Nicolai 1797

Christoph Fridrich Nicolai, Briefe, in: Christian Ludwig Hagedorn, Briefe über die Kunst von und an Christian Ludwig von Hagedorn, Leipzig [Weidmannische Buchhandlung] 1797, pp. 223–275.


XV. Briefe von Frid. Nicolai.

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pp. 263–264

Siebenter Brief.

Leipzig den 12ten October 1764.

Zu Ihrem neuen Amte wünsche ich Ihnen, aber noch mehr den schönen Künsten selbst, Glück. Wollte Gott, dass wir in Berlin einen so würdigen Beförderer der schönen Künste hätten! Es ist bey uns alles, ich möchte beinahe sagen, in der Barbarey. Der König liebt jetzt die Mahlerey sehr, und bringt täglich wenigstens vier Stunden in seiner neuen Gallerie zu. Unter uns; er hat aus Dresden den Geschmack an Correggio und Rubens mitgebracht, und hat die Meister, welche er sonst für alles hielt, nunmehr nach ihrem wahren Werthe schätzen gelernt. Der Marquis d’Argens hat etwas dazu beigetragen, der seit der Zeit, da er seine Parallèle des Ecoles geschrieben, seine Meinungen ziemlich muss geändert haben. Doch was hilft alles, da der K. für die inländischen Künstler gar nichts thut?

Guilielmi hat sich angeboten, den Platfond im Prinz Heinrichschen Pallast zu mahlen. Er fodert 14 000 Ducaten, und war so billig, das Werk endlich für 2000 Ducaten zu machen. Sie haben ihn in Ihren Eclaircissemens vortreflich in zwey Worten geschildert. In seinem Werke (das wohl 80 Fuss lang und a prop. breit ist) herrscht lauter wildes Feuer, ohne Ueberlegung und ächtes Denken. Winckelmann würde sagen, das ganze Werk wäre abscheulich; das will ich aber auch nicht sagen. Er hat ein männliches vortrefliches Colorit, das ich Unwissender wenigstens noch in Fresco nicht so schön gesehen. Er zeichnet mit Leichtigkeit und Feuer, ob allezeit richtig, zweifle ich, und in die idealische Schönheit sind seine Formen auch nicht gegossen. Die Idee seines Werks ist elend. Es stellt eine Götterversammlung vor; aber was die Götter zusammen wollen, ist schwer zu sagen. Es möchte scheinen, sie kämen dem Mahler zu Liebe, weil sie sich ohne sichtbare Ursache so ordentlich in Gruppen eingetheilt haben; aber die grosse Bewegung, in welcher sich alle Gesichter und Muskeln befinden, macht mich glauben, dass sie sich schlagen wollen, oder voll süssen Weines sind. An der einen Gruppe capriolirt der weisse Pegasus so unbescheiden, dass fast durchaus einer von den Göttern eine Beule an den Kopf bekommen muss. Ein guter Freund wollte diess mit dem zweiten, dritten Grunde vertheidigen; aber mein Bischen Luftperspectiv will nicht ja dazu sagen. Hr. G. verachtet übrigens alle deutschen Künstler aufs äusserste; er redet vom Mengs als einem dummen Jungen, und lächelt, dass so ein Mensch, als Rode, mahlen will.