Vom Fresko-Mahlen 1792

Vom Fresko-Mahlen, in: Gottfried Huth (ed.), Allgemeines Magazin für bürgerlische Baukunst II/1, Weimar [Carl Ludolph Hoffmanns Wittwe und Erben] 1792, pp. 100–108.


Vom Fresko-Mahlen.

Es giebt zweyerley Arten auf Kalk zu mahlen: das Fresko-Mahlen, und das Trockenmahlen.

Das Trockenmahlen geschiehet auf Mauern, die vorher mit einem nicht allzudünnen Gips beworfen sind; wenn dieser getrocknet ist, kann man mit allen Arten von Farben in Oel und Wasser darauf mahlen. Bey alten Mauern hat man nur die Vorsicht zu beobachten, daß man die alte Weiße zuvor abkratzen und die Mauer mit frischer Tünche überziehen lässet, weil sonst Mahlerey und Tünche zugleich abspringen würde.

Das Fresko-Mahlen geschiehet hingegen auf einer frisch mit Mörtel überworfenen Mauer. Die Farben ziehen sich in den nassen Mörtel ein; und dadurch wird die Mahlerey ungleich dauerhafter als die auf trockenem Gips. Ein Künstler kann in dieser Art von Mahlerey seine größte Geschicklichkeit zeigen; um aber auch was recht gutes zu liefern, muß er schon viel Uebung und recht gute Kenntniß des zu verfertigenden Werkes haben: denn, weil die Farben hier sich nicht so leicht, wie im Oele, vereinigen und zusammen wirken, so wird die Arbeit leicht frostig und unangenehm. Mühsam ist die Arbeit, weil der Mahler mit dem Kopfe über sich, auf Gerüsten, im im feuchten Kalkdunst, und sehr eilfertig auf dem Kalk der Decken zu arbeiten genöthigt ist. Italien hat die größten Künstler in dieser Mahlerey gehabt.

Bevor die Arbeit vorgenommen wird, hat der Mahler für seine Gesundheit folgendes vorher zu sehen: erstlich, daß er das Gerüste sorgfältig untersuche, damit er sich demselben ohne Gefahr anvertrauen kann; und zweytens, daß er die Arbeit nicht sogleich nach dem Bewurf der Mauer mit Kalk vornehme, auch immer für gehörigen Luftzug in dem Zimmer sorge, damit ihm die feuchten Kalkdunste nicht schädlich werden.

Wenn die Mauer wohl ausgetrocknet ist, wird sie angefeuchtet und mit einem dünnen Kalkmörtel aus groben Flussand und gutem Kalke beworfen. Ist die Mauer nicht von gebrannten oder solchen Steinen, an denen der Mörtel leicht haftet, so muß man vorher in die Steine schräge Löcher allerhand Art meißeln. Dieser erste Anwurf muß wohl zugerichtet, aber rauch seyn, damit der zweyte desto besser auf ihm hafte. Ehe die Mauer zum zweytenmal beworfen wird, läst man den ersten Anwurf gehörig trocknen; dann befeuchtet man diesen auf seiner Oberfläche und macht den zweyten Bewurf mit einem Mörtel von, weder zu grobem noch zu feinem, Flußsand, und solchem Kalke, welcher vor einem, oder wenigstens einem halben Jahre, gelöscht worden, weil man aus Erfahrung weiß, daß von solchem Kalke der Anwurf keine Risse bekommt. Weil aber dieser zweyte Anwurf sehr leicht seyn soll und man auf demselben nur naß mahlen kann, so muß man ihn durch einen geschickten Maurer machen lassen, der ihn gehörig gleich und dünne aufträgt, auch muß man mehr auf einmal verfertigen lassen, als man in einem Tage bemahlen kann, weil die Arbeit, sobald der Mörtel trocken wird, nicht mehr von Statten gehet. Doch darf er auch nicht ganz naß, sondern muß schon etwas abgetrocknet seyn, weil sonst die Mahlerey zu sehr in den Kalk hineinfließet. Um diesem Mörtel das Rauhe und Unebene zu benehmen, wird er vorher abgekornt, oder graniret. Dies geschiehet, indem man erstens mit einem starken Pinsel die kleinen hervorragenden Sandkörner wegnimmt, und sodann einen Bogen Papier auflegt, diesen mit der Mauerkelle gelinde andrücket und streichet, und so von einer Stelle zur andern fortfähret.

Bey dem Mahlen bedient man sich der Borsten- und anderer Pinsel von steifen, langen und spitzigen Haaren; man muß sich aber hüten, auf dem Grunde des nassen Mörtels zu viel zu arbeiten.

Alle Farben werden vorher, von jeder so viel als das ganze Werk erfordert, auf einmal mit Wasser fein zerrieben: denn es ist schwer, wenn eine Farbe während der Arbeit ausgegangen ist, dieselbe Mischung wieder zu treffen. Müssen während der Arbeit noch einige Farben gemischt werden, so bedienet man sich dazu einer kupfernen, oder aus verzinntem Bleche bestehenden, Palette mit einem Rande, auf welchen ein kleines Gefäß mit Wasser zum Verdünnen befestigt werden kann.

Die Arbeit fängt man am sichersten von oben an und lässt unter sich hinabtünchen. Der Kalk muß, ehe man zu mahlen anfängt, keinem Fingerdruck mehr nachgeben. Bey Auftragung der Farben wird viel Geschwindigkeit und Gewißheit erfordert; jeder Strich muß so bleiben, wie er ist, und jede Farbe muß sogleich so aufgetragen werden, wie sie bleiben soll: denn das mehrmalige Ueberfahren mit frischer Farbe ist Sudeley, die dem Gemählde Schönheit und Dauer benimmt. Die ersten Farben verlieren zwar zuweilen auf der nassen Tünche ihre Kraft und Schönheit; man überfährt sie aber von einem Fleck zum andern sogleich wieder mit ebenderselben Farbe; ehe man aber eine neue Lage giebt, muß so lange gewartet werden, bis die alte Farbe erst recht trocken geworden. Frische Tünche macht ein Gemählde lebendig und dauerhafter; weil aber der Kalk vornähmlich die Schatten ein wenig verbleichet, so muß man diese Farbenblässe durch Pastellfarben, oder durch Pinselchen, die man mit eben der Farbe mäßig eingerieben hat, überfahren. Die verschiedenen Dinten setzet man nur nebeneinander, ohne etwas zu vertreiben. Sind Vertiefungen, oder Erhöhungen, nöthig, so lässet man die erste Farbe etwas abtrocknen und erhöhet oder vertiefet die Farbe mit dem Pinsel blos durch Schroffirung [!], wie eben vorhin angezeigt worden.

Weil nun auf dem nassen Kalke sich nichts ändern oder verwischen lässet, so müssen alle Striche sogleich richtig fest gemacht werden. Um hierbey desto gewisser und sicherer zu gehen, bedienet man sich der Kartons oder großer Zeichnungen, die von eben der Größe sind, wie das Gemählde werden soll und mit allen ihren Theilen zwar flüchtig doch völlig ausgefähret sind. Diese Kartons werden an die Wand befestigt und die Zeichnung darnach verfertigt, auch die Farben nach ihnen aufgetragen.

Sollten aber irgend einer Ursache wegen die Kartons nicht anzubringen seyn, so muß man sich des Mittels der Vergitterung bedienen, d. i., seine Zeichnung in Quadrate theilen und diese Quadrate auf die Wand übertragen und dann ein Quadrat nach dem andern bemahlen. Sollte bey Endigung des Tages noch etwas von dem übertünchten Stück übrig bleiben, so muß dieses abgehauen und den folgenden Tag wieder frisch beworfen werden.

Um sich bey Aufreissung der Zeichnung nach dem Karton das verdrüßliche Ueberfahren zu ersparen; so kann man alle Linien und Umrisse mit Nadeln durchstechen und dann mit einem Beutelchen voll fein gepülverten Kohlenstaub überfahren, wodurch man die verlangten Umrisse auf den Kalk bekommt, welche dann leicht mit freyer Hand auszufuhren sind.

Sollte indessen bey aller Vorsicht und angewandten Geschicklichkeit ein Gemählde dennoch in Zeichnung und Kolorit mißlingen, so ist kein anderer Rath, als dasselbe ganz abzuschaben, die Stelle mit frischem Mörtel zu überziehen und so das Gemählde ganz wieder aufs neue zu bearbeiten.

Bey Mischung der Farben hat man wohl zu überlegen, daß sie alle beym Trocknen heller und matter werden; sie müssen daher dunkler gemischt und stark und dunkel aufgetragen werden.

Was die zu dieser Art der Mahlerey anzuwendenden Farben betrifft, so taugen dazu keine andern als erdigte, weil andere von dem zerstöhrenden Kalksalze verändert werden würden. Auch müssen die Erden, wo möglich, von trockener Natur, oder gestoßene Steine und Marmor, seyn, weil sie sodann eine Art von gefärbten Mörtel geben. Folgende sind zu dieser Mahlerey schickliche Farben:

1) Weiß, von Kalk gemacht. Man löscht Kalk mit Wasser ab und läßt ihn ein halbes Jahr lang stehen. Dann ist er zu allen Mischungen tauglich, insbesondere Fleisch und Kleider auszudrücken.

2) Weiß, von Eyerschaalen. Dieses ist ein vortreffliches Weiß, welches zu allem, nicht blos zu Mischungen, sondern auch zu Erhähungen, gebraucht werden kann. Man zerstößt die Eyerschaalen und wäschet das Pulver so lange, bis das davon abgeschüttete Wasser gang rein ist. Hierauf vermischt man diesen Teich mit einem Stück ungelöschten Kalkes und zerreibet die Masse auf einem Reibsteine so fein als möglich. Noch besser geräth dieses Weiß, wenn man die gestoßenen Schaalen vorher in einem wohlverwahrten Gefäß ausglühen lässet, wodurch man zugleich den unleidlichen Gestank vermeidet, den sie sonst von sich geben.

3) Weiß, von Ligustischen Marmor. Dieser Marmor wird zu Pulver zerstoßen, mit Kalk vermischt, und mit Wasser abgerieben.

4) Zinnober. Wenn der Zinnober nicht von dem Kalke verändert werden soll, muß er auf folgende Weise zubereitet werden: Man nimmt gestoßenen reinen Zinnober, thut ihn in ein Geschirr und gießt Wasser darüber, in welchem vorher lebendiger Kalk abgelöschet worden. Doch muß das Wasser klar und hell seyn. Dieses gießt man nach einiger Zeit wieder ab und an dessen Statt frisches auf. Je öfter man dieses Aufs und Adgießen wiederholet, desto mehr nimmt der Zinnober die Eigenschaften des Kalkes an, so daß er sich auf dem Gemählde mit demselben verträgt.

5) Gebrannter Vitriol. Man brennet den römischen Vitriol im Ofen und vermischt ihn mit Branntwein. Er giebt eine schone Purpurfarbe, besonders wenn man damit untermahlet und er dann mit Zinnober Überfahren wird.

6) Englisches Roth, fällt etwas mehr ins Braune.

7) Bergröthe. Ist, wie das vorige, sehr dauerhaft.

8) Gebrannter Ocker oder Erdgelb, fällt etwas ins bleiche oder gelbliche, ist aber zur Fleischfarbe unentbehrlich.

9) Gewöhnlicher Ocker oder Erdgelb, deren man helle und dunkele, sogar braune hat.

10) Ofengelb oder Neapolitanischgelb. Eine schöne gelbe Farbe unentbehrlich zur Karnazion von Weisbern, jungen Leuten und Kindern; da hingegen der Ocker zur Fleischfarbe der Männer und alter Leute genommen wird.

11) Erdgrün, ist die einzige auf Kalk brauchbare grüne Farbe. Alle andere Arten verschießen, und nur diese ist dauerhaft. Das Veronesische ist das Beste.

12) Braunschweiger Grün. Eine sehr schöne grüne Farbe, deren Bereitung aber noch nicht alt genug ist, um mit Gewißheit zu wissen, ob es auch nach langer Zeit nicht verschießet. Sonst ist es sehr gut zu gebrauchen und hat bis jetzt einige Jahre recht gut ausgedauert.

13) Erdschwärze, Umbra. Man hat deren sehr verschiedene Arten, die bald heller, bald dunkler sind, bald ins braune, bald ins röthliche spielen. Die bekanntesten Arten sind: Englische, Kölnische, Römische, Venetianische, welche letzte unter allen die schwärzeste ist. Durch das Brennen kann man sie verändern und sich noch mehrere Arten derselben zubereiten. Sie wird auch seiner und feuriger dadurch.

14) Kohlenschwarze. Diese wird von Weinreben, Pfirsichkernen und dickem blauen Papier durch das Verbrennen dieser Stoffe zubereitet. Jeder giebt eine andere Farbe. Man darf es aber nicht zu Asche, sondern nur zu Kohle, verbrennen lassen und dann mit Wasser ablöschen.

15) Smalte. Man hat dabey nur das zu beobachten, daß sie in ganz frischen Kalk eingetragen und nach Verfließung einer Stunde noch einmal überfahren werden muß.

16) Salzbraun, hat eine Violfarbe und wird durch Vermischung mit Smalte mächtig erhöhet.

17) Ultramarin, ist nur zu kostbar, um es oft allein zu gebrauchen. Es wird meistens mit Smalte vermischet.

18) Marmorschwarze, wird von dem schwärzesten Marmor auf eben die Art bereitet, wie das Marmorweiß.

Bleyweiß, Mennige, Lack, Grünspan, Auripigment, Beinschwarz, werden vom Kalke zerstähret.

Die Freskomahlerey ist ehedem, bevor man die Oelfarben ausgedacht hatte, zur Verzierung der Wände und Decken, in den Zimmern sowohl, als auf den Aussenseiten, mehr im Gebrauch gewesen, als heutzutage, da sie nur in großen Gebäuden zu ganz großen Stücken angewandt wird. Die Alten scheinen die dazu erforderliche Farbenmischung vollkommen verstanden zu haben: denn man trifft bisweilen noch Stucke an, die seit vielen Jahrhunderten die frischeste Farbe behalten haben. Die herrlichsten Werke Raphaëls im Vatican sind in dieser Art gemahlet, haben aber jetzt in der Färbung sehr viel verlohren: denn zu Raphaëls Zeiten verstund man die Ausführung dieser Mahlerey noch nicht so gut, als zu den spätern Zeiten der Caracci, im Anfange des 17ten Jahrhunderts. Hannibals Gemählde in der Gallerie des Farnesischen Palastes sind in der Ausführung weit schöner, als Alles was vor ihm in dieser Art gemacht worden.

Eine ausführliche Beschreibung dieser Mahlerey giebt Dom Pernetti in der Vorrede zu seinem Dictionnaire portatif de peinture. Auch handelt Vasari davon in seiner Introduzione alle tre Arte del Disegno, vor seiner Lebensbeschreibung, im 19ten Kap.; ferner Bernard Dupuy du Grez in seinem Traité sur la peinture, Toul. 1699; de Piles in den Elemens de peinture, chap. 8 et 9.

Giov. Cimabue, Wiederhersteller der Kunst in Italien, soll am Ende des 13ten Jahrhunderts die Freskomahlerey zuerst wieder ausgeübt haben. Gorgione Barbarelli führte im Anfange des 16ten Jahrhunderts zu Venedig den Gebrauch ein, daß Aeußere der Häuser Fresko zu mahlen.