Sommerfeld 1849

O. R. Sommerfeld, Ausführliches Handbuch der Zinnober- und Mennig-Fabrikation, nach allen vorhandenen Methoden und mit Benuzung der neuesten Erfindungen und Verbesserungen. Enthaltend alle Geheimnisse bei Bereitung dieser Artikel, Mennige auf nassem Wege, so wie Zinnober nach vielen einfachen Vorschriften zu bereiten, die Farben-Intensität beider bedeutend zu erhöhen, gewöhnlichen Zinnober dem chemischen gleich zu machen u. s. w., Quedlingburg – Leipzig [Gottfried Basse] 1849.


pp. 5–11

I. Geschichtliche und statistische Notizen über Zinnober,
Mennige und deren Fabrikation.

Schon im hohen Alterthume war der Zinnober bekannt; es läßt sich jedoch annehmen, daß dieses nur der natürliche gewesen ist, indem man ihn mit Hülfe der Kunst erst später darzustellen gelernt haben wird. Das Wort Cinnabaris, Zinnober, stammt nach Plinius aus dem Indischen und wurde hauptsächlich dem Drachenblute beigelegt, doch verwechselte man auch schon beide; andere ältere Schriftsteller, Aristoteles, Dioscorides nennen ihn Minium, die lateinische Benennung für Mennige. Nach Plinius brachten die Griechen schon 700 Jahre vor Christi Geburt rothen Zinnober von Almaden in Spanien nach Griechenland, und die Römer führten zu seiner Zeit jährlich 700,000 Pfund davon ein. Derselbe erzählt XXIII. Capitel 40: Man finde den Zinnober in Karamanien und Aethiopien; Rom erhalte ihn aber bloß aus Spanien, wo die Sisaponensische Landschaft in Bätika den besten liefere. Das Bergwerk gehöre dem Staat und werde sorgfältig bewacht; es sei verboten, den Zinnober dort zu vervollkommnen und durch Feuer zuzubereiten, die Erze müßten versiegelt nach Rom gesandt werden, wo sie gereinigt würden. Der Verkaufspreis sei gesetzlich bestimmt und ein Pfund dürfe nicht über 70 Sesterzen, 2 fl. 6 Kr., kosten, indessen würde er auf mancherlei Art verfälscht und die Gesellschaft gewinne sehr dabei.

Bei den Römern wurde an festlichen Tagen das Antlitz der Bildsäule Jupiters mit Zinnober gefärbt und triumphirende Feldherren, z. B. Camillus, so wie die Oberhäupter der Aethiopen, bestrichen oder bemalten sich den Leib damit. Kallias gebrauchte 500 Jahre vor Christo den Zinnober in der Malerei und entdeckte ihn, als er aus dem rothen Sand der Goldbergwerke Gold schmelzen wollte. Zu derselben Zeit kannte man auch den von Spanien, so wie man ihn auch bei Kolchi auf einem unersteiglichen Felsen fand, von dem er mit Schleudern herabgeworfen werden mußte, dieser sei aber unecht. Den besten fände man oberhalb Ephesus in den bilbianischen Feldern, in Gestalt eines scharlachrothen Sandes, der zerrieben und geschlämmt wurde. Dieses erzählt gleichfalls Plinius im 33sten Buche, Cap. 37. Callias lebte in der 72sten Olympiade zu Athen, war der Sohn des Phanippus und der Vater des Hipponicus, er war einer der reichsten Grubenbesitzer in Griechenland und stellte Versuche an, bei denen er statt des gehofften Goldes Zinnober erhielt. (Theophrastus de lapid., pag. 400. Plinius XXIII. 7.)

Isidor Orig. Lib. XIX. c. 17, erzählt, daß der Bergzinnober zu Ephesus entdeckt worden sei. Plinius XXXIII. 8. giebt auch ein Destillirgefäß an, um aus dem Zinnober Quecksilber zu erhalten. Er sagt: „Man thut Zinnober in eine irdene Schüssel, stellt diese in ein eisernes Gefäß, das mit einem Deckel bedeckt und verlutirt wird; dann wird unter dem Gefäße Feuer angemacht, das man durch das Gebläse verstärkt, so setzt sich am Deckel ein silberfarbener Schweiß an, der so flüssig wie Wasser ist.“ Man sieht, daß der Hauptbestandtheil des Zinnobers schon in den frühesten Zeiten bekannt war, und es läßt sich danach annehmen, daß die Bereitung desselben auf künstlichem Wege, über welche Näheres nicht bekannt ist, ebenfalls schon im frühen Alterthume erfunden wurde.

Die Bereitung des Zinnobers auf nassem Wege gab zuerst G. Schulze im Jahre 1687 an, später beschäftigten sich damit I. F. Hoffmann 1722, Nietzky 1761. (Nietzky Dissertatio de cinnabri sive sulphure conficienda. Hal. 1761); Beaumé, Göttling 1780 und 1791, Kirchhoff, Trommsdorff und besonders Ch. F. Buchholz (Versuche zur endlichen Berichtigung der Bereitung des Zinnobers auf dem sogenannten nassen Wege. Erfurt 1801) und zuletzt Professor Brunner in Bern.

Gehen wir nun zu der Angabe einiger statistischen Nachweisungen über den Zustand der gegenwärtigen Fabrikation des Zinnobers betreffend. In Deutschland ist in Fabriken mäßigeren Umfanges in verschiedenen Städten Zinnober bereitet, was auch noch jetzt, z. B. in Heilbronn u. a. m. der Fall ist. Nach Leuchs gab ein Herr Köstlin dem Prof. Beckmann in Göttingen Nachricht von einer bei Wien von Herrn Kornbeck betriebenen Fabrik, welche in zwölf Stunden 8 Centner sublimiren und in vier und zwanzig Stunden 8 bis 12 Centner mahlen konnte. Sie hatte eiserne Sublimirgefäße und machte das Quecksilber mit dem Schwefel vorher nicht zu Mohr (?), sondern brachte beide zugleich in die Sublimirgefäße.

Gegenwärtig liefern die Bergwerke zu Idria in Krain (seit 1785) am meisten Zinnober und zwar theils natürlichen, theils künstlichen; im Jahre 1841 1450 Centner. Im Jahre 1820 bestand auch eine kaiserliche Zinnoberfabrik zu Annaberg unter der Ens. Oesterreichs Ausfuhr betrug nach Leuchs Angaben im Durchschnitt von 1809 bis 1811 jährlich 410 Centner. Nach Becher (Handel der österr. Monarchie) beträgt die Gesammtproduktion Oesterreichs gegenwärtig jährlich 7800 Centner. Der österreichische Zinnober befindet sich in Fässchen, worin zwei lederne, jetzt auch von Kautschuk gefertigte, mit dem Fabriksiegel gestempelte Beutel à 25 Pfund befindlich sind. Den Verkauf besorgt die Fabrik in Idria, die K. K. Hauptniederlage in Wien oder die Verschleißfaktorei in Triest. In der letzteren kosteten vor mehreren Jahren 100 Pfund gemahlener österreichischer Zinnober 138 Fl.; auf chinesische Art bereiteter 234 Fl.; Bergzinnober 133 Fl.

Spanien liefert sehr schönen natürlichen Zinnober in den Handel, welcher von den Bergwerken in Murcia und bei Alikante kommt.

Holland’s Zinnoberfabrikation ist schon seit alten Zeiten berühmt. Ferber fand in Amsterdam vier Zinnoberfabriken. Die Brand’sche war, zu Rückert’s Anwesenheit, die größte in Holland. Sie liegt vor dem Utrechter Thore und verfertigt jährlich in drei Oefen mittelst vier Arbeitern 48,000 Pfund, außerdem auch Sublimat, Präcipitat, versüßtes Quecksilber zw. Der Besitzer und die Arbeiter waren Deutsche, der Meisterknecht erhielt wöchentlich 12 Fl. der zweite Arbeiter 10, der dritte und vierte 6 bis 7 Fl.; alle zwölf Stunden löseten sie sich ab.

Der holländische Zinnober wird gewöhnlich in lederne Säcke, oder in eichene, mit Leder ausgeschlagene Fasswerk verpackt. Vor mehreren Jahren war der Preis des künstlichen rohen Zinnobers in Amsterdam pr. Pfund 36 Stüber, gemahlener 40 Stüber, natürlicher Japaneser in Körnern 75 bis 78 Stüber, ein bis vier Mal gemahlener 70 bis 76 Stüber. Frankreich erhält fast seinen ganzen Bedarf an Zinnober aus Holland.

Rußland bezieht Zinnober aus Deutschland; im Inlande wurde 1804 3335 Pud gewonnen.

China und Japan liefern ausgezeichnet schönen Zinnober in den Handel. Nach Amsterdam kommt von dort her auch gediegener in Körnern, in Kistchen oder in Päckchen von Seidenpapier. Nach den Mittheilungen des Herrn Commerzienraths Grube, welcher im Auftrage der preußischen Regierung China besuchte, soll die Ausfuhr an Zinnober aus China gegen 1000 Kisten von 50 Catties oder 66½ Pfund betragen; sie gehen nach Indien, Amerika und Europa. Der Preis desselben richtet sich nach dem Preise des Quecksilbers und war im Jahre 1843 für die Kiste 52 Dollars.

Wenden wir uns nun zu einer anderen, nächst dem Zinnober der wichtigsten rothen Mineralfarbe, der Mennige, deren ausführliche Beschreibung wir mit in den Bereich der vorliegenden Schrift gezogen haben. Die Mennige war den Griechen unter dem Namen σανδαράχη bekannt, die Römer nannten sie cerussa usta. Plinius LXXV. 20. erzählt, sie sei zufällig bei einer Feuersbrunst entdeckt worden, die im Piraeus zu Athen ausgebrochen sei, und bei der sich das in Tonnen verpackte Bleiweiß in Mennige verwandelt haben soll, in Folge dessen man diesen Vorgang durch die Kunst nachahmte. Nach ihm war Nicias der Erste, der die Mennige als Malerfarbe anwandte. Im Kap. 22. bemerkt er ferner, daß man aus in Oefen gebranntem Bleiweiß unechtes Auripigment, Sandarach mache.

Nach dem Falle des römischen Reiches scheint sie zuerst in Venedig, und dann in England gemacht worden zu sein. England und Holland lieferten geraume Zeit fast ausschließlich Mennige in den Handel, obgleich letzteres Land ihn von England erhalten und vielleicht bloß etwas feiner zubereitet zu haben scheint (Leuchs Farbenkunde). Später entstand eine Fabrik zu Rollhofen bei Nürnberg, der noch einige andere deutsche Fabriken folgten, die aber bis auf erstere wieder eingegangen zu sein scheinen. Frankreich hat erst in neuerer Zeit angefangen Mennige zu bereiten.

Ueber die statistischen Verhältnisse der Mennigproduktion giebt Leuchs folgende Uebersicht. In Deutschland scheint die erste Mennigfabrik die zu Rollhofen bei Nürnberg gewesen zu sein, wenigstens findet man in älteren Schriften nur diese erwähnt. Sie ward 17.. errichtet und lieferte ein Fabrikat, das dem englischen vorgezogen wurde. Im Jahre 1770 kostete der Centner 20 Flr., 1824 in dem 10 Procent schwereren baierschen Gewicht 27 Flr. Das Blei kostete 1770 8 Flr., 1824 18 Flr. Der Brenner erhielt für jeden fertigen Centner Mennige drei Gulden, mußte dagegen aber das Holz liefern. Man verfertigte jährlich 100 bis 150 Centner, konnte aber wohl 500 bis 600 Centner liefern.

Marx sagt in seiner Materialkammer Seite 200: seines Wissens seien im ganzen römischen Reiche nur zwei Messing-Hütten. Im Adreßbuche der Kaufleute und Fabrikanten, Nürnberg 1820, sind drei aufgeführt, eine zu Rollhofen, eine zu Käferthal bei Mannheim und eine in Gotha, ferner mehrere in Kärnthen. Von letzteren erwähnt v. Keeß (Darstellung des österr. Gewerbswesens, II. 1002) der von Sebast. Mayer zu Geilitz, welche jährlich 500, der von Ferrari della Torri und der von Tschelligi in Villach, welche jede 700 Centner lieferten, so wie der des Freiherrn v. Herbert in Klagenfurt, deren Mennige der besten englischen gleichkommt.

Schreier erwähnt in seinem 1799 in Prag erschienenen Waarenkabinet auch einer zu Joachimsthal in Böhmen, die jährlich 300 Centner zu 14 bis 15 Flr. lieferte. Diese ist wahrscheinlich eingegangen, so wie eine zu Zschoppau in Sachsen bestandene. In Oberschlesien hat man auf der Friedrichshütte um das Jahr 1818 Versuche mit der Mennigbereitung angestellt. Nach Kastner (dessen Gewerbsfreund III. 188) wandte man daselbst im Anfange das in Rollhofen gebräuchliche Verfahren an, indem man die Bleiasche in liegenden, auf beiden Seiten offenen irdenen Kolben erhitzte, dabei wiederholt umrührte und von Zeit zu Zeit mit Wasser besprengte. Da aber dieses Verfahren ungesund und für die Bereitung der Mennige für Glashütten zu kostspielig erschien, so nahm man später gewöhnliche gestoßene Bleiglätte, und glühte diese (zu Reichenstein) in dem dortigen Arsenikofen, wie den Arsenikschlich, indem man sie zu mehreren Centnern ausbreitete, bis sie eine rothe Farbe zeigte. Man erhielt gute, aber schuppige Mennige.

England liefert die meiste und beste Mennige in den Handel. Die dortigen Brennereien sind durch das gute Blei und die wohlfeilen Steinkohlen in Derbyshire begünstigt und arbeiten nach einem großen Maßstabe. Als Fars (vor 1770) dort war, kostete der Centner (112 Pfund) 14 bis 15 Schilling, das Schiffspfund (2240 Pfund), frei nach Hull geliefert, 16 Pfund Sterl.; die meiste ging nach Holland! Letzteres soll in früherer Zeit diese Fabrikation ebenfalls betrieben haben; als Nemnich 1809 dort anwesend war, hatte jedoch dieser Industriezweig aufgehört, und Holland erhält dieselbe von England.

In Frankreich errichtete Olivier um das Jahr 1798 eine Mennigfabrik zu Bercy; da aber die Nachbaren behaupteten, die Dämpfe wären der Gesundheit ihres Viehes nachtheilig, so mußte er zu arbeiten aufhören. Er setzte die Fabrikation später in Paris fort und ließ die Dämpfe durch Wasser gehen, wo sie ihr Blei absetzten und dann keinen Schaden mehr verursachen konnten. Chaptal führt in seinem Werke über die französische Industrie die Mennigbrennereien zu Clichy, Tours und Becara auf; erstere soll jetzt die Hälfte des Bedarfs von Frankreich liefern. Im Jahre 1824 kostete in Paris ord. franz. 82, von Clichy 1ste Sorte 94 bis 96, und englische 96 bis 100 Francs die 1000 Kilogramm.

Italien erhält viel Mennige aus Oestreich und nächstdem aus England.

Ueber die Fabrikation in Rußland erwähnt Georgi in seiner Reise im russischen Reiche II. 900, einer Mennigebrennerei zu Rostow im Gouvernement Pereslaw, welche ein Bauer, Namens Menkin, um 1760 errichtet hatte. Er verarbeitete jährlich 1200 Pud Blei in Bleiweiß und 800 Pud in Mennige.

Nordamerika hat in Philadelphia eine Mennig- und Bleiweißfabrik, doch wurden nach einem 1810 erstatteten Bericht jährlich noch 1150 Tonnen Mennige und Bleiweiß in die Vereinigten Staaten eingeführt. Nach Einführung eines erhöhten Steuertarifs in neuester Zeit haben sich jedoch die Fabriken für Mennige sowohl wie für Bleiweiß in den Vereinigten Staaten vermehrt; in Folge dessen die Einfuhr von England sich vermindert hat.

Ueber Zinnoberbereitung sind wenig größere, der Praxis entnommene litterarische Hülfsmittel vorhanden. Ueber Mennige hat man solche in: Jars, sur le procédé des Anglois pour convertir le plomb en minium in den Mém. de l’acad. de Paris 1770, Part I. p. 369., desgl. in seinen Metallurgischen Reisen IV. 984. J. J. Ferbers Versuch einer Oryktographie von Derbyshire. Mitau 1776. C. W. Nose Abhandlung von Mennigbrennen, besonders in Deutschland: Nürnberg 1779. Chaptal Chimie appl. aux arts T. IV. 389. Krünitz Encyklopädie B. 88.