Sprengel – Hartwig 1773/X
Peter Nathanael Sprengel – Otto Ludwig Hartwig, P. N. Sprengels Handwerke und Künste in Tabellen X (Bearbeitung der Erdarten), Berlin [Buchhandlung der Realschule] 1773.
Erster Abschnitt.
Der Mahler.
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pp. 48–55
II. Die Wassermahlerey.
A. Auf trocknen Kalk und andern trocknen Flächen.
In unsern Tagen, da die Oelmahleren den Vorzug behalten hat, findet die Wassermahlerey auf trocknen Flächen weiter nicht statt, als bey Verzierungen, z. B. auf der Schaubühne, und den Wänden eines Zimmers statt einer Tapete. Ohnerachtet die Wasserfarben dieses vor den Oelfarben voraus haben, daß sie, wenn sie völlig trocken sind, nicht nachdunkeln, so sind sie doch nicht so beständig, als die Oelfarben. Daher geben sich die zeitigen geschickten Mahler selten mit dieser Mahlerey ab.
1) In unserer Gegend mahlt man auf der trocknen Wand, so wie sie gewöhnlich von dem Maurer beworfen ist. Wollte man Zeit und Kosten daran wenden, so könnte man die Wand einige Mal mit warmen Leimwasser überstreichen, und alsdenn mit einer Farbe von Kreide und Leims wasser gründen. Die Gemählde auf einem solchen Grunde würden ohnstreitig sauberer und dauerhafter seyn, allein, wie gesagt, in unserer Gegend geschieht es nie. In beyden Fallen muß die Wand völlig trocken seyn, ehe man darauf gründet oder mahlet. Das Holz muß nothwendig mit warmen Leimwasser getränket werden, wenn es die Farben annehmen soll. Gewöhnlich erhält es einen Grund von der nur gedachten Kreidefarbe. Die Leinwand, worauf mit Wasserfarben gemahlet werden soll, kann alt oder neu seyn, nachdem es dem künstigen Bessitzer des Gemähldes gefällt. Der Mahler spannet sie auf einem Blindrahmen aus, reibt alle unebene Stellen mit Bimsstein ab, tränkt sie einigemal mit Leimwasser, und trägt endlich einen Kreidegrund auf, den er gleichfalls, wenn er trocken ist, mit Bimsstein ebnet. Flüchtig verfertigte Gemählde mahlt man zuweilen auch auf einigen zusammengeklebten Bogen Papier. 2) Zur Wassermahlerey können alle Farben verbraucht werden, die zum Mineralreich gehören. Allein alle chymische Farben sind wenigstens auf dem Kalk unbrauchbar. Denn das Salz, so sich im Kalke befindet, verzehret diese Farben, und sie verbleichen mit der Zeit völlig. Folgende Farben sind die gebräuchlichsten.
Weiß: Schiefer- und Bleyweiß, am häusigsten aber Kreide.
Roth. Mennig, Zinnober, Kugellack, Bolus, Florentinerlack, und Carmin, aber selten, weil es zu theuer ist. Die Lacke aus Färberröthe oder Fernambock sind auf dem Kalk nicht beständig. Einige Wassermahler machen die Lacke mit einem Wasser, worin Weinsteinasche gekocht ist, dunkler.
Gelb. Bleygelb, Neapelgelb, Oker. Der dunkle Oker ist der beste, denn die hellen Arten dunkeln unvermischt nach, vermischt sind sie aber beständiger. Gummigutti und Ochsengallstein haben nur bey kleinen Stücken ihren Nutzen. Lichtes und dunkles Schüttgelb ist einfach gebraucht nicht beständig, und dienet daher nur zum Glasiren. Desgleichen verbleicht das Auripigment und das Rauschgelb. Königsgelb.
Grün: Auch bey der Wassermahlerey wird aus oben gedachten Ursachen der Grünspan selten gebraucht. Statt dessen nimmt man das Braunschweigergrün, eine neu erfundene Farbe, die heller als der Grünspan, und in der Luft beständiger ist. Berggrün, helle und dunkle grüne Erde, Saftgrün nebst den Mischungen.
Blau: Bergblau, Schmalte, Berliners blau. Ultramarin ist zu großen Werken zu theuer. Indigo.
Braun: Umbra, Colnische Erde und Bister, nebst den Mischungen.
Schwarz: Chinesische Tusche, und, häufig auch Ruß.
Aus diesen einfachen Farben entspringen abermals folgende gewöhnliche Mischungen.
Orange aus Gelb und Roth. Gummigutti mit Zinnober vermischt giebt eine helle, mit Florentinerlack eine dunkle Orangefarbe.
Grün entstehet aus Gelb und Blau. Aus Gummigutti mit Bergblau vermischt entspringt eine helle, mit Berlinerblau eine mittlere, mit Indigo eine dunkele grüne Farbe.
Violett aus Blau und Roth, nemlich aus Berlinerblau und Lack. Zum Glasiren nimt man statt des Berlinerblaus etwas Indigo oder auch eben die Tinte.
Braun aus Roth und Schwarz. Man vermischt in dieser Absicht Zinnober und Tusche, ober auch dunkeln Lack und Beinschwarz.
Anmerk. Englischroth, Bolus, Umbra nebst seinen Spielarten, Colnische Erde, grüne Erde, Neapelgelb sind eigentliche Erdarten. Ueberdem gehören noch zum Mineralreiche folgende Farben: Zinnober aus Quecksilber, Operment oder Auripigment und Rauschgelb sind arsenicalische Salze; Bergblau, Berggrün und Oker gehören zu den metallischen Erden; Judenpech oder Asphalt ist ein Harz. Aus dem Pflanzenreiche entstehen folgende Farben: Indigo aus einer Pflanze gleiches Namens; gebrannte Weinreben; Saftgrün entstehet aus der Blüte der Kreuzbeerens Gebranntes Elfenbein und Mumie gehören bekanntermaßen zum Thier reiche. Folgende Farben werden endlich durch die Kunst zubereitet: Die besten Lacke werden aus Cochenille, einem Wurme, verfertiget, die schlechten aber aus Brasilienholz und Färberröthe; Carmin entstehet gleichfalls vorzüglich aus der Cochenille; Schüttgelb soll vorzüglich Kreide zum Bestandtheil haben; Schmalte wird wahrscheinlich aus den Kobolten zubereitet; Grünspan aus Kupferrost und den Weintristern; Ultramarin aus Lasurstein (Lapis Lazuli;) Berlinerblau aus Ochsenblut und einigen Salzen, z. B. Pottasche. Die Absicht dieser Anmerkung ist nur, den Ursprung der bekanntesten Farben zu zeigen.
Alle Wasserfarben dieser Art werden mit Leimwasser auf dem Reibestein gewöhnlich abgerieben. Doch schlammen einige Mahler die Erdfarben vorher, wenn die Mahlerey fein seyn soll. Der gedachte Leim wird aus Pergamentspänen gekocht. Diese weicht der Mahler etwa einen Tag in kalten, oder einen halben Tag in warmen Wasser ein, rühret die Masse zum öftern um, seiget das mit Leim geschwängerte Wasser durch einen Tuch, und läßt es am Feuer zu einer steifen Gallerte kochen. Diese wird beym Gebrauch mit warmen Wasser angefrischt und flüßiger gemacht, denn die Wasserfarben werden stets mit warmen Leimwasser aufgetragen. Der gekochte Leim ist im Winter etwa acht Tage, im Sommer aber nur wenige Tage brauchbar. Denn nach dieser Zeit gehet der Leim in die Gährung über. Bey Kleinigkeiten trägt man die Farben mit Gummiwasser auf, wie bey der Miniaturmahlerey gezeiget werden soll.
Selten führt der Künstler bey der Wassersmahlerey die Farben auf einer Palette bey sich, sondern er behält die einfachen Farben sowohl, als die Mischungen in Schalen von Thon oder Porcelan auf. Er muß jederzeit von jeder Tinte so viel mischen, als er jedesmal zu verbrauchen gedenkt. Denn der beste Meister trift bey der Mischung nie die vorige Tinte genau wieder. Diese Wahrheit gilt zwar von allen Mahlereyen, aber doch besonders von der Wassermahlerey, weil die Oelfarben sich nicht so merklich, als jene, beym Trocknen abändern. Blos die Borsten- und Haarpinsel thun bey der Wassermahlerey Dienste, jene bey allen großen Partien, diese aber bey Kleinigkeiten, und insbesondre bey der Ausführung.
3) Nach allen diesen Vorerinnerungen wird man noch mit ein paar Worten von der Farbensetzung der Wassermahlerey reden. Den Umriß der großen Gemählde entwirft der Mahler mit Reißkole, das Gemählde mag nun auf einer Wand oder auf Holz angebracht werden. Der Dauer wegen zeichnet er die entworfenen Züge mit Bleystift oder mit einer hellen Wasserfarbe aus. Doch muß er sich in dem letzten Fall gleichfalls hüten, daß der Contour nicht hart wird. S. 38. Die Ausführung des Umrisses mit Farben hängt bey dieser Mahlerey insgemein von der Bezahlung ab. Wird die Arbeit nur schmal bezahlet, so trägt der Mahler jede Tinte nach obigen Gesetzen S. 41 etwas fett auf, und übergeht die dunkeln Farben hin und wieder, wenn sie trocken sind, um an manchen Stellen den Schatten noch merklicher auszudrucken. Soll aber im Gegentheil ein Gemählde dieser Art die möglichste Vollkommenheit erhalten, so muß der Mahler, wie bey der Oelmahlerey, über- und untermahlen, und Licht und Schatten nach den Gesetzen der nur gedachten Mahlerey vertheilen. Doch kann das Uebermahlen nicht gar zu oft wiederholet werden, weil sonst die untern Farben ausweichen, und die Tinten schmutzig werden. Uebrigens muß der Künstler mit eben den Tinten übermahlen, mit welchen er untermahlet, gerade wie bey der Oelmahlerey. Folgende Anmerkungen mögen, nebst dem, was bey der Oelmahleren bereits von der Farbensetzung gesagt ist, die Farbensetzung der Wassermahlerey ins Licht setzen. Erstlich wollen Gemählde dieser Art vorzüglich mit einer fertigen und dreisten Hand gemahlet seyn, und bis aus einer doppelten Ursache. Einmal sollen diese Gemählde in der Ferne die beste Wirkung thun, und müssen daher dreist und fett gemahlet werden. Daher findet hier auch kein Verwaschen statt, sondern der Mahler legt bey jeder Partie im Halbschatten an, und setzt Licht und Schatten durch das Schraffiren auf. Ueberdem müssen diese Gemählde noch aus einer andern Ursache mit Geschwindigkeit und Dreistigkeit gemahlet werden, weil nemlich die Wasserfarben schnell trocken werden, und der Mahler daher nicht Zeit hat, Fehler zu verbessern. Hiezu kommt zweytens, daß der Mahler aus der Erfahrung vorher sehen muß, was für eine Wirkung jede Farbe thun wird, wenn sie trocken ist. Denn die Wasserfarben werden auf einer trocknen Fläche wenigstens um ein Drittel heller, wenn sie trocken sind. Das her hält der Künstler die dunkeln Farben dunkler, als sie trocken erscheinen, sollen, und die hellen Farben heller. Jene, damit sie nicht zu hell werden, diese, damit sie die dunklern Farben durch ihr helleres Colorit heben. Einigermaßen kann der Mahler im voraus erfahren, wie viel jede Tinte heller wird, wenn er etwas von der geriebnen Farbe auf trocknen Kalk streicht, und trocken werden lässet, oder besser auf einen Ziegelstein, der mit Kalk übertünchet ist. Denn der Ziegelstein ziehet bekanntermaßen die Feuchtigkeiten schnell ein, und die Farbe wird in kurzer Zeit trocken. Die Wasserfarbe muß endlich drittens jedesmal, wenn man mit dem Pinsel eine taucht, umgerühret werden. Denn die schwerere Erdfarben fallen in dem Leimwasser zu Boden.
pp. 55–61
B. Von der Mahlerey auf nassen Kalk oder der Frescomahlerey.
Unter den Gemählden, die mit Wasserfarben gemahlet sind, behält die Frescomahlerey ohnstreitig den Vorzug, weil sie am dauerhaftesten ist, und in der Ferne die besten Wirkungen thut. Die Alten schätzen diese Mahlerey vorzüglich, und selbst in neuern Zeiten wird sie noch häufig in Ausübung gebracht, insbesondre in Italien. Vorzüglich findet man in den Plafonds Frescogemählde, wie denn auch vor einigen Jahren. der italiänische Mahler, Hr. Guglielmi die Plafonds der beyden Säale in dem Palais des Prinzen Heinrich von Preussen in Berlin Fresco gemahlet hat. Wenigstens der Plafond des kleinen Saals bringt dem Künstler Ehre. Allein freilich verstehet nicht jeder Mahler die Kunst, Fresco zu mahlen. Es setzt eine große Fertigkeit in der Zeichenkunst voraus, da der Künstler eine Wand nur stückweise ausmahlen kann, und überdem eine richtige Einsicht in die Natur der Farben, wie viel sie heller werden, wenn sie trocken find, und was für eine Wirkung jede Tinte in diesem Zustande thut. In Deutschland findet die Frescomahlerey keinen sonderlichen Beyfall, und daher legt sich selten ein deutscher Künstler auf diesen Zweig der Mahlerey. Doch sind in Wien Frescogemählde von Maulpabsch und dem Pater Pozo, in Nürnberg einige von Hrn. Holzer, die den italiänischen Kunstwerken dieser Art wenigstens nichts nachgeben.
Die Wand, worauf der Künstler mahlen will, wird erst im groben beworfen. Dieser Anwurf muß rauh seyn, damit sich der zweyte und obere Anwurf mit jenem genau verbinde. Dieser zweyte Anwurf wird theilweise aufgetragen, und man nimt dazu gewöhnlichen Mörtel. Der Mahler läßt nemlich jedesmal so viel Mörtel anwerfen, als er an jedem Tage zu bemahlen gedenkt. Da er nach einer Zeichnung mahlet, die so groß ist, als das künftige Gemählde seyn soll, so wählt er sich aus dieser z. B. eine einzige Figur oder Gruppe aus, die er an einem Tage auf dem nassen Kalke bequem vollenden kann. Der Carton oder die Bause zu dieser gewählten Figur bestimmt also die Größe des Raums, den man an jedem Tage mit Mörtel bewerfen muß. Daher muß der Mahler jederzeit beym Bewerfen zugegen seyn. Im Nothfall kann man den Kalk, der noch nicht bemahlet ist, zu Ende eines Tagewerks abschneiden, und die Stelle am folgenden Tage wieder bewerfen. Allein es schadet dieses der Dauerhaftigkeit, denn der Kalk fällt leicht ab. Wenigstens hat die Erfahrung dieses in Deutschland gelehret, wiewol zu vermuthen ist, daß die hiesigen Maurer nicht die Kunst verstehen, den Anwurf zur Frescomahlerey mit Geschick aufzutragen, da es ihnen an Uebung fehlet. Soll ein Plafond gemahlet werden, so muß man unter demselben ein geräumiges Gerüste errichten, auf welchem der Mahler beym Mahlen sitzet. Der Stuhl, worauf er eigentlich sitzet, hat eine hinterwärts geneigte Lehne. Demohngeachtet ist diese Arbeit beschwerlich, wenn man auch die schädlichen Ausdünstungen des nassen Kalks nicht einmal in Erwegung ziehet.
Blos die Erdfarben können zur Frescomahlerey gebraucht werden, denn das Salz des Kalks verzehret alle chymische Farben dergestalt, daß sie in der Folge völlig verbleichen. Englischroth, Neapelgelb, alle drey Arten Oker, grüne Erde, Schmalte, Umbra und gebrannter brauner Oker find etwa die beträchtlichsten Farben, die bey dieser Mahlerey ihren Nutzen haben. Statt der weißen Farbe nimt der Frescomahler gesiebten und geschlämmten Kalk, der schon seit einiger Zeit gelöschet ist, und überdem Marmorstaub. Doch muß der Künstler diesen erst mit Kalk vermischen, und hiedurch körperlich machen, ehe er ihn verbrauchen kann. Das Frankfurterschwarz ist in diesem Fall die brauchbarste schwarze Farbe. Hieraus erhellet aber, daß dem Frescomahler noch viele Farben fehlen, wenn er auch etwa den Zinnober und das Berggrün noch zu seinem Gebrauch zubereiten kann. Es bleibt ihm also nichts weiter übrig, als diesen Mangel durch die Mischungen zur ersehen. Die Oker, die Schmalte, und die schwarze Farbe thun ihm in diesem Fall die besten Dienste. Alle diese Farben werden blos mit Wasser gerieben, und in irdenen Näpfen aufbehalten. Auch hier muß der Mahler von jeder Tinte so viel mischen, als er jedesmal überhaupt gebraucht. Denn er trift nie bey einer neuen Mischung gerade die vorige Tinte wieder. Aus dieser Ursache läßt sich auch ein beschädigtes Frescogemählde so schwer wieder ausbessern, es sey denn, daß man hiezu trockne oder Pastelfarben nimt, wie in Italien gebräuchlich ist. Denn die trocknen Farben verändern sich in der Folge nicht, wie leicht zu erachten, und die erforderliche Tinte läßt sich daher leichte treffen. Bey einem Plafond ist diese Ausbesserung mit trocknen Farben um so viel thulicher, da man in der Höhe nicht besorgen darf, daß die trocknen Farben abgewischet werden. Der Frescomahler trägt seine Farben jedesmal mit Borstenpinseln auf. Er muß aber die Farben gleichfalls jedesmal umrühren, wenn er mit dem Pinsel eintaucht, weil sie sich wegen ihrer Schwere in dem Wasser auf den Boden setzen.
Beyläufig hat man bereits oben gesagt, daß der Frescomahler einen Carton oder eine Bause nach der ganzen Größe seines Gemähldes verfertiget. Diesen Carton zerstückt er in so viel Theile, als er Tage zur Vollendung seines Gemähldes zu gebrauchen gedenkt. Doch sucht er, so viel möglich den Carton dergestalt zu zerstücken, daß jedes Stück für sich ein Ganzes ausmacht, z. B. eine Figur. Er muß also wohl überlegen, wieviel er an jedem Tage vollenden kann. Dasjenige Stück des Cartons, nach welchem er an jedem Tage arbeiten will, legt er dergestalt auf den nassen Kalk, daß es sich an das bereits gemahlte genau anschließet. Anwurf muß aber nicht zu naß seyn, sonst verschlingt er die Farben zu schnell. Daher prüft ihn der Frescomahler vorläufig mit dem Finger, ob er die erforderliche Dichtigkeit hat. Ist dieses, so hält er das gewählte Stück des Cartons an den Mörtel, und trägt auf diesen den Umriß des Cartons folgendergestalt ab. Er zeichnet entweder den Umriß durch, oder verständlicher zu reden, er fährt über alle Züge des Umrisses auf dem Carton dergestalt mir einem Stifte weg, daß sich alle Züge des Umrisses in den nassen Kall einprägen. Oder er sticht die Züge des Umrisses mit einer Nadel durch, und macht sich eine Bause. Es ist bekannt, daß man eine solche Bause gleichfalls auf den Kalk legen, und mit Kolenstaub in einem leinenen Tuch bepudern muß, und daß hiedurch gleichfalls der Umriß abgetragen wird. In diesem letzten Fall muß der Umriß mit einer hellen Farbe ausgezeichnet werden. Die Ursache läßt sich leicht errathen. Bey der Ausführung muß der Frescomahler die Farben mit einer vorzüglichen Fertigkeit und Geschwindigkeit auftragen. Denn theils wird ihm sonst der Kalk unter den Händen trocken, theils ziehen sich die Farben schnell in den nassen Kalck ein, und werden blasser. Dieser letzte Umstand hindert den Frescomahler, gehörig zu bemerken, wie die Tinten neben einander abstechen. Er legt jede Partie im Halbschatten an, und setzt Licht und Schatten durch das Schraffiren auf, wie überhaupt in der Wassermahlerey. Ist es nöthig, so übermahlt er jede Partie mit eben den Tinten, womit er angeleget hat. Nebst der Schnelligket und Fertigkeit bey seiner Arbeit muß der Frescomahler auch die Kunst verstehen, im voraus zu errathen, was für eine Wirkung die Tinten neben einander haben werden, wenn die Farben trocken sind. Denn die Farben werden in der Frescomahlerey um die Helfte heller, indem sie trocknen. Die Ursache ist, weil der nasse Kalk die Farben, wie ein Leschpapier das Wasser, verschlinget. Doch verbleicht die dunkelrothe, die gelbe, und die schwarze Farbe am wenigsten. Daher hält der Mahler die hellen Farben nicht nur heller, und die dunkeln dunkler, sondern er prüft auch die Farben vor dem Gebrauch, wie sie trocken erscheinen, gerade wie bey der Wassermahleren auf trocknen Flächen. S. 54. Einige geschickte Frescomahler älterer und neuerer Zeiten übergehen das Gemählde noch einmal, wenn die Farben völlig trocken sind, und suchen den dunkeln Partien hin und wieder nachzuhelfen, und insbesondre die Schatten kräftiger auszudrucken. Sie mahlen in jede dunkle Farbe mit einer dunklern gleichfarbigen hinein, z. B. auf Hellroth mit Englischroth. Wenn der Mörtelanwurf dauerhaft aufgetragen ist, so widerstehen die Frescogemählde der Zerstörung der Zeit ungleich stärker, als die übrigen Gemählde mit Wasserfarben gemahlet, weil sich die Farbe in den nassen Kalk einziehet, und sich also mit dem Kalk auf das genaueste verknüpfet.
