Pernety 1764

[Antoine-Joseph Pernety], Des Herrn Pernety Handlexikon der Bildenden Künste, worinnen alles, was beym Zeichnen, Malen, Bildhauen, Kupferstechen, Stein- Metall- und Formenschneiden, Aetzen und Gießen, üblich ist, erkläret wird. Nebst einer practischen Abhandlung von den verschiedenen Arten zu malen, Berlin [Christina Friedrich Voß] 1764.


pp. 35–41

Von der Malerey auf frischem Kalk.

Unter allen Arten von Malereyen, welche heut zu Tage üblich sind, kann ein vortrefflicher Künstler in der Malerey auf frischen Kalk, seine größte Geschicklichkeit anbringen und seinem Werke die größte Stärke geben; allein, um hierinnen etwas rechtschaffenes zu leisten, muß er ein guter Zeichner seyn, eine große Uebung und besondere Kenntniß seines Werks, so er vor sich hat, haben; sonst würde seine Arbeit armselig, frostig und unangenehm ausfallen, weil sich die Farben nicht so leicht, wie im Oel, vereinigen, und zusammen wirken.

Diese Arbeit wird auf Gewölber und Mauern gemacht, so mit Mörtel von Kalk und Sand bekleidet sind. Ein Maler, der nur ein wenig für seine Gesundheit besorgt ist, wird sich nicht eher an die Arbeit machen, bevor nicht der erste und grobe Anwurf recht trocken ist: denn außer der Feuchtigkeit des Bewurfs ist auch der Geruch vom frischen Kalke dem Kopf und der Brust sehr schädlich.

Dieser erste Anwurf, welcher aus gutem Kalk und Kütt von gestoßenen Ziegelsteinen gemacht werden könnte, wird gemeiniglich von groben Flußsand und gutem Kalk gemacht. Ehe man ihn aufträgt, muß man in die Steine, wenn sie nicht so porös und durchlöchert als sonst viele Bruchsteine sind, gewisse schräge Löcher von allerhand Art meiseln, damit die Tünchung desto besser eingreife, und nicht abfalle. Ist die Mauer von Ziegelsteinen, nimmt sie den Mörtel vor sich selbst schon an. Dieser erste Anwurf muß wohl zu gerichtet, aber sehr rauh seyn, damit der zweyte desto besser fasse und sich mit dem ersten völlig vereinige.

Ehe man das zweytemal bewirft, feuchtet man den ersten Auftrag an, um ihn zur Aufnahme des zweeten geschickt zu machen. Zum zweeten Anwurf nimmt man Kalk, welcher seit einem Jahr, oder wenigstens seit sechs Monaten gelöscht worden, weil man aus der Erfahrung weiß, daß der Anwurf von diesem Kalke nicht aufspringt. Man braucht hierzu Flußsand, der weder zu grob noch zu klar seyn muß. In Italien, und besoders in Rom, braucht man Pozzelane, eine Art Sand, welche bey Grabung der Brunnen aus der Erde gebracht wird; weil aber die Körner desselben ungleich sind, ist es auch schwer, davon einen guten Anwurf zu machen.

Aber, weil dieser zweyte Anwurf sehr leicht seyn soll, und man auf demselben nur naß malen kann; muß man einen geschickten Maurer haben, der ihn gehörig gleich mache, und nur so viel auf einmal verfertigen, als man in einem Tage bemalen kann.

Sobald er etwas fest geworden, und man mit der Kelle, oder auf eine andre Art alle kleine Ungleichheiten weggenommen hat; untersucht man, ob er hart genug ist, und ob er nachgiebt,  wenn man ihn mit dem Finger ein wenig drückt; nach diesem legt man seinen Karton, oder auf grob Papier gemachte Zeichnung an, und fähret mit einem Stifte über den Umriß des Papiers, dergestalt, daß alle eingedrückte Umrisse, wenn man den Karton wegnimmt, auf dem Anwurf deutlich und sichtbar sind. Wenn man kleine Sachen al Fresco, oder auf frischen Gypsgrund, malen will, hat man eine durchstochene Zeichnung (Bausche), welche man auf den Grund legt und durchstaubet. Man könnte es auch auf Mauern so machen. Wenn der Umriß auf diese Art gemacht ist, malet man darauf. Man siehet aus dieser Praktik, daß die Zeichnung auf dem Karton oder auf der Bausche eben so groß seyn muß, als man sie malen will.

Man bedient sich der Borsten und anderer Pinsel von steifen langen und spitzigen Haaren, allein, man muß sich hüten, auf dem Grunde des nassen Mörtels nicht zu viel zu arbeiten. Man kann auch eckichte oder stumpfe Borstenpinsel beym Gründen brauchen, doch müssen ihre Haare allemal lang seyn.

Ehe man zu malen anfängt, muß man alle Tinten in irdenen Gefäßen zubereiten, und sie versuchen, indem man sie auf Platten von Gyps oder Kalk, oder auch Ziegelsteine, welche die Feuchtigkeit gleich an sich ziehen, (eben so, wie in der Wassermalerey,) trocknen lässet: denn das Wassermalen hat viel Aehnlichkeit mit dem Freskomalen: ausgenommen, daß bey diesem der Grund Kalk ist, und daß man nur in bloßem Wasser aufgelösete Farben hierzu braucht.

Alle Farben, welche nicht Erden sind, taugen zu dieser Art von Malerey nicht. Sie schließt alle Säffte und Mineralfarben aus, weil das Salz des Kalks sie verändern würde. Auch müssen diese Erden, wenn es möglich ist, von trockner Natur, oder gestoßene Steine und Marmor seyn; so würden sie eine Art von kolorirten Mörtel geben.

Die Farben, welche man braucht, sind das Weiße welches aus Kalk besteht, der seit einem Jahr oder wenigstens seit sechs Monaten gelöscht worden. Man löset ihn in reinem Wasser auf, man läßt ihn durch ein dichtes Sieb laufen, und am Boden eines Gefäßes setzen, das obenstehende Wasser wird abgeseigt, und man verwahret den Satz wider den Staub.

Das Eyerschaalenweiß ist auch zum Wassermalen, zur Miniatur und zum Pastell gut: Um es recht schön weiß zu machen, pülvert und kocht man es mit ein wenig Kalk: man schaumet das Wasser wohl ab, und gießt nach diesem alles in rein und klares Wasser. Wenn das in diesem wohl gewaschen worden, tränkt und wäscht man es immer wieder mit frischem Wasser, bis es endlich völlig rein ist. Man reibt es nach diesem auf einem Porphyr, und macht einen Teig in kleinen Stückchen daraus, welche man zur Arbeit aufhebt; allein, man muß sie nicht verschlossen halten, wenn sie trocken worden sind, sonst würden sie vermodern, und den abscheulichsten Gestank von sich geben.

Der feine weiße Marmorstaub wird mit Kalkweiß vermischt, um ihm mehr Körper zu geben. Die Erfahrung lehret die Proportion der Vermischung. Einige nehmen von beyden gleich viel, manchmal ist auch ein Viertheil Marmorstaub genug; ist allzu viel Marmorstaub dabey, so wird das Weiß schmutzig. Die gute Wirkung des Weisses hanget von der Beschaffenheit des Kalkes ab. Ueberhaupt halten sich die Freskofarben besser zu Paris als in Languedok und in Italien, vielleicht weil die Hitze in Paris nicht so groß, oder der Kalk nicht so korrosivisch, und folglich dazu tauglicher ist.

Der Oker, Italienische Erde, Masikot, dessen Gebrauch doch nicht allzu sicher ist; das Neapolitanische Gelb; doch giebt der Oker das schönste gelb. Wenn man ihn hell machen will, versetzt man ihn mit Kalkweiß.

Der Zinnober, ein Minerale, ist dennoch zu Gewändern brauchbar, man muß ihn aber auf folgende Art zu bereiten: Thuet feinen Zinnober in ein irdenes Gefäße und gießet Kalkwasser, das noch vom Aufsieden des ungelöschten Kalks heiß ist, darüber. Nehmet das Klärste und Reinste davon. Säuget nach diesem dieses Kalkwasser ab, ohne den Zinnober aufzurühren, und gießet noch verschiedenemal dergleichen Wasser darauf, nachdem ihr iedesmal das erstere abgegossen habet.

Der Römische Vitriol kalzinirt, ist nach des Pozzo Meynung eine gute Farbe zum Freskomalen. Man bereitet ihn in Brandwein zu, wodurch er eine Purpurfarbe bekommt.

Das Englische Braunroth, die rothe Kreide, Umbra natürlich und gebrannt, rother und gebrannter Oker.

Smalt und Lasurblau gepülvert, bestehen recht wohl an der Luft und im Regen; diese Farben sind besonders in Landschaften gut: man muß sie auftragen, so lange der Anwurf noch ganz frisch ist.

Das Ultramarin ist vortrefflich.

Die grüne Erde von Verona, ist eine der besten Freskofarben, es giebt noch eine gemeine grüne Erde, welche aber bey weiten nicht so gut ist.

Berggrün.

Grüne Asche taugt nicht viel.

Köllnische Erde, die Venezianische, Römische, und deutsche schwarze Erde, Schwarz aus Weinheefen, Kohlenschwarz, gebrannten Pfirschkernen.

Hat man einige große Stücken in einem Tage zu malen, und wird hierzu eine große Quantität von einer Tinte erfordert, muß man deren so viel zu bereiten, als man braucht; weil es schwer seyn würde, eine zwote zu machen, die mit der ersten völlig die nämliche wäre.

Die Farben, welche im trocknen am wenigsten leichten, sind das Dunkelroth und das Englische Braunroth, der dunkele Oker, und die Schwarzen, besonders aber die durchs Feuer gegangenen Farben.

Man betrachtet zu Anfang, wie groß ungefähr die die Fläche ist, welche man bemalen kann, so lange der Anwurf, den man mit der Kelle auftragen läßt, noch frisch ist; man trägt nach diesem die Farben hurtig und mit einer großen Flüchtigkeit der Hand auf. Außer den Näpchen mit Farben, kann man noch eine blecherne Paletten haben, mit ziemlich erhabenem Rande, und in der Mitte ein kleines Gefäß mit frischem Wasser, um die Farben und Tinten, welche man machen will, aufzulösen. Gemeiniglich verliehren die Tinten ihren Glanz, wenn sie auf den Kalkgrund kommen; wenn man ihnen also mehr Leben und Stärke geben wollte, so kann es nicht anders geschehen, als wenn man mit dem Borstpinsel skravirt oder punktirt, wie beym Zeichnen. Ob aber gleich dergleichen Arbeiten mehrentheils nur keck und tockirt gemalt werden, so werden sie dennoch vertrieben und zärtlich genug erscheinen, wenn die Tinten nahe neben einander stehen; und besonders in einer genugsamen Entfernung.

Will man einen Ort retuschiren, um ihm mehr Stärke zu geben, muß man die erste Farbe recht trocknen lassen; sonst würden die retuschirten Stellen Flecke geben.

Die Retuschirung muß nur in dem Schatten gemacht werden; man bedient sich hierzu einer dunkeln Farbe von eben der Natur als diejenige, welche retuschirt wird, und einige tragen sie in diesem Fall in bloßem Wasser auf. In Italien mischt man Feigenmilch darunter, doch nur in Werken, welche dem Regen nicht ausgesetzt sind. Man könnte auch die rothen Farben mit schönem Röthel trocken, (durch wischen, wie im Zeichnen,) retuschiren.

Wollte man im Fresko vergulden, kann man eben so, wie ich beym Wassermalen angezeigt habe, verfahren, und der Manier folgen, welche beym Oelmalen mit Goldfarbe gebrauchlich ist.

Italien, und Rom unter andern Städten, zeigen neugierigen Augen verschiedene Werke von dieser Art Malerey aus den Zeiten der alten Römer, welche sich wohl erhalten haben; ob sie gleich viele Jahrhunderte hindurch unter dem Schutt alter Gebäude, und unter der Erde gelegen haben.