Prange 1782b

Christian Friedrich Prange, Die Schule der Mahlerey, Halle [Johann Christian Hendel] 1782.


pp. 42–44

III. Freskomahlerey.

So nennt man die besondere Art zu mahlen, welche auf einer frisch mit Mörtel überworfenen Mauer geschieht. Diese Art zu mahlen ist der, da man auf die schon alte und trokne Mauer mit Wasserfarben oder mit Oelfarben mahlt, weit vorzuziehen, weil sie viel dauerhafter ist, indem sich die Farben in den noch nassen Mörtel hineinziehen. Man nimmt Farben dazu, welche die Schärfe des Kalks nicht ändert, und die man mit Kalkwasser anreiben kann: Kalk selbst, fein geriebenen schwarzen Marmor, die verschiedenen Ochererden, das neapelische Gelbe, fast, alle Arten der gefärbten Erden, und selbst den Zinnober, wie auch Ultramarin und Lazur. Man muß aber bey diesen Farben wol bedenken, daß sie alle viel heller werden, wenn einmal die bemahlte Mauer trocken geworden, so daß man alles, so viel möglich, stark und dunkel in Farben halten muß. Die Farben, die sich durch das Troknen am wenigsten ändern, das englische Roth, die Ochererde, und das Schwarze, das durchs Feuer gemacht worden, sind hierzu die besten.

Da auch die Farben in Töpfen gemischt werden, und es weit schwerer, als auf der Palette ist, wenn eine Farbe ausgegangen, vollkommen dieselbe Mischung zu bekommen, so thut man wohl, daß man auf einmal so viel Farben anmache, als zu einem ganzen Stück erfodert werden.

Wenn die Farben zugerichtet worden, so verfährt man mit dieser Mahlerey folgendermaßen. Man läßt einmal ein so großes Stück der Mauer bewerfen, als in einem Tage kann gemahlt werden; denn wenn der Mörtel zu trocken ist, so gelingt sie nicht so gut. Und weil sich die Pinselstriche, die man einmal auf der Mauer gemacht, weder auslöschen, noch verbessern laßen, so muß der Mahler, so wol in den zur Zeichnung, als zur Färbung gehörigen Strichen eine große Gewißheit und Sicherheit haben. Man pflegt deswegen zu wichtigen Stücken erst Cartons zu machen, die man an die Mauer hält, um die Zeichnung darnach auf der Mauer anzuzeigen, damit die Hand desto gewisser gehe. Alle Striche müssen mit Freyheit und Geschwindigkeit gezogen werden, weil das, was einmal zaghaft ist, schwerlich kann verbessert werden, denn die Farbe zieht sich sogleich in die Mauer ein. Die verschiedenen Tinten darf man nur neben einander setzen, ohne etwas zu vertreiben. Hat, man ja nöthig, einige Stellen noch einmal zu berühren, um einige dungle Stelle zu verstärken, so muß man so lange warten, bis die erste Farbe etwas trocken geworden. Am besten werden die Schatten und die dunklen Farben durch Schraffirung mit dem Pinsel verstärkt.

Diese Art zu mahlen ist ehedem, ehe man die Oelfarben ausgedacht hat, zur Verzierung der Wände, so wol in den Zimmern, Decken und Gewölben, als auf den Aussenseiten mehr im Gebrauch gewesen, als heut zu Tage, wiewohl sie noch itzo in großen Gebäuden, zu ganz großen Stücken viel gebraucht wird. Die Alten scheinen die Farbenmischung dazu vollkommen verstanden zu haben; denn man trift bisweilen noch Stücke an, die seit vielen Jahrhunderten die frischeste Farbe behalten haben. Die herrlichsten Werke des Raphaels im Vatican sind in dieser Art gemahlt, wiewohl sie jetzo in Absicht auf die Färbung sehr viel verlohren haben; denn zu Raphaels Zeiten verstand man die Ausübung dieser Art zu mahlen noch nicht so gut, als hernach zu der Caracci Zeiten. Hanibals Gemälde in der Gallerie des Farnesischen Pallastes, sind in Ansehung der Ausführung weit schöner, als alles, was vor ihm in dieser Art gemacht worden.

Eine ausführliche Beschreibung dieser Mahlerey giebt Dom Pernetti in der Vorrede zu seinem Diction. portatif de peinture. [Cf. Pernety 1756]


Note

The preceding text is taken from Johann Georg Sulzer’s Allgemeine Theorie der Schönen Künste (1771).