Lairesse 1730
Gerhard de Lairesse, Des Herrn Gerhard de Lairesse, Welt-belogten Kunst-Mahlers, Grosses Maler-Buch Worinnen die Mahler-Kunst in allen ihren Theilen Gründlich gelehret, durch Beweisthümer und Kupfferstiche erkläret, auch mit Exempeln aus den besten Kunst-Stücken der berühmtesten alten und neuen Mahler bestätiget, anbey derselben Wohl- und Ubelstand angewiesen wird II, Nürnberg [Johann Christoph Weigels seel. Wittib.] 1730.
pp. 144–146
Von den Deck-Wercken
Oder
Mahlung der Plafonds.
Achtes Buch.
Das 1. Capitel.
Mühsamkeit/ welche diese Kunst-Ubung vergellschaftet
ES ist in der Mahler Kunst, unter allen Erwählungen keine so schwer als die bey den Plafonds, oder Deck-Wercken, ob schon viele darinnen schlechte Schwerigkeit machen, ja offtmahls weniger, als in einem Stück an der Wand oder auf einem Camin. Die Ursache ist diese, daß der mehreste Theil der Menschen keine Wissenschafft davon hat, und weil es ihnen gleich viel gilt, womit auch ihre Himmel angestrichen werden, wenn es nur geschwind von statten gehet, wacker in die Augen fället, und wenig Geld kostet.
Alter Gebrauch in dieser Beschäfftigung.
Vor diesem pflegte man mit flüchtig und geschwind verfertigtem Laub Werck zu frieden seyn, damit man bey Bemahlung eines solchen grossen Orts nicht zu tieff in die Beutel langen dürffte, ausser wo es Noth war, und an Plätzen wo viel daran gelegen: weil sie nun aber sehen, daß sie es allgemach bey den jtzigen Mahlern und dieser Beschaffenheit der Zeiten, vor einerley Preiß überkommen können, selbige auch nicht mehr Wercks davon machen, nehmen sie der Gelegenheit wahr, und lassen überall Plafonds mit Geschichten und Sinn, Bildern ohne Unterscheid machen, es schicke sich gleich oder nicht. Doch was soll man sagen ! es gehet mit allen Dingen, wie das Sprich Wort lautet: wenn die Sand-Bancke verlauffen, müssen die Tonnen oder Merck-Zeichen versetzet werden.
Man siehet daß alles aus einem kleinen Begin von muntern Geisternder vernünfftigen Ausüber aufgeweckt wird, und endlich zur Vollkommenheit gelanget. So ist es mit dieser Kunst auch. Ich erinnere mich noch viele Plafonds mit Bildern, Landschafften, See, und Feld, Schlachten und andern Dingen mehr, ohne einige geringste Verkürtzung gesehen zu haben, als ob selbige gegen einer aufstehenden Mauer gemahlet wären. Ich habe auch deren unterschiedliche andere angetroffen, welche weniger oder mehr von unten zu und nichts verkürzend waren, auch wohl einige, die weniger oder mehr verkürtzten, aber ohne Aug-Punct: woraus erscheinet, daß wofern bey alle dem die Perspective nicht in Acht genommen wird, dergleichen Stücke unmüglich zu gehöriger Vollkommenheit gebracht werden können. Damit wir aber nach der Ordnung gehen, so lasset uns erstlich den Namen der Sache untersuchen.
Ursprung des Names
Das Wort Plafond ist ein Französisches Wort, und bedeutet einen platten ebenen Grund, welcher bequem ist, mit einem Bret oder Tuch bekleider zu werden, um einige Vorbildungen, oder Zierrathen darauf zu mahlen, oder zu bossiren, wie man es vor gut erachtet: so mehrentheils in Geschichten mit fliegenden Bildern, Lufft mit Vogeln, Blumen, und andern Dingen mehr bestehet. Jedoch der rechte Verstand des Worts Plafond ist eigentlich seiner Sinn Bedeutung nach eine Söllerung oder Decke der Sääle, Gemacher, Tempel, oder Gänge, ja alles was über dem Haupt hänget, so mit dem Grund parallel oder gleich lauffend ist. Dergleichen Deck, Stücke werden optisch genennet, weilen sie von einem gewissen Abstand geschen werden müssen, ausser welchem sie sich unvermeidlich ungestalt vorstellen, wie wir her nach anweisen werden.
Und worinn ein Soller-Stück bestehet.
Bey der Sache selbsten ist zu mercken, die Eigenschafft eines Plafonds, und worinnen dasselbe mit einer Mahleren an der Wand unterschieden ist. Vors erste, in Verkürzung der Objecten; und zum zweyten, in der Couleur. Ich sage, in Ansehung der Objecten, welche in einem und dem andern begriffen seynd, als Gebäude, Balustraden, Bilder, und was dergleichen mehr seyn mochte, so in einer Ordinanz zu paß kömmet; welche Dinge alle in einer hängenden Tafel so wohl nach der Länge als Breite ihre Vollkommenheit behalten, indem sie sich bloß in
ihrer Dicke verkürzt vorstellen. In den Plafonds herentgegen, ist weder Länge, Maas, noch Proportion wahrzunehmen: vielmehr alles verkürzt, ausgenommen die Basis und die Decke. Was rund ist, bleibt Circkel rund; und was viereckicht ist, in seinem Winckel-maas; es sey gleich in der Mitte, auf der Seite, in der Höhe oder Tieffe. Was nun die Couleur angehet, so ist leicht abzunehmen, daß dieselbige auch gar weit unterschieden seyn muß: daß nehmlich in den Plafonds die Couleuren ungleich schöner hervor scheinen müssen, nicht allein auf dem Licht, sondern auch in dem Schatten, verstehe in einem hellen Licht, welche Ursache wohl zu begreiffen ist.
Was an einem Künstler dieser Kunst-Ubung erfordert wird.
Uber dieses musß man wissen, was ein Künstler mit der Optic ausrichten kan. Mit Hülffe derselben oder der practischen Perspectiv kan man gerade erscheinend machen was schief oder rund ist; platt und eben, was hohl und rund ist; ja es äusserlich so vorstellen, was selbiges doch nicht ist, wie der berühmte Pater Niceron und andere mehr klärlich angewiesen haben: daher man sich nicht zu verwundern hat, daß so wenige Mahler in diesem Theil der Kunst je hervorleuchten: sintemahlen die Perspectiv selten von ihnen so weit verstanden wird, um die Praxin fest innen zu haben; da gleich wohl ohne dieselbe unmüglich ein gutes Plafond oder Deck Stuck gemachet werden kan.
Es ist wohl wahr, dass viele Mahler seynd, welche sich erkühnen soche Wercke zu unternehmen, auch zu weilen etwas gutes ausrichten: anerwogen der Fleiß und die tägliche Ubung öffters sehr vieles darzu thun; jedoch untersuchen sie nicht, ob es der kürzeste oder längste Weg ist den sie folgen: da sie nur gemeiniglich denjenigen nehmen, welcher ihnen vorkommt; martern und peinigen sich, ohne zu wissen warum, und lassen sich durch das blinde Glück führen.
pp. 146–147
Schwerigkeiten/ welche man bey Mahlung
der Plafonds antrifft.
Das 2. Capitel.
Ursprung vieler Mängel hervor gesucht.
VOrs erste entstehet darinnen ein grosser Mangel, daß man das Leben nicht gebrauchen kan, weder in dem Nackenden, noch an der fliegenden Kleidung; da es gleichwohl die vornehmsten Dinge seynd.
Zum zweyten, daß man nicht anderst, als mit grosser Mühe, den gewissen und sichern Stand der Bilder, welche man darein stellen will, finden kan; wodurch das mehreste nur nach Muthmassung geschehen muß.
Zum dritten, daß man die Stücke nicht sehen kan, wie es sich gehöret, so lange sie auf der Staffeley stehen.
Endlich folget hieraus, daß der Meister allezeit bekummert ist, was vor einen Ausschlag das ausgearbeitete Stück überkommen werde, wenn es an sein Ort gestellet werden soll.
Diese Schwerigkeiten, düncken mich allerdings, auch wohl vor einen der seine Arbeit recht verstehet, etwas mißlich. Denn mit denjenigen, welche mehr mit den Händen als mit dem Geist, das ist, ohne Fundament arbeiten, gehet es ganz anderst, ob sie schon weit eiferiger als andere darum bekümmert seyn sollen. Man lasse so viele Sääle mahlen, als man will, man wird doch diese Schwerigkeiten niemahlen übersteigen, so lange man nicht glaubet, daß hierzu Grund-Reguln nöthig sind, und als man selbige nicht weiß. Der behendeste, berühmteste und erfahrneste Mahler, so nur seyn kan, wird sich doch zu weilen in dieser Ubung einiger Sorgen unterworffen verspüren. Man lerne dahero die optische Perspectiv und was uns dieselbige anweiset. Denn bloß durch solches Mittel wird man sich zu diesem hoch löblichen Studio einen Weg bahnen: ohne selbige aber ist es eine pure Unmüglichkeit.
pp. 147–149
Von der Verkürzung der Objecten in
den Plafonds.
Das 3. Capitel.
Was das Verschiessen einer Mahlerey ist Und Deckenstück unterschieden.
ES ist eine unzweiffelige Wahrheit, daß das Verschieß in einer gemeinen Tafel, dasjenige Theil davon ist, so von uns abweichet, verkleinet und schwächer wird: der Horizont aber, ist die äusserst Ferne, so unser Gesicht beschrencket.
In den Plafonds dargegen, ist unser Verschieß und die Einschrenckung unsers Prospects, das Firmament oder der Stern-Himmel, dadurch die Objecten, je höher sie seynd, je kleiner an der Gestalt sie werden, und sich verringern, ja aus unserm Gesicht verschwinden, nicht allein in der Proportion und Schönheit, sondern auch an der Couleur.
Fernere Anmerckungen in beygehender Figur mit A. vorgestellet.
Allhier muß auch angemercket werden, daß alle die Objecten, von was Gestalt oder Figur sie gleich seyn mögen, ihre gehörige Breite behalten, so sie nur dem Horizont parallel oder gleichlauffend seynd.
Als zum Erempel, man stelle einen viereckichten Stein, gegen welchen man flach ansiehet, oder ein Bild, auf dergleichen Weise: wir jedoch, stellen in beygehendem Kupfferstuck mit A einen viereckichten Corper N. I. vor. Hier siehet man, daß das oberste und unterste von bemeldtem viereckichten Stein, allezeit ihr Quadrat oder Viereck behalten nicht weniger auch, daß die obere und untere Seite des Steins allezeit perpendicular oder senckrecht aus dem Gesichts Puncte abhangen; ferner, daß, wie man erwehntes Viereck verdrehet, allezeit die Spitze mit der Seite in einem Winckel-Hacken, und der hinterste Rand jederzeit mit den vördersten parallel ist. Eben also ist es mit den Bildern und andern Objecten mehr.
Anwendung dieses Exempels auf die Bilder.
Stellet, zum Exempel, einen Mann auf die eine oder andere Seite des Stücks, aufrecht stehend, und den Aug-Punct in der Mitte. Lasset ihn flach auf der Seite stehen, und beyde Schultern gleich hoch: sso wird man gewahr werden, daß die Schultern, nehmlich von einer zur andern, allezeit ihre völlige Breite behalten, auch die völlige Dicke von dem Haupt bis zu den Füssen. Man siehet dannenhero hieraus deutlich, daß keine Verkürzung als in der Länge oder besser zu sagen, in der Höhe geschiehet; auch wie die Bilder, oder andere Objecten, hoher und näher zu dem Aug-Puncte sie kommen, je kürtzer, und ungestalter selbige werden, indem sie in ihrer Breite ihr Maas und ihre proportion behalten, wie vor angezeiget worden. Dieses ist wohl eine der vornehmsten Grund-Reguln, die man gewiß jederzeit in Acht nehmen muß.
Was die Gebäude angehet, so giebet A Bossé hiervon in seinen Buche von der practischen Perspectiv hinlänglichen Unterricht. Jedoch will ich nur dieses im vorbey gehen melden, daß, woferne man zu Galerien einige Säulen über einander stellen will, so muß man durch das centrum derselben, eine aufwärts gehende Linie von der Basi oder dem Grund ab, nach dem Aug-Puncte, ja durch jeden Balustre ziehen, und also vermittelst einer Verkürzungs Scala, diese ihre gehörige proportion, so wohl von ihrer Höhe als Breite suchen.
Grand Reguln der Verkürtzung an Gebäuden und Pilaren, wie auch an den Bildern.
Dieses muß auch ebenermassen in dem Zeichnen bey der Proportion der Bilder und anderer Objecten wahr genommen werden, wie ich hernach durch einige Exempel deutlicher anweisen will. Diese Gattung Mahlerey ist nicht allein das künstichste, sondern auch, wie ich gesagt habe, das schwerste unter allen; sintemahlen, ob man schon die unfehlbaren Reguln und Handgriffe davon gründlich verstehet, scheinet es dennoch nicht anderst als ein unangenehmer und ungestalteter Prospect, davon niemand urtheilen kan, als der Meister selbst, der es verstehet; es seye denn, daß es an seinen gehörigen Ort gestellet, und auf oder von seiner rechten Weite gesehen würde.

pp. 149–151
Von der Gestalt der Bilder in den
Deck-Wercken.
Das 4. Capitel.
Maas ber Bilder an denselben.
DIe Bilder welche man in Plafonds mahlen will, dürffen an Gestalt, die allgemeine proportion eines Menschen, nehmlich von 6 und einen halben Schuh nicht überschreiten, so ferne sie so niedrig stehen, daß sie mit der Decke gleich kommen: wenn sie aber höher seynd, und sitzen auf Wolcken, oder fliegen, müssen sie kleiner werden, und von uns weichen, wie uns die Perspectiv anzeiget; jedoch die Götter mag man so groß vorstellen als man will, wenn selbige nicht kräfftiger, als wenn es gemeine Gestalten seyn, gemahlet werden: ja es kan selbst geschehen, daß ob sie schon zu weilen in Lebens-Grösse, uns dennoch aus dem Gesicht verswinden.
Erwählung und Eigenschafft den Lichts.
Das Sonnen Licht ist in geistlichen Vorbildungen, wohl das eigenste angenehmste und schicklichste.
Was ihren Glantz betrifft, so viel es eines jeden Gottheit ins besondere angehet, so behalten sie denselbigen, wenn sie sich den Menschen präsentiren; woferne sie aber in dem Himmel vorgebildet, so wird derselbe durcheinander gemenget, und kömmet also von vielen kleinen nur eine einzige grosse Glorie oder Klarheit hervor. Diese Observation, so sie wohl und künstlich ausgedrücket, ist auch gewiß nicht von der gerinsten Wichtigkeit; und ist dieses ein grosser Meister, welcher seine Bilder, ohne sich mit dunckeln, dicken und schweren Wolcken, gleich den Wollen-Säcken, zu behelffen, auf subtile und fast unsichtbare Dünste, da man alles durch sehen kan, niedersehet oder stellet.
Observation wegen der fliegenden Bilder/ und des Windes.
Es wird nicht undienlich seyn zu Vollführung dieses Capitels wegen der fliegenden Bilder in der Lufft etwas zu erörtern.
Ob es schon selten geschiehet, daß kein Wind in der Lufft ist, sondern solcher allezeit einiger massen verspühret wird, so ist gleichwohl keines wegs zu rathen, daß man dieses in Plafonds deutlich ausdrücke; und zwar deßwegen, daß wenn der Wind bließ, die Bilder, welche vor dem Wind flögen, keine Bewegung zu haben scheinen; herentgegen aber die fest sitzende, oder stehende, eben so viel Gewalt als die fliegenden ausüben würden. Aus welcher Ursache man denn keinen Wind darinnen andeuten muß, sondern nur daß ein jedes Bild seinen eigenen Wind mit seinem Fluge erreget: damit man deutlich sehen könne, durch was vor eine Bewegung die Kleider hin und wieder gejaget werden, nicht weniger auch den Ort da sie hin wollen, und den von welchem sie herkommen, einen schwebend, den andern schnell und geschwind.
Behuf durch die Materien darinnen.
Die besondern Materien haben in einem solchem Falle bequeme Eigenschafften darzu, welche die Sache kräfftig ausdrücken helffen: als da ist der Wieder-Schein der kriechenden Seite zu schwebenden Bildern, und welche sachte niedersteigen; die dünne und schlapfe Seite zu schnell auf oder niederwärts fliegenden Bildern; die lindeste oder schwerste Seite oder Materie, zu sitzenden, liegenden oder stehenden. Hievon ist die geheime und die wahre Wichtigkeit eines schönen und bewegenden Deck-Stückes gelegen.
Was die Ausfertigung der colorirten Zeuge bey fliegenden Bildern angehet, so kan man, weil selbige nicht auf einen Glieder-Mann gethan, folglich auch nicht nach dem Leben gemahlet werden können, keinen gewissen Unterricht davon geben; sondern es geschiehet bloß durch den Geist und die natürliche Beurtheilungs-Krafft, nebst einer stets gepflogenen Aufmerksamkeit, welche den Ubenden zu einer tüchtigen Wissenschafft und Vollbringung derselben führen kan. Dieser Mittel muß man sich einzig und allein bedienen, und dadurch zu einem Meister machen; zu welchem Ende man Acht giebt, was vor Zeug hiezu am tauglichsten sey, wie oben weiter angewiesen worden ist.
Man mercke auch, daß die dünnen Zeuge gegen dem Licht glüend und durchscheinend seyn müssen, wodurch sie gegen die bleiche Lufft eine angenehme Wirckung verursachen; hiernächst auch, daß die fliegenden Bilder niemahlen gantz aufrecht, als ob sie stunden, viel weniger stehend, sondern allezeit sitzend, kniend, liegend oder fliegend scheinen müssen, es wäre denn daß es Leute wären, die sich auf Decken oder Galerien aufhielten, die daher entweder stehen, sich dücken, oder knien, nach dem das Object der vorgestellten Sache solches erfodert.
Hier will ich noch dieses anmercken, daß zu Ordinirung allgemeiner und besonderer Objecten, allezeit etwas zu gegeben werden muß; jedoch daß es so vorsichtig geschehe, als es thulich ist, damit das Unvermögen des Mahlers, und die Gebrechlichkeit des Werckes nicht offenbar werde.
pp. 151–152
Mittel/ wie man sein Stück auf der Staffeley
eben also sehen möge/ als ob dasselbe an der
Decke an seinem Ort gestellet wäre.
Das 5. Capitel.
WIr haben angemercket, was vor Schwerigkeiten sich in Plafonds in Ansehung des Gebrauches des Lebens hervor thun, und die Verfassung gewisser Reguln, die hierzu dienen. Was mich angehet, so würde ich gewißlich, woferne ich mein Gesicht hätte, deren einige finden können; weilen aber solches ohne figürliche Anweisung nicht geschehen kan, mir auch unmüglich ist, dieses bloß mit Worten auszudrücken, so will ich dennoch einige Mittel anzeigen, welche, ob sie schon geringe scheinen, nichts desto minder bey mir jederzeit in Gebrauch auch von grossem Dienst und kleiner Bemühung gewesen seynd.
Mittel/ so der Autor gebrauchet/ üm den Stand seines Werkcs zu besehen.
Als ich meine Ordinanz begriffen und auf das Papier gebracht hatte, habe ich dasselbe auf einer niedern Decke fest gemachet, so denn einen Spiegel genommen, mich darunter gesetzet, und alles ganz genau mit Bequemlichkeit erweget und wohl beobachtet, was darinnen fehlen möchte, da ich denn die Fehler, so viel mir müglich war, und mein Verstand mir erlaubte, anzeichnete und verbesserte, hernachmahls Bild vor Bild, es seye nackend oder gekleidet, nach dem Leben gezeichnet, wie ich hernach melden werde. Dann habe ich mein Stuck mit einem solchen Licht angelegt, wie ich es vor tauglich hielte, da nahm ich noch einmahl den Spiegel, und hielt denselben über mein Haupt, damit ich auf solche Art das Stück, welches hinter meinem Rücken auf der Staffeley etwas hinter sich stunde, bequemlich als gegen Decke sehen könte, und wandte ich meine Augen überall hin, zu erst auf das allgemeine, hernach auf die besonderen Theile; welches ich so offt wiederholte als ich es gut befand, und immer eines und das andere hier und dar verbesserte, bis ich auf diese Weise meinen Sinn erlanget hatte. Man muß Achtung geben, daß man seine Distanz nicht allzu nahe dabey nehme, damit man das ganze Stück gemächlich in dem Spiegel fassen könne. Ich stieg daher bisweilen mit dem Spiegel auf einen Stuhl oder Tisch, und hatte allezeit mein Bolet und die Pinseln in Bereitschafft: wenn ich nun mein Stuck so weit gebracht hatte, machte ich es auf, ohne Umschauen.
Nun will ich zum Nutzen derer, die es nützlich und nöthig finden, auch noch handeln.

pp. 152–156
Von dem Zeichnen nach dem Leben/ üm es in
den Plafonds zu gebrauchen.
Das 6. Capitel.
WIr lassen uns nicht weiß machen, daß man ohne gute Wissenschafft der Proportion mit den Plafonds würde zu recht kommen können, weil man wie gemeldet, das Leben so gebrauchen kan. Denn ob man schon darinnen erfahren, findet man gleichwohl noch genung zu thun, es sey denn, daß man das Leben vor sich hätte, um ihm also aus dem Tuche zu folgen. Nichts desto weniger aber, damit ich darlege, welcher gestalten es gleichwol thulich sey, und daß ich selbst das Leben öffters gebrauchet habe: so will ich die Art und Weise, wie ich mich darinnen verhalten, anweisen, um nicht das geringste, zu übergehen, was die Lehr-begierigen zu einiger Erleuchtung bringen kan, welche die Mühe nicht sparen.
Mittels des Autors die Objecta nach Leben zu zeichnen.
Das Modell, es sey Mann oder Weib, wenn es nach meinem Entwurff auf die Höhe gestellet worden, so gienge ich ruckwärts gegen die Stellasche, und setzte mich auf den Boden nieder, nahm einen Spiegel zwischen meine Beine, drehte und wandte denselben so lange, bis sich das Modell dergestalt darinnen zeigte, wie ich es nach meinen Aug-Puncte nöthig hatte, und zeichnete dasselbe alsdenn auf gegründetes Papier so correct nach, als es mir möglich war; und als ich es so fort nach der Zeichnung gemahlet, blieb mir zur Vollendung wenig Mühe mehr übrig.
Was die Kleidung angehet, so gieng ich damit eben so üm: in dem ich das Gewand nach meinem Entwurff auf den Glieder-Mann thate, so ferne es die Sache ausser dem Fliegen leiden konte, als welches unmüglich also geleget werden kan, weilen es bloß eine Wirckung des Geistes ist. Ich stellte daher den also eingerichteten Glieder-Mann auf einen hohen dreyfüßigten Stuhl, wie diejenige seynd, so die Turff-Träger gebrauchen, und setzte mich auf vorhin gemeldte Weise gegen denselben, und zeichnete die Kleidung nach. War es ein fliegendes oder ein liegendes Bild, so behalff ich mich mit Strickchen, Dräten oder andern Mitteln, so gut als ich konte, ohne die Mühe zu scheuen, nachdem mich die Lust etwas schönes nach meinem Sinn zu machen triebe/ sonderlich daran etwas gelegen war.
Eben dieses Mittel übte ich auch aus allerhand bossirte Sachen nach zu zeichnen, zur Absicht dieselben von unten zu gebrauchen, als da seynd Angesichter, Gefässe/ Krüge, Ornamenten, Capitäle, Festonen mit Blumen, ja alles was von Gyps oder sonsten von etwas zu über kommen war. Auf solche Weise überwand ich die mehresten Schwerigkeiten, welche in dieser Ubung möchten vorkommen können. Gleich wohl that ich es niemahlen ehe und bevor ich mein Tuch bereitet und tüchtig darzu gemachet hatte, damit ich nicht irrete. Denn deme ungeachtet, dürffte man sich in etlichen Sachen, vornehmlich in aufrechtstehenden Objecten ganz unvermerckt verstossen können.
Was das Zubereiten der Tücher, ehe man darauf zu zeichnen anfänget/ betrifft, nicht weniger auch, wenn es mit der Farbe bestrichen ist, um es auf zu machen, zu dem Ende, daß man auf dasselbe seine Gedancken entwerffen und vor Augen haben kan, wollen wir an jetzo weiter abhandeln.
Mittel/ die Tücher zu bereiten und tüchtig zu machen durch die Vertheilung mit dem Faden damit man den Stand-Platz und die Tagung finde.
In der Figur angewiesen.
Erstlich stelle ich den Aug-Punct gewiß, inner oder ausser dem Stück, wie es mir mein Stand-Platz anweiset, und schlage alsdenn aus dem gedachten Aug-Puncte mit einem Faden so viel Linien oder Strahlen über mein Stück, als ich vor tauglich halte, daß sie mir zu allen meinen aufrechtstehenden Objecten als Balustern, Columnen, Pilastern, Bildern &c. welche ich als recht perpendicular anmercke, dienten. Ferner schlage ich von der Seite des Stücks, wo das Licht herkömmt, lincks oder rechts, einige diagonale oder schiefe Linien, insgesamt parallel und gleich weit von einander; welche Linien mich eingedenck machen, wie das Licht, nehmlich wie hoch oder niedrig auf meine Objecten fället. Ist es, daß sie parallel oder Wasser-eben lauffen, so werden sie flach von der Seite beleuchtet; lauffen sie schief, wie gesagt worden, von oben nach unten zu, so beleuchten sie etwas vorwärts: gehen die Strahlen von oben aus dem Aug-Puncte, so taget es flach von fornen; wie in hiebeystehenden Exempeln mit 1, 2, 3, gezeichnet, gesehen werden kan.
Ich achte mich verpflichtet, dem Künstler allhier eine kleine Practic von meiner Erfindung vorzutragen, welche meines Erachtens, zwar von geringer Weitläuffigkeit, aber doch von grossem Vortheil, vor diejenigen ist, welche sich in Plafonds üben. Denn wir befinden, daß, ob wohlen unfehlbare Reguln seynd, man dieselbige gleichwohl nicht kräfftig genung erkennet, nach Erfodernuß angewandt zu werden, als mit ausserster Mühe und Bestrebung, nicht ohne viele Zeit-Versäumnis, es sey denn vermittelst eines oder des andern practischen oder künstlichen Instruments so hieher zu Hülffe kommt; gleichwie man sattsam weiß, daß bey nahe keine Künste noch Handwercker anzutreffen, sie mögen auch so beweißlich seyn, als sie wollen, die nicht ihre Hülffs-Mittel hätten. Die Astronomie hat ihren Globum, oder ihr Astrolabium; die Architectur ihr Planum oder Senck-Bley; die Geometrie ein Oval, einen Triangel, ein Quadrat und Circkel; die Mathesis die Algebra, und so fort.
Besondere Invention und Manier des Autors.
Damit ich aber wieder zu meinen Inventionen gelange/ so giesse ich erstlich einige Poppen von Wachs, wie wir in dem Capitel von dem Ordinirn angemercket haben, so groß und so viele, als ich vor nöthig schätze. Hernach nehme ich so viel hierzu dienliche eiserne
dünne Drätchen, eines kurtz, das andere länger, deren jedes auf einer Seite spitzig zuläufft, damit man bemeldte Poppen darauf fest hefften, und vor dem biegen versichern könne, es sey daß sie mögen stehend/ liegend, fliegend oder sitzend vorgestellet werden. Wenn nun dieses also geschehen, so nehme ich ein länglichtes mit Bley beschlagenes hölzernes Tröglein, so groß als ich es vor gut urtheile, drey bis vier Finger hoch oder tieff vom Rande, zu Stellung so vieler Poppen als ich will, aus welchem Rand oder Ecken ich einige Nägel oder Schrauben fest mache. Denn nehme ich einen Deckel, von Blech oder Holz, so sich darauf schickt, voll kleiner Löcher, nahe an einander, wodurch man erstbesagte Dräte nebst den Poppen hinein stecken kan, daß sie sich ganz gemächlich darinnen umdrehen mögen. Ich fülle so fort das Tröglein voll Erde oder Leimen mit etwas Saltz-Brühe geknätet: und auf solche Weise ist meine Machine oder Instrument verfertiget. Wenn ich nun dasselbe gebrauchen will, so stecke ich meine kleine Poppen dergestalt gebogen und gedrehet, wie mein Concept ist, in die eiserne Dräte, und so mit durch die Löchlein in den Leimen an den Ort, wo ich sie hin haben will, das eine hoch, das andere niedrig, das eine vor, und das andere hinten hinüber, und so fort, nachdem das Object solches erfodert, welche so denn in dem Leimen-Grund unbeweglich bleiben.
Wenn meine Aufrichtung dergestalt bereitet, so setze ich dieses gantze Instrument hinten über auf einen Tisch, in das lincke oder rechte Licht, und zeichne meine Stellung, alles flüchtig anzeigend, auf die Manier, wie wir mit dem Leimen angewiesen haben. Diese Machine kan ich beleuchten, wie ich begehre, von der Seite von fornen, oder von oben, mit gemeinen mit Sonnen- oder mit Kertzen-Licht.
Um nun diese Schizze auszuführen, und mein Stück bequemlich darnach machen zu können, stelle ich meinen Glieder-Mann mit einem solchen Grund, wie ein jedes Bild erfodert, auf die Art, als hiefornen angewiesen worden. Ist hiernächst mein Tuch zubereitet, so komme ich an das Mahlen.
Diese Machine habe ich erdacht A. 1668. und fünff Jahre lang mich derselben mit grossem Nutzen, und mit einer solchen genauen Einsicht bedienet, daß ich sie nach der Zeit gar nicht mehr zu meinem Gebrauche nöthig hatte, es mochte mir auch vorkommen was da wolte; wiewohlen ich niemahlen mehr als drey oder vier Poppen aufs höchste darinnen noch darauf gebrauchte.
Nutzbarkeit und Anmerckung des Gebrauchs.
Nun muß der Liebhaber auch wissen, welches bey dem Gebrauche desselben meine Beobachtungen waren. Vors erste, stellte ich eine davon gerade niedersinckend, gantz ausgestreckt/ nehmlich das Haupt und die Füsse gleich niedrig; da ich denn merckte, daß gar keine Verkürtzung daran war, massen alle Theile, das Angesicht, der Hals, die Brust, der Bauch, die Schenckel und die Beine, in ihrer völligen Länge gewesen. Die zweyte setzte ich aufrechts auf der Seite stehend, zur Seite des Aug-Puncts, und befande, daß diese die vorgedachte Gliedmassen alle verkürzte. Die dritte stellte ich aufwärts fliegend, von hinten nach fornen zu, und erkannte, daß die Gliedmassen sich etwas mehr als bey der ersten verkürzten, und etwas weniger als bey der zweyten. Die vierdre richtete ich sitzend ein, mit dem Ober-Leibe gerade auf die dicken Schenckel parallel, und die Beine wie den Ober-Leib: und ich verspürte, daß, wenn die Fläche auf der Seite war, sich der Ober-Leib mit den Beinen verkürtzte, und der dicke Schenckel seine völlige Länge behielte; wie auch, wenn dieselbe vorwärts war, gleichwie man in diesen beygehenden Zeichnungen sehen kan.
Nachdem ich nun dieses meinen Gedancken fest eingeprägt hatte, war mir solches Mittel nicht mehr nöthig.

pp. 156–157
Lasset uns nun weiter gehen, und etwas sprechen
Von der Couleur der in der Lufft fliegenden Bilder.
Das 7. Capitel.
Manier der Behandlung in dem Decken-Mahlen
Wir wollen hierinnen erstlich zeigen, daß es mit dem Plafonds-Mahlen und den Landschafften einerley Bewandnis hat. Zu allererst legt man die Lufft an, wo sie am lichtesten ist, so denn weiter rings herüm; hernach die höchsten und schwächsten Objecten, und nachdem als dieselbige uns niedriger oder näher seynd, müssen wir sie verfolgen: wäre es daß eine Brust-Lehne oder Balustrade solte vorgestellet werden, muß es zum allerletzten geschehen. Die Ursachen habe ich bey dem Untermahlen und Anlegen der Historien und Landschafften genungsam erörtert.
Die Lufft ist die Ursache der Abweichung.
Ferner, wie in einer Landschafft die freye Lufft das vornehmste ist, wornach es sich alles richtet, und ausser welcher keine gehörige Abweichung in das Stuck würde können gebracht werden: eben so verhält sichs in den Plafonds mit fliegenden Bildern durch die Lufft: massen unmüglich ist unsere Objecten empor steigend zu machen, sonder daß sie einige Gemeinschafft mit der Lufft hatten. Auch würde es nicht genungsam seyn, daß unsere Objecten, nachdem sie höher oder weiter von uns abweichen, schwächer und schwächer gemahlet werden, wie sie in einer Zeichnung oder einem Kupferstück seynd; sondern die Couleur muß darbey angezeiget werden: und nachdem die Lufft gefärbt ist, müssen die Objecten Antheil daran haben, das versteht sich wohl in ihren Schatten. Denn, ist die Lufft blau, gelb oder roth, so müssen die Schatten gleichfalls mit blau, gelb und roth vermenget seyn.
Anmerckung wegen des Lichts.
Was das Licht der Objecten anbetrifft, soll man dieses darüber anmercken, von was vor einer Couleur es auch wohl seyn möchte, daß dasselbe in der Höhe oder in seiner Abweichung bricht und dunckel wird. Wäre die Lufft, so zu sagen, schneeweis, so bricht sie doch durch die Ferne oder Zwischen-Lufft: das rothe wird roth-blaulicht, das gelbe grünlicht, das rothlich blaue violet, und das violet endlich blau. Nach Proportion, als die Objecten von uns abweichen, und sich der Lufft nahen, werden sie verdunckelt: das Weisse wird dunckler, das Bleichgelbe ingleichen, und so fort mit den anderen Couleuren.
Und des Schattens der Objecten.
Es ist noch etwas, welches in Ansehung der Objecten in der Lufft sonderbar anzumercken ist, nehmlich, daß weilen die Lufft von allen Seiten her Licht giebt, der flache Schatten unmüglich so dunckel seyn kan als in einer Landschafft oder einem anderen Stück: an Tieffungen herentgegen desto kräfftiger. Alles was in dem Schatten ist, muß helle und deutlich seyn, doch etwas weniger, als auf der Tagung. Man muß auch wissen, daß alle runde Objecten keine Superfiz oder Ober-Fläche haben, vornehmlich an der Seite der Schatten, das ist, daß der Umriß gegen der Lufft schmelzen und sich verliehren muß, nicht gantz und gar vertrieben, sondern etwas lichter am Rande; gleich wie wir zu Anfange unseres Buchs durch das Exempel einer runden Kugel klärlich gewiesen haben: welches absonderlich darinn bestehet, daß dergleichen Wercke in der Lufft von andern unterschieden seyn, nehmlich daß die Objecten in der Lufft mehr rundiren und wimmeln.
pp. 157–164
Allgemeine Beobachtung in Bemahlung
der Plafonds oder Decken in Säälen, Kammern,
Galerien und andern Gemächern.
Das 8. Capitel.
Beobachtung in den Gebäuden.
DIe vornehmste Wahrnehmung in dieser Ubung ist eigentlich, daß die Bau-Kunst unzertrennt bleibe und ihre Eigenschafften und Regularitäten sauber beysammen erhalten werden.
Um ihre Treflichkeit zu bewahren und ihr aufzuhelffen.
Die andere Beobachtung bestehet in der Vortrefflichkeit der Bau-Kunst, als demjenigen, woran das meiste gelegen ist. Die Mahler-Kunst wird in diesem Falle nicht anderst als ein Hülffs-Mittel betrachtet, dieselbige mit wenigern Unkosten zu vollziehen. Daher denn so Acht darauf gegeben werden soll, daß die Concepten des Mahlers, des Bau-Meisters seine nicht verstören oder vernichtigen, sondern daß die einen und die andern also mit einander vereiniget werden, damit die verführten Augen der Anschauer alles vor die Wahrheit selbsten ansehen mögen.
Ausführlicher angezeigt.
Mit der ersten Beobachtung, da wir sagen, daß die Bau-Kunst ihre Regularität sauber behalten muß, wollen wir zu erkennen geben, daß die Einrichtung des Gebäudes der Kammer das vornehmste ist, wonach der Mahler sein Plafond ordiniren muß, sothanig, daß die Regelmässigkeit desselben nicht gekräncket werde, verkehrte Oeffnungen zu machen, da sie nicht hingehören. Denn es ist nicht erlaubt, die Oeffnungen überall so groß und klein zu verfertigen, als man will. Die Decke muß Decke bleiben. Alles was ausser der Mahlerey ist, von Bändern oder Balcken, muß seine behörige Dicke haben, und tüchtig seyn Stand zu halten, und nicht einzustürtzen, oder so zu scheinen; welches gleichwohl durch Unachtsamkeit viel mahls zu geschehen pfleget. Zum Exempel, die Zimmer-Decke ist in drey Fächer vertheilet; eines vor den Giebel oder die Fenster; das andere in der Mitte, ober dem Schornstein: und das dritte gegen die Mauern. Das mittelste ist zwischen zween Balcken einen Schuh tieff geschlossen, auf welches das mittelste Pannel oder Tuch zu liegen kömmt; die zwey andern seynd an beyden Seiten beynahe mit dem gemeldten Balcken von unten gleich. Wenn nun bey alledem gedachte zwey Seiten-Tücher, so, wie das mittelste, mit Lufft bemahlet werden, und die Dicke des Balckens, von einem Schuh tieff, nicht wird ausgespahret, und auf das Tuch gemahlet, so wird die Decke an der Seite viel verschwächet, oder zum wenigsten scheinet es so, und in der Mitte schwerer; als welches wider die Bau-Kunst streitet. Da im Gegentheil, wo es natürlich und nach der Ordnung solte vorgebildet werden, in diesem Falle das schwereste an den Rand, und das leichteste oder dünneste in der Mitte seyn mus; damit es nicht scheine, als ob es uns über den Kopff stürtzen oder einfallen wollte.
Wo man offene Lufft oder Pannel vorbilden muß.
Hiernächst hat man dieses noch anzumercken, daß nicht mehr als nur eine Oeffnung seyn mag, das ist zu sagen, daß alle die drey Stücke nicht offen vorgebildet werden können: sondern das mittelste allein, anerwogen nicht mehr als ein einziger Aug-Punct und ein Stand-Platz ist, wodurch das Werck seinen geziemenden Wohlstand leisten kan. Was nun die Dicke der Balcken darauf zu mahlen anbelanget, das hab ich lediglich gemeldet, um den Misbrauch zu verbessern, welchen man gar offt begehet, wenn man eine Decke überall ausbricht, und an statt einer Verhimmelung oder Decke nichts als einen Rost oder Gitter übrig lässet, welches mit keiner wahrscheinlichen Ursache gut gemachet werden kan. Einige bilden sich ein, daß es vor eine Laterne würde passiren können; aber sie besinnen sich nicht recht. Denn eine Laterne steigt aufrecht, und eine Decke liegt flach. Zum andern, kan die gantze Decke vor keine Laterne zureichen, dieweilen Fenster an dem Giebel seynd. Das vornehmste in der Mitte muß am meisten zu sagen haben, folglich offen, und das übrige zu, das ist, ohne Lufft oder lebendige Bilder, und an statt derselben, Basreliefs, Laubwercke, Compartimenten, oder Blumen, alles mit solch einer colorirten Materie seyn, als mit dem Zimmer über einkommet.
Dieses ist es, was ich vor das allererste und vornehmste achte, welches einem wohlmeinenden Plafonds-Mahler in Obacht zu nehmen und reiflich zu überlegen gebühret, ehe er Hand daran leget. Denn es ist mit der Austheilung der Decken, als wie mit einem Demant beschaffen: da man den ansehnlichsten und köstlichsten Stein in die Mitte, und rings herüm immer kleinere setzet.
Was nun die zweyte Beobachtung anbelanget, daß die Mahler-Kunst der Architectur behülfflich, massen sie solche mit wenigern Unkosten verherrlichet, ist leichtlich zu begreiffen. Ich will denn weiter fortfahren, und die Ursache beweisen, warum eine die andere kan verderben.
Anweisung wodurch der Bau-Kunst vielmahls entgegen gethan wird.
Es geschiehet vielmahls mit dem Mahlen der Austheilung, daß die Bänder oder Balcken nicht auf ihren gehörigen Basen oder Fundamenten ruhen, zumahl wenn die Decke mit einem einfachen Pannel oder Tuche, gleich den Balcken bekleidet ist, und solches dem Gutachten eines unbesonnenen Mahlers überlassen wird, der so denn selbige ohne Uberlegung in drey, vier, sechs, oder mehr Fächer, vertheilet, und sie mit solchen Bändern, oder Balcken scheidet, die nirgend wo auf etwas liegen oder Stützen haben, sondern meistens fehlen. Diesem nun vor zu kommen, soll man einen jeden Balcken oder Band, auf einem Grund, Pilaster oder einer Cartuse ruhen lassen, gleich wie uns die Bau-Kunst anweiset. Zum Exempel, man wolte die zwey Fächer, das eine an den Fenstern, das andere an der Mauer, jedes in zween Theile absondern, um vier Fächer zuhaben: so würde solches gantz ungereimt und wider die Bau-Kunst lauffen. Denn das ist flach über einem Fenster; es wäre denn daß das Fenster oben Boge-förmig wäre; und so kan es gleichwohl nicht tragen, es muß noch eine Cartuse darunter seyn.
Was die Pflicht eines Mahlers in Vertheilung der Werckes ist.
Nun dürffte wohl jemand fragen mögen, ob die Vertheilung wohl das Werck eines Mahlers sey? Worauf ich mit ja antworte, so ferne er die Bau-Kunst in etwas verstehet: sonsten gehöret es einem Bau-Meister mehr zu; jedoch mit Behuff und Erkenntnis desselben, kan es leichtlich geschehen.
Was das Werck anbelanget, wodurch die Mahlerey die Bau-Kunst verderben oder ihr entgegen seyn kan, bestehet solches in den Concepten, insonderheit wenn solche nicht mit jenen überein kommen, noch correct auf den Fundamenten stehend, ihr gehöriges Gewicht auch nicht haben. Ich verstehe unter den Fundamenten der Mahlerey das Zimmer, und mit der Wichtigkeit des Concepts meyne ich, daß dasjenige, was der Mahler in seinen Plafond vorzustellen vor hat, das unterste nicht zu viel beschwere und eindrucke. Meine Gedancken begreifflicher zu machen, will ich ein viereckichtes Zimmer von zwanzig Schuhen im Diameter oder Durchschnitt, vorstellen. So man nun eine zweyte Vertieffung oder Uber-Zimmer vorbilden wolte/ so müssen nothwendig die Mauern, Columnen, Thüren und Fenster mit den untersten überein kommen, und auf einander ruhen. Zum zweyten muß die Ordnung genau beobachtet werden, wie uns die Architectur lehret, nehmlich, daß das schwereste allezeit unten angebracht werden soll. Erstlich die Toscanische, darnach die Dorische, zum dritten die Jonische, vierdtens die Römische/ und vor die letzte oder höchste die Corinthische, und so fort oben folgen sie immer leichter, welches wie ich glaube, noch selten in Acht genommen wird.
Ursachen der Unschicklichkeit.
Dieses rühret nun daher, daß man bisweilen die Bilder mehr als Lebens-groß präsentiret, daher sie gezwungen seynd, ihr Beywerck nach denselben zu proportioniren: ein Fehler, welchen man nicht entschuldigen, noch durch einige Erläuterung in der Welt rechtfertigen kan. Allein hievon will ich bey anderer Gelegenheit ausführlicher handeln, und davor ist nur unser Vorhaben in Mahlung der Plafonds fortsetzen.
Und worinnen die Wohlständigkeit bestehet.
Das vornehmste davon ist, daß das Werck empor steiget; daß die Krafft derselben mit den Leben vereiniget werde, das ist, zu sagen, daß die Objecten auf ihrem allerniedrigsten nicht kräfftiger können gemahlet werden, als das feste Werck, wie die Compartimenten, Basreliefs oder andere Zierrathen, die sich nicht verkürzend, ihr Licht durch die Giebel Fenster empfangen. Nun möchte mich wohl jemand fragen, so man ein Zimmer oben vorbilden wolte, und zwar mit einem gleichen Lichte, wie unten, ob man denn nicht eine gleiche Krafft von Licht und Schatten dürffte gebrauchen mögen? worauf ich mit nein antworte, dieweil das eine von dem andern zu viel unterschieden ist, wie hier deutlich und klar mit den zwo Columnen über einander angewiesen, da sie bloß ihr Licht aus einem Giebel erhalten, die eine von den untersten, die andere von den obersten Fenstern: woran man sehen kan, daß das oberste Postement nicht kräfftiger seyn muß, als das unterste Capitel. Denn wenn es anderst wäre, würde es näher zu seyn scheinen, auch wurde es nicht steigen, und folglich das Leben überwältigen. Es ist hiermit beschaffen wie in einer Landschafft, da der Vor-Grund die meiste Krafft hat; der zweyte und dritte weniger und schwächer, nachdem sie weiter und weiter von uns abweichen. Eben also gehet es auch mit den fliegenden Bildern in der Lufft. Denn das Licht verschwächet durch das Aufsteigen, und die Schatten werden so wohl als in einem Zimmer, durch die herum schwebende Lufft schwächer und dünner, die Tieffungen und Striche aber behalten ihre Krafft.
Wir haben bemerckt, was beobachtet werden muß, damit die Bau-Kunst ihre gehörige Festigkeit und Regularität behalten möge, also, daß eines mit dem andern einerley Cörper scheine; gleichwie wir durch folgende Fabel aus dem Ovidius, als welche wir zu einem mahlerischen Gleichnis machen, mit wenigen Worten zu verstehen geben wollen.
Durch ein Gleichnis aus dem Ovidius bestätiget.
Salmacis und Hermaphroditus, zween vollkommene und artige junge Menschen, einen jeden in seinem besonderen Geschlecht angedeutet, stelle ich vor, wie sie die Bau- und Mahler-Kunst vorbilden. Salmacis begegnet dem Hermaphroditus, und wird gegen ihn in Liebe entzündet, da sie urtheilte, ihr Glück bestünde einzig und allein in Besitzung eines so schönen Objects. Weil sie aber Widerstand fand, russte sie die Götter um Hülffe an, und erlanget durch dieses Mittel ihren Wunsch. Der Jüngling, der dem Göttlichen Willen nicht widerstehen durffte, giebt es zu, und wird also durch Mercurius, welchen wir als die Optica hier anmercken müssen, vereiniget, und also diese zween Cörper in einen zusammen gefüget. Ich urtheile unnöthig zu seyn, mehrere Auslegung zu diesem Gleichnis zu machen, dieweilen es sich selbst deutlich genung erkläret.
Haupt-Reguln angewiesen.
Unser Werck nun weiter auszuführen, müssen nachstehende Sachen vor allen im Anfang wohl in Obacht genommen werden.
Erstlich die Gestalt des Platzes, wie derselbe beschaffen sey.
Zum andern der Stand, die Bedienung, Qualität und Neigung derjenigen, denen es zugehöret.
Zum dritten, muß man Objecten, welche darauf zielen, es seyen Geschichte, Fabeln und dergleichen erwählen.
Und zum letzten, wie und auf was Weise man dieselben eintheilen soll.
Ausführlicher angezeiget.
Unter der Gestalt des Platzes, vermeine ich das Licht des Zimmers, auf was Weise solches die Decke beleuchter; und hiernächst in wie viel Fächer bemeldter Decke durch den Baumeister eingetheiltet ist; auch welches Stück das vornehmste sey: um also unsere Gedancken in Ordinirung der Vorbildungen, so wohl als in Ausführung Derselben, darnach einzurichten.
Unter der Bedienung, Beschaffenheit und Neigung der Personen muß man verstehen, ob es ein Theologus, Rechts-Gelehrter, ein Philosophus oder auch ein Künstler ist. Ferner, ob er geneigt zu geistlichen oder moralischen Ausbildungen, allgemeinen oder besondern, das ist, auf ihn und sein Geschlecht zielend, und tauglich, oder durchgängig auf einen jeden der nach ihm das Haus möchte bewohnen: nach welcher Unterrichtung wir alsdenn dergleichen Objecten erwählen, und dazu behülfflich seyn werden.
Zum dritten, auf was Weise die Objecten vertheilet werden müssen, wohl zu verstehen, was oben in der Lufft, worinnen wie bereits gesagt worden, die Seele eines Zimmers besteht, und was unten in dem Zimmer, was den Cörper desselben betrifft, muß gestellet werden; welches wir geistlich und moralisch nennen; geistlich, alles was durch den Himmel: und moralisch oder Sitten-Lehrhafftig, alles, was durch den Verstand regieret wird. Und letzlich, wie das Object selbst muß vertheilet werden, das ist, die Ursache von dem Werck der Geschichte, oder die Auswirckung derselben, anweisen muß; zum nähsten daran, was das Werck oder die Sache selbsten ist, und das andere weiter davon hinweg, welches nur wie ein Anhang darzu gehöret. Damit ich es aber deutlicher gebe, will ich solches durch ein Exempel klärer darzulegen trachten.
Durch ein Exempel angewiesen.
In das mittelste Fach stellen wir Salomon vor die Bunds-Lade, wie er GOTT üm Weisheit bittet, und stellen rings herum auf dem Seiten in einer Glorie diejenigen Gaben vor, welche ihm von GOtt zugesendet wurden/ nehmlich Weißheit und Reichthum herab fahrend. Ferners zeigen wir im kleinern in Basrelief die leiblichen Tugenden an. Und auf diesem Fuß kan man alles, was es auch vor Sachen oder Objecten seynd, abhandeln. Wenn diese vier Dinge wohl in Obacht genommen, und nach den Erfodern ausgeführet worden, so soll und muß ein solches Gemählde unvermeidlich einem jeden wohlgefallen, und solte es auch der Neid selbst seyn.
Hieraus ist denn hinlänglich zu begreiffen, wie ordentlich es zu sehen solte; darüm es kein Wunder ist, daß so wenige in den Plafonds oder Decken-Mahlereyen was besonderes zeigen, unerachtet eben so wohl Reguln darzu seynd, als vor andere Studien: allein, wenn diese nicht vollkommen in Acht genommen werden, wird man seinen erwünschten Endzweck darinnen nicht erreichen; wie es in allen Dingen gehet. Wer sich vor einen guten und rechtschaffenen Meister ausgiebt, muß auch darthun, daß er seine Kunst verstehet.
Einwurf und Auflösung der Schwerigkeit.
Fraget man mich, ob Corregio, Corton, Vouet und andere, welche so viele Wunder-Wercke in dieser Art der Kunst an den Tag gelegt haben, die Regeln allezeit so just in Acht genommen, und alle diese Anmerckungen eben so genau bedacht haben, wie hier nach meinem Begriff angewiesen? so antworte ich, daß es desto besser seyn würde, wenn es geschehen wäre, oder es müste seyn wie ich in meinem vorhergehenden Capitel wegen der Machine mit Poppen angedeutet, welche ich vier oder fünff Jahre lang gebrauchet zu haben meldete, nach der selbigen Zeit aber nicht mehr vonnöthen hatte: womit ich sagen will, daß man zuerst eine Sache gründlich kenne, und hernach dasselbe darthun müsse. Ich glaube eben wohl, daß wo auch diese grosse Meister die vorgeschriebenen Reguln richtig gehabt hätten, man in ihren Wercken keine solche grobe Fehler, als etliche nun darinnen zu seyn urtheilen/ würde gefunden haben. Dennoch ist es genungsam am Tage, daß diejenigen, welche es niemahlen unter die Hand genommen haben, auch nicht davon urtheilen können, sonder nur diejenige, welche es besser wissen. Denn einer der die Grund-Reguln der Kunst wohl inne hat, und dieselbigen vest in seinem Gedächtnis heget, kann allezeit urtheilen, ob sie wohl wahrgenommen worden oder nicht, es wäre denn, daß er es selbst nicht thun könnte; jedoch diejenigen, welche nur nach Gutdüncken zu Wercke gehen, und von keinen Reguln oder Fundamenten wissen, seynd ungleich mehr zu verschonen, als diejenigen so selbige wissen und nicht gebrauchen; wiewohl keines von beyden gut ist. Der eine ist unachtsam und lernet die Grung-Reguln nicht; und der andere weiß selbige, gebrauchet sie aber aus Unachtsamkeit nicht. Ich weiß wohl daß einige seynd, welche viele Sachen so von mir allhier berühret, und vor nothwendig gehalten worden, vor nichts oder sehr wenig achten werden; ich kehre mich aber nichts hieran, wenn ich nur dem Lehr-begierigen Leser in dieser Kunst Gnügen leisten kan.
Ich bekenne gar gerne, daß ich in meiner Jugend einige Decken gesudelt habe: doch habe ich mir niemahlen geschmeichelt, daß ich die Kunst recht, und so wie es sich gehörte, verstünde; massen ich damahlen nicht wuste, daß darinnen gewisse und gründliche Reguln wären. Nach der Hand lernte ich selbige, als ich zuweilen darüber habe raisonniren hören; zum andern durch die Grund-Reguln der Perspectiv, und letzlichen, durch meine unermüdete Emsigkeit in dieser edlen Ubung: dergestalt, daß ich dadurch mit viel wenigerer Mühe und mehrerer Sicherheit ein grosses und schweres Werck, als vor diesem ein kleines oder geringes ausfertigen konte. Ich will hier erzehlen, wie ich damit zu Werck gieng. Ich hatte in meinem Zimmer eine kleine Hervorragung, und wenn ich etwas ordiniren solte, nagelte ich mein Tuch oder Papier unten dagegen an, und hielte in der einen Hand das Licht, und in der andern die Kreide. Nach dem ich mich hernach auf den Rücken gelegt, entwarff ich meine Gedancken darauff, welches ich vor ein gutes Mittel fand, keinen Fehler zu begehen, nehmlich vor die Schizzen. Um es nun in dem Mahlen auszuführen, that ich ein gleiches auf der Decke, jedoch mit keiner solchen flüchtigen Entwerffung; nein. Als ich nun meine Schizze gemacht hatte, so suchte ich in den Kupferstücken das Vouets und anderer, solche Wirckungen und Gestalten der Bilder, die darzu tauglich waren, veränderte dieselbige mehr oder weniger nach meinem Gutdüncken, und so wohl als ich konte, Angesichter, Hände oder Faltungen der Gewänder. Auf solche Art behalf ich mich, jedoch alles gegen die Decke, woraus man urtheilen kan, was es vor eine Mühe war. Wie ich es aber hernachmahls besser wuste, blieb ich bequem vor meiner Staffeley sitzen. Denn Mühe und Ungemächlichkeit etwas zu finden, und hernachmahls Mühe und Arbeit das gefundene auszuführen, ist doppelte Arbeit. Wer gewiß und sicher schreitet, hat vor andern einen grossen Vortheil.
pp. 164–166
Mittel alle schwere Bau-Machinen/ Bilder,
Bäume und anders/ in ihrer vollkommenen
und natürlichen Verkürzung nach
dem Leben zu zeichnen.
Das 9. Capitel.
Ursachen vieler Erfindungen/ so aus Mangel entstehen.
ALLdieweilen es gemeiniglich geschiehet, wenn uns die Natur zu verlassen, und ihre geneigte Hülffe nicht mehr zu gönnen scheinet, daß wir so denn unsere Zuflucht zu der Vernunfft nehmen, damit wir Mittel überkommen mögen, durch welche wir diesen Mangel wieder verbessern, und den Schaden aut machen können; und eben so ist es mir mit Mahlung der Deck-Wercke auch ergangen. Denn nachdem ich viel Mühe vergebens und vieles Grübeln unnützlich angewandt hatte, um alles nach dem Leben zeichnen zu können, habe ich endlich folgendes Mittel entdecket, welches mir den Schaden durch das vergebene hocken, den ersetzet hat: da dasselbe in allen Stücken mit niedern Horizonten, überaus gut ist, wie man aus dem Gebrauche befinden wird.
Mittel wie man vollkommen nach dem Leben zeichne/ entdecket und angewiesen.
Ich nehme demnach zu einem Exempel, daß ich das Rath-Haus zu Amsterdam, ja wäre es auch drey mahl so hoch, ohne darauf zu sehen, zeichnen wolle. Damit ich dieses bewerkstellige, wähle ich eine Abstands-Weite von selbigem auf acht oder zehn Schuh, mehr oder weniger, nach Erfodernis der Sache.
So fort nehme ich einen Spiegel mit einem runden Glas, welcher convex oder erhaben geschliffen ist, ungefehr einen Schuh gros im Diameter oder Durchschnitt, dergleichen in den Nürnbergischen Läden wohl gefunden werden. Stellet diesen gegen das innerste des Deckels eurer Zeichen-Tafel oder Porte-feuille. Machet daß ihr denselben grade aufrecht, bisweilen auch etwas hinter sich sehen könnet, nach dem ihr die Sachen von unten, und höher sehen wollet. Sothanig nahet man sich mit dem aufgeschlagenen Porte-feuille und mit gegen das Object gekehrtem Rücken, bis zu einer solchen Distanz, als man das Gebäude, den Baum, oder was es auch sey, in seiner Vorstellung zu haben begehrt. Dieses zeichnet man nachgehends aus dem Spiegel also nach, oder man modelliret es auf weisses oder blau Papier.
Dieses Mittel ist sehr bequem, allerhand grosse Wercke in engen Orten oder Strassen ab zu zeichnen, ja zwanzig bis dreyssig Häuser zu gleich; nicht weniger auch vor die Landschafft-Mahler zum modelliren auf dem Land, ja gantze Land-Striche mit Städten und Dörffern, Wassern und Wäldern, Bergen und anders mehr von Osten bis Westen ohne Rührung seines Hauptes noch Verwendung seiner Augen zu verfassen. Auch ist es vor diejenigen, welche die optische Perspectiv nicht aus dem Grund verstehen, sehr bequem und natürlich.
Zweites Mittel/ wie man alles nach der Perspectiv verkürtzen könne.
Man muß allhier noch eines andern Mittels gedencken, wegen Vorbildung allerhand platt-förmiger Ordinanzen in der Verkürtzung, als Mahlereyen, Tapeten und Basreliefs gegen Wände, Decken oder wo selbige möchten stehen, hängen oder liegen, verständig und correct nach der Perspectiv; sintemalen es Dinge seynd, welche vielen Mahlern bey Vorbildung gemahlter Gemacher, Galerien, Lust-Gärten, und anderer Platze mehr vorkommen; welches Mittel, ob es wohl leicht und ohne Schwerigkeit, gleichwohl einige, unerachtet sie es wissen, verstört machet, weilen sie nicht darauf dencken.
Ich habe dannenhero nebenstehendes Exempel hierzu erkohren, als welches der Grund aller Verkürzungen, so wohl in Zimmern, Verschießen, als Deck-Wercken ist.
Die Ausführung geschiehet folgender massen. Wenn ich den Entwurff eines Gemachs in die Perspectiv gezeichnet habe, so vertheile ich die Seiten-Mauer, wohin ich meine Spalire oder Vorbildung der Mahlerey haben will, so viel Schuh hoch und so viel breit, nehmlich verkürzt, da ich aus dem Aug-Puncte die Quere, und die perpendiculare aus dem plano oder der Scala herhole.
Und mit Kupfer Vorbildungen angezeiget und bestärcket.
In diesem Exempel, wird man vier hauptsächlicher Verkürzungen gewahr werden. Denn A ist die Decke oder das Plafond; B, die Seiten Mauer, der Boden; D lockere Tafeln, welche vor- oder hinter sich hängen, alle vier aber auf einerley Art aus dem Aug-Puncte gefunden, wie das Mittel-Stück E anweiset, welches mit Rauten abgetheilt und überschlagen ist. Mehr hiervon zu reden, ist vor diejenigen, welche in dieser Kunst einiges Licht haben, unnützlich, mit hin zu langweilig.

pp. 166–169
Von der Haltung und Schmeltzung der
Couleuren in den Deck-Stücken.
Das 10. Capitel.
OB wohl in dem Capitel von den Göttern und derselben Eigenschafften, von den ihnen eigenen Couleuren weitläuffig gehandelt werden soll, so wird gleichwohl bey dieser Gelegenheit nicht uneben noch etwas zum voraus gesagt werden; derohalben wollen wir anzeigen, wie man dieselbe zu stellen, und zu tractiren hat, damit sie eine vollkommene Harmonie ausmachen.
Erwehlung der Couleuren.
Man muß sich hier durch das brillante oder kräfftig schöne gläntzen und schimmern der Couleuren nicht bekandt machen: gantz und gar nicht. Ich halte davor, daß bey dieser Gelegenheit sich nichts besser schicket als die Schmelzung der Farben, wie sie denn dem Auge eine Annehmlichkeit giebt: es hebt sich wohl, und hat etwas ungemeines, ja über menschliches bey sich. Und wenn ich gegenwärtig lehre, daß man zarte, und weichende Couleuren, wenn es schon wenigstens aus weis bestünde, bey Deck-Stücken brauchen müsse, so widerspreche ich meinem ersten Satze nicht, da ich in einem Capitel gesagt habe, daß den Göttern ihre absonderliche Couleuren, einem jeden nach seiner Art und Bedeutung zu geeignet werden, und daß die Farben in einem solchen Falle als roth, Purpur, gelb, blau, grün und so fort, nicht vermeidet werden können; ja das sie auch ohne diejenigen Zeichen zu erkennen seyn müssen, die sie gemeiniglich bey sich führen, und damit vorgebildet werden, als Phœbus mit der Sonne, Diana mit dem Mond, Mercurius mit seinem Schlangen-Stabe, Ceres mit Korn-Aehren, Jupiter mit dem Adler, Juno mit einem Pfau, Momus mit seiner Narren-Kappe und Kolbe &c. Wer solche Stücke auf dergleichen Art ausdrücken kan, ist vor allen ruhmwürdig: und selbige müssen sich ausser Zweiffel auch wohl vorstellen. Jedoch beschrencke ich hierein keines wegs das Licht noch die Dunckelheit der Couleuren, ob sie wenig oder viel von einander unterschieden, und ob sie fast insgesamt weis oder lichte seyn müssen. Dann die Couleuren können schön seyn, wenn sie auch noch so licht wären. Ja, geschähe auch, daß ein Deck, Stück allein aus weis und schwarz, Licht und Schatten bestünde, würde es deswegen keinen geringern Wohlstand haben, noch weniger Hochachtung würdig seyn. Ich urtheile, daß es hierinnen ungefehr mit einem Kupferstücke überein komme, welches, unerachtet es nur aus weis und schwarz ist, dennoch seine Haltung und Wohlständigkeit hat, woferne hell und Dunckel wohl gegen einander geordnet ist und noch mehr, wenn die wohlschicklichen Couleuren dabey gepaaret seynd, und es schwächlicht mit dünnen oder lasirenden Farben abgesetzet wird, wodurch es die Eiegenschafft einer Mahlerey bekömmet.
Gleichwie nun in den Deck-Stücken das vornehmste darauf beruhet, daß man die Bilder wohl übereinander ordnet: also ist es auch folgendes, daß die Couleuren wohl darnach eingerichtet seyn.
Exempel der Einrichtung.
Ich gebe hier ein Exempel von zweyen Stücken, welche in hell und dunckel von einander unterschieden seynd. Das erste ist von drey und das andere von zwo Vertieffungen. Das erste hat seine unterste Vertieffung kräfftig gegen die zweyte in Couleur abstechend; weilen die zweyte ein wenig dunckel ist; die dritte ist gegen das Dunckel-Blaue der Lufft lichte. In dem zweyten und welches ich wegen des Wohlstandes vor das beste halte, ist der oberste Trupp gegen die hell-blaue Lufft dunckel; da der unterste aus Krafft des Lichts gegen den obersten absticht. Doch ordnete man auch auf diese Weise drey und mehr Gründe oder Truppen ober einander, so wird es allezeit einen grossen Wohlstand haben; und gleichwohl eine jede Gottheit die ihr eigenthumliche Couleur, obwohl in vermindrender Krafft, nach Maase des Abstands behalten.
Wie man seine Couleuren ordnen muß.
Denn wenn der oberste Hauffe oder Trupp gegen die hellere lichte Lufft absticht, so verursachet sie eine wunderbare Weichung. Die Ursache ist, weil die Lufft unendlich höher zu seyn scheinet; welches durch das Gegentheil nicht ausgeführet werden kan.
Einwurff.
Wendet mir jemand dagegen ein, daß so ferne es sich zu trüge, daß eines der vornehmsten Bilder unter dem obersten Hauffen nach Erfordernis seiner Würdigkeit, laut der in Zueignung der Couleuren angezeigten Ursachen, ein weisses Gewand anhaben müste, so würde folglich diese Grund-Regul weit geworffen werden.
Aufgelöst.
Ich antworte, nein: es ist Rath hierzu; massen man alsdenn einige braune Wolcken darhinten ordnet, welche selbigem Gewande ihre Krafft, und dennoch eine süsse Harmonie mit dem andern und übrigen Theil des Werckes behalten machen. Bey Ordinirung der Objecten, ober neben und hinter einander, ist weitläuffiger hievon gehandelt, und diese Wahrheit und solcher Wohlstand angezeiget worden. Denn das Dunckle hat gegen das Helle nicht so viele Krafft hervor zukommen, als das Helle gegen dem Dunckeln, weil das Licht weit mehr Gewalt bey sich hat. Jedoch damit ich einmahl von einer Sache abbreche, worüber allzu viel und zu langweilig geschrieben werden könte, ohne daß man gleichwohl jemanden auf dem Papier durch Discurse überzeugen oder es ihm beybringen möchte, will ich diese Materie endigen, und mit dem grossen Junius schliessen, da er in seinem III. Buche von der Mahler-Kunst spricht:
Also sehen wir/ daß die Künstler allenthalben in ihren Wercken einige Schatten oder Vertieffungen anbringen, zu dem Ende, damit das jenige was in ihren Mahlereyen verhöhet ist/ mit mehrerer Krafft hervor stechen/ und den Augen der Anschauer, auch selbst ausser der Tafel zu begegnen scheinen möge. Lasset zwo parallele oder überall gleich weite Linien, auf ein Pannel nebst den Couleuren des Lichts und Schattens gezogen werden/ sagt Longinus *, so wird gleichwohl die hervorstechende blickende Helle des Lichts unserm Gesicht geschwinder beykommen, und viel näher zu seyn scheinen.
* de Sublimit. Orat. 15.
Etwas weiter ziehet er den Johannes Grammaticus an, welcher schreibt, wenn wir ein Bret mit Weis und Schwarz zu gleich überstreichen/ so wird doch das Weisse allezeit näher und das Schwartze weiter davon weg zu seyn scheinen. Dahero pflegen auch die Mahler/ fähret derselbe Autor fort/ bey Beobachtung dieses Stücks, sich mit schwärzlicht oder dunckel-braunen Farben zu behelffen / wenn sie die vertieffte Helligkeit eines Schöpff-Brunnen, eines Röhr-Kastens/ eines Grabens/ einer grundlosen Höhle oder etwas dergleichen abzubilden gedencken. So sie herentgegen einige Dinge/ als zum Exempel/ die Brüste einer Jungfer, eine ausgestreckte Hand, die Füsse eines springenden oder lauffenden Pferdes zu erhöhen suchen/ so pflegen sie auf beyden Seiten, einen hinlänglichen Schatten von schwarz und braunen Farben/ anzulegen, damit diese Theile durch die benachbarte Tieffung mit einer lebendigen Krafft der Tafel abstechen mögen &c.
* In Lib. I. Meteorolog. Aristotelis.
pp. 169–173
Von den Göttern in den heiligen/ heidnischen,
auch weltlichen Geschichten und Gedichten:
und erstlich, von dem Unterscheide zwischen geistlichen
und heidnischen Vorbildungen.
Das 11. Capitel.
Einleitung zu dieser Abhandlung.
NAchdem ich die Abhandlung der Deck-Stücke vollendet, habe ich unnöthig erachtet, dieses Buch zuschliessen, und von diesen Capiteln ein neues zu machen, weilen die Materien so sehr in sich verbunden ja fast in einander verschmoltzen ist, daß man kaum an das eine gedencken kan, daß nicht auch selbigen Augenblick unsere Gedancken auf das andere fallen.
Und Ursachen/ warüm dieselbe hieher gesetzet wird.
Es ist wohl wahr, daß in gewöhnlichen Tafeln die Götter, Geister, Halb-Götter, Engel, Tugenden, und andere Machten nicht weniger eingeführet werden können, ja zu und an dieselbe unabgesonderlich verknüpffet seynd: allein in den Deck-Wercken, deren Zenith oder Scheitel-Punct an der Höhe der Sternen-Himmel ist, müssen sie nothwendig darein kommen, indem sie unentbehrlich hineingestellet werden müssen, da meistens alle Vorbildungen eine Absicht auf ihre Personen, Eigenschafften oder Tugenden haben.
Was bey dieser Kunst Ubung an einem Künstler erfodert wird.
Damit man aber diese Vorbildung der Götter der Erfodernis und Gebühr nach wohl ausführe, so muß der Künstler vor allen Dingen, so wohl in den heiligen, heidnischen und weltlichen Historien, als auch in den Gedichten wohl geübet seyn: damit er aus solchen, die besondern Zufälle und Eigenschafften so einer jeden Person und dem verschiedenen Range der Götter oder obern Mächte eigen seynd, wissen möge, und folglich dieselbe wohl ausdrücke. Denn ob wohl allhier der Verstand sehr viel arbeiten muß, so ist es doch nicht gut, daß es ein jeder alles darauf ankommen lasse, damit es ihm nicht mißlinge: wie es jenem Manne gieng, dessen Nachbar getraumet hatte, wie an einem solchen Ort ein grosser Schatz verborgen läge, da er denn aufstunde, sich dahin verfügte, durch das graben denselben entdeckte, und mit sich nahm. Der andere, so diesen guten Ausgang sahe, legte sich auf einen Hauffen schlaffen machende Mohn-Häupter nieder, und meinete es würde ihm auch glücken: als er aber eine geraume Zeit geschlaffen hatte, erwachte er, ohne einen vortheilhafften Traum, noch Gedancken hievon etwas empfunden zu haben: vielmehr befand er, daß ihm währendem Schlaff sein Geld-Beutel durch die Diebe gestohlen und ihm also die süsse Hoffnung eines bessern Glückes samt der Beraubung seiner gewissen Besitzung zu gleich benommen worden. Dieses Gleichnis ist, meines Erachtens, all zu deutlich, als daß ich es näher zu appliciren nöthig hätte.
Ein verständiger Meister muß sich gewiß in Kenntnis der wahren Beschaffenheit einer Sache, die er abhandeln will, rechtschaffen geübet haben, damit er nicht vor unwissend gehalten werde: anerwogen die Wahrheit in Ansehung des Poeten nicht verborgen bleiben kan.
Es dürfen, in wahrhafftigen geistlichen Vorbildungen keine heidnische untermenget werden.
Aus welcher Ursache denn, sich jederman hüten muß, daß er unter gedachte Wahrheit einige Falschheit menge, vornehmlich in heiligen Geschichten oder geistlichen Vorbildungen. Denn es ist zwischen bey den eine grosse Streitigkeit. Sie können keines wegs zusammen gefüget werden, als nur bloßer dings eine Gegenstreitigkeit zu erkennen zu heidnische geben. Ich sage, daß sie zu Ausdrückung einerley Verstandes, unmüglich unter einander vermenget werden kommen, sondern daß sie viel mehr dienen, selbige zu verwirren, krafftloß zu machen, und in einen Irrthum zu verführen: es wäre denn daß sie von einander, die geistlichen oben in den Himmel, und die weltlichen unten auf die Erde ordiniret würden.
Exempel zu deren Erklärung.
Ich rede im Falle der Sinn-Bilder. Denn zwischen der Pallas und der Weisheit GOttes ist ein grosser Unterscheid, sintemahlen diese letztere keinen einigen Menschen, wer der auch sey, zugeschrieben, noch weniger auf der Erde vorgebildet werden kan; ingleichen auch Janus und die Vorsehung. Die himmlische und bürgerliche Gerechtigkeit gleichen einander auch nicht. Man gebe dannenhero Achtung, daß die gantze Iconologia oder Bilder-Kenntnis der Heiden, ob sie wohl ehe dem vor himmlisch gehalten ward, nun nicht anderst wirckt als auf die Sitten und Verdienste der Menschen, keines wegs aber auf die Seele.
Was darinnen wahrgenommen werden muß.
Lasset uns daher mit Ehrerbietung und Aufmerksamkeit untersuchen, was christliche Sinn-Bilder seyn, und welches profane oder heidnische gewesen; da wir zu himmlischen und geistlichen Vorbildungen genommen nichts brauchen, als was rein und himmlisch, zu den irdischen aber, was dem irdischen eigen ist: damit wir so wohl von geistlichen als weltlichen Leuten geachtet werden und Lob verdienen mögen.
Durch ein Exempel angezeigt.
In der heiligen Schrifft ist eine Begebenheit, welche von der Austreibung des Lucifers und seiner Gesellen meldet, welche aus dem Himmel verstossen worden; woraus man klärlich schliessen kan, daß diese Ungeheure nach der Hand den Heyden, als nicht unter die Heiligen gehörige, zu theil worden seynd; man findet aber nicht das nach der Zeit einige dergleichen unruhige Geister aus den Himmel verwiesen worden. Derohalben ist uns verboten, mehr dergleichen Begebenheiten vorzubilden; wenn aber der Mensch wider den wahren Glauben eiferte oder stritte, alsdenn mögen diese Dinge mit heidnischen Sinn-Bildern vergesellschafftet und abgebildet werden, sintemahlen, wie gemeldet worden, die Heiden dem Teuffel gleichsam übergeben waren, um durch dieses Mittel ihren Irrthum desto besser auszudrücken, und die Wahrheit desto deutlicher vorzustellen und sie zugleich mit aus dem Himmel zu verjagen.
Unter den Pharisäern oder Schein-Heiligen ist es auch nicht unschicklich oder gegenstreitig, wenn es zu rechter Zeit angebracht wird, und hat es desto mehr Krafft in den Sachen der Gedichte oder Gleichnisse. Man mag auch ohne sträfflichem Trieb keine andere, als christliche Sinn-Bilder beyfügen, woferne sie kein anderes Absehen haben, als uns zu dem Weg zur Seeligkeit aufzumuntern. Ich stehe zu, daß man alsdenn Engel oder Geister, die ihnen den Weg des Himmels verschliessen, und samt dem Adam daraus und hinweg treiben, vorbilden möge.
Nebst andern üm die Sinn-Bildungen kennen zu lernen.
In wahren weltlichen Historien, als Römischer, Griechischen und Nebst andern, würde dieses nicht, wohl aber mit Sinnvorbildenden und andern Kenn-Zeichen, deren eine unnennbare Anzahl ist, eigen seyn: zum Exempel, bey einem gottsfürchtigen ein weisses Kleid oder eine Opffer-Schaale; bey einem wilden, eine Tieger-Haut oder ein Drache, es seye auf dem Helm, oder in einem Schild. Es wurde sich nicht schicken so man eine Vestalische Jungfer bey dem Numa Pompilius, seine Gottes-Furcht anzuzeigen, fügete, zu dem Alexander einen Achilles, seine Tapfferkeit an den Tag zulegen; zu dem Milo einen Hercules. Noch weit lächerlicher würde es fallen, woferne man einen Hercules zu einem Hercules stellte, die Stärcke vorzubilden; zu dem Momus einen Narren, seine Thorheit anzudeuten. Es wurde, sage ich, sehr lächerlich seyn, wenn man den Ovidius mit Sinn-Bildern erklären wolte, weilen er uns nichts anders als Sinn-Bilder vorträget. Es würde eben so seyn, als wenn man das Licht mit dem Licht suchen oder die Finsternis mit dunckelm Nebel aufhellen wollte. Wir haben keine andere Sonne nöthig, üm das Sonnen-Licht auszudrücken: nein, es schicket sich am besten, wenn man ein Küchlein in seinen eigenen Federn aufwachsen lässet. Diese Vorbildungen und Beyfüngen, müssen nur bloß dienen, damit unsern Augen, das sichtbare durch unsichtbare Objecten vorgestellet werde.
Was man bey Erwehlung der Objecten wahrnehmen muß.
Je erhabenere und hochgeachtetere Sachen man nun vorbilden will, von je höherer Wichtigkeit müssen die Sinn Bilder oder Objecten dazu erwählet werden; zum Exempel, bey Ausdrückung der Art und Eigenschafft der Götter oder derselben Tugenden, gebrauchet man junge und keusche Jun[g]fern, welche zu allen Zeiten, unter dem menschlichen Geschlecht vor den natürlichsten, raresten und würdigsten Stand, gehalten worden. Daß man sich aber der Thiere oder auch wohl lebloser Denck-Bilder und Objecten bedienet/ die Affecten der Menschen dadurch vorzubilden, halte ich solches vor zulässig. Denn wie selbige geringer in Rang und Hochachtung als die Götter seynd, so mögen sie auch kleinere Objecten leiden.
Einwurff.
Wenn mir nun jemand einwendete, warum ich denn die Einigkeit durch eine Schlange, und die Unschuld der Götter wegen einer Missethat, durch ein Lamm vorstelle, düncket solches eines theils nicht ohne Grund zu seyn, dieweil es meinen vorhergehenden Satz dadurch weit zu verwerffen, und zu vernichtigen scheinet.
Aufgelöst.
Ich glaube aber, daß er mir recht geben wird, wofern er wegen des ersten, bey den allerältesten Heyden die Vorbildung dieser Sache nach siehet: und was das zweyte anbelanget, so kommet uns in der H. Schrifft und in der Offenbahrung Johannis an vielen Orten, die Person Christi unter der Gestalt eines Lammes und wohl des Lammes GOttes vor. Weiten nun dieses alles seine Sinn-Bedeutungen hat, solte es mir denn nicht erlaubet seyn, aus einem so reinen und reichen Brunnen der Weisheit meine Sinn-vorbildende Gedancken zu schöpffen? Dergestalt verhalte ich mich bey andern dergleichen Objecten, welche einige Eigenschafft der Gottheit vorstellen; diejenige aber, so von später Erfindung seynd, suche ich in solchem Falle nach allem meinen Vermögen zu vermeiden.
Uber dieses redet auch die H. Schrifft an vielen Orten unter Sinn-Vorbildungen, da sie den Zorn einem Bären, welcher seiner jungen beraubet worden, die Sanfftmüthigkeit einem Lamme, die Unschuld einer Taube, und die Arglistigkeit einer Schlange vergleichet.
