Kunckel 1707

Johannes Kunckel, Der Neu-aufgerichteten und Vergrösserten In Sechs Bücher oder Theilen verfasten curieusen Kunst- und Werck-Schul II, Nürnberg [Johann Zieger] 1707.


pp. 385–387

CAP. VI.

Num. I.

Vom Fresco-Mahlen.

Diese Kunst/ auf Mauern und nassen oder frischen Kalch zu mahlen übertrifft alle andere Mahlerey/ weilen solche in einen einigen Tage geschehen muß/ da man sonsten in andern Sachen viel Monat und Jahre mit ändern wieder übergehen und verbessern zu bringet. Diese Mahlerey in Fresco genannt/ wird von vielen sehr geliebet/ sonderlich in Italien/ auch etwas in Teutschland. Es ist aber das Fresco mahlen/ wann man eine Mauern mit Märtel bewerffen lässet/ und also auf den nassen frischen Kalch mahlet; und muß der Mahler/ so viel er beworffen/ also fort übermahlen/ dann sonsten vertrocknet der Anwurff samt der darauf angefangenen Arbeit also hart/ daß solche hernach mit dem darneben zustehen kommenden Anwurffe sich nicht vereinbahren/ noch denselben annehmen kan/ sondern sie scheiden sich spättlich von einander/ zerspringen endlichen und fallen ab. Will also dieses Mauer-Mahlen hurtig in nassen Kalch nach einander verfertiget seyn.

Es müssen dem hierzu lauter Erd-Farben/ und keine Mineralien genommen werden/ sondern das Weise von gekochten Trevertin-Stein oder gebrannten Kalch/ gelb Ogger/ braun-roth/ Terra-Verda, ultramarino, oder blau Azur, Smalta/ braun Ocker/ Ombra schwartz Kienruß und dergleichen Farben von starcken Wesen/ die der Kalch nicht aufzehren kann/ wie man hingegen erfähret/ daß der Lack/ Schütt-Gelb/ und alle andere von Safften gemachten Farben/ hierbey gleich Anfangs verschwinden; der Zinnober aber und Mennig samt allen Bleygelb und dergleichen sich in schwartz verwandeln.

Diese Mahlerey erfordert eine geschwindte Hand und guten reiffen hurtigen Verstand: Weiln die Farben/ wann sie naß ein Ding anderst præsentiren/ als wann sie trocken sind.

Es muß auch in dieser Arbeit der Meister mehr der Vernunfft/ als der Arbeit sich bedienen/ alles schon im Griff haben/ und ein guter geübter Practicus seyn. Weil die Arbeit keine Saumseligkeit oder Zech-Brüder dultet.

Hierbey ist zu mercken/ daß man nichts zu retochiren übrig lassen/ und daß keine Leim-Farben/ noch mit Eyergelb/ Gummi oder Tragant angemachte Farben darzu kommen müssen; weiln hierdurch der Mauer ihre natürliche Weise entfället/ und nachmals alle Farben abstehen/ sehr gelb/ häßlich und schwarz werden.

Wer eine fürnehme Historie auf frischen Kalch zu mahlen gewillet ist/ des durch sinne und bedencke erstlichen die Historie wohl/ darnach setze er seine Gedancken mit der Feder oder Kreyde auf Papier. Wann ihme nun solcher Abriese beliebig/ so mache er die Bilder der vorhabenden Historia auf eine gantze Tafel/ von Erde oder Wachs/ (auch bekleidet nach Nothdurfft/ mit fein genetzter Leimmat/ oder dünn seidenen Zeug/) ein oder zwey Spannen hoch. Wann alsdann das Modell volbracht ist/ so setze er dasselbige so hoch und weit von sich wie es sein Horizont, das Liecht und die Distanz erfordert/ und die Historie-Ordnung mit sich bringet; alsdann wird sich erzeigen der Figuren Proportion-Ordnung Liecht und Schatten/ halbe und beyde Theile/ völlig nach der Natur schlag und Brauch.

Nach solchen nimmet der Mahler ein darzu zusammen gepaptes Papier der rechten Größe/ wie er Vorhabens ist/ daß gantze Werck zu machen/ zeichnet darauf mit etwas behelff der fürnehmsten Theile des Leibes/ die gantze Historia wohl ausgeführet. Und dieses wird alsdann ein Carton genennet. Wann dieses fertig ist/ so schneidet man ein Stuck oder Figur ab/ just so viel als man selbigen Tages zu verrichten ihme vorgenommen/ und leget solches auf den Platz des angeworffenen nassen Kalchs/ und fähret alsdann mit einen spitzigen Pfrimen oder Eisen sauberlich über den Umriß des Papiers.

Wann solches geschehen ist/ so findet der Mahler darunter dem Umriß/ seines Vornehmens durch gezogen/ weiln der frische Kalch gehorsam ist: Und hierauf wird mit Farben nach dem Rieße gemahlet. Des andern Tages wird wieder als ein Stuck von den Carton abgeschnitten und darmit/ wie gemeldet/ verfahren/ und also alle Tage fort gesetzet/ biß das Werck vollbracht ist. Man kan also nicht fehlen/ weiln jedes mahlen bey Auflegung des neuen abgeschnittenen Bildes/ auf die Mauer des vorigen Ende erscheinet.

Wann man aber auf eine Tafel/ oder Tuch/ nach dem Model oder Carton von Papier mahlen will/ alsdann ist das Verschreiden unnöthig / sondern man überfähret solchen Model hinten mit trucken geschabten Kohlen wohl schwartz/ leget es also auf die Tafel fest nieder/ und zeichnet den Umriß mit dem vorgemeldten Stefft oder Eisen überall ab/ oder durch pauscht solches; alsdann findet man denselben gantz auf der Tafel/ und ist hierauf mit Oel-Farben darüber zu mahlen.

Dieses ist der Proces, und Gebrauch bey den meisten Italienern/ sonderlichen bey den Florentinern/ aber andere sonderlichen die das Meinste nach dem Leben mahlen/ bedienen sich allein der natürlichen Modellen: Nach welchen sie ihr Vornehmen mit guten Urtheil durch Verhülff der Kreyden/ auf ihre Tafel zeichnen und also ohne fernere Mittel das Wercke fort setzen.


pp. 714, 722–725

CAP. XXVI.

Von den Oel-Farben.

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20. Alte Gemählde von Oel an Häussern und Wänden wieder zu verneuern/ als wann solche erst vor kurzer Zeit wären gemahlet worden.

Lasse in frischem Röhren-Wasser/ gute Soda und Potaschen/ eines so viel als des andern sieden und zergehen/ hernach durch ein rein leinen Tuch laussen/ so hast du eine scharffe Laugen in solcher netze einen Schwamm oder linden grossen Tünchers-Pensel/ und überfahre das Gemählde lindiglich darmit/ so offt bis aller Schmutz und Unflat darvon kommen ist/ lasse es wieder ertrocknen/ und reinige solchen Pensel oder Schwammen wieder aus/ und überfahre alsdann solches Gemählde wieder mit reinem Wasser/ so wird es schön hell/ dann giebe ihme mit folgenden Fürniß feinen Glantz wieder.

Nimm des reinesten Terpentins 4. Loth/ giesse darauf guten Terpentin-Spiritus 8. Loth/ dann thue noch darzu 1. Quint trocknen Gummi-Fürniß/ laß in einem in Balneo Mariæ oder kupffern Kessel mit Wasser zergehen/ so hast du auch darzu solchen Fürniß.

21. Schöner Unterricht von Kalck / wie nicht allein solcher zum Bauen/ sondern auch zum Anweissen der Wänden und Mauern absonderlich aber zum Gründen/ daß man darauf beständig  mit Farben mahlen kan/ zubereiten seyn mag.

Erstlich/ so bald der Kalch aus dem Ofen kommet/ so leget man solchen auf einen schönen ebenen Platz fein gleich und in einer Höhe/ etwann 2. oder 3. Schuh hoch/ so lang und breit als man will/ nach diesem bedecket man denselbigen mit gutem Feld- oder Wasser- Sand/ auch 2. oder 3. Schuh dick/ alsdann schüttet ein Theil Wasser darüber/ daß der Sand so naß werde/ daß auch der Kalch darunter durchnetze/ damit er sich nicht entzünde NB. und verbrenne.

Siehet man aber daß sich der Sand reisset reisset/ oder spaltet vom Dampff/ so wirfft man ihn bald wiederum zu/ damit der Dampff und Vapor des Kalchs nicht heraus kan.

Wann dann die Kalch-Steine/ so gebrandt/ solcher Gestalt mit Sande zu gedeckt bleiben/ so werden dieselbige zu lauter Feiste/ also daß/ so man ihn kurtz oder lang brauchen und anschneiden will/ so wird er seyn von Fette und Zähe wie ein Käs/ so von eitel Milch-Ram gemachet worden/ daß man auch das Häfft-Kübelein/ damit man den Mörtel anfeuchtet/ kaum wird können heraus bringen oder siehen/ wird auch den Werck oder Mauer-Stein sowohl anziehen und hafften/ als das beste Kütte oder Cement.

Allein man muß gut Acht haben/ wann man den Sand naß machet/ daß der Kalch-Stein überall mit dem Sand bedecket seye/ damit er keine Lufft empfahe/ dann die Hitze und Dampff des Kalchs trennet den Sand/ und suchet Oeffnung/ dardurch er sich dann verzehret/ und gleichsam verschwindet.

Dieser Kalch ist sehr gut zur erhabenen Arbeit/ und Wände damit zu bekleiden/ wie auch den Grund auf die Wande damit zu machen/ die bemahlet werden sollen/ dann solcher Kalch verfället nicht/ oder frisset und erbleichet die Farben des Gemähldes in die Länge nicht/ wie andere Märtel dann es sich vielmal begeben und zugetragen hat.

Wann ein Mahler vermeynt gehabt/ er habe seiner Sache ein Genügen gethan/ und etwas gar schönes gemahlet/ daß über etliche Zeit hernach der Kalch ober Märtel die Farben gefressen und ertödtet gehabt/ der Ursachen daß der Kalch nicht recht/ und mit langer Hand zubereitet und zugerichtet worden; dann die Schärffe des Kalchs hat die Farben/ so zuvor schön und lebhafft gewesen/ ermattet und geändert/ ja hat auch wohl den Grund in Gemählden zerrissen/ und Stückweiß zerfället/ oder Plattern aufgeworffen/ welches nicht allein dem Bau-Herrn Schaden gebracht/ sondern hat auch den Mahler und die Gemächer beschämet.

22. Einen Leim für die Mahler oder Tüncher/ die alten Mauern wieder weis zu machen.

Nimm Abschnitzlein von Schweinen Leder/ und des Pergaments/ daraus man die Siebe zu machen pflegt/ so viel du wilst/ laß bis es weich worden miteinander sieden/ nachmahls bis sich die Feces hinabwärts gethan/ und gesetzet/ ruhen und seihe es alsdann durch/ er giebt einen Leim/ mit welchem die Mahler ihre Farben temperiren/ wann sie auf Holtz / Tuch oder Mauren zu mahlen in Willens seynd/ ja es pflegen auch die Tüncher diesen Leim unter ihren Kalch zu vermischen/ Dann es macht daß die Weis desto besser und länger an den Mauern hänget/ und den Rauch nicht so leichtlich annimmt.

23. Die Gips-Mauern weis zu machen/oder vielmehr wieder zu weissen.

Man muß stets dafür halten/ daß die Mauern recht wohl gemacht/ und mit einem sehr guten und wohlvermengten Gips überzogen seyn/ hernach weisset man sie mit Milch/ sammt recht feinen Kalch auf seine Art/ wie hernach angezeigt und vermischt wird/ man muß die Mauern mit Wasser ziemlich wohl feuchte machen/ dann das ganze Geheimnuß bestehet darinnen/ daß das Weisse nicht sogar eilig trockne/ sondern gar langsam dardurch dem Kalch Raum gegeben wird/ sich desto vester zu setzen/ und nach und nach zu trocknen/ und dergestalt machen die Mauern weder die Hände noch die Kleyder weis/ und wann etwan etwas faltzigtes an den Mauern hienge/ so muß man es abschaben/ und also auch von den Mauer-Steinen und mit der Quäste 2. oder 3. mal darüber fahren es gleich zu machen/ und dann ein paar Stunden hernach mit der flachen Hände darüber fahren/ so wird es so polirt werden wie Marmor oder Alabaster.

Die Milch von Kalch wird zum allerbesten gemacht: Nachdeme der Kalch langweilig gelöschet wird/ indeme man in denselben Wasser genug gegossen und umgerühret/ so lange bis oben ein Schaum darauf kommet/ denselben muß man gar genau abnehmen und zu seinem Gebrauch verwahren/ der letzte Überstrich muß mit dieser Milch von lebendigem Kalch geschehen/ damit das Weisse dadurch desto besser polirt aussehe.

Auf andere Art.

Der Uberstrich muß gemachet werden von Kalch und Sand/ welcher nach der Richtschnur wohl angelegt seyn solle/ und muß man mit dem Glättscheid darüber fahren/ und es hernach mit der Kalchmilch alsbald 2. oder 3. mal weissen/ die erste Weis dicker/ die dritte noch etwas dicker/ der man mehr oder weniger Wasser nach Beliebung kann zugiessen/ diese ist unter allen die beste/ schönste und geschwindeste.

24. Gips-Mauern schön weis auszuputzen.

Der Überstrich muß gemachet werden von Kalch und Sand/ welcher nach der Richtschnur wohl geleget werden solle/ und muß man mit dem Glättscheide darüber/ und es hernach mit der Kalchmilch alsbald darauf 2. oder 3. mal weissen/ die erste Weis muß gantz klar und dünne/ die andere ein wenig dicker/ noch etwas dickerer/ deren man mehr oder weniger Wasser nach Belieben zugiessen kan/ diese Art zu weissen wird genannt Kalchweisse/ und ist unter allen die beste/ schönste und gewisseste.

25. Eine getünchte Wand schön weis und glänzend zu machen.

Wann du Wände auf eine neue und wunderliche Weise zu weissen begehrest/ so zerschneide weis Pergament in sehr kleine Stücklein/ beitze es 2. Tage in Wasser und wässere es also/ und koche es so lange bey dem Feuer/ bis ein Leim daraus wird.

 Mit selbigem bestreiche die Wand vermittelst eines Schwammes/ und wann es wird trocken seyn/ so fahre hernach mit einem Glattstein darüber/ daß es recht glatt wird.

NOTA.

Darvon schreibet P. Schott dieses: Mir zwar in Sicilien/ ein Geistlicher sehr wohl bekannt/ der die Bilder-Säulen aus gemeinem und sandigten Gips-Stein überzoge/ und darnach glänzend machte/ daß man sie für Marmorsteinern ansahe; derselbe wollte das Kunst-Stück niemand eröffnen/ da es doch vielleicht von diesem jetzt erzehlten schlecht zu unterscheiden gewessen/ und mit dergleichen Geheimnussen bringen ihrer etliche manchmal grosse Güter zusammen.