Funke – Lippold 1804/III
[Carl] P[hilipp] Funke – G[eorg] H[einrich] C[hristian] Lippold, Neues Natur- und Kunstlexicon, enthaltend die wichtigsten und gemeinnützigsten Gegenstände aus der Naturgeschichte, Naturlehre, Chemie und Technologie. Zum bequemen Gebrauch insonderheit auch für Ungelehrte und für gebildete Frauenzimmer ausgearbeitet III, Weimar [Verlag des Industrie-Comptoire] 1804.
pp. 826–828
Vitriol. Wenn sich die Schwefelsäure (sonst Vitriolsäure, s. Säure, Num. 1.) mit Metallen verbindet, so entstehet aus diesen Verbindungen ein krystallisches Salz, welches unter dem Namen Vitriol bekannt ist. Da die Schwefelsäure mit mehrern Metallen ein solches Salz liefert, so muß auch der Vitriol von verschiedener Beschaffenheit sein. Er wird nach den Metallen benannt, die seine Grundlage ausmachen; demnach giebt es Eisen-, Kupfer-, Zink-, Kobald-, Silber- und Quecksilber-Vitriol und gemischtere, der aber auch nach demjenigen Metalle benannt wird, welches seinen Hauptbestandtheil ausmacht. Man hat natürliche und künstliche Vitriole. Unter den erstern findet man insonderheit Eisen-, Kupfer-, Zink- und Kobald-Vitriole, die aber gemeiniglich aus einer Mischung von verschiedenen Metallen bestehen.
1) Natürlicher Eisenvitriol, grüner Vitriol, auch Kupferwasser, aber richtiger nach der antiphlogistischen Sprache, schwefelsaures Eisen genannt, wird bei Goslar im Rammelsberge, in Steinkohlenflözen und bei Vulkanen gefunden. Er hat eine schöne Grünspanfarbe; ist durchschimmernd; schmeckt herb und zusammenziehend, wie die gemeine schwarze Dinte; verwittert wird er ochergelb. Er wird auch auf Schwefelkiesen, in Gestalt eines weißen Beschlages, angetroffen. Der sogenannte Atramentstein (s. d. Art.) bei Goslar, der von Vitriolwasser durchzogen ist, gehört hieher.
2) Natürlicher Kupfervitriol, blauer Vitriol, oder nach der neuern Sprache, schwefelsaures Kupfer, sieht bläulichgrün aus; scheint durch; glänzt wie Glas; brennt mit einer grünen Flamme, und hat einen herben, zusammenziehenden, widrigen Kupfergeschmack. Wenn man ihn an nassem polirten Eisen reibt, so färbt er dasselbe kupferroth. Er pflegt immer mit Eisen, oder auch wohl mit Zinkvitriol verbunden zu sein. Bei Herrengrund in Ungarn wird er salaktitisch gefunden.
3) Natürlicher Zinkvitriol, weißer Vitriol, oder richtiger schwefelsaurer Zink. Wird im Rammelsberge, doch auch anderwärts gefunden; ist gelblich weiß; schimmernd; meistens faserig auf dem Bruche, und kommt in verschiedener Gestalt, z. B. stalaktitisch, haarförmig oder als mehliger Beschlag vor. Seine Farbe ist gelblich weiß.
4) Natürlicher Kobaldvitriol, oder schwefelsaurer Kobald, hat eine blaßrothe Farbe; glänzt wie Glas; scheint durch, und wird bei Herrengrund in Ungarn stalaktitisch gefunden.
Die natürlichen Vitriole sind in der eben beschriebenen Form in viel zu geringer Quantität vorhanden, als daß sie zu dem Verbrauche hinreichend sein sollten; daher sucht man sie durch die Kunst aus gewissen Mineralien zu erhalten, in welchen sie noch nicht ausgebildet vorhanden sind. Den Eisenvitriol gewinnt man im Großen aus Schwefelkiesen, die, wenn sie eine Zeitlang an der freyen Luft liegen und verwittern, mit einer Art von salzigem Mehle oder Staube überzogen werden, welches man Vitriolisieirung nennt. Ferner gewinnt man den Eisenvitriol aus Erden, die damit geschwängert sind, aus dem oben genannten Atramentstein, aus gewissen vitriolhaltigen Schiefern &c. Auch kann man ihn aus der Auflösung des Eisens in Schwefelsäure durch Abrauchen und Abkühlen erhalten. – Der Kupfervitriol kann auf die nämliche Weise, wie der Eisenvitriol und alle übrige, aus der Auflösung des Kupfers in Schwefelsäure gewonnen werden; allein, das thut man der Kostbarkeit wegen nicht; sondern man zieht ihn aus Kupferkiesen und Kupferrohsteinen. – Den Zinkvitriol liefern die Zinkerze.
Die Anstalten, wo künstlicher Vitriol aus den genannten Mineralien gezogen wird, heißen Vitriolsiedereien. Sie schränken sich gemeiniglich alle auf eine von den 3 genannten Arten, auf die Bereitung des Eisen-, Kupfer- und Zinkvitriols ein. Der Vitriol wird aus den genannten Mineralien durch Auslaugung ausgezogen. Hiezu ist erforderlich, daß man Wasser darauf gießt, welches die Theile desselben als ein Salz auflöset; das mit vitriolischen Theilen geschwängerte Wasser wird darauf in Pfannen gegossen und über ein Feuer gesetzt, wobei es nach und nach verdampft und den Vitriol in Krystallen absetzt. Die Schwefelkiese müssen, wie schon oben angeführt wurde, erst verwittern, bevor man sie auslaugen kann. Dies geschieht, indem man sie an der freien Luft auf Haufen wirft und öfters mit Wasser besprengt, bis sie beschlagen, wozu oft mehrere Jahre nöthig sind. Der Beschlag besteht in einem Salze in Form von Federn und Krystallen, welche den Vitriol ausmachen und sich beim Auslaugen im Wasser auflösen.
Die Vitriole werden auf mancherlei Weise in den Künsten gebraucht, z. B. zur Bereitung des Vitriolspiritus, der schwarzen Dinte, in den Färbereien und zwar der grüne zur schwarzen, der blaue und weiße aber mehr zur Befestigung anderer Farben. Die Maler brauchen ebenfalls Vitriole, und auf den Glashütten färbt man Gläser damit. In der Medizin wird der gemeine Vitriol zwar auf mancherlei Art, aber nie innerlich gebraucht. Seine einfachste Benutzung besteht in Ausziehung der Schwefel- oder Vitriolsäure durch Destillation. Zu diesem Zwecke wird der gemeine Eisenvitriol in flachen Kesseln über freyem Feuer seines Krystallisationswassers beraubt; dann thut man ihn in Retorten, und zieht zuerst die schwache Säure, die sonst Vitriolspiritus hieß, und dann die starke Säure heraus, die ihrer dicklichen Konsistenz wegen, obwohl sehr uneigentlich, Vitriolöl genannt wird. Hievon hat man 2 Sorten, das Nordhäuser, welches nicht allein in der Stadt dieses Namens, sondern auch in Sachsen, Schlesien &c. fabrizirt wird, und das englische, das man aus Schwefel gewinnt. Der Rückstand der Destillation (Colcothar oder Vitriol-Todtenkopf) ein lockerer, rothbrauner Metallkalk mit noch einem Antheile concentrirter Schwefelsäure giebt nach der Auslaugung das englische Roth und Braunroth.
Wenn man das sogenannte Vitriolöl mit Wasser vermischt, so entsteht eine heftige Erhitzung und ein Zischen, wie wenn glühendes Eisen ins Wasser gesteckt wird, und dabei steigen starke Dämpfe auf. Vitriolöl zur Hälfte mit Weingeist vermischt giebt mittelst der Destillation den Vitrioläther, oder uneigentlich Vitriolnaphte genannt. Dies ist eine wasserhelle Flüssigkeit von erquickendem, starken, durchdringendem Geruche und einem ähnlichen, feurigen und zugleich kältenden Geschmacke, deren weit umher verbreitete Ausdünstungen sich schon in der Ferne entzünden und so leicht verdunsten, daß ein Tropfen von einiger Höhe herabgelassen eher verfliegt, als er zur Erde kommt. Beim Verdunsten nimmt der Vitrioläther so viel Wärmestoff mit sich fort, daß man mittelst desselben mitten im Sommer Wasser zum Gefrieren bringen kann. In der Arzneikunst ist dieser Aether ein sehr schätzbares Mittel, die Kräfte zu erheben, ohne zu erhizen, gewisse Arten von Kopf- Zahn- und Magenschmerzen u. s. w. zu lindern. Bei Belebung der Scheintodten wirkt er sehr kräftig, und ist eins der besten Gegenmittel gegen das Gift der Pilze oder Schwämme. Ein Theil desselben in 4, höchstens 6 Theilen, wasserfreien Weingeistes aufgelöst, giebt den sogenannten versüßten Vitriolgeist, oder Hoffmanns schmerzstillender Liquor, (Liquor anodynus) dessen Arzneikräfte von denen des Aethers in so fern abweichen, als der Weingeist erhizend ist. — Zur Auflösung des Federharzes, wozu der Vitrioläther dient, muß er von aller Säure und allem beigemischten Wasser gereinigt sein. S. Blumenbachs Handb. der Naturgesch. 7te Aufl. S. 640. Vogels prakt. Mineralsystem Seite 311. Funke Naturgesch. und Technol. III. S. 226. 450. Grens syst. Handb. der Chem. I. S. 298.
