Zedler – Longolius 1737/XV
Johann Heinrich Zedler – Paul Daniel Longolius (edd.), Grosses vollständiges Universal-Lexicon aller Wissenschafften und Künste, Welche bißhero durch menschlichen Verstand und Witz erfunden und verbessert worden… XV (K), Halle – Leipzig [Johann Heinrich Zedler] 1737.
pp. 104–108
Kalck/ Kalch/ Lateinisch Calx, Griechisch ασβεςυς, Frantzösisch Chaux, Italiänisch Calcina, Spanisch la Cal, ist ein weisse Materie, so aus gebrannten Steinen, wenn sie mit Wasser abgelöschet gezeuget, und zum mauren gebrauchet wird. Es ist zweyerley Kalck, gelöschtet und lebendiger. Dieser ist ein Stein der eine geraume Zeit mit starcken Feuer in denen ausdrücklich hierzu verfertigen Kalck-Oefen ist gebrennet worden. Bevor er aber gebrennet wird, heisset er auf Lateinisch Lapis calcarius, Frantzösich Pierre à chaux, Teutsch Kalck-Stein, und ist harte, dichte und grau. Doch kann man auch aus gewissen Kiesel-Steinen, die in Bächen gefunden werden, Kalch brennen. Es wird aber der Kalck-Stein auf zwyerley Art genommen; der eine bricht in festen Sande, theils Schiefer-Gestein, im Gebürge, der andere aber in ebenen Lande Flötz-Weise, und flachstreichend undter der Erde, als eintzelne Mittel und Feld-Steine, solcher wird bey gefrorner Erde Winters, da er nicht nachfallen kann, gegraben, der taugliche abgesondert, und mit den Gräbern Tonnen Weise verdungen, nachdem in Ofen gesetzet und fast acht Tage gerbrannt, ehe er tüchtig, sodann ihm zu auskühlen zehen biß zwölf Tage Frist gelassen, und währender Zeit, daß ihn nicht die Lufft, der Thau oder Regen von sich selbst löschen möge, mit Brettern bedecket. Und gegen 150. Tonnen Stein 300. Tonnen Kalck, worzu ohne Schmauch-Holtz, etliche zwantzig Klafftern seyn müssen. Eine gewisse Art Marmor, dessen in der Wetterau und Ober-Rhein viel gefunden wird, giebet auch einen vortrefflichen Kalck, der zu mauern und tünchen gut ist: der aus Schiefer-Steinen gebrannt wird, muß alsbald verbraucht werden, sonst verzehret er sich selbst. Die Steine werden in einen darzu erbauten Ofen gebrannt, und wenn sie erkaltet in eigenen Kasten mit darauf gegossenen Wasser, welches davon siedend wird, zerrühret, in grosse Gruben gelassen, und dieselben, wenn der Kalck in Vorrath bleiben soll, mit Sande bedecket. Eine bessere Art den Kalck zu löschen ist, wenn die Steine aus dem Ofen auf einen ebenen Platz bis drey Fuß hoch geschüttet, eben so hoch mit Sande beschüttet, und derselbe mäßig angefeuchtet, auch wo er von dem Dampffe Risse bekommet, wieder zugestrichen wird, so bleiben die Steine gantz und werden weich wie ein Käse. Aus demselben vermischt mit einem gewissen Theile Sandes, nach dem der Sand von Art ist, oder der vorhabende Gebrauch es erfordert, vermenget und durch einander geschlagen, wird der Mörtel bereitet, der denn zum mauern, bewerffen u. d. g. dienet. Wenn der Kalck von selbst in der Lufft löschet, zerfället er in Staub und tauget sodann nicht zu mauern. Wer bey einem Gute einen Kalck- und Ziegel-Ofen, erlanget dadurch einen grossen Vortheil im Bauen. Er muß aber nicht allein besonders darzu berechtiget, sondern auch der Ofen selbst an einem von andern Gebäuden entfernten Orte aufgerichtet seyn, damit dieselben nicht allein wegen der leicht zu befürchteten Feuers-Brunst in keiner Gefahr stehen, sondern auch der stinckende ungesunde Dunst denen Nachbarn nicht beschwerlich seyn möge. Man erkennet, ob der Kalck wohl gebrannt, wenn die Steine mercklich leichter als sie vor dem Brande, weiß und hellklingend sind. Man findet auch Kalck in Gruben, welcher weich wie Letten in viereckige Stücken ausgestochen, und an der Sonne getrocknet wird, biß er hart wird, ehe er kann gebrannt werden. Wo keine Steine zu haben, wird aus See-Schnecken und Muscheln Kalck gebrannt, dergleichen in Holland und Indien geschiehet, er dienet aber nicht zum tünchen an freyer Lufft. Einige bedienen sich des Kalcks Düngung in denen Kraut und Kuchen-Garten, wenn sie andere Düngung entweder gar nicht, oder doch nicht zu rechter Zeit, in welcher man sie nöthig hat, bekommen können; allein es ist solcher weit mehr schädlich als nützlich, indem er zwar die Fruchtbarkeit Anfangs sehr vermehret, aber die Garten-Felder dabey übertreibet, daß sie ihre Kräffte auf einmal verswenden und hernach nichts mehr nütze sind. Nach dem alten Sprüch Worte: Wenn ein Grund mit Kalck gedunget worden, so werden nur alte Leute reich. Von ungelöschtem Kalcke und süssen Quarck kann ein unglaublich fest zusammenhaltender Leim verfertiget werden; so pfleget man ihn auch bey der Zubereitung eines und des andern kalten Küttes zu gebrauchen davon unter den Worte Kütt, ferner nachzuschlagen. Wenn Kalck gebrennet werden soll, werden die Steine fein ordentlich in die Oefen geleget, ein grosses Feuer darunter gemachet, und allzeit gleich erhalten, biß alle steine durch und durch ausgebrannt sind. Die dazu bestellten Leute wissen das Feuer in gleicher Stärcke beständig zu erhalten: denn wenn die Flamme, welche in Anfangs zwischen denen Steinen durchgeschlagen, sollte nachlassen, bevor sie die Arbeit völlig zu Ende gebracht könnten sie die Steine nimmermehr zu Kalck machen, wenn sie gleich hundert mal so viel Holtz verbrennten, als sie sonst ordentlicher Weise darzu brauchen; indem die Löchlein in denen Steinen, welche das hefftige Feuer darein gemachet, so bald die Hitze nachlässet, sich wieder schlüssen, und die Materie dadurch sich dergestalt aufeinander setzen, und unter einander geraten würden, daß die Flamme gar nicht mehr in die Höhe kommen könnte, dieweil sie keinen Raum, als wie zuvor darzwischen finden; Bey dieser Arbeit wird alle Feuchtigkeit durch das Feuer aus dem Kalck ausgetrieben, an deren Stelle aber dringet sich eine Menge feurige Cörperlein hinein, die setzen sich in die gantz enge Löchlein der Materie, und verschlüssen sich darinne als wie in kleine Zellen. Und eben diesen feurigen Cörperlein ist die corrsivische und ätzende Krafft des Kalckes zuzuschreiben, wie nicht weniger das Aufwallen, wenn er ins Wasser geworffen wird. denn wenn alsdenn die Feuchtigkeit in die kleinen Gefängnisse dieser feurigen Cörperlein sich hinein dränget, so zertheilen sie und treiben durch ihre hefftige Bewegung, alle voneinander, was ihnen sich will in Weg legen: Begeben sich auch mit solchem Ungestüm heraus, daß sie das Wasser wallend und gantz siedend heiß machen. Dieses Aufwallen währet auch so lange, biß das sich alle Theile des Kalckes voneinander geben, und die feurigen Cörperlein in vorige Freyheit geraten sind, und keine Gewalt mehr brauchen, heraus zu kommen. Le platre cuit, der Gyps ist gleichergestalt eine Sorte Kalckes: allein weil bey dem Brennen dieses Steins-Löchlein nicht in dem Stande sind, eine solche grosse Menge feuriger Cörperlein zu behalten, als die in dem Kalcke, darum erhitzet er sich auch nicht so sehr, wenn man ihn in das Wasser wirffet. An gewissen Orten findet sich beym Graben in der Erde, ein Natürlicher lebendiger Kalck, oder, welcher durch das unterirrdische Feuer ist gemachet worden. Die Mauer-Steine, Dach-Ziegel, und viele andere Arten, Erde und Steine mehr, welche gebrannt worden sind, werden nicht so gar sehr heiß, weil ihre Löchlein nicht also beschaffen, als wie dieses Steines, daß sie die Theilgen des Feuers in ihnen beschlüssen könnten. Das Bley, das Spieß-Glaß, und mehr andere dergleichen metallische Arten und Materien empfangen bey dem Brande, eine so grosse Menge feuriger Cörperlein, daß sie nicht um ein geringes an Gewicht und Grösse zunehmen. Indessen werden doch alle diese Kalck-Sorten sich weder erhitzen, noch in dem Wasser aufwallen, weil ihre Theilgen ungleich dichter sind, und genauer miteinander verbunden, daher das Wasser nicht so mächtig ist, daß es sie voneinander stossen, oder wanckend machen kann, noch auch sich in die Zellen derer feurigen Cörperlein hinein dringen und diese heraus treiben. Will man aber diese feurige Cörper heraus jagen, so muß man diese Materie ins Feuer setzen und fliesen lassen. Weder der Wein-Geist noch die Oele machen den lebendigen Kalck sieden oder wallen, wenn man ihn darein leget, hingegen verstopffen diese schweffelichte Flüßigkeiten mit ihren zartigten Theilgen die Löchlein in Kalcke, und verwehren, daß die Lufft nicht hinein dringen, noch diese Feuer-Theilgen heraus treiben kann. Es gehet damit schier eben also zu, als wenn man das flüchtige Saltz von Wein-Seife verdecket, damit es nicht verfliessen und verflügen könne. Aus dem Kalcke kann man Saltz nicht ziehen, was man sich auch vor Mühe deswegen giebet, und wenn man noch so behutsam dabey verfähret. Und deswegen sind auch viele nicht der gemeinen Meinung, daß nemlich der lebendige Kalck, vermöge seines Saltzes würckte. Allein man wird ihnen, ausser allen zweiffel einwenden und sagen, wie daß die feurigen Cörperlein, die sich in den Kalck einquartiret haben, ebe so wenig zu erweisen wären, als das Saltz: und wenn man in diesem gebrannten Steine kein Saltz zulassen wolle, so dürffe man auch nicht zugeben, daß sich feurige Cörperlein darinnen befänden, biß selbige sichtbarlich erwiesen würden. Hierauf aber ist zu antworten, daß allhier ein grosse Unterschied befindlich sey: immassen das Saltz eine solche Materie, welche dicke gemachet werden kann, und sich gantz füglich unsern Sinnen entdecket; man kann es sehen, fühlen und schmecken. Hingegen mit denen feurigen Theilgen ist es gantz anderes beschaffen, es sind überaus subtile, dünne Cörperlein die allzusehr in Bewegung sind, daher man sie nicht zu Gesichte bringen kan, noch von denen dichten und groben Dingen unterscheiden: sie müssen bloß und nur allein aus ihren Würckungen erkannt werden. In Fall man auch vermögen seyn sollte ein Mittel zu ersinnen, daß sie sonderlich verdickern oder dicke machen könnte, so würden sie keine Feuer-Cörper mehr seyn, dieweil sie die Bewegung verlohren hätten, die doch unwidersprechlich zu ihrer Natur und Wesen gehöret. Ingleichen kann man denjenigen Gedancken nicht beypflichten, welche ein acidum uns saures Wesen in dem Kalcke haben wollen; welches, wann es durch das darauf geschüttete Wasser zertheilet worden, und auf das alcali träffe, dergleichen Jähren nebst der Hitze erreget würde, gleichwie wir sehen, das geschiehet, wenn das Wasser auf den Kalck geschüttet wird. Wie sollte doch wohl ein solches saures Wesen in dem Steine unzerrüttet geblieben seyn, da es so hefftig ist gebrennet, und aller Vermutung nach zu lauter alcali gemachet worden? Vielmehr stehet zu glauben, wo ja dergleichen etwas saures zu der natürlichen Zusammen-Ordnung oder Composition des Steines daraus der Kalck gemacht wird, gekommen seyn sollte; daß solche Säure seine Natur verändert, und seine Spitzen zerbrochen und abgestossen habe, nicht alleine, da es sich mit der Erde, als es zum Steine geworden, auf das genauste vereinbaret, sondern auch bey dem so hefftigen Brande, den de Stein auszustehen hat, wenn er zu Kalck gemacht werden soll. Wird der lebendige Kalck mit etwas sauren vermischet, so fermentiret er weit schneller und hefftiger, als wie ein Wasser: den weil er eine alkalische Materie ist, und die Spitze derer sauren Dinge in gar grosse Bewegung sind, so bringen sie mit grösserer Macht hinein, werffen die Theile alsofort gantz ungestümmlich von einander, und schaffen denen feurigen Cörperlein einen freyen Ausgang, die alsdenn mit grosser Behendigkeit heraus zu fahren pflegen. Der Kalck ist etwas corosivisch, ätzend, oder zerfressend, denn er verzehret das wilde Fleisch, er wird in Wasser gelöschet und zerlasen, darnach wird das Wasser abgeseiget: und das is hernach das Kalck-Wasser, Frantzösich Lau de chaux, Lat. aqua calcis vivæ. Er einiget und is sonst gut zu Wunden äusserlich gabrauchet. Ausser welchem Gebrauch noch einige das Kalck-Wasser äusserlich wider die Schmertzen und Wassersucht rühmen.
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Kalck-brennen/ bestehet eigentlich darinne, daß Kalckbrenner eine Oval- oder ablängliche Grube machet, nach Proportion und Quantität derer Steine, so er zu brennen gesonnen ist, und zwar theils Orten gemeiniglich 6. Ellen tief, und 3. Ellen breit, darein werden die Steine, so man zu Kalck brenne will, fest aufeinander geschichtet, daß sie nicht leichtlich zerfallen können, und zugleich brennen, zu solchem Ende werden sie mit Leimen beworffen, verkleibet und beschlagen, sodann Feuer darunter geschieret, und selbiges 7. 8. und mehr Tage lang in stetter Flamme unterhalten, nach Beschaffenheit derer Steine, des Holtzes, und des Wetters, so lange bis die Steine allenthalben so wohl aus- als innwendig glühen, und kein Rauch oder Dampf von selbigen mehr gespühret wird.
