Wagner 1850
Rudolf Wagner, Die chemische Technologie faßlich dargestellt nach dem neuesten Standpunkte des Gewerbewesens und der Wissenschaft zum Schulgebrauche und Selbstunterrichte namentlich für Kameralisten, Gewerbe- und Realschüler, Leipzig [Otto Wigand] 1850.
pp. 41–50 (41–43)
Schwefelsäurefabrikation.
Schwefelsäure.
Die Schwefelsäure nebo das Vitriolöl (SO₃) findet nur mit Wasser verbunden als Hydrat Anwendung in den Gewerben. Man unterscheidet Nordhäuser und englischeSchwefelsäure, erstere stellt man aus schwefelsaurem Eisenoxydul durch Destillation, letztere aus der schwefligen Säure dar, indem man zu derselben ein Aequivalent Sauerstoff auf die Weise setzt, daß man sie mit Körpern, die leicht ihren Sauerstoff abgeben, zusammenbringt.
Nordhäuser Schwefelsäure.
Die Nordhäuser Schwefelsäure oder das rauchende Vitriolöl stellt man in Böhmen gewöhnlich aus den Schwefelbränden, die bei der Destillation des Tropfschwefels zurückbleiben, dar. Man läßt dieselben verittern, zieht die oxydirte Masse mit Wasser aus, läßt die Eisenvitriollösung (schwefelsaures Eisenoxydul FeO, SO3 + 7 HO) enthaltende Lösung zur Trockne verdampfen und erhitzt den Rückstand stark. In den Eisenvitriolfabriken benutzt man die eingedampfte Mutterlauge zur Schwefelsäurefabrikation.
Die Einrichtung der zur Zersetzung des Eisenvitriol dienenden Oefen ist aus beistehender Zeichnung (Fig. 20) ersichtlich. In einem Galeerenofen erhitzt die Feuerung d zwei Reihen von Zersetzungsgefäßen a a, deren Hälse so eingemauert sind, daß die Mündungen der Vorlagen b b bequem in dieselben eingeführt und verkittet werden können; c ist ein Entwässerungsraum (die Darre) für den Vitriol. Wenn die Retorten gefüllt worden sind, fängt man an zu erhitzen; die zuerst übergehende schweflige Säure enthaltende wasserhaltige Schwefelsäure wird nicht aufgefangen. Beginnen aber weiße Nebel von wasserfreier Schwefelsäure sich zu zeigen, so legt man die Vorlagen, welche ungefähr 2 Loth Wasser enthalten, vor und beginnt die Destillation. Nach 36–48 Stunden ist dieselbe vollendet. Die Retorten werden von Neuem gefüllt und bei beginnender Destillation dieselben Vorlagen mit der schon übergegangenen Säure abermals vorgelegt. Nach viermaligem Abtreiben hat das Vitriolöl die gehörige Concentration. Der in den Retorten zurückbleibende braune Rückstand besteht aus Eisenoxyd und ist das Colcothar oder das Caput mortuum vitrioli, eine unter dem Namen englisches Roth bekannte Anstrichfarbe.

Eigenschaften und Theorie der Gewinnung des Vitriolöls.
Das rauchende Vitriolöl ist eine ölartige Flüssigkeit von gelblicher oder brauner Farbe und schwachem stechenden Geruche. Sie ist ein veränderliches Gemenge von wasserfreier Schwefelsäure, dem ersten Hydrate (2 SO3 + HO) und dem zweiten (SO3 + HO). An der Luft stößt sie weiße Dämpfe aus. Ihr spec. Gewicht ist 1,9. — Ihre Entstehung beruht auf der großen Verwandtschaft des Eisenoxyduls zum Sauerstoff; indem der Eisenvitriol an der Luft liegt oder durch Trocknen entwässert wird, bildet sich basisch schwefelsaures Eisenoxyd, das bei der Destillation seine Säure leicht abgiebt. Glüht man aber wasserfreien Eisenvitriol (FeO, SO3), wie es in den meisten Vitriolölfabriken geschicht, so bildet sich auf Kosten eines Theils der Schwefelsäure Eisenoxyd und es entweicht schweflige Säure, während das zurückbleibende basisch schwefelsaure Eisenoxyd bei höherer Temperatur zersetzt wird (2 FeO, SO3 = Fe2O3, SO3 + SO2). — In Frankreich stellt man jetzt rauchende Schwefelsäure durch Destillation des zweifach schwefelsauren Natrons dar. Die rauchende Schwefelsäure wird besonders in der Färberei zum Auflösen des Indigos gebraucht; vier Theile dieser Säure sind zum Auflösen von einem Theil Indigo hinreichend, während von der englischen Schwefelsäure acht Theile erforderlich sind.
Englische Schwefelsäure.
Die englische oder die gewöhnliche Schwefelsäure wird dargestellt, indem schweflige Säure, eine oder mehrere Oxydationsstufen des Stickstoffs, ausgenommen das Stickstoffoxydul, atmosphärische Luft und eine hinlängliche Menge Wasser in geeigneten Räumen in Berührung kommen.
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