Knoller 1800

Martin Knoller (?), Hinterlassene Blätter von dem berühmter Oel- und Fresko-maler Martin Knoller…, ca. 1800

Quoted from: Joseph Popp, Martin Knoller. Zur Erinnerung an den hundertsten Todestag des Meisters (1725–1804). Ein Beitrag zur Kunstgeschichte des 18. Jahrhunderts, Zeitschrift des Ferdinandeums für Tirol und Vorarlberg 3/48, 1904, pp. 1–139 (123–128).


Hinterlassene Blätter,
von dem berühmter Oel- und Fresko-maler Martin Knoller,
geb. zu Steinach in Triol Haus-Nr. 25; gest. zu Mailand anno 1804

Am Abende meiner Tage, im Herbste meines der Kunst geweihten Lebens, lege ich auf dein Verlangen Hand an die Feder; Du mein theurer Freund, wünschest ja und legtest oft den Wunsch an den Tag, die näheren Elemente jener Kunst kennen zu lernen, welche dem nagenden Zahn der Zeit weniger unterworfen als jede andere Manier, – nach Jahrhundert noch in den Geist der Maler und Künstler versetzt. Nun wird Dein Wunsch erfüllt, der Geist des alten Knoller lebt noch in diesen Blättern, bald liegt er auf dem Kirchhofe vor der Höllendorfer Linie. Vielleicht daß einst nach Jähren die Freskomalerei ganz in Verfall kommt und man dann in diesen Blättern Ihre praktische Regeln und Ihre ursprüngliche Reinheit wiederfindet. – Also: Das erste was ich that war, daß ich den ganzen Raum überstudierte um sowohl wegen Wirkung des Lichtes, und wegen Anbringung des Hauptpunktes, des Gemäldes, als auch wegen nothwendiger Anbringung der Gerüste (das Sach nicht überhudeln) die Gerüste lauter Flaschenzüge, ließ ich hierauf mit größter Sorgfalt aufstellen. Zu diesen wählte ich verständige Leute. Jeden Tag untersuchte ich mit größter Sorgfalt, bevor ich aufging zu malen, ob an den Gerüste alles noch in rechter Ordnung sieh befindet. In Ettal war ich mit ausmalen des Hauptwerkes beschäftigt, während Andere mit malen der Stockidorie Seitengänge sich abgaben, ich muß es schreiben, das jene, wie es gewöhnlich geschieht, mit der größten Eifersucht gegen mich erfüllt waren. Eines Morgens bemerkte ich, das die Seile des Flaschenzuges sehr viele Flecken hatte, ich untersuchte die Sache und fand das sämtliche Seile mif Scheidewasser bestrichen waren, so daß, wen man das Gerüst wie gewöhnlich belastet hätte, ich und Alles hinuntergefallen wäre. Wer dieses verübte kam nie an den Tag. – Meine Vorsicht war doch gerechtfertigt. – Ich ließ die Mauer mit Mörtel verwerfen und zwar mein ganzes vorhabendes Werk; jedoch das Alles gleich ist, es darf aber solcher Mörtel mit viel Steinchen vermischt sein und Haaren, damit die nachfolgende Arbeit desto fester halten werde und solcher Anwurf darf ganz hart werden.

Hernach sah ich meine Zeichnung durch. Schon lange bevor ich etwas anfing hatte ich es auf Papier gezeichnet, und in der nähmlichen Größe wie das Original, oder wen die Sache zu groß ist, verkleinert und mit Gitter versehen, nun schnitt ich von meiner Zeichnung soviel ab, als ich selbigen Tag noch malen konnte, und ließ selbe durch den Maurer mit feinen aus alten Kalk und gewaschenen Flußsand, so fein als möglich bereiteten Mörtel bewerfen, und denselben so fein als möglich ausbreiten, aber nicht größer darf dieses beworfen sein, als ich den selbigen Tag noch malen kan. Nach einer halben Stunde laß ich dieses beworfene mit nassen Kalk vermischt befeuchten, dan schneide ich von meiner Zeichnung das Stück herab, welches ich heute zu malen im Sinne hatte, und trage ebensoviele Gitter auf. Zeichne dann mit einen spitzigen Eisen die Umrisse entweder in das Gitter, freier Hand hinein oder mit den spitzigen Eisen durch das Papier hindurch, bei kleinen Sachen ist es hinlänglich, wenn man mit Kohlenstaub durch ein Lümpchen, die vorher mit Löcher versehene Zeichnung bestaubt. Jetzt geht das malen an: jedoch ist zu merken, das man nicht eher zu malen anfange, als bis man nicht leicht einen Finger darin drücken kan, sonst verschwinden die Farben dermaßen, das man keinen Schimmer mehr daran erblickt. Sollte die Mauer zu rauh und grob sein, so breite man einen Bogen Papier darüber, und klopft mit der Hand das Papier an, so wird die Mauer ganz glatt.

Alle Farben jedoch, die man hiezu braucht, müssen kräftige Erdfarben sein, indem man die anderen als Berlinerblau, Kromgelb, Lacke und wie sie alle heißen nicht brauchen kan, indem der Kalk mit seiner hitzigen Schärfe, schon vor dem malen? gänzlich verzehrt werden. – Die Farben, welche hiezu erfordert werden sind folgende:

Weiße.

Kalkweiß, einen weißgeriebenen Marmor und das Weiße von Eierschallen.

Rothe.

Englischroth, Bergzinnober, armenischer Bolus. Braunroth. Neapelroth. Fleischrother Ocker, gebrantes Ambergergelb und gebranten vermischten Vitriol.

Gelbe.

Neaplergelb, alle Sorten Oker und Satinober, endlich ungebrante Tera di Siena.

Grüne.

Veronesische grüne Erde, mehrere grüne Erdfarben, welche man aus Thüringen und Tirol erhält.

Braune.

Gebrante und ungebrante Umbra, englisch Umbra, gebrante Tera di Siena. Kautikbraun (Kandukbaun?). Kasslebraun und Kölnische Erde.

Schwarze.

Frankfurter schwarz. Beinschwarz, schwarze Kreide, gebrant Pfirsichkerne und gebrantes Elfenbein.

Diese Farben werden zuerst in Wasser gerieben, sodan mit Kalkwasser in ihren Gefäßen ordenlich angemacht. Das Kalkwasser wird zubereitet, indem man alten Kalk im heißen Wasser vergehen läßt. – Das Kalkweiß muß man erst mit Wasser vermischen, dan durchseuchen und sitzen lassen, gießt dann das daraufstehende Wasser ab, dann ist es zum Gebrauche tauglich. – Das Eierschallenweiß, das schönste in dieser Gattung, wird bereitet, indem man die vorher gesäuberten und gewaschenen Eierschallen mit einem Stück ungelöschten Kalk sieden läßt, seicht sie hernach durch, bespüle sie nochmal mit Wasser und reibe sie hernach auf einen Reibstein so fein als immer möglich, das abgeriebene trocknet man in der Sonne und hebt es zum Gebrauche auf.

Der Zinober kan außer au dass Wetter nicht gut gebraucht werden, jedoch innerhalb der Gebäude als Kirchen, Saale läßt er sich auf folgende Art gebrauchen. Ich nehme gemahlenen Bergzinober und thu ihn in ein aus Buxbaumholz bereitetes Geschier und übergieße ihn mit siedendem Kalkwasser, rühre es tüchtig um, laß es stehn, gieße das obere Wasser ab, und wiederhole dieses Verfahren 4–5 mal, so zieht der Zinober den Kalk in sich und verliert so seine Eigenschaft nicht wieder.

Der römische Vittriol in Ofen gebrant, ist eine wunderschöne, rothe Farbe, besonders wen er mit Glühwein abgerieben wird; mit Zinober vermischt ist es so schön wie Karmin.

Das Neapelgelb wird in starken Brantwein abgerieben und dan getrocknet und wie andere Farben benützt. Das Kanduckbraun, ein wunderschönes braun, wird zuerst mit Urin von Knaben abgerieben getrocken und wie andere Farben benützt.

Die Schmälte muß am ersten gemahlt werden, nach ein paar Stunden wieder, weil sie sonst nicht bleiben würde. Kienruß kan man nicht zum Freskomalen gebrauchen, wohl aber Kohlenschwärze.

Zum Freskomalen bedient man sich auch einer Palette von Blech mit Höhlungen versehen, und einen daranhängenden Gefäß, um Kalkwasser darin zu gießen, womit man die Farben verdienen kan wen selbe etwa zu steif sein sollten. Das Malen selbst muß so schnell gehen als nur immer möglich. Die Farben schnell nebeneinander hin setzen und recht in Acht nehmen, da man jeden ängstlich gezogenen Strich schwerlich verbessern kann. Zum Vertreiben bediente ich mich bei feinem Grunde oft meiner Finger, jedoch wo der Grund grob ist, nimt man Porstpinsel, die geschliefen und deren Borsten vor dem Binden in Seifenwasser gesotten werden. Sollte etwas gefehlt haben, so muß man es abschöllen und neu bewerfen lassen. Wen man auf diese Art malt so wird es sehr schön, malt man aber zu frischen Mörtel, so verschwinden die Farben beinahe ganz. Sollte man etwas darin Gold machen, so überfahre jene Stellen die man gelblich Fresko malt, wen alles trocken ist mit Eiweiß, leßt es wieder trocknen und mit Ölgrund betragen.

Das Freskomalen ist die höchste Stufte der Kunst, da andere Manieren oft Jahre dauern dürfen so muß man hier auf geschwinde Art fertig werden. In München sind schöne Malereien von Christof Schwarz, Zimmermann, Zick etc. Von anno 1500 und noch ältere, welche ganz schön sind. Ich habe mehrere Manieren in Freskomalen gebraucht, allein diese ist ohne Zweifel die Beste. Der Bürgersaal in München war von mir auf eine andere Art gemalt, und auch ein Theil von Etal und gewiß nicht so gut halten als wie in meinen lieben Neresheim. Diese Manier lerte ich erst spätter kennen von den berühmten Caraze obwohl er schon 200 Jahre vor mir lebte, so haben doch ich und der berühmte Appiani daraus studiert und diese Manieren geschöpft. Holzer bediente sich der nähmlichen und zwar ohne Zweifel, der erste Freskomaler in Deutschland.

Das Freskomalen ist eine der ältesten Stuffen der Kunst. Und es bedienten sich derselben schon die alten Griechen, indem sie auf den nassen Kalk ihre Wände bemalten. Sie ist dem Ölmalen weit vorzuziehen, indem sich die Farben in den nassen Mörtel hineinziehen und solange dauern als noch eine Spur der Wand da ist. In Rom hat einer in der Stadtmauer einige unterirdische Zimmer entdeckt, welche ganz lebend und frisch aussehen und doch schon in den zweiten Zeiten des Caesars also 24 bis 30 Jahren vor Christi Geburt gemalt worden waren.

Spätter gerieth diese nützliche Kunst ganz in Vergessenheit bis Sie von Cimabue wieder erweckt wurde. Von Raphael Urbino und von Michel Angelo Buonar. etc. finden sich herliche Werke im Vatikan und der Sixtinischen Kappele in Rom welche wunderschön sind, nur in Hinsicht des Colorites leiden selbe beträchtlich von der Witterung, so man zu Raphaels Zeiten sich noch nicht so gut auf die Behandlung des Mörtels und der Mauer verstand als später zu Carazi Zeiten. Dieser Man Anibale Carazi war ein sehr verständiger frommer Man. Er ist der größte Freskomaler der je gelebt hat. Er malte bei den kaum nenenswerten Gehalt von monatlich 10 Gulden brachte er 8 Jahre damit zu, beim Palast des Kardinals Farnese mit seinen wunderschönen Fresken zu schmücken. Er war, da er immer sehr sparsam war, zufrieden mit seinem Gehalt und war so demüthig, das er sich immer durch die Hinderthüre seines Hauses entfernte, wenn ein Kardinal oder vornehmer Herr ihn zu besuchen kam. So ginge es bis im der Kardinal auf anrathen eines Spaniers, das Brod den Wein und die Farben nach dem Abrechnen von seinem Verdienste abzog. So bekam er für eine Arbeit, die gewiß 100,000 Gulden werth war, nicht mehr als 700 fl. Der arme bedauernswürdige Man, der kaum die Augen mehr brauchen konte, da Sie durch das beständige in die Höhe sehen ganz verdreht wurden – wußte vor Schrecken kaum, was er anfangen sollte, er ging nach Hause und wurde schon von dem unerbittlichen Tod der Kunst entrissen in 39 Jahren seines so thätigen Lebens – Verzeihe bei Erinnerung an die Werke dieses berühmten Malers, welche ich selbst so oft sah, denen ich beinah alle meine Kunst verdankte, die so schön sind, als wären selbe erst heute gemalt, mußte ich meinen Gefühlen freien Lauf lassen. Es ist zwar wenig, aber Alles in diesen Blättern, welche selbe nicht genügen, der sage adie Malerkunst und werde ein Eseltreiber.