Winckelmann 1764/I

Johann [Joachim] Winckelmann, Geschichte der Kunst des Altertums I, Dresden [Waltherische Hofbuchandlung] 1764.


Das vierte Capitel.
Von der Kunst unter den Griechen.


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Fünftes Stück.
Von der Malerey der alten Griechen.

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pp. 282–288

V. Von der Art und Weise der
Malerey auf der Mauer
insbesondere.

Von dem dritten Puncte dieser Betrachtung, nemlich von der Art der alten Malerey, sind verschiedene besondere Anmerkungen zu machen, welche theils die Anlage zu Gemälden, oder die Bekleidung und Uebertünchung der Mauer, theils die Art und Weise der Malerey selbst betreffen. Die Bekleidung der Mauer zu Gemälden ist verschieden nach den Orten, sonderlich in Absicht der Puzzolana, und es unterscheidet sich diejenige, welche in alten Gebäuden nahe um Rom und nahe um Neapel gefunden wird, von der an alten Gebäuden, entfernt von beyden Orten. Denn weil nur allein an beyden Orten diese Erde gegraben wird, so ist die erste und unmittelbare Bekleidung der Mauern, von Kalk mit Puzzolana durchgeschlagen, und daher gräulich: an anderen Orten ist diese Bekleidung von gestoßenem Travertino, oder Marmor, und es findet sich auch dieselbe anstatt anderer Steine mit gestoßenem Alabaster vermischet, welches man an der Durchsichtigkeit der kleinen Stücke erkennet. Die Gemälde in Griechenland hatten also keine Anlage von Puzzolana, welche daselbst nicht war.

Es ist diese erste Bekleidung der Mauer insgemein einen guten Finger dick. Der zweyte Auftrag ist Kalk, mit Sand oder mit fein gestoßenem Marmor vermischt und durchgeschlagen, und diese Lage ist beynahe das Dritttheil so dick, als jene. Solche Bekleidung war gewöhnlich in ausgemalten Grabmälern, und auf dieser Art Mauer stehen die Herculanischen Gemälde. Zuweilen ist die obere Lage so fein und weiß, daß es reiner feiner Kalk oder Gips scheinet, wie an dem Jupiter und Ganymedes, und an den andern an eben dem Orte gefundenen Gemälden, und diese Lage ist einen starken Strohhalm dick. An allen Gemälden, so wohl auf trockenen, als nassen Gründen, ist die äußerste Lage auf gleiche Weise auf das sorgfältigste geglättet, wie ein Glas, welches in der zweyten Art Malerey, wenn der Grund sehr fein war, eine sehr große Fertigkeit und geschwinde Ausführung erforderte.

Die heutige Zurichtung des Auftrages zum Fresco-malen, oder auf nassen Gründen, ist etwas verschieden von der Art der Alten; es wird derselbe von Kalk und von Puzzolana gemacht: denn der Kalk mit fein gestoßenem Marmor durch einander geschlagen, wird zu schnelle trocken, und würde die Farben augenblicklich in sich ziehen. Die Fläche wird auch nicht, wie bey den Alten, geglättet, sondern rauchlich gelassen, und wird mit einem Borstpinsel wie gekörnet, um die Farben besser anzunehmen: denn auf einem ganz glatten Grunde würden dieselben, wie man glaubet, ausfließen.

Zum zweyten ist die Art und Weise der Malerey selbst, die Anlage und Ausführung derselben auf nassen Gründen, welches udo tectorio pingere hieß, und die Malerey auf trockenen Gründen zu berühren: denn von der alten Art auf Holz zu malen, ist uns nichts besonders bekannt, außer daß die Alten auf weiße Gründe maleten 1); vielleicht aus eben dem Grunde, warum zum Purpurfärben, wie Plato sagt, die weißeste Wolle gesucht wurde 2).

1) Galen. de usu part. L. 10. c. 3.
2) Polit. L. 4. p. 407. l. 6. edit. Basil.

Die alten Künstler werden ohngefähr wie die Neueren, in Anlagen der Gemälde auf nassen Gründen, verfahren seyn. Itzo, nachdem der Carton in groß gezeichnet ist, und so viel feuchter Grund, als in einem Tage kann ausgeführet werden, angeleget worden, wird der Umriß der Figuren, und der vornehmsten Theile derselben, auf dem Carton mit einer Nadel durchlöchert. Dieses Stück der Zeichnung wird an den aufgetragenen Grund gehalten, und man stäubet fein gestoßene Kohlen durch die gestochenen Löcher, wodurch die Umrisse auf dem Grunde angedeutet werden. Dieses nennet man im Deutschen durchbaußen; und eben so verfuhr auch Raphael, wie ich an einem mit schwarzer Kreide gezeichneten Kinderkopfe desselben, in der Sammlung der Zeichnungen des Herrn Cardinals Alexander Albani, sehe. Diesen angestäubten Umrissen fährt man mit einem spitzigen Stifte nach, und es werden dieselben in dem feuchten Grunde eingedrucket; und diese eingedruckten Umrisse zeigen sich deutlich auf den Werken des Michael Angelo und des Raphaels. In diesem letzten Puncte aber sind die alten Künstler von den Neuern verschieden: denn auf alten Gemälden findet sich der Umriß nicht eingedruckt, sondern die Figuren sind, wie auf Holz, oder auf Leinewand, mit großer Fertigkeit und Zuversicht gemalet.

Die Malerey auf nassen Gründen muß bey den Alten weniger gemein, als auf trockenen Gründen gewesen seyn; denn die mehresten Herculanischen Gemälde sind von dieser letzten Art. Man erkennet dieselben an den verschiedenen Lagen von Farben: denn an einigen ist z. E. der Grund schwarz; auf diesem Grunde ist ein Feld von verschiedener Form, oder auch ein langer Streif, mit Cinnober aufgetragen, und auf diesem zweyten Grunde de sind Figuren gemalet. Die Figur ist unscheinbar geworden, oder abgesprungen, und der zweyte rothe Grund ist so rein, als wenn nichts darauf gemalt gewesen wäre. Andere aber, die von eben dieser Art scheinen, sind auf nassen Gründen gemalet, aber mit trockenen Farben zuletzt übergangen, wie der Ganymedes und andere, welche an eben dem Orte gefunden worden.

Einige glauben ein Kennzeichen der trockenen Malerey in den erhobenen Pinselstrichen zu finden; aber ohne Grund: denn auf den Gemälden des Raphaels, welche auf nassen Gründen sind, bemerket man eben dieses. Die erhobenen Pinselstriche sind hier Zeichen, daß dieser Künstler seine Werke zuletzt trocken hier und da übermalet hat, welches auch von den nachfolgenden Malern in eben dieser Art geschehen. Die Farben der alten Gemälde auf trockenen Gründen müssen mit einem besondern Leimwasser aufgetragen seyn: denn sie haben sich in so vielen hundert Jahren zum Theil frisch erhalten, und man kann ohne Nachtheil mit einem feuchten Schwamme oder Tuche über dieselben hinfahren. Man hat in den durch den Vesuvius verschütteten Städten Gemälde gefunden, welche mit einer zähen und harten Rinde, von Asche und Feuchtigkeit angesetzt, überzogen waren, und welche man nicht ohne große Mühe durch Feuer ablösen konnte; aber auch durch diesen Zufall haben solche alte Gemälde nichts gelitten. Diejenigen, welche auf nassen Gründen sind, können das Scheidewasser ausstehen, womit man den Ansatz der steinigten Unreinigkeit ablöset, und die Gemälde reiniget.

Was die Ausführung betrifft, so sind die mehresten alten Gemälde geschwinde, und wie die ersten Gedanken einer Zeichnung, entworfen; und so leicht und flüchtig sind die Tänzerinnen, und andere Herculanische Figuren, welche alle Kenner bewundern, auf einem schwarzen Grunde ausgeführt: diese Geschwindigkeit aber war so sicher, als das Schicksal, durch die Wissenschaft und Fertigkeit geworden. Die Art zu malen bey den Alten war geschickter, als die heutige, einen hohen Grad des Lebens und des wahren Fleisches zu erreichen: denn da alle Farben in Oel verlieren, das ist, dunkeler werden, so bleibet die Malerey in Oel allezeit unter dem Leben. In den mehresten alten Gemälden sind die Lichter und Schatten durch parallele, oder gleichlaufende, und zuweilen durch gekreuzte Striche gesetzt, welches im Welschen tratteggiare heißt, und an diese Art hat sich auch Raphael zuweilen gehalten. Andere, sonnderlich größere Figuren der Alten, sind auf Oelfarben Art vertieft und erhoben, das ist, durch ganze Massen von degradirten und anwachsenden Tinten, und diese sind in dem Ganymedes meisterhaft in einander geschmolzen. Auf eben diesem großen Wege ist die Barberinische vermeynte Venus, und die zuletzt entdeckten viel kleinen Gemälde des Herculanischen Musei, gemalet, welche dennoch auch in einigen Köpfen über die Schatten mit Strichen schattiret sind.

An den Herculanischen Gemälden ist zu beklagen, daß dieselben mit einem Firnisse überzogen worden, welcher nach und nach die Farben abblättert und abspringen macht; ich habe innerhalb zween Monaten Stücke von dem Achilles abfallen sehen.

Zuletzt ist mit ein paar Worten von dem Gebrauche bey den Alten zu reden, die Gemälde vor dem Nachtheile, welchen sie von der Luft oder der Feuchtigkeit leiden könnten, zu verwahren. Dieses geschah mit Wachse, womit sie dieselben überzogen, wie Vitruvius 1) und Plinius 2) melden, und dadurch erhöheten sie zu gleicher Zeit den Glanz der Farben. Dieses hat sich in einigen Zimmern verschütteter Häuser der alten Stadt Resina, nahe bey dem alten Herculano gelegen, gezeiget. Die Wände hatten Felder von Cinnober, von solcher Schönheit, daß es Purpur schien, da man dieselben aber nahe an das Feuer brachte, um den angesetzten Tarter ablösen, zerschmolz das Wachs, womit die Gemälde überzogen waren. Es fand sich auch eine Tafel von weißem Wachse unter Farben liegen, in einem Zimmer des unterirdischen Herculanum; vermuthlich war man beschäftiget, dasselbe auszumalen, da der unglückliche Ausbruch des Vesuvius kam, und alles überschüttete.

1) L. 7. c. 9.
2) L. 33. c. 40.

Ich habe dem Liebhaber so wohl, als dem Künstler, das Vergnügen nicht nehmen wollen, über die in den fünf Stücken dieses Capitels enthaltene Lehren und Anmerkungen eigene Betrachtungen zu machen, und hinzuzuthun; und es wird aus jenen in Schriften der Gelehrten, die sich in dieses Feld gewaget haben, etwas zu verbessern übrig seyn. Beyde aber, wenn sie unter Anführung dieser Geschichte die Werke Griechischer Kunst zu betrachten, Gelegenheit und Zeit haben, setzen bey sich fest, daß nichts in der Kunst klein sey, und was leicht zu bemerken gewesen scheinen wird, ist es mehrentheils nur wie des Columbus Ey. Es kann auch alles, was ich angemerket habe, ob gleich mit dem Buche in der Hand, in einem Monate (die gewöhnliche Zeit des Aufenthalts der deutschen Reisenden in Rom) nicht durchgesehen und gefunden werden.

Aber so wie das Wenige mehr oder weniger den Unterschied unter Künstlern macht, eben so zeigen die vermeynten Kleinigkeiten den aufmerksamen Beobachter, und das Kleine führet zum Großen. Mit Betrachtungen über die Kunst verhält es sich auch anders, als mit Untersuchungen der Gelehrmsamkeit in den Alterthümern. Hier ist schwer, etwas neues zu entdecken, und was öffentlich stehet, ist in dieser Absicht untersucht; aber dort ist in dem Bekanntesten etwas zu finden: denn Kunst ist nicht erschöpft. Aber es ist das Schöne und das Nützliche nicht mit einem Blicke zu greifen, wie ein unweiser Deutscher Maler nach ein paar Wochen seines Aufenthalts in Rom meynete: denn das Wichtige und Schwere gehet tief, und fliesset nicht auf der Fläche. Der erste Anblick schöner Statuen ist bey dem, welcher Empfindung hat, wie die erste Aussicht auf das offene Meer, worinn sich unser Blick verlieret, und starr wird, aber in wiederholter Betrachtung wird der Geist stiller, und das Auge ruhiger, und gehet vom Ganzen auf das Einzelne. Man erkläre sich selbst die Werke der Kunst auf eben die Art, wie man andern einen alten Scribenten erklären sollte: denn insgemein gehet es dort, wie in Lesung der Bücher; man glaubet zu verstehen, was man liest, und man verstehet es nicht, wenn man es deutlich auslegen soll. Ein anders ist, den Homerus lesen, ein anders, ihn im Lesen zugleich zu übersetzen.