Weigel 1698
Christoff Weigel, Abbildung Der Gemein-Nützlichen Haupt-Stände Von denen Regenten Und ihren So in Friedens- als Kriegs-Zeiten zugeordneten Bedienten an, biß auf alle Künstler Und Handwercker…, Regenspurg [Christoff Weigel] 1698.

pp. 195–201
Num. II.
Der Mahler.
WJe der Verstand an dem Menschen auf das herrlichste herfür leuchtet/ also ist auch dieses am meisten zu schätzen/ worinn sich die Funcken dieses herrlichen Kleinods am meisten äussern. Die Wercke/ wovon der Fleiß ein herrliches Zeugniß erstattet/ sind köstlich/ weit köstlicher aber die/ worinnen ein herrlicher Verstand herfür leuchtet. Nun kan aber in Wahrheit/ nebst denen freyen Künsten/ keine gefunden und ernennet werden/ worinnen sich mehrers der Verstand/ Klugheit/ Fleiß und Nachsinnen an Tag legt/ als in der Mahlerey; so mag man auch dieser vor allen andern/ einen Vorrang und Präcedentz gönnen/ sie von denen Fesseln/ womit sie die Unerfahrenheit und Nachlässigkeit einiger Nahmen-Künstler bestrickt/ und Handwerckhafftig gemacht und für eine Kunst-Schwester der Musen auf- und annehmen.
Den Anlaß zur Mahleren leiten einige daher/ daß Gyges Lydius in Egypten/ seinen Schatten bey dem Feuer stehend ersehen/ und folglich mit der Kohle an der Wand abgerissen/ daher ihn Plinius zum Erfinder der Mahlerey machet. Andere bringen ihren Ursprung daher/daß einige von dein Schatten derer/ so in der Sonnen gestanden/ die äuserste Linien abgezeichnet/ und dadurch den Grund zu dieser herrlichen Kunst angewiesen/ wie Quintilianus anführet; und waren sothanige Kunst-Erfinder Philocles der Egyptier/ Cleanthes und Ardices die Corinthier/ und Telephanes der Sycionier/ daher die Griechen/ wie meist aller Kunst und Wissenschafft Erfindung/ auch dieser sich angemaßt.
Andere geben für/ sie rühre aus denen unvollkommenen Bildern her/ welche die gütige Natur in Marmel und andere Steine gebildet; Noch andere aus denen in den Wolcken jezuweilen erschienenen mannigfaltigen Figuren. Welche die Liebe zur Erfinderin machen/ und solches mit dem Exempel des verliebten Mägdleins und Tochter des Dibutadis, beweisen wollen/ scheinen leeres Stroh zu dreschen.
Und zwar was das wahre Alterthum dieser herrlichen Kunst betrifft/ muß selbige schon vor denen Trojanischen Zeiten bekannt gewesen seyn/ wie der gelehrte Vossius de Orig. & Progr. Idolol. Libr. 3. c. 45. gründlich darlegt. Gleichwie es aber bey allen Künsten beschaffen/ daß selbige nicht so gleich vollkommen gebohren werden/ als gieng es auch mit dieser; Die Folge der Zeit gab dem Polygnoto Thasio Gelegenheit/ die Zeichnung zu verbessern die Bildnüssen mit Kleydern und fürstellenden Gemüths-Affecten abzuschildern.
Durch Cleanthis und Apollodori Nachsinnen kam diesen Künstlern der Mahlerey der Pinsel in die Hand/ und mit selbigem ihren Wercken ein unschätzbahrer Preiß. Sintemahl aus den Geschichten bekannt/ daß für eine Tafel/ worauf Medea und Aiax gebildet/ und von Timotheo verfertigt/ 80. Talent/ und vor eine Tafel mit dem Gemählde Aristidis von Thebe/ 100. Talent/ so unsers Gelds 9000. Rthlr. ausmachen/ bezahlet worden. Attalus der König/ war mißvergnügt/ daß man ihm nicht ein gemahltes Bild Bacchi vor 6000. Sestertien/ unsers Gelds 150000. Cronen/ zukommen lassen/ so nachmahls mit herrlichem Pracht Lucius Memmius im Tempel zu Rom aufgestellet. Ja ein rauhes Tuch vom Apelles und Protogenes nur schlecht überfahren/ ward mehr als alle Stücke in Cäsars Pallast geschätzet. Anderer bekannte Beyspiel zu unsern Zeiten zu geschweigen.
Mit dem Wachsthum dieser Kunst/ wuchs auch der Künstler Hochachtung/ so/ daß der tapffere Fabius sich nicht gescheuet/ selbst den Nahmen Pictor, oder Mahler/ anzunehmen. Q. Pedius hat mehrere Ehre vom Mahlen/ als von seinem Adel erworben. Ja sogar Käyser Hadrianus hatte bey dieser Kunst ein grosses Vergnügen/ nach Spartiani Gezeugnüß; und M. Antonius lag dieser Kunst nicht wenig unter seinem Lehrmeister Diogeneto ob/ wie aus Julio Capitolino zu ersehen. Ja Julius Severus verwechselte zuweilen den Pinsel mit dem Käyser- Scepter/ wie aus dem Ælio Lampridio erhellet. Anderer hohen Häupter/ deren eine grosse Anzahl zu geschweigen. Die alte Philosophi und Poeten hielten gleichfalls ob dieser Kunst und beflissen sich deren Socrates, Plato, Æschines, Euripides, und andere Griechen mehr; und solches umb desto füglicher/ weil die Poësie von Plutarcho die redende Mahlerey betitelt wird; dahero sie auch von denen Griechen unter die andere freye Künste mit eingeschaltet und heut zu Tag gantz unbillich (ich rede aber nur von preißlichen Künstlern) davon entsondert wird, Metrodor hat grösseren Ruhm von der Mahlerey/ als Philosophie/ erbeutet/ und auch mehrers der ersten/ als legten halber/ zu einem Lehr-und Hofmeister der Söhne des Römischen Feldherrn Lucii Æmilii von Athen nach Rom beruffen worden.
Mit Roms abnehmendem Ruhm/ verringerte sich auch die Zahl und Würde der Mahlerey-Künstler/ ja es ward diese Kunst noch vorder Gothen und Wenden Einfall in Italien gemüssiget/ ihren Abschied und Urlaub zu nehmen. Sie verfiel hierauf/ wo nicht in Vergessenheit/ doch in den Schatten der Unerfahrenheit/ und heut zu Tag gleichenden Tüncherey; und wurde noch darinnen verborgen liegen/ wann sie nicht im Jahr 1240. zu Florenz Ciambue aus dem Schlaff gleichsam erwecket/ und dadurch seine Kunst und Fürtrefflichkeit auch seine Lehrling zu weiterer Ausübung angespornet. Damit aber die geneigten Leser einen kurtzen Vorschmack/ von neuen als alten Künstlern dieser höchst-schätzbaren Mahlerey und in welchem Stück eigentlich solche den Preiß erworben haben mögen/ will ich die Wort des in dieser Kunst edelsten Herrn von Sandrat/ als eines Kunst verständigsten Richters/ entlehnen und solche aus seiner Teutschen Academie hieher versetzen.
Apollodorus (sagter) legte sonderlich der Schönheit zu. Zeuxis machte zu grosse Köpffe/ ware aber ein künstlicher Obst-Mahler. Eumarus gewöhnte sich alles nach dem Leben nachzubilden. Protogenes kunnte erstlich nur Schiffe mahlen. Apelles war in allen zierlich. Parrhasius ware gut in feinen Umrissen. Dæmon reich von Invention; Timantes verständig in allen seinen Wercken/ auch immer verborgenen Sinnes und Meinung; Pamphilus gelehrt; Nicomachus geschwind; Athenion tieffsinnig; Nicophanes sauber und nett; Amulius schön mit Farben; Pausias munter in Bildung der Kinder und Blumen! Asclepiodorus gut in der Proportion und Messung; Amphion von Anordnung; Serapio vernünfftig in grossen/ Pyreicus in kleinen Sachen; Antiphilus in klein und grossen. Dionysius konnte nur Menschen mahlen; Euphranor alles; Nicias Thiere/ besonderlich Hunde; Nicophanes konnte wohl nachcopiren/ und war in seinen Wercken sauber; Mechophanes zu rauh in denen Farben; Nealces gut im Ausbilden; Aristides in Affecten; Clefides nach dem Leben; Ludius in Landschafften.
Herrliche Künstler waren auch Ciambue/ der grosse Wieder-Erfinder dieser Kunst/ Gaddo sein Nachfolger/ und Giotto. Fürtrefflich in Sauberkeit war Johann Bellini; Michael Angelo in Bildern und hohen Verstand; Leonardo da Vinci in vernünfftigen Affecten. Andrea del Sarto in Annehmlichkeit; Raphael d’Urbino in meisterlicher Erfindung; Julius Romanus in ungemeinen Gedancken; Titian in Anmuthigkeit/ sonderlich der Coloriten und Farben; Corregio in Gratiositäten; Veronese in reichen Gedancken; Tintoret in Seltsamkeit; Carazzo in Fresco oder nassen Kalch; Caravaggio und Manfredo in Lebhafftigkeit; Guido Bolognese in
Holdseeligkeit; Albano in zierlicher Erfindung; Bernini in der Bild- und Bau-Kunst; Francesco du Quesnoy in Sculptur-Wahrheit; Algardon in Geschicklichkeit; Peter Corton in Fresco oder nassen Kalch; La Franch in Geschwindigkeit; Dominico in Tieffsinnigkeit; Claudio Gilli in Landschafften.
Nächst diesen/ machten sich auch verwunderbar unsere Teutschen: als Martin Schön im Hochsteigen; Matthias von Aschaffenburg in zierlichem Geist; Albrecht Dürer in Universal- Verstand; Hans Holbein in glückseeliger Hand; Amberger in der Wahrheit; Pocksberger in Geistreichthum; Schwartz in Erfahrenheit; Adam Eltzheimer in verwunderlichem Verstand.
Gleichfalls waren für berühmt die Niederländer/ Johann und Hubert von Eyck in Erfindung der Oel-Farben; Lucas von Leyden in Fleiß; der alte Bruegel in Verstand; also auch Gotte/ Cles/ und Johann von Calcar in der Hand; Floris in der Meisterschafft; Brauer in Bildung der Bauern; Fochiers in Landschafft-Bäumen; Rubens in Geistreichheit; Der von Dyck in Zierlichkeit; Hundhorst in Wohl-Gemählden; Rembrand in Arbeitsamkeit; Perselles in Schiffarthen und Wassern; Pulenburg in kleinen Bildlein; Bambots in Bildung der Bettler; Botte in Landschafften; auch der Gerhard Daro und Mires hochpreißwürdig in kleinen Oel-Farben.
Es hat aber das Männliche Geschlecht sich nicht allein dieser Preiß-verehrlichen Kunst Ausübung anzumassen/ sondern muß auch selbige mit dem Frauenzimmer theilen; Denn zu geschweigen/ was oben von der Tochter des Dibutadis aus dem Athenagora erwähnet worden/ so hat Timarete/ eine Tochter Nicons/ sich fürtrefflich angewöhnet/ auf Antiche Art zu mahlen; ingleichen Irene, eine Tochter Cratini, wie auch Calypso, Alcisthene und Aristarete. Olympias war gar in Mahlen eine Lehrmeisterin des Autobuli. Anaxandra, eine Tochter Nealcis, ist auch Mahlens wegen in denen Historien bekannt. Helena/ eine Tochter Timons des Egypters/ hat den Issischen Krieg/ so zu ihrer Zeit geführet worden/ abgezeichnet. So mag auch wol Glycera von ihrem Liebhaber Pausia etwas begriffen haben/ und deswegen auch mit unter die Mahlerinnen gezehlet werden. Den grösten Ruhm aber hat sich hierinnen erworben die Vestalische Lala von Cyzicus, so das Frauenzimmer absonderlich wohl gemahlet, und künstlich in Helffenbein geschnitten zu geschweigen des Frauenzimmers so bey etlichen Jahrhunderten her nach wieder Aufrichtung/ diese treffliche Kunst verherrlichen helffen.
Es ist aber diese Kunst eine Tochter der Vernunfft/ welche die Zeichnung und Anordnung/ nicht aber der ungefähre Zufall gebieret/ und an das Tages-Licht bringt. Hiebey ist die Hand die Heb-Amme/ so diese Geburt nach lang-ergriffener Experient gebührlich handelt und darlegt. Die Zeichnungen aber sind von verschiedenen Arten. Diejenige/ so bloß mit der Feder/ Kohle oder Kreyde entworffen/ nennet man im Italiänischen Schizzi, oder Abrisse und dieses ist gleichsam noch eine unförmliche Geburth/ welche/ gleich den jungen Bären/ durch öffters Belecken und Verbessern wohlgestaltet werden muß. Eine andere Art der Zeichnung sind die Profil und Umrisse/ welche aber mehrers zur Bau, als Mahlerey-Kunst dienlich.
Wann die Hand eine Zeitlang in Handrissen sich geübet/ muß man sie zu Abzeichnung hoher Bilder und Statuen von Marmor und Gips gewöhnen/ und so dann von diesen stillstehenden Stücken selbst zu lebendigen Dingen schreiten. Hiezu sind nun in Italien und absonderlich zu Rom/ herrliche Academien aufgerichtet/ woselbst man/ in Gesellschafft anderer/ von einem wohl-gestellten Mannes- oder Weibs-Bild unterschiedliche Stellungen absieht und daraus am gründlichsten die Proportion des Menschlichen Cörpers erlernet. Dieser Römischen Academie der Mahler zu Folg/ hat auch der heutige König in Franckreich in Pariß einige angerichtet deren kurtzen Entwurff Testelins Tafeln der Mahler-Kunst/ der zu Beförderung guter Künste und Wissenschafft gebohrne Künstler Herr Hans Jacob von Sandrat/ den Römischen Antiquitäten Bellorii mit angeknüpfft.
Ferner hat ein Mahler nöthig/ Licht und Schatten mit guter Ordnung zu mässigen/ und die Gemählde zu rundiren/ oder in Rundung zu bringen. Der Wieder-Schein und Reflexion hat auch seine Regeln/ woraus man des Künstlers Fleiß lernen kan. Hiernächst ist das meiste an guter Ordinantz und Stellung gelegen, und macht die Natürlichkeit der Mahlerey die gröste Vollkommenheit. Die Farben müssen mit Verstand aufgetragen/ deren Vereinigung wohl beobachtet/ und zu rechten Dienst ausgetheilt werden.
Im Zweyspalt mannigfaltiger Farben/ muß man vor allen die Härtigkeit und Unordnung vermeiden/ und darinnen gute Maaß und Mittel halten. Das Mahlen in nassen Kalch oder Fresco, erfordert einen hurtigen und geübten Mahler, weil da in einem Tag geschehen muß/ was man sonst in andern Sachen viel Monat und Jahre ändern und verbessern kan. Hiezu nun gehören lauter Erd-Farben von starcken Wesen/ die der Kalch nicht aufzehren kan/ durchaus aber keine Leim-Farben/ oder die mit Eiergelb/ Gummi und Traganth angemacht. Die Wasser-Farben sind/ nach Wieder-Aufrichtung der Mahler-Kunst/ durch Cimabue auch wieder eingeführet worden/ sobald Jean und Hubert von Eyk die Oel-Farben erfunden/ hat man die Wasser-Farben meist alle in Bann gethan/ weil das Oel die Farben rein/ lind und lebhaffter machet.
Es muß aber die Leinwad oder Tafel/ so bemahlet werden soll/ vorhero mit Grund-Farb überleget/ oder gegründet/ und so dann erst mit Aufdruck der Zeichnung versehen werden; wiewohl solchen Aufdruck einige wohl-geübte Mahler müssig gehen und es von freyer Hand verrichten.
Nebst dem nassen Kalch oder Fresco, Tafeln und Leinwand/ mahlet man auch in Stein/ wozu aber keine vielfärbige Steine/ vor allen andern aber unser teutscher Schieferstein dienlich/ den man dann sonder Grund bemahlen kan. Was bey Landschafft-Mahlen/ bey Historien-Mahlen bey den Nacht-Stücken/ bey Gewand und Bücher Mahlen/ bey Perspectiv-Mahlen/ und andern zu beobachten gehen wir beliebiger Kürtze willen vorbey/ und verweisen den geneigten Leser zu des Preiß-Edlen Herrn Joachims von Sandrarts Teutsche Academie/ worinnen er gründlich belehret/ und nothwendiglich unterwiesen werden kan/ welches er auch kürzlich aus obbelobten Tafeln der Mahlerey-Kunst Mr. Tesselins ersehen kan.
Was den Gebrauch und Nutzen dieser Kunst anbelangt/ ist gewiß, daß von keiner füglicher als von dieser gesagt werden könne/ daß sie zugleich nutze und ergötze. Was Nutzen würcket diese Kunst nicht öffters in Errägung der Andacht/ wann ein wohl-ausgesonnenes Künstler-Stück in denen Kirchen uns in die Augen leuchtet/ und unsere Gedancken auf heiliges Nachsinnen leitet. Was Genuß hat nicht die Artzney-Kunst von dieser herrlichen Kunst/ da sie uns die Beschaffenheit der innerlichen und äusserlichen Leibs-Gestalt fürstellig macht/ frembde Gewächse uns zeigt/ seltene Thier uns zeichnet/ und damit belehret. Kan auch die Historie besser/ als durch diese Kunst eingeflöset und erlernet werden? mit nichten. Es wird keine Geschichte uns besser im Gedächtniß entstehen/ als die wir/ mit behörigen Affecten abgemahlet/ öffters genau betrachtet/ und damit unser Gemuth belustiget. Das Angedencken hoher Helden/ und unserer Vor-Eltern/ würde uns zuweilen sonder diese Kunst entfallen. Und was bemühe ich mich/ den Nutzen und Ergötzen dieser Kunst fürstellig zu machen:
Wer dieser Kunst ihr Feind/ und dem sie nicht geht ein/
Der mag kein kluger Mensch; selbst der Natur Feind seyn.

pp. 419–421
Num. IV.
Der Tüncher
Tünchen ist nichts anders/ als eine/ so hölzerne/ als steinerne Wand mit einer gewissen Farb bestreichen und überkleiden/ und zwar theils mit unterschiedlichen so einfach als gemischten Sand-Farben/ theils mit Kalch; jenes ist eine neuere Erfindung dieses aber ein bereits sehr alter Gebrauch; Dann nachdeme man die Gebäue von Steinen und Mauerwerck aufzuführen angefangen/ hat man selbige entweder mit Laimen oder Letten überzogen/ oder aber mit Kalch/ so in Wasser zuvor zerflösset und aufgelöset worden/ überstrichen; man hat aber dieses um so vielmehr beliebet / weil der Letten und Laimen von der Sonnen Hitze allzusehr ausgetrocknet/ zersprungen und abgefallen/ da hingegen der aufgetünchte Kalch vielmehr hiedurch ausgekocht/ erhartet/ und die Steine vor Regen und Schnee/ samt aller ihnen sonst schädlichen Nässe und Verderbnüß bewahret und erhalten werden.
Was die Überziehung der Gebäue betrifft/ so haben sich die Alten auch öffters des mit Sand vermischten Kalchs bedienet/ fast auf gleiche Art/ wie unsere Maurer und Tüncher noch heut zu Tag ihren so genannten Mörtel machen/ jene um damit zu mauern/ diese aber solches Mauerwerck damit zu bewerffen und so dann mit den durch Wasser angemachten Kalch zu übertünchen/ jene wurden bey den Römern Tectorii, diese aber Albini und Albarii genennet. Die Griechen aber nenneten beede ohne Unterscheid κoνιαταϛ oder/ wie bey Hesychio zu lesen/ κοινιώντες λευκαίνοντες, wovon mit mehrern der gelehrte Salmasius in Solinum gesehen werden mag.
Selbsten die heilige Schrifft gedencket des Tünchens und der Tüncher/ sonderlich bey dem Propheten Ezechiel Cap. 13. v. 11. wo es Gleichnüß-weise heisset/ sprich zu den Tünchern/ die mit losen Kalchs tünchen/ daß es abfallen wird &c. &c. unter welchem Gleichnüß die falsche Lehrer und Propheten zu Jerusalem/ dem Context nach/ verstanden werden; Ja es ist so gar das Handwerck der Tüncher von dem höchsten Gott selbst mit einen sondern Befehl beehret worden/ wann er zu den grossen Israelitischen Heerführer Deut. 27. v. 2. gesagt und zu der Zeit/ wenn ihr über den Jordan gehet/ ins Land/ das dir der Herr dein Gott geben wird/ sollt du grosse Steine aufrichten/ und sie mit Kalch tünchen; welches alles dann sowohl zum Zeugnüß der Nutzbarkeit/ als des Alterthums der Tüncher billig gereichen mag.
Heut zu Tag pflegen die Tüncher nicht nur das Gemäuer an gemeinen Gebäuen/ sondern auch die künstliche Stucator- und Gips-Arbeit/ in grossen Sälen und herrlichen Pallasten anzuweissen/ und mit reiner Tünch zu überkleiden. Die Häuser mit gemeiner Stein-Farb anzustreichen/ und nach dem Quadrat/ mit weissen Strichen zu durchziehen/ ja sie haben nunmehr soviel gelernet/ und ihre Arbeit so hoch gebracht/ daß sie das Mauerwerck purpurfarb/ grau/ oder gelblicht zum Grund antünchen/ und so dann recht nach der Architectur/ die-Fenster mit Bögen und Gesimsen/ weiß in grau gemacht/ umziehen/ die Thüren aber mit artlichen Portalen umgeben/ und mit allerley sehr wohl in das Aug fallenden Laub- und Seulen-Werck/ so öffters auf Marmor Art spielet/ wie auch mit Festinen/ Knöpfen und antiquischen Blumen-Töpfen auszuzieren wissen.
Sie pflegen auch denen Mählern in die Hand zu arbeiten/ und diejenige Decken und Mauer-Wercke mit zarten Mörtel auf das glatteste und reineste zu überziehen/ damit so dann der Mahler mit seinem Kunst-Pinsel die zierlichste Figuren sowohl mit Leim/ als Milch und Wasser angemachten Farben auf die noch nasse Tünch/ und/wie man noch zu reden pfleget/ in fresco, vorstellen könne.
Neben diesen Kalch- und Wasser-Farben / gebrauchen sie auch allerley Oel-Farben/ um nicht nur die Balcken/ Sparren/ und Treppen der Gebäue/ sondern auch mancherley Holtz- und Schreiner-Werck mit beliebigen so einfach als vermischten Farben anstreichen/ hiezu/ sonderlich wann man schöne und grosse Kirchen/ hohe und prächtige Thürne übertünchen solle wird nothwendig von denen Tünchern erfordert/ daß sie mit den Gerüsten wohl umzugehen wissen/ wozu aber kein schwindlichter Kopf und zaghafftes Gemüth/ auch ein besonderer Vortheil erfordert wird/ wo man die Stangen in tieffe Wasser/ und andere morastige Oerter/ woran offt die herzlichste Gebäue zu finden, einsencken muß.
Es kommet auch den Tünchern zu/ allerley gefürnistes Täfel- und Schreiner-Werck mit Saifen-Laugen abzuwaschen und vom neuen mit Fürnis zu überziehen/ als womit sie sehr vortheilhafftig umzugehen/ und manchen alt-verschmußten Schranck und vom Rauch beschwärzte Stube also neu glänzend zuzurichten wissen/ als wann er aus des Schreiners Werckstatt gantz neu herausgekommen wäre. Und obschon theils Orten die Maurer/ wo keine Tüncher zu finden sich solcher Arbeit unterfangen, ist doch zwischen beederley Getünch ein sehr mercklicher Unterscheid/ daß so wenig der Tüncher ein Mahler zu nennen/ eben so wenig auch der Maurer die zumahl bey diesen Zeiten sehr zugenommene/ und der Architectur gemäß gar fein eingerichtete Tüncher-Arbeit nachzuahmen weiß.
Es ist auch nicht zu vergessen/ daß das Handwerck der Tünchers sonderlich in Nürnberg/ inguter Aufnahm stehe/ und daselbst von einem Hochedlen und Hochweisen Rath bereits im Jahr 1596. mit löblichen Gesätz- und Ordnungen versehen worden seye/ krafft welcher ein jeder so da Meister werden will/ ein besonders Meisterstuck verfertigen muß/und zwar (1) vier Schwebebögen also glatt mit Mörtel bewerffen und betünchen/ daß/ nach Anlegung der Schnur und der Bley-Waage/ alle Ecke just zusamen treffen und gantz keine Lucke oder spatium daran zu finden seye. (2) Ein drey Stockwercke hohes mit einem Ercker versehenes/ mit hölzernen Balcken und einem steinernen Fuß bevestigtes Haus/ daran besagter Fuß Steinfarb mit weissen Strichen/ die Felder aber grau angelegt/ mit schwarz und weisser Farb aufgehöhet/ und sowohl der Bley-Waage/ als dem Zirkel/ Richtscheid und Winckel-Maas nach/ wohl und richtig eingetheilet sind/ wobey sie ziemlich warm gehalten werden/ und solchem nach den Nahmen eines Meisters/ und deren Gerechtsame/ mit sauren Schweiß erlangen müssen.
