Zedler – Longolius 1733/III

Johann Heinrich Zedler – Paul Daniel Longolius (edd.), Grosses vollständiges Universal-Lexicon aller Wissenschafften und Künste, Welche bißhero durch menschlichen Verstand und Witz erfunden und verbessert worden… III (B–Bi), Halle – Leipzig [Johann Heinrich Zedler] 1733.


col. 1310–1311

Berg-Zinnober, sonst auch mineralischer, oder natürlich gewachsener Zinnober, lat. Cinnabaris nativa, Cinnabaris mineralis, Griechisch, Κιννάβαρις, Französisch, Cinnabre mineral genannt, ist eine Art von Quecksilber-Erz, und bestehet aus einem rothen, schweren und gläntzendem Stein, welcher gleichsam von der Natur selbst aus denen mercurialischen und schwefelichten Dünsten, welche durch das Unterirdische Feuer sublimiret sind, mit dem Stein-Saamen zusammengesetzet und gezeuget werden: er findet sich häuffig in Spanien, wie auch an verschiedenen Orten in Franckreich und Teutschland, als zu Alzey in der Pfalz, bey Marburg in Hessen, in Ungarn und andern Orten, wo zu Winters-Zeit der Schnee roth wird; und nachdem er viel oder wenig steinichtes und hart ungeschlachteres Wesen führet, wird er vor besser oder schlimmer gehalten, wie man denn bey denen Materialisten verschiedene Sorten findet, entweder steinicht, oder pur, in Körnern oder Granis, welcher letztere schlechterdings kan gestossen und gerieben werden, da der erstere vieler Reinigung bedarf. Der beste ist der wahrhafte Spanische Berg-Zinnober, welcher an der Farbe hoch und schön gläntzend ist, auch nicht zu viel steinichtes hat. Sollte aber derselbe nicht zu haben seyn, kan man auch sonsten einen saubern und absonderlich den Ungarischen, so eine Gold-artichte Natur hat, brauchen. Aus diesem Zinnober pflegt man an einigen Orten, vermittelst zweyer Töpffe das Quecksilber per descensum zu destilliren und heraus zu bringen. Ob man aber denselben auch sicher zur Artzeney innerlich gebrauchen könne? wollen einige, als Hoffmannus in Clav. Schroed. p. 291. zweiffeln, dem aber andere schon ein Genüge gethan, und zeiget die Praxis selbst, daß man sich dessen freylich in denen Gicht- und andern Nerven-Kranckheiten, Glieder- und Mutter-Schmertzen wohl bedienen könne, absonderlich wenn er wohl gesäubert und abgeschwemmet. Daß ihn aber andere durch öfteres sublimiren zuvor säubern wollen, ist mehr schädlich als dienlich, wie Schulzius in Triga Cinnabar. schon erwiesen hat. In denen Recepten hüte man sich, daß keine Salia darunter gemischet werden, welche den Mercurium darinne schärffen und gleichsam einen Mercurium sublimatum daraus machen können, welches grausames Grimmen im Leibe und andere Zufälle zu erwecken vermögend ist. Aeusserlich wird er auch zuweilen in Salben und Pflastern gebrauchet. Was aber sonsten vor Artzeneyen davon gemacht, und in welchen Kranckheiten sie gut sind, hat Clauderus in seinem Invent. Cinnab. und aus demselbigen Tillingius in Scrutin. Cinnab. min. weitläufftig gezeiget. Siehe ferner auch Cinnabaris.