Oesterreichisches naturhistorisches Bilder-Conversations-Lexicon 1839/VIII

Oesterreichisches naturhistorisches Bilder-Conversations-Lexicon. Ein unentbehrliches Handbuch zur Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse und zur Unterhaltung für alle Stände, in alphabetischer Ordnung aus dem Thier- Pflanzen- und Mineralreiche. Nach den neuesten und zuverläßigsten Entdeckungen, Erfahrungen u. Beobachtungen in dem Gebiethe der Drey Naturreiche. Von einem Belehrten Vereine (geordnet, vermehrt und bereichert VIII, Wien [Joseph von Hirschfeld] 1839.


pp. 382–383

Vitriol.1 Wenn sich die Schwefelsäure (sonst Vitriolsäure) mit Metallen verbindet, so entsteht aus diesen Verbindungen ein krystallisches Salz, welches unter dem Namen Vitriol bekannt ist. Da die Schwefelsäure mit mehreren Metallen ein solches Salz liefert, so muß auch der Vitriol von verschiedener Beschaffenheit seyn. Er wird nach den Metallen benannt, die seine Grundlage ausmachen; demnach gibt es Eisen-, Kupfer-, Zink-, Kobald-, Silber- und Quecksilber-Vitriol und gemischtere, der aber auch nach demjenigen Metalle benannt wird, welches seinen Hauptbestandtheil ausmacht. Man hat natürliche und künstliche Vitriole. Unter den erstern findet man insbesondere Eisen-, Kupfer-, Zink- und Kobald-Vitriole, die aber gemeiniglich aus einer Mischung von verschiedenen Metallen bestehen.

1. Natürlicher Eisenvitriol, grüner Vitriol, auch Kupferwasser, oder schwefelsaures Eisen genannt, wird bey Goslar im Rammelsberge, in Steinkohlenflözen und bey Vulkanen gefunden. Er hat eine schöne Grünspanfarbe; ist durchschimmernd, schmeckt herb und zusammenziehend, wie die gemeine schwarze Dinte; verwittert wird er ochergelb. Er wird auch auf Schwefelkiesen, in Gestalt eines weißen Beschlages, angetroffen. Der sogenannte Atramentstein bey Goslar, der von Vitriolwasser durchzogen ist, gehört hierher.

2. Natürlicher Kupfervitriol, blauer Vitriol, oder schwefelsaures Kupfer, sieht bläulichgrün aus; scheint durch; glänzt wie Glas; brennt mit einer grünen Flamme, und hat einen herben, zusammenziehenden, widrigen Kupfergeschmack. Wenn man ihn an nassem polirten Eisen reibt, so färbt er dasselbe kupferroth. Er pflegt immer mit Eisen oder auch wohl mit Zinkvitriol verbunden zu seyn. Bey Herrengrund in Ungarn wird er stalaktitisch gefunden.

3. Natürlicher Zinkvitriol, weißer Vitriol, oder richtiger, schwefelsaurer Zink. Wird im Rammelsberge, doch auch anderwärts gefunden; ist gelblichweiß; schimmernd; meistens faserig auf dem Bruche, und kommt in verschiedener Gestalt, z. B. stalaktitisch, haarförmig oder als mehliger Beschlag vor. Seine Farbe ist gelblichweiß.

3. Natürlicher Kobaldvitriol, oder schwefelsaurer Kobald, hat eine blaßrothe Farbe; glänzt wie Glas; scheint durch, und wird bey Herrengrund in Ungarn stalaktitisch gefunden.

Die natürlichen Vitriole sind in der eben beschriebenen Form in viel zu geringer Quantität vorhanden, als daß sie zu dem Verbrauche hinreichend seyn sollten; daher sucht man sie durch Kunst aus gewissen Mineralien zu erhalten, in welchen sie noch nicht ausgebildet vorhanden sind. Den Eisenvitriol gewinnt man im Großen aus Schwefelkiesen, die wenn sie eine Zeit lang an der freyen Luft liegen und verwittern, mit einer Art von salzigem Mehle oder Staube überzogen werden, welches man Vitriolisirung nennt. Ferner gewinnt man den Eisenvitriol aus Erden, die damit geschwängert sind, aus dem oben genannten Atramentstein, aus gewissen vitriolhaltigen Schiefern tc. Auch kann man ihn aus der Auflösung des Eisens in Schwefelsäure durch Abrauchen und Abkühlen erhalten. – Der Kupfervitriol kann auf die nämliche Weise, wie der Eisenvitriol und alle übrigen, aus der Auflösung des Kupfers in Schwefelsäure gewonnen werden; allein das thut man der Kostbarkeit wegen nicht, sondern man zieht ihn aus Kupferkiesen und Kupferrohsteinen. – Den Zinkvitriol liefern die Zinkerze.

Die Anstalten, wo künstlicher Vitriol aus den genannten Mineralien gezogen wird, heißen Vitriolsiedereyen. Sie schränken sich gemeiniglich alle auf eine von den drey genannten Arten, auf die Bereitung des Eisen-, Zink- und Kupfervitriols, ein. Der Vitriol wird aus den genannten Mineralien durch Auslaugung ausgezogen. Hierzu ist erforderlich, daß man Wasser darauf gießt, welches die Theile desselben als ein Salz auflöset; das mit vitriolischen Theilen geschwängerte Wasser wird darauf in Pfannen gegossen und über ein Feuer gesetzt, wobey es nach und nach verdampft und den Vitriol in Krystallen absetzt. Die Schwefelkiese müssen, wie schon oben angeführt wurde, erst verwittern, bevor man sie auslaugen kann. Dieß geschieht, indem man sie an der freyen Luft auf Haufen wirft und öfters mit Wasser besprengt, bis sie beschlagen, wozu oft mehrere Jahre nöthig sind. Der Beschlag besteht in einem Salze in Form von Federn und Krystallen, welche den Vitriol ausmachen und sich beym Auslaugen im Wasser auflösen.

Die Vitriole werden auf mancherley Weise in den Künsten gebraucht, z. B. zur Bereitung des Vitriolspiritus, der schwarzen Dinte, in den Färbereyen, und zwar der grüne zur schwarzen, der blaue und weiße aber mehr zur Befestigung anderer Farben. Die Maler brauchen ebenfalls Vitriole, und auf den Glashütten färbt man Gläser damit. In der Medicin wird der gemeine Vitriol zwar auf mancherley Art, aber nie innerlich gebraucht. Seine einfachste Benutzung besteht in Ausziehung der Schwefel- oder Vitriolsäure durch Destillation. Zu diesem Zwecke wird der gemeine Eisenvitriol in flachen Kesseln über freyem Feuer seines Krystallisationswassers beraubt; dann thut man ihn in Retorten, und zieht zuerst die schwache Säure, die sonst Vitriolspiritus hieß, und dann die starke Säure heraus, die ihrer dicklichen Consistenz wegen, obwohl uneigentlich, Vitriolöl genannt wird. Hiervon hat man zwey Sorten: Das Nordhäuser, welches nicht allein in der Stadt dieses Namens, sondern auch in Sachsen, Schlesien tc. fabrizirt wird, und das englische, das man aus Schwefel gewinnt. Der Rückstand der Destillation (Colcothar oder Vitriol-Todtenkopf), ein lockerer, rothbrauner Metallkalk mit noch einem Antheile concentrirter Schwefelsäure, gibt nach der Auslaugung das englische Roth und Braunroth.

Wenn man das sogenannte Vitriolöl mit Wasser vermischt, so entsteht eine heftige Erhitzung und ein Zischen, wie wenn glühendes Eisen in’s Wasser gesteckt wird, und dabey steigen starke Dämpfe auf. Vitriolöl zur Hälfte mit Weingeist vermischt, gibt, mittelst der Destillation, den Vitrioläther, oder uneigentlich Vitriolnaphta genannt. Dieß ist eine wasserhelle Flüssigkeit von erquickendem, starkem, durchdringendem Geruche und einem ähnlichen, feurigen und zugleich kältenden Geschmacke, deren weit umher verbreitete Ausdünstungen sich schon in der Ferne entzünden und so leicht verdunsten, daß ein Tropfen, von einiger Höhe herabgelassen, eher verfliegt, als er zur Erde kommt. Beym Verdunsten nimmt der Vitrioläther so viel Wärmestoff mit sich fort, daß man mittelst desselben mitten im Sommer Wasser zum Gefrieren bringen kann. In der Arzeneykunst ist dieser Aether ein sehr schätzbares Mittel, die Kräfte zu erheben, ohne zu erhizen, gewisse Arten von Kopf-, Zahn- und Magenschmerzen u. s. w. zu lindern. Bey Belebung der Scheintodten wirkt er sehr kräftig, und ist eines der besten Gegenmittel gegen das Gift der Pilze oder Schwämme. Ein Theil desselben in vier, höchstens sechs Theilen wasserfreyen Weingeistes aufgelöst, gibt den sogenannten versüßten Vitriolgeist, oder Hoffmann’s schmerzstillenden Liquor (Liquor anodynus), dessen Arzeneykräfte von denen des Aethers in so fern abweichen, als der Weingeist erhizend ist. – Zur Auflösung des Federharzes, wozu der Vitrioläther dient, muß er von aller Säure und allem beygemischten Wasser gereinigt seyn.


  1. The entry is taken from the lexicon: Funke – Lippold 1804, III / pp. 826–828. ↩︎