und ist sehr in schwang und gewohnheit.
Kohlschwärtze.
Brenn reeben holtz, reib es, so empfahstu ein wohtuehliche schwartze farb. Es seind ferners mehrere und viel fältigere schwartze farben, als nemblich vongebrennten pferschen körn; papier, weinhäfen, welche wohl anstehen auf frischem mertel, ausgenommen so vom horn herrührt.
Dinten.
Dient wohl auf newem kalch, und wird für allen andern angestrichen wann annoch der mertel frisch ist, sonst fangt selbe nicht der grund. Nach einer stund überfarb die vorige, und dieses so offt bies es recht scheine: Sie dient auch zu den’ schatten obschon wenig. Von diesen allen gemelten farbn verstehe, das sie mit de weysse vermischt werden müssen, umb das verlangte licht, schatten, dunkle &c. für der Mahler nutz zu haben.
See oder Meergrün.
Häftet in newer und trukner maur: allein der gebrauch ist minder, ursach des thewren werths.
Salz Braun.
Mit Dinten gemischt ja auch alleinig, gibt blawe himmels farb. Diese nunn seind jenezu dieser Mahlerkunst gebraüchliche farben.
Iene farben, welche sich nicht gebrauchen lassen zu derselben seind.
Wasserbley oder Bleyweyss, zinnober oder Minium, Brasil holtz farb, gedrukte purpurfarb, Rost oder graugrün, Himmelblaw, lauch oder knortz grün, Rohrgrün, Oëlgelb, gelbrün, von Niederland, Operment, Indian, schwärtze von gebrennten beyn oder horn, und die Matery so zu der blawen himmelfarb den mahlern dienet.
Auf trukner maur mahlen.
Dieses wird offt in Rom verlangt, und kann geschehen wann zu vor gewaschner gyps darüber gezogen wird, welcher alle farben an nihmt. Merke doch das offt geweisste wänd besser kommen abgekratzt zu werden, damit in truknen zeiten dergar zu häufige leim nicht eindringe bis auf die innerste maur und zwinge selbe auf zu springen also das diestein und ziegel hervorscheinen und das bild verstaltet werde. Auf newe wänd gibt man etliche handwürff gips, da der kalch annoch frisch, das er also alle farben and nehme.
E N D E .
