Scheyb 1770
[Franz Christoph von Scheyb], Köremons Natur und Kunst in Gemälden, Bildhauereyen, Gebäude, und Kupferstichen zum Unterricht der Schüler und Vergnügen der Kenner II, Leipzig – Wien [Rudolph Grässer] 1770.
pp. 473–496
II.
Abhandlung von Mauergemälden
oder vom Fresco.
So sehr sich einige von unsern, Frescomalern schmeicheln, durch ihre Bemühungen berühmt zu werden; so weit sind sie von jenen alten Italiänern entfernt, welche durch unzählige Frescomalereyen sich unsterblich gemacht haben. Was vor zwey oder dreyhundert Jahren in Italien auf nassem Kalk ausgeführt worden, das glänzet, pranget und glühet noch heute in so verwunderungswürdiger Vortrefflichkeit, daß alle Kenner dadurch entzückt werden. Ich möchte über dasjenige weinen, was theils die Nachläßigkeit, theils die Bosheit, und an manchen Orten die Zeit ins Verderben gestürzt hat. Sie begreifen es nicht, warum die meisten von unsern modernen Malern so großen Männern weder in der Zeichnung, noch Erfindung; weder in der Wahl, noch Anlage der Farben beykommen; warum die uralte Kunst neu, die moderne hingegen alt erscheinet. Wer Rom, Neapel, Florenz, Parma, Venedig und Meyland gesehen hat, und über das Gebirge wiederum nach Hause kömmt, erschrickt gemeiniglich beym ersten Anblick über die Schätze seiner Vaterstadt. In diesen Ländern sah er nichts als Leben und Munterkeit, zu Haus aber muß er sich nicht selten mit abgestorbenen Farben, verwahrloseten Zeichnungen, oft abentheuerlichen Contrasten, und ungefähr manierirten Tinten befriedigen. Sollte es nicht möglich seyn, dergleichen irrenden, jedoch dabey ämsigen Künstlern, den rechten Weg zu zeigen, und ihrer Bemühung, wenn ihr Vorurtheil sie nicht gäntzlich verstockt macht, ein wenig zu Hülfe kommen? Ich will hier, einen Versuch machen; denn so kurz und unvollständig auch meine Erinnerungen seyn werden; so viel Nutzen können sie vielleicht dennoch verschaffen. Eine Anweisung hat oft mehr ausgerichtet, als ein weitläuftiger gelehrter Unterricht.
Ein jeder, auch mittelmäßiger Maler wird, glaube ich, gehört haben, daß es zweyerley Farben zum Malen giebt: die natürlichen, mineralischen oder Erdfarben; und jene, so durch Kunst zubereitet werden. Man pflegt alle entweder mit reinem, oder Leimwasser, oder mit Oel zu mischen. Malt man mit Wasser auf frisch angelegten Kalk, so heißet es Frescomalen. Mit Leim aber malt man auf trockenem Grunde. Mit den Oelfarben sind alle Maler bekannt.
Bey diesem Unterschiede hat nun die Erfahrung alle Künstler gelehrt, daß auf nassen Kalk zu malen, die durch Kunst zubereiteten Farben gefährlich und nicht rathsam sind. Man kann sie durch allerhand Vortheile und Geheimnisse niemals oder schwerlich so dauerhaft machen, daß sie der freyen Luft lange widerstehen. Wenn das Lustgebäude und der Anwurf des Kalkes im Rospigliosischen Palast zu Rom noch besteht; so glühet auch die Aurora des Guido Reni noch heut zu Tage, weil sie mit keinen Saft- oder Kunstfarben verfertigt worden. Diese Farben erfordern jederzeit einen sehr trockenen Grund und Ort.
Man weis, daß alle Farben, wenn man nicht einen einfärbigen Grund anlegen will, auf unterschiedliche Art gemischt und vervielfältiget werden. Man macht sie heller, oder dunkler. Aus einerley Farbe entstehn viele von einer Gattung. Das Weiße und Schwarze bringt eine ganze Schattirung heraus. Alles aber beruhet auf der Geschicklichkeit des Künstlers. Durch ihn entstehn die Fehler. Er ist derselben Urheber, entweder, weil er die Farben ungeschickt mischt und zusammensetzt, oder weil er sich schon eine üble Art zu malen angewöhnt hat, durch welche die Farben weder rein, noch frisch, oder sonst geschickt vereiniget werden.
§. 1.
Die Schüler müssen sich also unterrichten lassen, wie sie die Wirkung der Farben beobachten, und durch die Erfahrung lernen sollen, was im Mischen und Malen richtig und sicher könne ausgeführt werden. Ein Maler muß, wie ein Dichter, durch die Mannichfaltigkeit der schönen Farben zu gefallen trachten; denn obschon eine Geschichte, zum Beyspiel, bereits von sich selbst reizend und angenehm wäre, so kann doch das Colorit, welches das Stück aus einander setzt, vielleicht dem Auge des beobachtenden Kenners nicht anständig seyn, mithin keine gute Wirkung machen. Durch genau vereinigte und übereinstimmende Farben entsteht jenes Schöne, welches alle Augen bezaubert, und in das Herz der Kenner eindringt; weil sie die wahre Aenlichkeit der Gegenstände aus den eigentlichen Farben hervor sprießen sehen. Je lebhafter sie also sind, destomehr gefallen sie zuvorderst solchen Liebhabern, welche dadurch meistens ihre Zimmer verherrlichen wollen, folglich, ohne sich bey der guten oder schlechten Zeichnung aufzuhalten, nur die Mannichfaltigkeit und Reizung der Farben in Acht nehmen. Sie folgen in diesem Fall mehr dem Auge, als der Empfindung des Herzens. Die Farben ergötzen durch ihre Mannichfaltigkeit die Augen so, wie eine wohl übereinstimmende Musik die Ohren; absonderlich, wenn die hohen, tiefen und mittlern Töne gut zusammenstimmen, und einen nach dem Verhältniß der Zeit vereinigten Wohlklang bewirken, welcher die Gemüther in Bewegung setzt.
Die Kunst, gut zu coloriren, oder die Farben geschickt anzuwenden, besteht überhaupt darinn, daß, wenn sie der Ordnung nach gut gemischt, frisch, und so zu sagen, glühend sind, man dar aus eine wohl eingetheilte und geschickt vereinigte Zusammensetzung mache, welche nicht im geringsten Theile einigen Mißklang verspüren lasse. Eine harmonische Composition wird also diejenige seyn, welche nicht so brennend und zerstreut ist, wie farbenreiche Tapeten, auch nicht so sehr gedrängt und mit Schatten überhäuft erscheint, daß man weder das Fleisch, noch andre natürliche Dinge unterscheiden könne. Der sicherste Weg ist also derjenige, der zwischen dem Glühenden und Verblendenden fortgeht, die Farben aber weder zu stark, noch zu schwach zeigt, sondern alles ungekünstelt und wahrscheinlich in einer angenehmen und zärtlichen Vereinigung so vorstellt, daß alles zusammen eine reine und flammenartige Schönheit ausmache.
Von der Materie der Farben, ihren Gattungen und Eigenschaften hier viel und bis auf die geringste Kleinigkeit zu handeln, ist überflüßig, weil sie bekannt und anderwärts berührt worden sind. Weil aber meistens nur große Künstler im Besitze derselben angetroffen werden, nach welchem andre vergebens streben; so will ich einige von ihren Eigenschaften und Beobachtungen über ihre Wirkung untersuchen, weil unter den Farben sich zuweilen große Widerwärtigkeiten äussern, die nicht obenhin anzusehen sind.
§. 2.
Mein Rath wäre also, daß der Maler eine jede Gattung von seinen Farben rein, säuberlich, nett, fein und auserwählt zu halten trachtete, da mit er sie allemal frisch und wohl unterschieden finde. Denn eine jede andre Vermischung, die sich eräugnen kann, als Staub, Unrath oder andre Farben und dergleichen, machen Verwirrung, und benehmen ihnen die Reinigkeit, das frische und lebhafte Wesen. Um sie mit einem Worte wohl anzuwenden, darzu ist große Uebung, Erfahrung, Aemsigkeit und ein aufmerksames Auge vonnöthen.
Ist man hernach entschlossen, Fresco zu malen, so muß man zum Voraus überzeugt seyn, daß die Mauer allerdings keine andern, als natürliche aus der Erde hervorgebrachte Farben verlangt, die nämlich, wie die Mauer selbst, Erden sind, sonst aber in allen Städten können gekauft werden. Solche Farben reibt man mit frischem Wasser. Ich weis, daß moderne große Künstler das Geheimniß besitzen, auch andre, als bloße Erdfarben, zum Frescomalen zu brauchen. Dieses aber hilft der Kunst nicht, es sey denn, daß sie dadurch eine Farbe erhalte, die ihr noch mangelte. Können Schüler dieser nachspüren, so werden sie um so viel farbenreicher; wo nicht, so müssen sie sich mit dem, was sie haben, wie die alten Italiäner begnügen, die der farbenreichste Maler mit seinen Geheimnissen noch nicht übertroffen hat.
Ich schreite nun zu der weißen Farbe. Diese zu erlangen, pflegt man den allerfeinsten und weißesten Kalk zu nehmen, welcher noch gereiniget wird, und welches auf allerhand Art geschieht. In Italien ließen einige Maler solchen Kalk sieden, und schöpften den Schaum davon. Dadurch benahmen sie ihm die Schärfe, die Säure und Stärke, welche er auf der Mauer wiederum erlangt, wo er sich im Abtrocknen auch wiederum in Kalk verwandelt. Man verfährt aber damit auf folgende Weise: Den in Wasser gesottenen Kalk läßt man in der Luft abkühlen, nimmt das Wasser davon, legt ihn auf gebrannte Ziegel an die Sonne, damit er trocken werde. Je leichter er alsdann wird, desto reiner ist er auch. Andre bringen diesen auf solche Art gereinigten Kalk unter die Erde, wo sie ihn, ehe sie davon einen Gebrauch machen, viele Jahre begraben halten. Andre bringen ihn auf das Dach unter freyem Himmel, wo sie ihn auch einige Jahre hindurch behalten. Noch andre mischen zur Hälfte fein gestoßenen Marmor darunter. Wiederum einige lassen ihn im Geschirr unter freyem Himmel, nachdem sie siedendheitzes Wasser darauf gegossen, und ihn mit einem Stößel wohl durch einander gerührt haben. Den folgenden Tag sehen sie alles an die Sonne, wodurch er so gereiniget wird, daß sie ihn des Tages darauf schon mit andern Farben vermischen können. Allein, sie brauchen solche Vermischung nicht zum Fleisch oder Nackten, weil die Umrisse dadurch schwerlich gelingen würden. Gewisse neue Künstler bilden sich ein, durch Eyerschaalen etwas Gutes auszurichten. Man kann damit einen Versuch machen, ich habe nichts darwider einzuwenden.
§. 3.
Sind nun die Farben jede absonderlich mit Wasser wohl gerieben und in Ordnung gebracht, mithin auch in ihren Töpfen, Geschirren, oder Tiegeln vor allem Unrath verwahrt; so nimmt man andre größere Geschirre, und fängt die Vermischung an; man legt nämlich in drey oder vier Tiegel die weiße, und in eben so viel andre die schwarze Farbe; jedoch nicht in zu großer Menge. Hernach nimmt man eine von andern Erdfarben, z. E. von der gelben, oder hellrothen, vom Azur, blauen, grünen oder andern, welche man einzeln mit der weißen vermischt, die man in Geschirren ausgetheilt hat, solchergestalt, daß man also wenigstens dreyerley Vermischungen, eine heller, als die andre fertig haben wird. Weil man von der weißen Erdfarbe mehr als von der andern in ein Geschirr bringt, so entsteht die Schattirung stufenweise von sich selbst. Eben so verfährt man mit den Geschirren, worinn die schwarze oder eine andre dunkle Farbe nach Belieben ist. Auf diese Art findet man nicht nur eine Farbe dunkler und heller, als die andre, sondern man bringt aus jeder Erdfarbe drey, vier, sechs oder so viel Mischungen heraus, als man will, und so viel als die Zeichnung, oder der wohl ausgeführte Carton vor Augen stellt.
Von der Mannichfaltigkeit andrer zärtlichen Tinten, die man in der Natur sieht, will ich nichts erwähnen, weil ihre Menge so unendlich groß ist, als man sie in Früchten und Blumen wahrnimmt. Man beobachtet also die natürlichen Farben, und diesen macht man die Vermischungen änlich.
Von den gemeinen Fleischfarben aber, welche hell sind, merke man nur, daß sie von rother und weißen Erde gemacht werden. Durch solche Vermischung können sie nach Belieben schwächer oder stärker werden; doch müssen sie nicht allezeit einerley seyn; denn die Tinten in der Natur sind vielfältig. Das Geschlecht, das Alter, die Eigenschaften der Personen sind oft in ihrem Nackenden sehr weit von einander unterschieden. Damit sie also richtig, eigen, gehörig und änlich erscheinen, so muß man öfters bald grün, oder gelb, bald beyde zusammen darunter mischen, und weil die Figuren alter Männer sehr unterschieden sind, so nimmt man anstatt der rothen Erde, die gebrannte gelbe Farbe. Es ist auch gut, daß sie so gebrannt sey, damit, ehe und bevor man sie von der Glut wegnimmt, eine dunkle Farbe daraus werde, und sich nicht in ein starkes Schwarzes verändere. Auf solche Weise bekömmt sie im Fresco die Eigenschaft und Wirkung, wie man sie sonst am feinen Lack in trockenen oder Oelmalereyen wahrnimmt.
§. 4.
Wenn man also mit jener dunkeln Farbe malt, welche zum Schatten im Nackenden dienen soll; so nimmt man solche Erdenfarbe mit gedachter Schattenfarbe vermischt, da man denn gewahr wird, daß mit diesen beyden Farben alle andern in den Geschirren gut ausfallen, wenn man sie damit auch ein wenig vermengt. Man macht davon auch andre hellere Schatten, wenn obige helle Fleischfarben darunter gemischt werden, und eine heller, die andre aber dunkler wird, da mit sie bereit seyn mögen, wenn man sie gegen die Lichter brauchen will, wo sie sich verlieren müssen.
Man mischt auch zuweilen unter gedachte dunkle von ermeldeten zwoen Erdfarben das Schwarze, wenn man eine Figur, oder das Nackende stark empor bringen will.
Andre Künstler vermischen mit diesen dunkeln Farben eine natürliche grüne Erdfarbe. Andre brennen und sieden sie, wie von der gelben erwähnt worden. Andre mischen auch geläuterte Erden darunter, welche die Italiäner terra di Campana nennen, wenn sie die feinen Fleischschatten junger Mägdchen ausdrucken wollen. Sie mischen davon auch in die hellen Fleischfarben, womit sie sich gut zu vereinigen scheinen,
Einige bedienen sich der natürlichen weißen Farbe sehr stark, um dem Fleische das höchste Licht zu geben. Allein es ist besser, daß man von obiger hellen Fleischfarbe darunter mische. Denn auf diese Weise vereiniget es sich besser, und beleuchtet das Fleisch. Dieses muß aber sparsam und mit Bedacht geschehen. Es giebt auch noch röthlichtes und bleiches Fleisch, wie die Gesichter, welche man durch die Vermischung des Rothen öder Grünen mit der hellen Fleischfarbe leicht findet. Man nimmt auch dunkle Fleischfarbe.
Sind nun alle Farben gemischt, und auf einem Bret in Ordnung hingestellt, so nimmt man gut zubereitete Pinsel, wovon die schon gebrauchten besser sind, als die neuen. Diese theilt man den Farben zu. Weil aber hier alle Sachen und Erfordernisse zur Kunst erklärt werden; so müssen wir auch die Art, die Pinsel gut zu machen, lernen. Ich will also den Schülern einigen Unterricht davon geben.
Man sieht nicht selten Maler, welche durch ihre Farben und Pinsel eine doppelte Unwissenheit zu erkennen geben. Beydes ist aber ungeschickt. Wir haben zweyerley Pinsel zum Oel- und Fresco malen, welche beyde bekannt sind; dennoch aber glaube ich, daß es nöthig sey, wenn man auch hier ein Wort von den Pinseln zum Fresco, malen redet. Obgleich wenige Künstler die Pinsel selbst machen; so will ich doch zum wenigsten zeigen, wie man sie zubereiten soll. Weiße Sauborsten schicken sich darzu besser, als die schwarzen. Davon nimmt man ein Büschel, reiniget es im nassen Kalk und streicht die Spitze an einer rauhen Mauer ab, um sie geschmeidig zu machen. Sie werden also stark abgewetzt und rein. Die Pinselstäbe verfertiget man entweder stärker oder schwächer von hartem Holz, bereitet auch starke wohl gewichste Faden zum binden. Jedem Stäbchen theilt man hernach sein gehöriges dickes oder dünnes Büschel von Borsten zu. Hierauf weicht man sie wiederum in Wasser ein, und nimmt die krummen oder verworrenen Borsten davon, damit die Büschel fein gerade und zugespitzt, in der Mitte aber rund und bauchigt ausfallen. Hierauf wird das Büschel in der Mitte vest zusammen gebunden, und das Stäbchen mitten unter die Borsten bis an den Faden hineingesteckt, dessen Knopf die Vestigkeit des Pinsels ausmacht. Von dem Faden nimmt man ein Ende, und umwickelt damit oder schnürt aufwärts gegen den Stab die Borsten vest zusammen, so weit sie reichen. Zuvor aber macht man aus dem andern Ende des Fadens eine Schleife, über welche man das andre Ende des Fadens fortwickelt, und fährt damit endlich durch die Schleife, wo man einen vesten Knopf macht, den man zwischen den Faden hineinzwingt. Findet diese Art und Bemühung keinen Beyfall, so kann man die Pinsel kaufen.
§. 5.
Sind nun alle diese Dinge in Bereitschaft; so fängt man an auf der Mauer den feinsten Anwurf von Kalk zu machen, welcher den Farben zur Grundlage dient, und manchmal solche Veränderungen darinn verursachet, welche der Maler nicht vermuthet hat. Er nimmt sie erst wahr, wenn der Kalk trocken wird. Diese Veränderung der Farbe ist manchmal so stark, daß der geschickteste Künstler sich betrogen sieht; weil er die Materie der Farben weder eingesehen, noch in Acht genommen hat.
Die wichtigsten Werke bekommen manchmal am Ende der Arbeit durch solche Zufälle ein mißliches Ansehn, und der Künstler wird seines Ruhmes beraubt, wenn seine Arbeit wider Hoffen und Vermuthen durch solche Verwandlungen seiner Farben alles, das ist, Natur, Kunst und Ansehn verliert. Daher mögen einige Erinnerungen hierüber nicht undienlich seyn, nämlich: daß jeder Kalk, wenn er auf der Mauer zum Grunde einer Malerey angelegt wird, von solcher Eigenschaft ist, wodurch er den Künstler einen glücklichen Ausgang hoffen läßt. Durch sein starkes, frisches und kühles Wesen nimmt er den ganzen Tag hindurch alle Farben schön und glühend an. Der Künstler arbeitet mit Lust, wenn er einige Stunden lang seine Anlagen so ausfallen sieht, wie er sie angebracht hat; alles vergnügt ihn. Wenn sich aber die Feuchtigkeit nach und nach aus dem Kalk zu verlieren, er selbst aber sich zusammen zu ziehen und zu trocknen anfängt; so erschrickt der Maler, daß die angelegte Farbe, wenn er noch einmal darüber fährt, sich verändert hat, und an demselbigen Ort eine sehr üble Wirkung zeigt. Daher pflegen erfahrne Männer, ehe solche Veränderung geschieht, ihre Arbeit mit lauter harten Farben anzufangen, die dünnen wohl zu vereinigen, zugleich aber sehr fleißig, munter und hurtig die Mauer zu bedecken; weil, wenn sie langsam wären, der Kalk eine feine Haut annehmen, und durch die Luft sowohl als seine Eigenschaft die ganze Arbeit beschmutzen, oder gar, so zu sagen, schimmlicht machen würde.
Es sind aber noch mehr Anmerkungen in Acht zu nehmen: Wenn man gewisse Farben anlegt, welche zwar gröber, aber dünner sind, als andre, wie die Feigelfarbe. Je stärker und frischer der Kalk ist; desto besser kann man beyde brauchen. Allein, in dieser Arbeit ist eine sehr freye, sichere und geschickte Hand vonnöthen, welche durch einen heitern und geübten Verstand geführt werden muß. Dieser sieht die Mischung der Farben und ihre Veränderungen voraus, die nicht nur denselben Tag, sondern so lange geschehen, als der Kalk nicht vollkommen trocken wird.
Man muß den Kalk auf eine sehr feuchte Mauer, und nur so viel anlegen, als man denselben Tag übermalen will. Ist ein so bestimmter Raum zubereitet, so theilt man die gehörigen Linien nach der Zeichnung mit einem in röthlichtem Wasser eingetauchten Pinsel richtig aus. Denn dergleichen schwache Farben erscheinen deutlich genug, und können im Fall einer nöthigen Verbesserung auch leicht ausgelöscht werden. Hat man aber einen wohl ausgeführten Carton; so dient dieser, die Zeichnung auf dem Kalke wohl abzudrucken oder abzutupfen, und die Linien mit dem Pinsel anzulegen.
Hierauf fängt man gleich an, die zubereiteten Farben, zuvorderst aber die Lichter, die Mittelfarben und die Schatten an ihren gehörigen Ört nach Anweisung des Cartons aufzutragen. Dieses geschieht aber mit solcher Kunst, daß die Vereinigung oder Zusammenstimmung der Farben gleich vorhanden sey, und alles den Augen sich gefällig, frisch, glühend, und genau verbunden zeige. Man fährt auch noch einmal darüber, so lange der Kalk noch frisch, vest und in seiner Eigenschaft unveränderlich ist. Denn, da die erste Anlage der Farben von dem Kalk meistens eingesogen wird; so ist es nöthig, daß man wiederum darüber male, die Farben vereinige, und das Werk ausführe.
Einige Frescomaler glauben, sie könnten diesen Umstand vermeiden, wenn sie auf die Mauer einen oder zween Anwürfe von der weißen Farbe machen ließen. Sie scheinen sogar überzeugt zu feyn, daß die Farben weit frischer erscheinen, wenn der Kalk trocken ist. Allein, dieses hat nur da Statt, wo man groteske oder andre kleine Malereyen von geringer Art anbringen will. In grossen Werken aber ist dieses eine schädliche Manier. Denn obschon das Weiße die Farben glänzend macht, so ist es doch den dunkeln Farben und Schatten nachtheilig, weil es ihnen die Vereinigung und Stärke benimmt, welches großen Künstlern sehr zuwider ist.
§. 6.
Nun haben wir zwar von der Vermischung der Farben gehandelt; es wäre aber nicht gut, wenn einige glaubten, daß, weil ihre Farben in den Geschirren zurechte gemacht sind, sie auf der Mauer eben dieselbige Wirkung thäten: denn hier ist die Practik nöthig, wenn man die Farben der Natur änlich machen will. Daher giebt es einige, welche, um solche Tinten nicht erst auf der Mauer zu suchen, solche vorher mit trockenen oder in Oel malen, wodurch sie auf verschiedene Art stärker oder schwächer erscheinen, auch in verschiedenen Gegenden des Gemäldes einige rothe und bleiche Farben ausstreuen, dergleichen durch die ordentliche Vermischung nicht können zuwegegebracht werden. Dieses macht, daß man gleichsam auf eine neue Vereinigung denken muß, die sich im Gehirn des Künstlers befindet, absonderlich, wenn die Frage von großem nackenden und verschiedenem Fleisch entsteht, worinn die Lichter vermindert bleiben, und das Helle der Farben mit so viel Vernunft und Geschicklichkeit herrschen muß, daß es sich in den Schatten hinein, und nach und nach sammt seinem Glanze verliere, und man könne folglich wahrnehmen, daß das Tagelicht dasjenige nicht ist, was die Farben verschafft, sondern dieselben nur beleuchtet, daß man sie sehen kann; denn wo sie am meisten bedeckt sind, da sind auch die Schatten stärker und voller. Hieraus folgt, daß die Massen der Farben durch die Schatten nicht verändert werden, sondern ihre Farbe erhalten, und nur dunkler erscheinen. Denn der Schatten ist nichts anders, als der Mangel des Lichts, keinesweges aber die Wirkung der schwarzen Farbe.
Es ist wahr, daß man mit gut gemischten Farben die Gewänder, Falten und andre Sachen wohl ausdrücken kann; sie werden gut vereiniget und ausgeführt. Allein in Absicht auf das Nackende hat es Maler gegeben, welche eine so starke Practik hatten, daß sie nur mit dreyerley Vermischungen das Nackende mit allen feinen Mittelfarben und Veränderungen, wie man sie in der Natur wahrnimmt, vollkommen ausführen könnten. Die drey vermischten Farben bestunden nur in einer hellen und zwo dunkeln Tinten. Diese Künstler fiengen an, gleich die Schatten anzulegen, wozu sie dunkle Farbe brauchten, die etwas schwach war, und sie aller Orten, wo die starken und Halbschatten hingehörten, anlegten, und gleich mit der hellen Farbe darüber giengen, mit welcher sie alles bedeckten, und auch die rauhen Schatten damit überzogen, die sie vorher äusserst dunkel angelegt hatten; dergestalt, daß man unter solcher Anlage die süßesten Tinten hervorscheinen sah; daher kamen sie noch einmal mit gedachter dunkeln Farbe darüber, und brachten verschiedene Schatten, angenehme halb- und dunkle Farben heraus. Endlich nahmen sie die letzte dunkelste Farbe, und vollendeten die äussersten Schatten. Diese Künstler machten, daß überhaupt ihre Schattirungen auf der Mauer eben so erschienen, wie andre dieselben in ihren Geschirren bereiteten.
Italien hat einen solchen Künstler gesehen, der alle übertraf, und mit beyden Händen zu gleich an verschiedenen Gegenden auf der Mauer fortmalte, seine Arbeit auch mit solcher Fertigkeit vollendete, daß man nicht wußte, ob man seine Kunst, seine Dreistigkeit, die Anmuth seines Pinsels, oder seine Geschwindigkeit bewundern sollte. Er malte für den Prinz Doria zu Genua, und nennte sich Lucchetto.
Man hat auch Frescomaler gesehen, welche ohne Entwurf, ohne Schizzen, Zeichnung oder Cartonen große Werke unmittelbar auf den nassen Kalk angefangen und glücklich ausgeführt haben. Man konnte jeden dreisten Pinselstrich darinn wahrnehmen; allein solche gewaltige und trotzige Arbeiten wurden nicht sonderlich geachtet; man durfte sie nicht mit gelehrten und kunstverständigen Augen ansehen. Ihre hurtige Manier, die starken Farben, der frische, lebhafte, glühende und körnigte Ausdruck überraschte den Beobachter beym ersten Anblick so sehr, daß er den Zweifel nicht in Acht nehmen konnte, mit welchem solche Künstler zu malen pflegten, und zu erkennen gaben, daß sie nicht gewußt haben, ob sie vorher das Dunkle, das Helle, oder das Rothe, und hernach das Fleisch anlegen sollten; wie solches mittelmäßigen, unentschlossenen und wankelmüthigen Malern wiederfährt. So geübte und fertige Meister machen sich nichts daraus, die Vermischungen der Farben und ihre Vereinigung mit jedem Pinsel, den sie in der Hand haben, zu bewirken. Sie tauchen ihn irgends ins Wasser ein, und drucken ihn wieder aus, damit sie ihn wiederum brauchen können.
§. 7.
Wenn nun die Arbeit zu Ende geht, und der Kalk anfängt, in der Malerey einige Veränderung zu verursachen, und die Farbe nicht mehr so stark einzusaugen, wie vorher; alsdann kommt man vorsichtig mit weichen und dunkeln Schattenfarben an den gehörigen Ort, um das Nöthige auszuführen, und seine Arbeit zu vollenden.
Im Nackenden äussern sich schon mehr Beschwerlichkeiten, da man die Muskeln mit dem weichsten und flüßigsten Schatten so geschickt malen muß, damit sie körnicht erscheinen. Die Beyspiele hievon gaben Raphael, Bonarotti, Daniel Volterra, Franc. Salviati; heut zu Tage aber Mengs, Maron und verschiedne andre.
Am Ende der Arbeit setzt man aller Orten die gehörigen Lichter auf, wie oben gemeldet worden, und dies ist es, worinn die ungeübten Meister ihre Schwäche verrathen. Denn alles, was mit Furcht schlecht angelegt, und nicht gut ausgeführet worden, das wird den folgenden Tag entdeckt; und wenn sowohl der Kalk, als die Arbeit völlig trocken sind; so erscheint jeder geringster Fehler, jede Schwäche, jeder Fleck, jeder Schmutz, jede aufgetragene, und nicht gut bedeckte, oder vereinigte Farbe. Daher ist es rathsam, daß man sehr aufmerksam arbeite, um solche Unanständigkeiten zu vermeiden, und seine Ehre zu retten.
Hat man nun den Tag vollbracht, und den Anwurf des nassen Kalkes ausgemalt; so schneidet man am Rande herum alles fleißig weg, damit man den folgenden Tag einen andern Anwurf von Kalk genau daran bringen, und solchergestalt anlegen könne, daß vom Abschnitt oder von den Spalten des Zusammensatzes nichts erscheint, welcher alle Tage Stück vor Stück gemacht wird.
Hierauf werden die Gehülfen und Maurer, die man in Italien Fattorini nennt, ermahnt, die Pinsel mit frischem Wasser zu reinigen, ihre Spitze wiederum zuzurichten, und die Farben in ihren Geschirren mit Wasser, absonderlich die weiße, zu überschütten; denn die weiße Farbe ist sehr rein, und die vornehmste, für welche man Sorge tragen muß, damit sie nicht trocken werde. Ist nun alles in Ordnung; so befeuchtet man noch Abends die Mauer, und macht sie noch einige mal naß, zuvörderst, wenn sehr warmes Wetter ist; damit am folgenden Morgen der Anwurf von Kalk gut und vest anklebe, und man frisch darauf fortarbeiten und sein Werk ausführen könne.
§. 8.
Was bisher vom Frescomalen erinnert worden, ist gleichsam nur eine Grundlegung zu dieser Kunst, bey welcher ich es auch bewenden lasse, und nicht willens bin, diejenigen Geheimnisse zu ergründen, welche einigen Künstlern besonders eis gen und heilig sind. Man hat nicht Ursache, sie darum zu beneiden; denn da die bewunderungswürdigen Gemälde der alten italianischen Frescomaler ohne solche neu erfundene Kunstgriffe ans Licht getreten sind; so wird man sie wohl noch entbehren können, und dieses um so mehr, als dadurch die Raphaele, Bonarotti und andre unsterbliche Männer noch nicht übertroffen werden. Hat aber jemand das Glück, das Geheimniß zu entdecken, wie man mit Zinnober und feinem Lack, mit den grünen und andern, nicht Erd- sondern Kunstfarben umgehn und sie bereiten könne, daß sie wie Erd- oder Mineralfarben zum Fresco taugen; wie das Vitriolöl feurig den Farben das unreine und rauhe Wesen benehme; wie man Eyerschalen zum weißen Grund anwende; was man durch die Chymie noch weiter für Vortheile verschaffen könne; wie man durch die Anlegung verschiedener weißen Grundlegungen der Malerey einen Vorzug und Beyfall zuweg bringe; dergleichen geheimnißvolle Künstler haben ohne Zweifel mehr Mittel, als andre, ihre Arbeiten vollkommen zu machen, und sich einigen Ruhm zuwege zu bringen. Dadurch aber laufen sie vielen den Rang nicht ab, welche wie die Alten, ohne so viel Geheimnisse und doch künstlich arbeiten.
Da ich von verschiedenen weißen Farben zum Grundlegen Erwähnung gethan habe; so muß ich hier anmerken, daß dergleichen Malereyen zuweilen, des Anfangs erhaltenen Beyfalls ungeachtet, endlich sehr übel aussehen; sie verwandeln sich oftmals in garstige Pflaster und mißfällige Sudeleyen; und wie oft verfährt man nicht mit allerhand Vermischungen der Farben, die wohlgefallen? Dadurch werden aber nur ungeschickte Beobachter aus dem großen Haufen verblendet; wahre Kenner hingegen halten sich bey einem so bezauberten ersten & Anblick nicht auf, sie finden alles, was darinn Tadel verdient.
Endlich wollen wir noch diejenige Art von Malerey kennen lernen, die man Grau in Grau nennt. Man reibt die kohlschwarze und reine weiße Farbe, eine jede insonderheit. Aus diesen beyden macht man wenigstens drey Mittelfarben, davon eine heller als die andre seyn muß. Will man hernach sehen, wie sie gelingen, so macht man damit einen Versuch, und streicht sie auf einen gebrannten Ziegel. Andre mischen feine Erden von Geschirren darunter, welche noch andre zuweilen zu ihrem Grunde brauchen. Jedoch alles lauft auf einerley Wirkung hinaus.
Die metallartigen Malereyen erfordern beynahe auch gedachte Ordnung. Hierzu dient das Erdengelb zum Dunkeln, das durch die Schattenerde vermischt wird, oder, wie es andern beliebt, durch Schwarz oder Feilgenblau.
Begleiten nun Genie, Freude, Fleiß und Aufmerksamkeit die bisher gezeigte Art zu malen; so kann der Künstler seine Werke im Fresco gewiß glücklich vollenden; daher, glaube ich, werden sich Anfänger mit diesen wenigen Blättern um so mehr befriedigen, als sie darinn den Weg schon vor Augen sehen, worauf sie zu dieser Kunst ungehindert gelangen können, welche bereits schon vor 2140 Jahren in Griechenland im Flore gewesen, wie uns Pausanias davon überzeuget. Er redet vom berühmtesten Frescomaler zu Athen, vom Euphranor, einem Zeitverwandten des Zeuris und Parrhasius, welche ohngefähr 364 Jahre vor der christlichen Zeitrechnung gelebt haben. Dieser Euphranor, und nicht Euphenor, wie ihn einige nennen, hatte zu Athen nach verschiedenen Werken, auch zwölf Götter, dann die Schlachten bey Leuctra und Mantinäa, auch den Theseus, wie vor ihm Parrhasius, auf frischen Mauren gemalt. Ein Ludius zierte mit solcher Kunst den Tempel der Juno zu Ardäa sehr lange vor Erbauung der Stadt Rom. Mauren und frischer Kalk waren die Grundlage seiner Farben. Ein andrer Ludius malte auf gleiche Weise in Rom zu Zeiten des Kaisers Augustus, und stellte diese damals wenig mehr bekannte unvergleichliche Kunst auf Kalk zu malen wiederum her. Was man wünschte, das verschaffte sein Pinsel. Lustgärten, Auen, Paläste, Berge, Fischteiche, Felssen, Flüsse, Spaziergänge, Lustfahrten zu Wasser und zu Lande, Lastvieh, Fuhrwesen, Jagden, Weingärten, Arbeitsleute u. s. f. Mit wenig Kosten zierte er ganze große Wände. Die Stafelengemälde auf Holz aber waren den Künstlern weit nützlicher, und man schätzte sie deswegen höher, weil solche Stücke von einem Orte zum andern gebracht und Feuersgefahren entrissen werden konnten. Apelles und Protogenes hatten für sich in ihren Wohnungen keine Gemälde, und es gefiel wenigen, ganze Mauren malen zu lassen, ob sie gleich der Natur und Kunst gemäß erschienen. Petronius erzählt, er sey an der Thüre des Tricmelions einen großen Hund gewahr worden, der ihn erschreckt habe. Die Kette und die Figur, nebst der Beyschrift, habe ihn fast zur Flucht gebracht, als er gewahr wurde, daß er an der Wand mit den Worten: cave canem, gemalt gewesen.
An dem Alterthum der Malerey in Fresco läßt sich um so weniger zweifeln, weil die Alten nur mit Wasserfarben auf Holz, oder endlich in die frischen Mauren gemalt haben, und die Oel-Farben erst vor 300 Jahren vom Johann Van Eick, einem flamländischen Maler, den man gemeiniglich Johann von Brugg (Bruges) nennet, erfunden worden. Die größeste Kunst bestund nur in den Gemälden, in welchen keine Kunst erschien.
Maxima deinde erit ars, nihil artis inesse videri.
Fresnoy, v. 439.
