Sturm 1718a

Leonhard Christoph Sturm, Vollständige Anweisung/ Grosser Herren Palläste starck/ bequem/ nach den Reguln der antiquen Architectur untadelich/ und nach dem heutigen Gusto schön und prachtig anzugeben. Worinnen zugleich insgemein die in einem besondern Tractat schon angewiesene Handgriffe geschicht zu inventiren/ ferner durch Exempla vertraulich appliciret und erkläret/ auch alle die Fehler/ die sonst als fast unumgänglich bey Anordnung solcher Gebäude gehalten/ und durch die Gewohnheit erträglich worden/also untersuchet werden/ daß sie inskunfftige sich ganz wohl und  völlig vermeiden lassen. Wobey zugleich Von Marställen/ Zeug- und Wagen-Häusern/ von Besandten-Höfen/ von Ball und Opern-Häusern/ Insonderheit aber Von Fürstlichen Luft- Garten ausführliche Anweisung geschiehet, Augsburg [Jeremias Wolff] 1718.


VIII. Hauptstück.
Von der Ausziehrung.

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pp. 29–30

6. Auszierung der Decken.

Deren Verkleidungen sind zweyerley Art/ entweder von Holtz/ oder von Gips/ denn die dritte Art/ da man sie mit Leinwand überziehet/ will keine Approbation mehr finden/ und solches nicht unbillig. Die hölzernen Felder Decken können gar proper und schon gemachet werden/ doch weil man durch Gips mit geringern Kosten eine grossere Parade machen kan/ find sie auch meist abkommen. Doch schicket es sich noch gar wohl/ die grossen Vor-Sähles sonderlich wenn sie mit Säulen besetzet sind/ mit Felder, Decken recht nach Anticher-Art zu decken/ wiewohl man auch dieses mit Gips thun kan/ indeme man die durcheinander kreutzende Architraven/ und den gangen Simk um das mittlere grosse Feld schlechts mit rauhen Dannen-Brettern formiret/ und dieselbige mit Gips überziehet. Hernach kan man auch bey Prunck-Cabineten von kostbahrem Holk künstliche Felder-Decken tischern/ und die Felder mit Spiegeln aussehen/ und unter dieselben verguldete Rosen und dergleichen Zierrathen durch Schrauben anhefften/ zu welchem Ende die Spiegel gleich Anfangs mit Löchern versehen werden.

Doch sind die schönsten und zugleich in Proportion die wolfeileste Decken/ auch jetziger Zeit durchgehends die gebräuchlichsten/ wenn man von den vier Wänden gegen die Mitte zu mit rauhen Brettern Bogen von dem Sims des Zimmers/ (welcher drey biß 8. Fuß unter den Balcken an der Wand umhergezogen wird ) bis an die Balcken/ das übrige Feld in derMit te hernach ebenfalls mit solchen gleich aus beschläget/ mit Rohr durch Hülffe tubtilen Draths beschläget/und darauf mit Kalch und Gips glatt ausstreichet/ worauf alsdenn allerhand Zierrathen entweder mit Gips erhoben allein/ oder mit Mahlerey allein/ oder mit beyden untereinander gemachet werden.

Die erhabene Gips-Arbeit bestehet entweder in einem grossen Rahmen in der Mitten/ welcher in allerley zusammen gesetzten Figuren geformet wird/ und entweder aus den vier Ecken/ oder den vier Mitten gleichsam mit künstlichen Postamenten/ die mit allerhand Grotesquen/ Bildern/ kleinen Rähmigen mit Medaillons, Sinnbildern und dergleichen reich ausgezieret sind/ unterstützet werden. Zwischen denselben Postamenten werden vier Bogen-Eröffnungen auch mit allerley Ausziehrung entweder in den vier Mitten/ oder in den vier Winckeln formiret/ Dadurch man gleichsam in die freye Lufft hinaus siehet. Auf das Feld des mittlern Rahmens wird dann ein schönes lustiges Decken-Stücke/ in die vier Bogen auch noch eine schöne Aussicht in die Lufft gemahlet. Zuweilen werden auch von niedrig-erhobenem Gips Wolcken gebildet/ und mit natürlichen Farben angestrichen/ die gleichsam durch die offene Bögen sich herum über die Zierrathen ziehen. Es werden auch zuweilen ausser dem mittlern Rahmen wenig erhobene Bilder geformiret/ und mit natürlichen Farben/ eben wie das mittlere Gemählde also gemahlet/ daß sie ein Stuck des Gemähldes mit ausmachen. Bisweilen werden die erhabene Gips-Zierrathen etwas weitläuffig gemachet/ und der glatte Grund dazwischen mit andern Zierrathen ausgemahlet/ als wären sie von Mosaischer oder ausgelegter Arbeit gemachet. Summa, die grosseste Kunst solcher Decken bestehet in wohl ausgedachter Vermischung der bossirten Arbeit mit der Mahlerey/ denn pur weisse Decken von Gips-Arbeit werden schon vor allzu schlecht und gemein vor Fürstliche Palläste gehalten. Ein reisender Lehrling der Architectur thut wohl/ wenn er die Ausziehrung und Meublirung der schönsten Gemacher nicht allein fleißig betrachtet/ sondern auch hernach in seinen Reise Memorialien/ so particulier als ihm möglich ist/ den Materien und Farben nach beschreibet/ so wird er unvermerckt einen solchen Vorrath der Ausziehrung zusammen sammlen/ daß er sich selbst dessen am Ende wundern wird/ und bey der jetzigen eitlen Welt ist dieses das vornehmste Stück eines beliebten Architecti, ohnerachtet es an sich selbst das schlechteste ist/ und den wenigsten Verstand/ am allerwenigsten aber Kunst erfordert.

Wiederum zur Sache zu kommen/ so ist noch eine andere und neuere Art solcher Decken/ wenn man in der Mitte keinen Rahm formiret/ sondern nur lauter auf dem Simß umher stehende Amortissements, welche zwischen sich einen Himmels offenen Platz haben. Ubrigens werden dabey alle die Umstände observiret/ die ich bey der ersten Art berühret habe/ und wird besonders vor prächtig gehalten/ wenn man viel von solchen Gips-Zierrathen mit gutem Verstand verguldet/ nemlich also/ wie es sich in der That schicken würde/ Zierrathen von Stein und Metall untereinander und zusammen zu versehen.

Es ist aber zu beobachten/ daß/ je grösser und höher die Zimmer sind/ je stärcker erhabene und mit Bildern ansgeziehrete Decken erfordert werden.

Zuweilen wird um Abwechselung wegen alles gemahlet/ doch so/ daß die sonst erhabene Arbeit/ so viel möglich/ durch die Mahlerey ausgedrücket wird/ und zwar über Saalen pfleget man die Decke umher recht nach der Perspectiv-Kunst mit Architectur zu mahlen/ die entweder mit einer Kuppel gedecket ist/ oder einen Himmel-offenen Platz hat/ oder mit einer Kuppel/ die in dem Nabel ein Himmel-freyes grosses Loch hat/ daben werden neben den Bildern/ die da unten über dem Sims an die Decke gemahlet werden/ zuweilen auf freystehenden ausgeschnittenen Brettern/ oder Pappe/ oder am allerbesten auf Kupffer andere Bilder gemahlet/ welche gar ein liebliches und freyes Ansehen der Decke zuwegen bringen. In kleinen und niedrigen Cabineten mahlet man lieber Grotesquen/ und dazwischen in der Mitte ein schönes Gemählde mit Oel Farben/ als daß man dieses al fresco, und jenes wircklich erhoben von Gips machet.

Hiemit verhoffe ich nun genug/ und mehr als noch jemand vor mir/ Anweisung zu guter Anordnung Fürstlicher Gebäude gegeben zu haben/ daß nur noch übrig ist/ durch einige Exempel die vornehmste Reguln zu wiederholen/ zu appliciren/ und also dem Gedächtnus besser einzudrucken/ damit auch diese Schrifft den Titul einer vollständigen Anweisung mit völligem Recht führen möge.