Zedler – Longolius 1733/VI
Johann Heinrich Zedler – Paul Daniel Longolius (edd.), Grosses vollständiges Universal-Lexicon aller Wissenschafften und Künste, Welche bißhero durch menschlichen Verstand und Witz erfunden und verbessert worden… VI (Ci–Cz), Halle – Leipzig [Johann Heinrich Zedler] 1733.
col. 74–75
Cinnabaris, Cinabaris, Cinabrium, teutsch Zinnober, Französisch Cinabre, ist eine mineralische Materie, hart und dichte, schwer und glänzend, wie Crystallen und rothlicht: bestehet aus Schwefel und Queck-Silber, welche auf das genaueste verbunden und vereiniget, und durch des Feuers Macht ist aufgeführet worden. Es giebt 2. Arten Zinnober, einen natürlichen, lateinisch Cinnabaris mineralis, teutsch Berg-Zinnober genannt, davon an seinem Orte T. III. p. 1310. und einen durch Kunst bereiteten, welcher auf lateinisch Cinnabaris facticia, Französisch Cinabre artificiel, teutsch durch Kunst bereiteter Zinnober, oder nur schlecht weg Cinnabaris, Cinabre, Zinnober genennet wird. Der natürliche Zinnober wird durch das unterirdische Feuer, fast eben auf die Weise, wie der durch die Kunst bereitete, aufgeführet oder sublimiret. Dieweil er aber unterm Sublimiren mit Erde, auf die er getroffen, sich vermischet, deßhalben ist er weder so schwer, noch so rein und schön, hält auch nicht so viel Queck-Silber, als der durch die Kunst bereitete. Es wird aber der gemachte, oder durch die Kunst bereitete Zinnober aus dem Queck-Silber und Schwefel gemacht, wenn man nemlich 2. Theile wohl gereinigten Queck-Silbers in einen Theil schönes, compacten und gelben Schwefels, welcher in einem glasurten Hafen gelind geschmolzen, incorporirt, und Stuffen-weiß sublimirt: oder wenn man das Queck-Silber zuvor in Scheide-Wasser auslöset, mit dem Schwefel vermischet, hernach das Scheide-Wasser durch die Destillation abziehet, und das übrige sublimiret, wie beyde Wege von Lazaro Erckero im Probier-Buch IV. p. 93. beschrieben sind. Insgemein sublimiren sie von der Mixtur 25. Pfund auf einmal, und wann solches geschehen, wiederum so viel, bis das Gefäß voll ist; dahero kommt es, daß die Kuchen oder Stücker, darinne der gemachte Zinnober aus Holland gebracht wird, Schicht-weiß an einander hangen, und nachmahls 3. biß 4. Centner wiegen, wie Pomet. in Hist. Simpl. Gen. Part. III. Lib. I. 28. p. 17. in Acht genommen hat. Er muß erwehlet werden, wenn er in seinen schönen Steinen oder Stücken kömmt, die sehr gewichtig und glänzend sind, feine lange und schöne reine Spiesse und Streiffen haben, und von schöner hoher braun-rothen Farbe seyn. Ein jedes Pfund Cinnober beschlüeßt vierzehen Unzen Queck-Silber in zwey Unzen Schwefel. Nebst dem ganzen Zinnober, welchen, wie gesagt, die Holländer an großen Stücken schicken, kommt auch der von ihnen gestossene, und eine gute Zeitlang auf einem Reibe-Steine zu einem ganz subtilen und zarten Pulver geriebene, und entweder mit Urin oder Spiritu Vini zugerichtete, welchen die Französen Vermillon nennen, dessen die Holländer zwey Sorten machen, nemlich die rothe oder die bleiche: Welcher Unterscheid nur daher rühret, nachdem der Zinnober mehr oder viel gemahlen, oder gestossen wird; denn je mehr er gestossen wird, je bleicher und besser ist er, absonnderlich vor diejenigen, so das Sigillat- oder Spanische Wachs damit färben. Sonsten aber wird der præparirte Zinnober vor den besten gehalten, welcher ganz zarte, trucken und nicht erdicht ist, wie ihn die Holländer vor andern zu præpariren wissen, und müssen entweder einen sonderlichen Handgriff haben, oder etwas darunter mischen, weil ihr Vermillon so bald trücknet, da hingegen der rohe Zinnober, wenn er gestossen und angefeuchtet wird, gar langsam und schwerlich wieder trocken wird. Der Gebrauch des gemachten Zinnobers, so wohl des ganzen, als des præparirten, kommet hauptsächlich denen Mahlern und denenjenigen, so das Spanische Wachs, Oblaten und dergleichen, damit färben, zu gut. Zuweilen unterstehet sich das Frauen-Volck rothe Backen damit zu machen, welches in Ansehung des Queck-Silbers gar eine gefährliche Schmincke ist, und mögen solche eher das Vermillon d’Espagne gebrauchen, welches von Safrano oder Orientischen Saffran gemacht wird. In der Arzney wird der gemachte Zinnober innerlich nicht gebrauchet, ausser daß denen Pferden Pillen davon gemacht werden. Aeusserlich braucht man ihn zum räuchern in der Spey-Cur. Die Chymici reuicitiren mit Feil-Staub und Kalck das Queck-Silber daraus, welches schön weiß und flüßig seyn muß. Der Zinnober wird verfälscht, wenn die Betrüger Minium unter den gestossenen mischen, dahero es allezeit rathsamer, denselben ganz als zerstossen zu kauffen, oder so man ja solchen gekauft, und probiren will, so nehme man ein halb Pfund davon, vermenge ihn mit einem Pfund Eisen-Feilig, und treibe ihn in einer Retorte über, so wird man leicht an der Menge des herüber gestiegenen Queck-Silbers sehen, ob der Cinnober ächt oder verfälscht sey. Cinnabaris ist ein Indianisches Wort und bedeutet Drachen- und Elephanten-Blut. Dieser Name ist ihm aber darum gegeben worden, weil er eine solche Farbe, wie diese Arten Blut, hat.
