Bärensprung 1792
[Christian Johann Wilhelm] B[ärensprung], Bitte an die vaterländischen Kenner und Liebhaber der schönen Künste, in: Neue Monatsschrift von und für Mecklenburg I, Schwerin [Wilhelm Bärensprung] 1792, pp. 440–441.
pp. 441–442
XI.
Bitte an die vaterländischen
Kenner und Liebhaber der schönen Künste.
Obgleich viele schöne Künste in Mecklenburg getrieben werden, so fehlen doch noch manche, andre sind sehr unvollkommen, und nur wenige, worunter die Reitkunst in Rostock zu setzen ist, haben einen besondern Grad der Vollkommenheit erreicht. Durch Vernachlässigung der schönen Künste leiden Gewerbe, Künste und die Bildung. Junge Leute, die besondre Fähigkeiten haben, können ihr Genie sehr wenig bey uns bilden, aber sehr leicht eine schiefe Richtung bekommen. Der Zimmermann, Maurer, Bildhauer, Tischler, Schiffszimmermann, kann nirgends ohne besondern Kostenaufwand Unterricht im Zeichnen und den Grundsätzen der Baukunst erhalten, er ist gezwungen, allein bey seinem Meister sich unterrichten zu lassen, der, besonders wenn er ein Mecklenburger ist, seine Gaben bey dem ihm in seiner Jugend ebenfals matt gewordenen Unterricht, nur karglich austheilen kann, es sey denn, daß er im Auslande besonders fleißig gewesen ist.
Selbst diejenigen, welche gerne durch Schriften nützlich seyn wollen, finden, wenn sie ihre Vorschläge durch Kupferstiche erläutern wollen, viele Schwürigkeiten, da bis jetzt die Kupferstechkunst nur von Liebhabern ausgeübt wird, die mehr radiren als graviren. Die schwarze Kunst und die neue Schattirungs- oder vielmehr Tuschirungsart, da man mit einem gläsernen Pinsel und Scheidewasser auf einer Kupferplatte tuschet und sie dadurch zum Abdruck zubereitet, findet man in Mecklenburg nicht ausgeübt.
Wie schön könnten unsre Städte und Dörfer mit denselben Kosten seyn, wenn in einer Modelkammer architectonische Muster und Risse die Bauliebhaber leiteten. Nun aber sehen wir aus neun und neunzig das hundertste Gebäude zusammen, welches ein Gemisch aus Gothischer, Holländischer, Französischer und Italienischer Bauart wird, und dem Kenner ein satyrisches Lächeln ablockt.
Unsre Mahler müssen mit ganzer Kraft ihres Arms ihr Brodt verdienen, kommen sie aber zu Geistesarbeiten, so trift man übernatürliche Darstellungen in windschiefer Richtung an. Die perspektiven Stücke verrathen sehr die Unkunde in den schweren Regeln der Perspektiv; man stelle solche Gemählde gegen ein Spiegel, so wird man die Verrückung des Augens- und Distanzpunktes, oder die unrichtige Wahl des Orts derselben am leichtesten bemerken. Wer giebt im Miniatur, Caravell, Pastel, al Fresco Mahlerey u. a. m. Unterricht? Mahler und Künstler, die ihr Gewerbe verstehen, sind selten bey uns.
Die Tanzkunst sollte der Reitkunst an Vollkommenheit nahe kommen, sagte mir ein junges Frauenzimmer auf einem brillanten Ball. – Mir schien aber das Walzen, welches jetzt als die höchste Stuffe der Tanzkunst angesehen wird, zu wirbelnd und vipperich. Ungefähr das Moment der Menuet mit einem gleichförmigen tactfestem Drehen dünkt mich die Schönheit des Walzens zu seyn.
Die geistliche Musik in Ludwigslust war weit und breit berühmt, wie sieht es aber in andern Städten aus? Die Musik hat mich hier nie mehr gerührt, als bey der Gewittersymphonie, und durch Waldhörner im Mondenschein bey Froscherscheln; — das muß der Accord machen.
Thalia hat ihre Gunst den Erbauern ihres Tempels in hohem Grade geschenkt. Zwar ziehen ihre Priester von einem Ort zum andern, allein das thun sie um Menschenkentniß zu lernen, den Gemeingeist und Edelmuth zu predigen. Was neulich von ihnen gedrukt ist, halte ich für ein Pasquil, denn mir scheinen sie auf der Bühne nie zu vergessen, daß sie auf der Bühne sind.
Unsre Bildhauerkunst hat keine Grenzen, denn sie führt die unbegränzten Gedanken eines Hogarths aus, wie man dies auch auf Altarstücken sehen kann.
Der große Vortheil, welcher sich durch die Cultur und Verbreitung der schönen Künste in Meklenburg zeigen würde, entschuldigt mich, daß ich den Kennern und Liebhabern der schönen Künste die patriotische Bitte vorlege, in einem Aufsatz dieser Monatsschrift dem publiko die Grenzen der bis jetzt gemachten Fortschritte der schönen Künste bey uns zu zeigen, und Mittel zu deren Verbreitung und Cultur anzugeben.
B.
