Schmidt 1819/II

Carl Wilhelm Schmidt, Handbuch der mechanischen Technologie nach den neuesten in- und ausländischen Erfahrungen, Verbesserungen und Erfindungen für Fabriken, Künste, Handwerke und technische Gewerbe alphabetischer Ordnung theoretisch und praktisch bearbeitet II (E. J. G. H.), Züllischau – Freistadt [Darnmannsche Buchhandlung] 1819.


pp. 176–182

§. 135.
Frescomalerei mit Erdfarben auf dem nassen Kalk
einer Mauer oder eines Plafonds. (Maler.)

Unter allen Arten von Malerei, welche heut zu Tage üblich sind, kann ein Künstler in der auf frischen Kalk seine größte Geschicklichkeit anbringen, und seinem Werke die größte Stärke geben; um indessen hierin etwas außerordentlichs zu leisten, wird hauptsächlich von dem Künstler verlangt, daß er auch ausgezeichnet schön zeichnet, und daß er eine besondere Kenntniß des Werks, welches er darstellen will, haben, und völlig geübt seyn müsse, sonst würde seine Arbeit armselig, frostig und unangenehm ausfallen, weil sich die Farben nicht so leicht wie im Oele vereinigen und zusammenwirken. Diese Art zu malen hat in Italien große Künstler hervorgebracht, die sich aber mit dem Wachsthume der Oelmalerei sehr vermindert haben, und es bequemt sich ein Maler ungern dazu, da er mit dem Kopfe über sich auf Gerüsten und sehr eilfertig auf den Kalk der Plafonds zu arbeiten genöthiget wird.

Der Künstler versichert sich zuerst von der Festigkeit des Gerüstes, und sucht den schädlichen Dünsten des frisch angeworfenen Kalks durch den Beistand eines frischen Luftzuges zu entgehen. Er läßt den trocknen Kalk mit dünnem Kalke, und diesen wieder mit einer noch dünnern Tünche überpinseln.

Der erste Aufwurf, welcher aus gutem Kalke und Kitte von gestoßenen Ziegelsteinen gemacht werden könnte, wird gemeiniglich von grobem Flussande und gutem Kalke gemacht. Ehe er aufgetragen wird, muß man in die Steine, wenn sie nicht so porös und durchlöchert als sonst viele Bruchsteine sind, schräge Löcher von allerhand Art meisseln, damit die Tünche desto besser eingreife und nicht abfalle. Ist die Mauer von Ziegelsteinen, so nimmt sie den Mörtel von selbst an. Dieser erste Anwurf muß wohl zugerichtet, aber sehr rauh seyn, damit der zweyte desto besser fasse und sich mit dem ersten völlig vereinige.

Ehe das zweite Mal beworfen wird, so feuchtet man den ersten Antrag an, um ihn zur Aufnahme des zweiten geschickt zu machen. Zum zweiten Mal nimmt man Kalk, welcher seit einem Jahre, oder wenigstens seit sechs Monaten gelöscht worden ist, weil aus Erfahrung hervorgehet, daß der Anwurf von diesem Kalke nicht abspringt. Man braucht hierzu Flussand, der weder zu fein noch zu grob seyn muß. Der Anwurf muß von einem geschickten Maurer geschehen, damit er gehörig gleich gemacht werde. In einem Tage soll nicht mehr angeworfen werden, als der Künstler zu verarbeiten gedenkt.

Sobald die Mauer übertüncht worden, sucht der Künstler mit einem Pinsel die Sandkörnchen wegzunehmen, damit die Farben desto besser darauf haften, und diese Arbeit wird garniren [!], d. h. abkörnen genannt, und geschiehet nur bei großen und vom Auge weit abstehenden Dingen, wiewohl es bey nahegelegenen ebenfalls vorgenommen werden kann. Damit aber doch die rauhe Malerey nicht zu sehr ins Auge falle, pflegt man zu Ende der Arbeit einen Bogen Papier darauf zu legen, und mit der Mauerkelle sanft anzudrücken, damit das allzu Rauhe vertrieben werde.

Ehe der Künstler zu malen anfängt, verfertigt er seine Zeichnung oder das Modell, und noch eine andere Zeichnung, welche so groß als die Arbeit selbst ist, und welche an der Wand befestigt wird, um die Fehler von fern desto besser gewahr zu werden. Zu großen Kirchendecken, Sälen, Gewölben, die für ein Papier zu groß sind, bedient man sich des Gitterrahmens, durch dessen Hülfe große Sachen ins Kleine gebracht werden können. Das kleine Modell wird in eben so viel kleine Quadrate getheilt, um die Sache in eben so viel Vierecke auf die betünchte Mauer davon zu übertragen.

Von diesen Vierecken wählet sich nun der Maler täglich so viel, als er in einem Tage auszumalen gedenket. Diesen Platz läßt er täglich übertünchen, und er zeichnet jedesmal die durch den Kalk beworfenen Vierecke auf die frische Tünche, um darnach zu malen. Kann er sein Tagewerk nicht vollenden, so schneidet er die überflüssige Tünche, nur nicht mitten an nackten Theilen, sondern an der äußern Zeichnung von dem Fertigen ab. Sein Pinsel läuft solchergestalt von einem Stücke zum andern unaufgehalten fort, und man warnet den Maurer beständig, nicht den Rand der vollendeten Theile mit dem Pinsel zu verunstalten; es ist daher am sichersten, das Gemälde von oben anzufangen, und jederzeit unter sich hinabtünchen zu lassen.

Auf den gedachten Theil der Decke wird die Zeichnung des großen Papiers sanft gedruckt, und der Umriss mit einem eisernen Griffel solchergestalt vorsichtig in den noch frischen Kalk durch das Papier gezeichnet.

Kleine Risse werden mit einer Nadelspitze durchlöchert, und mit Kohlenstaub überstaubt, welcher Staub durch das Papier mit einem trockenen Pinsel abgerieben wird.

Man bedienet sich der Borsten- und anderer Pinsel von steifen, langen und spitzigen Haaren; muß sich aber hüten, auf den Grund des nassen Mörtels nicht zu viel zu arbeiten.

Alle Farben werden vorher, von jeder so viel als das ganze Werk erfordert, auf einmal mit Wasser abgerieben, damit keine Farbenabsätze entstehen möchten. Das Uebrige kommt mit dem Oelmalen überein.

Die Farben müssen in ihren Geschirren in Acht genommen werden. Die Palette bestehet aus einem verzinnten Bleche, ein umgebogener Rand verhindert das Ablaufen der flüssigen Farben, welche hier ziemlich dünn sind. Auf der Mitte der Palette befindet sich ein Wassergeschirr, die Farben zu verwaschen.

Der Kalk muß, ehe der Künstler zu malen anfängt, keinen Fingerdruck mehr annehmen, weil ein nachgebender Kalk nur schwache Anzeigen eines Gemäldes zurücklassen würde.

Sobald die ersten Farben den Kalk erweichen, verlieren sie ihr Licht und ihre Schönheit auf einmal; es müssen daher diese Lagen mehreremale wiederholt, und kein Stück eher aus der Arbeit gelassen werden, als bis es völlig ausgearbeitet und fertig ist. Jeder hinzugesezte Farbenzug würde nach etlichen Stunden nichts als Flecken zum Vorschein bringen. Ehe man eine Lage giebt, muß so lange gewartet werden, bis die alte Farbe erst recht trocken geworden ist. Frische Tünche macht ein Gemälde lebend und dauerhaft; weil aber der Kalk vornehmlich die Schatten ein wenig bleich machet, so muß man diese Farbenblässe durch Pastellfarben oder durch Pinselchen, die man mit eben der Farbe mäßig eingerieben hat, überfahren.

Ehe der Künstler zu malen anfängt, probirt er die in den irdenen Gefäßen zubereiteten Tinten, indem er sie eben so wie in der Wassermalerei auf Platten von Gyps, Kalk oder auch auf Ziegelsteinen, welche die Feuchtigkeit an sich ziehen, trocknen läßt; denn das Wassermalen hat viel Aehnlichkeit mit dem Frescomalen, ausgenommen, daß bei diesem Grunde Kalk ist, und daß man nur in bloßem Wasser aufgelöste Farben hierzu gebraucht.

Es ereignet sich öfters, daß einem Maler das Gemälde misslingt, so daß er dasselbe gern wieder hinwegnehmen möchte; daher muß er dasselbe abschroten lassen, jedoch daß die übrige Arbeit nicht berührt wird. Wenn alsdann der verlangte Ort auf das Beste gesäubert worden ist, muß man denselben mit besonderer Geschicklichkeit zu nutzen wissen, und zur neuen Malerei eine frische Tünche anwerfen; wiewohl an bedeckten Orten auf die alte Tünche neue Figuren gemalt werden können, wofern sie nur gelinder als die übrigen gemalet sind.

Alle Farben, welche nicht Erden sind, taugen zu dieser Art Malerei nicht, weil das zerstörende Kalksalz sie verändern würde. Auch müssen diese Erden, wo möglich, von trockener Natur oder gestossene Steine und Marmor seyn, weil sie alsdann eine Art von colorirtem Mittel geben. Die Farben, welche bei der Frescomalerei anzuwenden oder gebraucht werden können, sind folgende:

Das Weiße des Kalkes selbst ist das Beste, Farben zu mischen und Fleisch und Kleider auszudrücken. Der Kalk wird mit Wasser verdünnt, durch ein dichtes Sieb gegossen, und in ein irdenes Gefäß gebracht, damit er sich absetze; das obenstehende Wasser seihet man ab, und verwahret den Satz vor dem Staube. Der feine weiße Marmorstaub wird mit Kalkweiß vermischt, um ihm mehr Körper zu geben. Einige nehmen von beiden gleich viel, zuweilen ist auch schon der vierte Theil Marmorstaub hinlänglich. Von allzuvielem Marmor wird das Weiße schmutzig. So giebt das Weiße von Eierschalen ein angenehmes Weiß bei der Frescomalerei.

Ferner: Ocher, Italienische Erde, Massicot [!], (s. d.) das Neapolitanische Gelb; doch giebt der Ocher das schönste Gelb. Wenn der Ocher hell werden soll, wird er mit Kalkweiß versezet. Der Zinnober, mit welchem die feinen Gewänder bekleidet werden, wird vorher auf folgende Art bereitet: Römischer, im Ofen gebrannter Vitriol sticht sehr wohl auf der frischen Tünche ab, er wird in Branntwein zubereitet, wodurch er eine Purpurfarbe bekommt; man gebraucht ihn zum Anlegen und überfährt ihn mit Zinnober, da sich die Gewänder so gut als in der Oellasurung ausnehmen. Der Zinnober erhält auf diese Weise eine bessere Haltung auf dem Kalk, die ihm ohne diese Vorrichtung nicht ganz eigen ist.

Das englische Braunroth vertritt des vorhergehenden Stelle, weil es ebenfalls aus blauem Vitriol besteht. Wenn es trocken wird, verbreitet es, von Licht und Schatten eingemischt, eine angenehme Purpurfarbe. Der Kreuzdornsaft, oder das Saftgrün, wird von dem Weißen des Kalkes gelbgrün, ohne sehr zu verschießen. Das Berggrün belebet die Gewänder im frischen Kalke. Das Erdschwarz schattiret die gelben Gewänder. Das venedische Erdschwarz ist die schwarzgeste unter allen Kalkfarben. So gebraucht man auch die Kohlen, verbrannten Weinhesen, Pfirsichkerne, Papier und d. gl. m. Mit allen diesen Farben vermischt der Frescomaler das Kalkweiß zum Lichte, zu Schatten und zu Mittelfarben. Schmalte und Lasurblau bestehen recht wohl in der Luft und im Regen; und diese Farben sind daher in Landschaften gut anzuwenden. Ultramarin würde sehr schön seyn, wenn der Preis desselben im Allgemeinen die Anwendung nicht erschwerte.

Der Kalk zerstört endlich folgende Farben, als: Bleiweiß, Mennige, Lack, Grünspan, Auripigment und Beinschwarz.

In Rom hat man noch eine Art, Fresco auf alte Wände zu malen, die mit sehr wenigem verdünnten Gypse überworfen werden. Diese Art leidet alle Farben ohne Unterschied, sobald nur die oft geweißten Wände überschabt worden sind, um der überflüssigen Tünche keine Gelegenheit zum Abspringen zu geben. Frisch getünchte Wände werden nur mit Gips überzogen, um die Farben begierig und schnell in sich zu saugen.

Das Frescomalen verstattet dem Pinsel nicht, wie die Oelmalerei, nasse Farben ineinander zu mischen; der Maler schrafirt oder punktirt gemeiniglich seine Schatten, und bloß die Entfernung vom Auge muß die leichten Striche in farbige Flächen verwandeln. Eine kurze Zeit nach der Malerei steigen erst alle Farben aus dem Kalke mit ihrer Schönheit herauf, da sie unter der Arbeit nichts als ein unförmliches Chaos von Pinselstrichen vorstellten; die scheinbaren Ansätze verschwinden, und die Wärme der Luft vereiniget die Stücke zu einem Ganzen, dessen Lebhaftigkeit unzerstörbar scheint.

Die herrlichsten Werke des Raphael sind in dieser Art gemalt, wiewohl sie jetzt in Absicht auf die Färbung sehr viel verloren haben; denn zu Raphaels Zeiten verstand man die Ausübung dieser Art zu malen noch nicht so gut, als zu Carracci Zeiten. Hannibals Gemälde in der Gallerie des Farnesischen Pallastes sind in Ansehung der Ausführung weit schöner, als alles, was von ihm in dieser Art gemacht worden ist.

In neuern Zeiten malet man, um eine längere Dauer zu bezwecken, auch mit Oelfarben auf Kalk, welche Vortheile an seinem Ort (f. d.) gelehrt werden.