Halle 1761/I
Johann Samuel Halle, Werkstäte der heutigen Künste oder die neue Kunsthistorie I, Brandenburg – Leipzig [Johann Wendelin Halle – Johann Samuel Halle] 1761.
Die neunte Abhandlung
Die Malerkunst
. . .
pp. 296–304
Die Farben.
Man hat in der Malerei fünf ursprüngliche Farben, aus denen sich alle übrige zusammensezzen lassen: weis, gelb, blau, rot, schwarz. Allein es ist auch gewis, daß der beste Maler mit ihnen, wenn man nicht bei einer jeden noch viele Arten verstattet, nicht allerlei Gemälde verfertigen kan. Er mus Stufen haben, um daraus gemischte Farben und Schattirungen zu verfertigen. Noch weiter verirren sich die, welche nur in der Malerei 3 Hauptfarben zulassen; nämlich rot, gelb, blau.
Alle Farben sind anfänglich Säfte, Steine, oder Erden, oder Glasflusse. Man mus alle vor dem Gebrauche auf einem glatten harten, vierekkigen Marmorsteine, oder Porphire, oder auf schwedischen Fliesen, und im Kleinen auf dikken Glasscheiben, mittelst des Laufers, oder des glatgeschliffnen Stempels, von eben der Materie, mit Wasser zu einem unfülbaren Teige reiben. Man reibet sie auf diesem Farbesteine, links, rechts, nach der Länge und Breite des Steines, und die an den Läufer angehängte Farbe wird mit einem Holzspatel abgenommen, und wieder mit untergerieben. Auripigment, Rauschgelb und Indig werden vorHer in einem eisernen Mörser klein gestampft. Diese kleingeriebne Farben werden auf einem Glase getroknet und verwaret vor dem Staube und der Luft.
Die Haarpinsel bestehen aus den Haaren der Iltisschwänze, oder der Fischottern. Man kamt die Wolle heraus, man stösset ihre Spizzen in einem durchlöcherten Fingerhute auf dem Tische gleich; man bindet sie mit zween starken Fäden, und treibet sie mit einem Griffel in Federkiele, die vorher im heissen Wasser erweicht werden; man machet ihre Spizzen auf einer Kole scharf. Die Pinselstiele sind lange Griffel von Apfel- Birn- Brasilien- Eben- Buchsbaumholze, oder Stacheln vom Stachelschweine. Die Spizpinsel dienen zu feinen Arbeiten; man zieht sie durch die Lippen, und es müssen ihre Spizzen, auf dem Daumen gedreht, beisammen bleiben. Die Fischpinsel von der Otter entfernen sich mit ihren Spizzen von einander, und ihr Haar ist ein wenig straubiger; man malet mit ihnen in Oel, oder verwäscht die Wasserfarben. Die Borstpinsel werden durch den Gebrauch von selbst spiz, und man legt mit ihnen grosse Sachen an. Man hat von allen Arten grosse zu den Gründungen, oder die Anfänge angrenzender Farben zu verreiben, mittelmässige, die Farben damit aufzutragen, und die Gemälde anzufangen, und die ganz kleinen zur Miniatur und Emaille bestimmt. Die Liniirpinsel sind flach an der Spizze geschnitten, werden der Breite nach auf Holz gekuttet, bestehen aus Schweinsborsten, und dienen zu groben Linien. Zur Oelfarbe sind die Pinsel kurz und haarreich; zu den Wasserfarben spizzer und länger; und die Verwaschpinsel noch länger. Die Alten sollen ihre Pinsel aus Stükken von Schwäminen gemacht haben.
Ich werde hier ein vor allemale alle gebrauchliche Malerfarben, denn hieher gehören nicht die Beizfarben der Kattundrukker, Tischer, u. s. f. nach ihrer Zusammensezzung beschreiben. Ich gebe ihnen zu gleicher Zeit eben die Rangordnung, die sie auf der Palette des Oelmachers zu bekommen pflegen; da sie von der rechten Hand gegen die linke, auf der vom Leibe weggewandten Palettenseite, in folgender Ordnung aufgetragen werden; unter sich die lebhaften Farben, als rot, helblau haben; und da die Seite am Leibe zu den Mischungen übrig bleibt.
Das Schieferweis wird in Täfelchen gekauft, aus vergrabnen Bleiplatten gemacht, und ist eine Art von Bleiroste. Wenn das ausgegossne Blei zu dünnen Blechen gehämmert worden, und zwischen Stäben in einem Topfe vol scharfen Weinessig verschlossen, und unter Mist einen Monat lang vergraben wird, so findet man das Blei in einen weissen Rost zernaget, welcher mit keinen schwarzen Bleischiefern untermengt seyn mus. Dieses wird mit Wasser zu einem Teige gestamfet, und in blauem Pappiere von Holland und England; am reinsten aber von Venedig unter dem Namen des Bleiweisses versendet, worunter aber merenteils Kreide gemischt ist. Beide müssen hart und nicht brüchig oder unrein seyn. Es dienet zu weissen Gewanden und den Farbenerhöhungen, und daher wird dieses Weis fast unter allen Farben gebraucht. Zu Oelgemälden wird dasselbe, wie alle helle Farben, mit Nusöl klein gerieben, und in Oelblasen oder geöltem Pappiere verwaret. Alle weisse Farben werfen alle empfangne Lichtstralen, ohne sie zu zerstreuen, uneigennüzzig zurük; sie haben also die kleinsten Schweislöcher, und troknen daher geschwinde und am ersten. Die schwarzen troknen dagegen unter allen am langsamsten, und erhalten die Wärme am längsten.
Der Okker ist eine gemeine und gelbe Erde; die feinste komt aus England. Sie mus weder sandig noch hart seyn. Man unterscheidet auf der Palette den lichten, mitleren und dunkeln Okker. Jezzo bringt Sachsen lichten Okker und gute schwarze Kreide hervor. Wenn man ihn im offnen Feuer brennet, so erhält er eine braunrote, so wie das Schieferweis eine gelbliche Farbe.
Das Englischrote fält ins lichte Ziegelrote; man hat auch ins Violette fallendes dunkleres.
Die grune Erde, Erdgrün, ist eine matgrüne steinige Erde; man braucht sie in den Gewanden, in den Gesichtern und Landschaften, zu dem Baumlaube.
Das gebrante Erdgrün ist die vorige Erde, die man zu einer grünbraunen Farbe brennt, und wie die rohe auch zur Fleischfarbe anwendet.
Die Umbraerde kam ehedem von Umbrien, und jezzo aus Egipten. Sie mus nicht steinig und von lebhaftem Braun seyn. Man brent sie im Feuer rotbraun. In Oel wird sie schwarzlich, und stöst die mit ihr verbundnen Farben von sich.
Die kölnische Erde ist schwarzlichrot oder braunschwarz, bleicht immer mehr ins Rote aus; und zerstört die benachbarten Farben.
Das Beinschwarz ist blauschwarz; man nimt Ochsenbeine oder Elfenbein dazu, welches man brent.
Die Kolenschwarze besteht aus Weinrebenholze, im offnen Feuer gebrant. Es ist dieses die beste Schwarze zu Gewanden, Luft und Gesichtsadern.
Unterhalb diesen folgen die lebhaften Farben auf der Oelpalette; nämlich das Neaplergelb, welches zu den Oelmalereien mit Nusol, so wie alle obige Farben, von dem Okker an mit Leinöle, abgerieben wird. Es ist dieses Gelb eine italiänische Bergart, oder ein zerreibbarer Stein, voller scharfen Salze, welche man auslaugen mus. Diese Farbe wird von der Berürung des Eisens grünlich.
Der Zinober. Der gewachsene ist silberstreifig, schwer, und beinahe von der Farbe eines braunen Rotsteins oder Blutsteins. Er stekket oft in Quarzen, Eisenminern. Der spanische gibt die helste Rote. Ein jeder ist hart zu reiben, troknet nicht leicht, und verlieret im Wasser und Oele seine lebhafte Röte. Man lasiret ihn, wenn er trokken ist, mit einem feinen Lakke. Der gemachte wird in Pulver oder Stükken gekauft, und aus Schwefel, und viermal so vielem Queksilber im Sandbade sublimirt. Man reibt den Zinober für die Oelpalette mit Leinöle. Oder man reibt ihn vielemale mit Menschenharne; und übergiesset ihn etliche male mit verdüntem und gequerlten Eiweisse, bevor man ihn gebrauchet.
Unter dem Lakke ist der Florenzerlak der feinste; nur ist es Schade, daß er allezeit in das Violette fält. Der gemeine wird aus Brasilienholze, Alaune und Kreide; der erstere aus dem Blute der Cochenille gekocht. Er troknet schwer, und verliert in der Sonne seine blühende Note. Die Saftfarben oder Blumenlakke werden mit einer Lauge von Kalk und Alaune aus allerhand Blumen, aus der Golds blume, dem Pfriemenkraute, den Jonquillen; diese geben gelben Lak; der Rote aus Mohn, Päonien; der blaue aus der Lilie und der Kornblume u. s. w. für den Illuminirer ausgezogen. Man lauget die Farbensäfte aus, und troknet sie auf Gipstafeln.
Das Schütgelb wird aus den jungen Birkenblättern oder den Färberkraute gekocht. Es macht mit Indig eine grüne Farbe.
Das Berlinerblau besteht aus Erde, Alaun, grünem Vitriole, durch alkalisches Salz und Schwefel niedergeschlagen.
Ausser diesen, in der Oelmalerei gebräuchlichen Farben, kommen noch in den übrigen Arten der Malereien folgende vor; und es höret hier die obige Rangordnung der Palette völlig auf.
Bleigelb wird aus Blei gelb gebrant. Das beste verfertigt England. Es wird mit Bleiweis erhöht, und durch Schütgelb, Okker, oder Umbra vertieft.
Gumınigutta ist ein gelber Gummi, den China in holen Rören versendet. Bisweilen bestehet es aus grossen Stükken, die man zu einem Türkenbunde über einander gewunden. Es mus glat seyn, und keine eingesprengte Unreinigkeiten besizzen. Man bedienet sich desselben zu den Ingenieurrissen, und im Goldfirnisse; so wie alle durchsichtige oder Saftfarben zum Illuminiren mit Wasser ohne Gummi gebraucht werden.
Den Lakmus gibt die ausländische Sonnenwende her. Man kochet ihn auch aus den Heidelbeeren; und dieser Saft wird mit Grünspan, Salmiake und lebendigem Kalke aufgelöset. Man bringt ihn aus Holland.
Der Kugellak bestehet in runden Kugeln, wie kleine Flintenkugeln sind; und werden von Fernambukspänen mit Kreide und Gummi gekugelt. Es ist die häslichste Art von roten Lakken.
Das Saftgrün ist ein mit Alaun ausgezogner Saft aus verfaulten Kreuzbeeren. Dieser Saft wird in Blasen getroknet, und verschiesset leicht aus dem Dunkelgrünen ins Kotfarbne.
Die helblaue Smalte (blaue Stärke) wird vom gerösteten giftigen Kobalte mit Potasche und Sand zum tiefblauen Glase geschmolzen, zwischen Mühlsteinen fein gemalen, geschlämt, durchgesiebet, und nach der verschiednen Feinheit verkauft. Mus viele Stunden gerieben werden.
Der Grünspan wird in Frankreich mit ausgetretnen Weinbeeren gemacht, womit man die Kupferplatten feucht bedekt; und in Blasen verhandelt; ein Kuchen pflegt 25 Pfunde zu wiegen. Er mus durchgängig grün, ohne weisse Adern seyn. Es ist ein Gift für Thiere, und Farben, welche er zernaget. Man illuminirt mit dem hellen Safte, den man vom destillirten Grünspane, Weinessige, und Cremor Tartari (Weinsteinschaum) herauszieht und abgiesset. Etliche Tropfen Safran machen ihn hel, und Gummigutta zeisiggrün.
Das Bergblau wird aus einem blauen Steine in Tirol, ehedem in Armenien geschlamt. Es leidet kein langes Reiben, und wenig Gummiwasser. Es ist sehr hochblau, und wird vom gemeinen Oele grünlich; ist teuer.
Der Karmin wird aus der Cochenille gezogen; verträgt nur stat des Gummi ein wenig Zukker und kaltes Wasser, und ist unter den roten Farben die teuerste.
Der Menning ist ein verkalktes (calcinirtes) Blei. Nürnberg verfertigt den besten.
Das Auripigment ist ein giftiges arsenikalisches Erzgesteine, das im Schmelztiegel geröstet und zitronengelbe wird.
Rauschgelb wird aus weissem Arsenike und Schwefel zu einer pomeranzengelben Farbe sublimirt.
Nusbraun wird aus den grünen Schalen der welschen Nusse mit wenigem Waune zu einer Wasserfarbe gekocht.
Farben könte man in optische Farber, z. E. des Regenbogens, des gläsernen Prisma, der Haut am Menschen; und in körperliche einteilen, dahin die Malerfarben, und unter diesen, die durchsichtigen Saftfarben, die Erd- Wasser- Glas- Wachs- Oel- metallische Farben gehören; die Beizfarben werden von ezzenden Wassern in allerlei Oberflächen eingenagt; und gehören zu den Färbereien.
Der rote und gräne Bolus sind tonartige Erden.
Der Indig ist ein Saft aus dem gefaulten Anilkraute; er mus Hart, im Bruche kupferfarben, und sonst etwas violet seyn. Man schöpfet in der Blauküpe die schwimmenden Blumen vom Indig und Weid zum Wassermalen ab.
Ultramarin wird aus dem lichtblauen Lasursteine gemacht. Dieses teuerste Blau kan auch aus dem Roste dünner Silberbleche, mit starkem Essige, worinnen sich Salmiak und Weinstein befindet, nachgemacht werden.
Der Kienrus (rauchschwarz) mus auf dünnen Eisenblechen geglüht, erst seine Fettigkeit ablegen, und zu Wassergemälden mit Brantweine aufgelöst werden.
Kork oder Pfersichkerne, und Bonen werden zu Kolen gebrant.
Die Frankfurterschwarze ist eine melige Erde. Die Italianer machen sie aus gebranten Weinhefen nach. Alle solche gebrante Farben heissen Kolenschwärze. Die Elfenbein- und Beinschwarze wird eben so gebrant.
Alle Saftfarben gehören für das Illuminiren und Wassermalen; sie sind durch sichtig, und werden vom Oele zerstört. Das Oel verträgt sich mit den Erdfarben, und diese verschwinden wieder in dem Emaillirfeuer ganz und gar.
Eine jede Farbe wird nach den natürlichen Schatten, den Körper auf ihre Teile werfen, mit sich selbst, und durch stärkere oder schwächere Lagen, oder auch durch andre verwandte Farben, schattirt. Und so leren auch die lichteren Stellen der natürlichen Dinge, was man vor Farben erwälen müsse, um ihr Licht getreu auszudrükken.
Um nun jede Farbe nach der Natur, welche unendlich mischt, zu vermischen, und der Farbe ihren wesentlichen Grad mitzuteilen, wenn sie das Auge betrügen und reizen sol; so mus ein Maler die Natur, Schwäche und Stärke seiner Farben genau verstehen, und alle ihre künftige Veränderungen als gegenwärtig voraussehen. Er fehlt, sowol wenn er seine Gemälde überteigt, als wenn er die notwendigen Pinsel: striche schont; geschikte Koloristen erheben ihre Figuren am gefälligsten, wekken die Affekten auf; ziehen das Auge des Kenners unter die Dekke ihrer Kolorite, und haben nicht nötig, eine Menge von pralenden Farben zu Märtrern ihrer Ideen zu machen. Oefters zeigen sie dem Betrachter den Held ihrer Historie, durch seine lebhafte Gewandfarbe, mit Namen.
Von dem helsten Lichte einer Farbe bis zu ihrer nächstangrenzenden Farbe gibt es viele Graden. Jedes Land bereitet oder gräbet sich andre Farben. Luft, Wasser, Salze, Handgriffe, Geschirre machen, daß die bereitete Farbe bei dieser Witterung anders gerät, als in einem andern Lande. Es scheinet mir daher, eine volkommen genaue Lebhaftigkeit und den Mischungsgrad matematisch zu bestimmen, sei eben so paradox, als eine algemeine Sprache; besonders da die Natur in ihrer unterirdischen Werkstäte viele Farben auf mehr als eine Art hervorbringt. Das Auge des Künstlers ist das einzige Maas, zu wissen, wo sich die Lichter und Schatten der Farben unter einander verstekken, anfangen oder endigen. Ich werde die gemeinste Farbenmischungen nennen, wenn ich nur noch gesagt, daß Rubens Titian und andre grosse Koloristen nur mit drei Farben zu malen gewont gewesen; daß ein andrer geschikter Nachfolger von ihnen, seine erste Fleischfarbe mit ein wenig Okker und Schieferweis; die zwote, aus der vorigen, mit einem kleinen Zusazze von Zinober und Lakke; und die dritte aus der zwoten mit etwas mererem Zinober und Lakke zu einem sehr lebhaften Fleische zusammenzusezzen wuste, indem er dem grossen Schatten des Männerfleisches noch ein wenig rotbraun, dem weiblichen aber Ultramarin beimischte; daß der berümte Santerre nur mit 5. Erdfarben seine Palette beschikte, nämlich mit Ultramarin, gelbgebrantem Schieferweisse, Rotbraun, Kreidenweissen und kölnischer Schwarze. Er vermied den Lak, mit dem Schütgelben, weil sich diese Farben verändern. Ueberhaupt kan man noch die Anmerkung machen, daß sich der Geschmak der Kolorit nach dem Landgeschmakke und der Aufgereimtheit des Malers richtet; ein Franzose wird z. E. dem Fleische der Kinder und Frauen gemeiniglich mehr Neapelgelb zusezzen, als ein Schwede; und ein sangvinischer Maler in seinem Gemälde immer eine so grosse Dose vom Blühenden, als ein schwermütiger Galle und Farben des Kirchhofes, austeilen.
Gemeiniglich bestehet die Fleischfarbe der Kinder und Frauen aus einem Pünktchen Ultramarin, oder Berlinerblau mit etwas Schieferweis; die zwote aus Schieferweis und 1/8 Neaplergelben, oder 3/4 Neaplergelb weniger; die dritte aus einem Pünktchen Karmin mit Nummer 2 vermengt; die vierte aus Num. 2 mit zweimal so vielem Zinober, als Karmin; die fünfte und sechste vermert den Zinober nach Proportion der Röte; der Schatten wird aus Neaplergelbem und Zinober gemischt, und gebrochen mit gebranter Grünerde, oder Lak.
In diesen lagenweisen Anstrichen und Vermischungen der Fleischfarbe richtet sich der Künstler nach der Natur, welche über den Leib des Menschen ein durchsichtiges farbloses Oberhäutchen, und unter diesem eine in Nezwerke eingeteilte Unterhaut ausgebreitet hat, die im Kinde mit einem weissen Schleimsafte, im Manne mit gelblichem, im olivenfarbnen Körper mit braungelbem, im Moren mit schwarzem Safte durch das Oberhäutchen durchscheint. Wo ein reines Fet unter der Haut liegt, erscheint alles weis, ausgefült und erhaben; Magerkeit und ein verhärtetes Oberhäutchen lassen ein gelbes und welkes Licht durchscheinen. So wie sich also dieser Saft im zelförmigen Gewebe, oder dieses Fet unter der Haut mit den Jaren, Affekten und Krankheiten verändert: so folget der Maler diesen Ausartungen mit der Farbenmischung nach.
Er wiederholet überhaupt das Rote am öftersten, nächst diesem das Gelbe, nach diesem die Purpurröte, und das Blaue nur z. E. an den Schlafen, oder an den äussern Seiten der Hände, wo die stärksten Blutaderaste die Hautfarbe mit einer Mannigfaltigkeit aufheitern. Keine Farbe würde einfach eine Venus malen; man mus sie geschikt vermischen, und durch die verschiedne durchscheinende Farbenlagen der Natur ihr Recht thun.
Die Erhöhung und Vertiefung einer jeden Farbe zu bestimmen, ist zu weitläuftig und zu ungewis. Das Auge des Künstlers allein weis das wesentliche oder zufällige Licht, das eine jede Sache auf ihre Nebenteile wirft, und so auch den Schatten mit seinen waren Farben nachzuamen. Alle weisse Gewande, oder Zeuge werfen nicht einerlei grauen oder gelblichen Schatten in ihre Falten; der weisse Hals scheint von dem roten Kleide roter, welches sein Licht dahin zurükke wirft; und es mischet ein Künstler oft im Affekte Farben, die weder er, noch ein ander zu kopiren vemag.
Die Violetfarbe entstehet aus der Hälfte des Roten und Blauen, nachdem es die Graden verlangen.
Das Grüne ist eine Zusammensezzung von Berlinerblau und Neapelgelb, oder auch vom dunkeln Schütgelben.
Der Purpur ist dunkler Lak; Rosenfarbe entsteht aus Zinober, Lak und Weissem. Pomeranzengelb aus Rauschgelbem, und 2 Teilen Neapelgelb, und 1 Teile Zinober.
Eine jede Farbe läst sich, und sogar das Weisse selbst, durch verschiedne Abfälle und Beimischungen andrer Farben, in die dunkelste Schattirung almälich überfüren; und es haben folglich sowol die einfachen, als zusammengesezten, eine Menge Graden zwischen sich, von denen es schwer zu behaupten ist, wo sie sich eigentlich in eine andre Farbe verlieren. Die Graden des Roten haben sich allein durch ihre Lebhaftigkeit besondre Namen erworben.
Es folgen einige Regeln für die Farbenanwendung. Eine jede Sache mus ihre natürliche Farbe haben, die sie von allen übrigen Dingen hinlänglich unterscheiden kan; so wie kein Körper in der Natur ohne gewisse Farbe ist. Schattiren heist einer jeden Figur, aber auch zugleich der ganzen Vorstellung, Licht und Schatten, und dadurch eine Erhöhung und Rundung mitteilen. Grosse Lichter müssen dem Auge grosse Schatten zu Ruhepläzzen hinwerfen; und es entstehet dieses algemeine Licht und Schatten entweder von dem einzelnen Schatten der Körper, oder durch die Gruppen, d. i. durch einige nahe bei einander gestelte Figuren, welche wie die Weintrauben, aus dem einzelnen Lichte und Schatten, einen gewissen vereinigten einförmigen Klumpen von Licht und Schatten machen. Diese Kunst des Lichtes und Schattens ist von Caravagio zuerst erfunden worden. Alle Farben eines Gemäldes müssen eine gefällige Uebereinstimmung, wie die Akkorde und Tonharmonien dem Ohre, hervorbringen. Städte und Landschaften stellen sich in trüber und heitrer Luft anders dar; alle Farben erbleichen und verdunkeln sich mit den Weiten; sie verfälschen sich, oder es reflektiren z. E. die verschiedenen Gewande auf ihre Teile ein gemischt ausgestreutes Licht, welches oft sehr von der ursprünglichen Farbe des Gewandes abweicht. Dunkle und schwarze Kleidungen erheitern das Fleischige der Figuren am lebhaftesten; das Weisse verfinstert es dagegen. Gelbe Gewande erheben die Kolorit eines Gemäldes über alle Farben; die roten machen sie bleich; so wie sich die Theaterprinzen bei den vielen Abendlichtern schminken müssen, wenn sie nicht todtenbleich aussehen wollen, teils weil sie das Licht gelb macht, teils weil die niedrigen unnüzzen Lampen des Orchesters ihre Schatten aus dem Gesichte verjagen. Um dem Gemälde einen erhebenden Grund zu geben, sezzet man die erhelten Teile gegen ein dunkles Feld, die dunklen unterwirft man einem lichten Grunde. Das Gewand mus sich mit seinen Brüchen, oder Falten nach dem Gliede der Figur richten; lichte Glieder verlangen lichte Falten; Falten müssen nicht tiefer, als bis zur Haut der Glieder eingeschnitten zu seyn scheinen. Die Windungen der Falten müssen sich, wie am Menschen werfen, und keine zusammengenehte Stoffe, sondern nur einen Zeug andeuten. Grobes Tuch macht dikke, steifes steife, weiches schwimmende, oder auch wehende Falten. Alle richten sich nach der Länge und Biegung des Gliedes. Da, wo der Bruch einer Falte seinen Anfang nimt, ist der Zeug zusammengedrükt; an dem weitsten Ende ziehen ihn seine elastische Fasern almälich wieder zurükke. Zu dem Faltenordnen in den Gewanden behängen die Maler ihren sogenanten Gliedermann, d. i. eine hölzerne und in allen Gelenken bewegliche Puppe, mit eben dem Zeuge, den sie malen wollen; wo sich nun die Glieder dieses Mannes verkürzen, oder zurükke ziehen, da verkürzen und verdichten sich auch die Falten am Gewande selbst. In den Landschaften mus der Herbst, Sommer u. s. w. seinen Karakter mit der Weltheit, Jugend, oder der Pracht des Laubes verbinden; Bäume müssen halb im Lichte, und halb im Schatten stehen, und hierzu ist die bequemste Zeit, wenn der Himmel bewölkt ist. Das Grüne der Wiesen ist heller, als das Grüne der Pflanzen und Bäume. Ein kleines Licht macht stark abgesetzte Schatten; ein grosses undeutliche. Das Auge des Malers mus sich zwischen dem erhelten und schattigen Teile seines Models befinden. Man mus zu dieser Absicht an freiem Orte, der von keiner Sonne beschienen wird, sondern in nebliger und wolkiger Zeit nach der Natur malen, damit sich die Aussenlinien des Schattens und Lichtes unvermerkt in einander verlieren mögen. Der Maler mus nur ein einziges Fenster nach der Nordseite haben; mehr Fenster geben, so wie merere Lichter, oder der Widerschein von hellen Wänden, oder gegenüberstehenden Gebäuden, ein falsches Licht und einen vielfachen Schatten. Bei welchem Lichte und an welchem Orte die Figur erscheinen sol, bei eben dem Lichte mus sie auch gemalt werden. Des Abends macht ein feines Pappier vor das Licht gestelt, die Aussenlinien des Schattens rauh und deutlicher. Alles Feuerlicht färbt gelbe; folglich kan man dabei kein Helgrünes vom Blauen unterscheiden, weil das Gelbe des Lichts mit dem Blauen eine grüne Farbe macht. Um die Kunst des Lichts und Schattens zu erschöpfen, thut ein Anfänger wol, wenn er seine lichte Stellen und die farbigen Schatten in Graden von mehr oder weniger Stärke, auf dem Originale oder der Natur einteilet. Da Malen vornemlich durch das Farbegeben von der Zeichnung unterschieden wird: so mus derjenige seine Farben meisterhaft anzuwenden wissen, welcher seine Figuren von der Fläche am natürlichsten und reizendsten heraussteigen läst; und hierzu gelangt man durch eine scharfsinnige Uebung, welche das Helle mit dem Dunkeln, das Licht und den Schatten vorsichtig abzuwägen lert.
Zweeter Abschnit.
Die ausübende Malerei.
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pp. 310–314
2. Das Freskomalen.
Diese Art hat in Italien grosse Künstler hervorgebracht; die sich aber mit dem Wachstume der Oelmalerei sehr vermindert haben; und es bequemt sich ein Maler ungern dazu, da er mit dem Kopfe über sich, auf Gerüsten, und sehr eilfertig, auf dem Kalke der Dekken zu arbeiten genötigt wird.
Nachdem sich also derselbe des Maurergerüstes wol versichert, und die schädlichen Dünste des angeworfnen Kalkes, durch den Beistand eines guten Luftzuges verwehen lassen: so macht derselbe die Verfügung, daß der trokne Kalk mit dünnerm Kalke, und dieser mit einer noch dünnern Tünche überpinselt werde. Diese lezte Uebertünchung besteht aus einem Kalke, der ein Jar bereits abgelöscht seyn mus, und aus mittelmäßigem Flussande. Man nimt unmittelbar nach der Uebertünchung mit einem Pinsel die Sandklümpchen fort, und dieses heist die Tünche entkörnen; damit der Sand in ein weites Gemälde keine wilde Schatten mit einmischen möge. Zu dem Ende drükket man einen Pappierbogen mit der Mäurerkelle, beim Beschlusse des Malens, sanft über das Gemälde an.
Ehe man zu malen anfängt, verfertigt man seine Zeichnung, oder das Model; und noch eine andre Zeichnung, die so gros, als die Arbeit selbst ist; welche man an der Wand befestigt, um die Feler von ferne destobesser warzunemen.
Zu grossen Kirchendekken, Sälen, krummen Gewölben, die für ein Pappier zu gros sind, bedienet man sich des Gitterramens, durch dessen Hülfe man Sachen aus dem Grossen ins Kleine bringt. Man teilet das kleine Model in eben so viel kleine Nezquadrate, um die Sache in eben so viel grössere Vierekke auf die betünchte Mauer davon überzutragen.
Von diesen Quadraten wälet sich nun der Freskomaler täglich so viele, als er in einem Tage auszumalen glaubt. Diesen Plaz befielt er täglich zu übertünchen, und er zeichnet jedesmal von neuem die durch den Kalk beworfne Vierekke auf die frische Tünche, um darnach zu malen. Kan er sein Tagewerk nicht vollenden, so schneidet er die überflüssige Tünche, nur nicht mitten an nakten Teilen, sondern an der äussersten Zeichnung von dem fertigen ab. Sein Pinsel läufet solchergestalt von einem Stükke zum andern unaufgehalten fort; und man warnet den Mäurer beständig, damit er nicht den Rand der vollendeten Arbeit mit dem Pinsel verunstalten möge. Es ist also am sichersten, das Gemälde von oben anzufangen, und jederzeit unter sich hinabtünchen zu lassen.
Auf den getünchten Teil der Dekke wird die Zeichnung des grossen Pappieres sanft gedrükt, und der Umris mit einem eisernen Griffel solchergestalt vorsichtig in den noch frischen Kalk durchs Pappier gezeichnet. Kleine Risse durchlöchert man mit der Nadelspizze, man überstäubt sie mit Kolenstaube, und reibet diesen Staub durch das Pappier mit einem troknen Pinsel auf den Kalk ab.
Alle Farben werden vorher, von jeder so viel, als das ganze Werk verlangt, auf einmal mit Wasser fein gerieben, damit keine Farbenabsäzze entstehen mögen. Das übrige stimt mit dem Oelmalen überein.
Die Farben werden in ihren Geschirren vor dem Staube in acht genommen.
Die Palette besteht aus verzintem Bleche; ein umgebogner Rand hindert die flüssigen Farben abzulaufen, welche hier ziemlich dünne find. Auf der Mitte der Palette befindet sich ein Wassergeschirr, die Farben zu verwaschen. Der Kalk mus, ehe man zu malen anfängt, keinen Fingerdruk mehr annemen; widrigenfals würde ein nasser Kalk nichts als schwache Anzeigen eines Gemäldes hinter sich lassen.
Sobald die ersten Farben den Kalk erreichen, sobald verwelken alle ihre Rosen mit einmal; man mus folglich eben diese Lagen mehrmalen wiederholen, und ein Stük nicht ehe aus der Arbeit lassen, als bis es völlig ausgearbeitet und fertig ist. Jeder hinzugesezte Farbenzug würde nach etlichen Stunden nichts als Flekken zum Vorschein bringen.
Ehe man eine neue Lage geben wil, mus solange Anstand genommen werden, bis die alte Farbe erst recht trokken geworden.
Frische Tünche macht ein Gemälde lebendig und dauerhafter. Allein weil der Kalk vornämlich die Schatten ein wenig bleich naget: so mus man diese Farbenblässe durch Pastelfarben, oder durch Pinselchen, die man mit eben der Farbe mäßig eingerieben, überfaren.
Um die Farben anzulegen, zu vereinigen und zu vertreiben, bedienet man sich weichgeriebner Borstenpinsel, welche bisweilen im Betragen der Köpfe, Hände und andrer kleinen Sachen, besonders wenn der Kalk hart zu werden anfängt, von dem Finger abgewechselt werden.
Das Verunglükte wird auf der Stelle von dem übrigen Werke abgerissen; man säubert den Ort volkommen, man feuchtet ihn an, und überkreidet ihn mit einer frischen Tünche.
Es versteht sich also schon von selbsten, daß ein Freskomaler eine grosse Fertigkeit in seiner Kunst, eine gesunde Lunge, Geduld, und eine volkomne Kentnis davon besizzen müsse, wie sich seine Farben, nach der Troknung, in dem zerstörenden Kalke verhalten werden.
Die Farben sind blos solche; die sich mit dem Kalke wol vertragen. Das Weisse des Kalkes selbst ist das beste, Farben zu mischen, und Fleisch und Kleider auszudrükken; man mus dazu solche nemen, der wenigstens seit einem halben Jare gelöscht worden. Man verdünt ihn mit Wasser, siebet ihn durch ein Sieb, und er mus sich in flachen Gefässen sezzen, ehe man ihn auf der Palette brauchen kan.
Das Weisse von Eierschalen gibt zum Fresko- und Pastelmalen eine angeneme Weisse. Zerstamfet die Schalen, reibet und siedet sie mit wenigem lebendigen Kalke in Wasser von ihren Hefen rein, seihet sie durch. Wiederholet das Waschen und Reiben, bis das Wasser klar abläuft, und machet aus ihnen auf dem Farbensteine einen Pastelteig, den ihr in der Sonne, zum Fleische und weissen Gewanden troknen könnet. Besser ist es, dieses Weis im Ofen bakken zu lassen, weil es an feuchten Orten einen unerträglichen Geruch an sich zieht.
Zinober, diese lebhafte Farbe, dauret nicht in freier Luft, aber wol in verschlossnen Orten. Nach der Läuterung bekleidet man die Gewande mit dieser Farbe. Man übergiesset nämlich den Zinober etlichemale mit dem Wasser, welches der sich löschende Kalk aufsiedet, um denselben mit der Natur des Kalkes bekanter zu machen.
Römischer, im Ofen gebranter Vitriol sticht sehr wol auf der frischen Tünche ab. Man gibt ihm durch Brantwein einen Purpur, der sehr gut zum Anlegen, und geschikt ist, mit Zinober überfaren zu werden, da sich denn die Gewande so gut wie in der Oellasirung ausnemen.
Das Englischrot vertrit des vorigen Stelle, weil solches ebenfals aus blauem Vitriole besteht; wenn es trokken wird, streuet es, in Licht und Schatten eingemischt, eine angeneme Purpurfarbe aus. Bergröte, Rotstein, bequemet sich in frischem Kalke zur Fleischfarbe, Gewanden. Gebrante Gelberde schattiret, mit venedischer Erdschwärze vermengt, das Fleisch der Figuren und die Gewande. Neaplergelb erhält sich in feuchter Tünche lebhafter, als an offner Luft. Der Kreuzdornsaft, oder Saftgrün, wird durch das Weisse des Kalkes gelbgrün, ohne sehr zu verschiessen. Das Berggrün belebet die Gewande im frischen Kalke. Die Erdschwärze schattirt die gelben Gewande. Die venedische Erdschwärze ist die schwärzste unter allen Kalkfarben; sie vertiefet das Fleisch angenem, so wie der Kienrus auf der alten Tünche. Die Kolenschwärze ist ein zu Kolen gebranter Weinhefen; man brent auch Pappier, Pfersichsteine u. s. w. zu dieser Absicht. Mit allen vorigen Farben vermischt ein Kalkmaler das Kalkweisse zum Lichte, zu Schatten, und zu Mittelfarben. Ultramarin ist hier schön, aber kostbar, Salzrot gibt mit der Smalte ein Ametistenviolet.
Der Kalk zerstört folgende Farben: Bleiweis, Menning, Lak, Grünspan, Auripigment, Beinschwarz.
In Rom hat man noch eine Freskoart auf alte Wände zu malen, welche man mit sehr wenigem und verdüntem Gipse überwerfen läst. Diese Art leidet alle Farben ohne Unterscheid, wenn man nur die oftgeweisten Wände vorher überschabt hat; um der überflüssigen Tünche keine Gelegenheit zum Abspringen zu geben. Frischbetünchte Wände werden nur mit Gipse überzogen, um die Farben begierig und schnel in sich zu saugen.
Das Freskomalen verstattet folglich nicht dem Pinsel, wie die Oelmalerei, nasse Farben in einander zu mischen; er schraffiret oder punktiret gewönlich seine Schatten, und die Entfernung vom Auge allein mus diese leisen Striche in farbige Flächen verwandeln. Rom ergözzet sich noch an einigen Freskogemälden, die von den Zeiten der alten Römer her, bis diese Stunde, in volkomnem Zustande geblieben sind, ob man sie gleich aus der Erde heraufgegraben hat. Eine kurze Zeit nach dem Malen steigen erst alle Farben aus dem Kalke mit ihren Schönheiten herauf, da sie unter der Arbeit nichts, als ein unförmliches Chaos von Pinselstrichen vorstelten; die scheinbaren Ansäzze verschwinden, und die woltätige Wärme der Luft vereinigt die Stükke zu einem Ganzen, dessen Lebhaftigkeit unzerstörbar scheinet.
