Buchner 1894

Georg Buchner, Farbenkunde der gebräuchlichsten anorganischen Farben (Fortsetzung), in: Deutsches Maler-Journal 17 / 1–4, Stuttgart [Johann Wilhelm Spemann] [1894], 1 / pp. 1–2, 2 / pp. 2–3, 3 / pp. 1–3, 4 / pp. 1–3.


pp. 1–2

17. Band. Heft 1.


Farbenkunde der gebräuchlichsten anorganischen Farben.

Von Georg Buchner, Chemiker in München.

(Nachdruck verboten.)

Einleitung.

Seit sich die Farbenfabrikation zu einer eigenen Industrie ausgebildet hat, wird kein Gewerbetreibender oder Maler sich selbst Farben herstellen. Wenn er auch im allgemeinen Kenntnis haben will und soll, woher seine Farben stammen, wie dieselben und aus was sie hergestellt werden, so wird sich doch das Hauptinteresse den Eigenschaften der vom Farbenfabrikanten gelieferten Farben zuwenden. Es wird für den Farbenkonsumenten wichtiger sein, das Verhalten der Farbe gegen Luft, Licht, zu anderen Farben und Bindemitteln zu kennen, als eingehend über die Herstellung der Farben unterrichtet zu sein. In diesem Sinne ist nachstehende Farbenkunde verfaßt. Auch die Verfälschungen zu erkennen und auszumitteln liegt außer dem Bereiche des Gewerbetreibenden. Derselbe soll nur wissen, worauf es ankommt; die Untersuchung selbst läßt er zweckmäßiger in chemischen Untersuchungslaboratorien ausführen. Hauptsache ist, daß der Farbenkonsument an seine Farben mit kritischem Blicke herantritt, daß er weiß, wie seine Farben beschaffen sein sollen, was er billig davon verlangen kann, und worauf er im gegebenen Falle eine Prüfung anstellen lassen soll. Der Farbenkonsument, der Maler, soll sich stets gegenwärtig halten, daß durch vorhergehende kritische Beurteilung einer Farbe durch das Experiment sich später oft so unangenehme Schäden sicher vermeiden lassen.

Unter Maler- oder Anstreicher- oder auch Deck- oder Körperfarben versteht man im allgemeinen farbige, zumeist mineralische, in Wasser unlösliche Körper, von erdiger, unkrystallinischer oder doch feinst krystallinischer Beschaffenheit, überhaupt von einer zur feinsten und gleichmäßigsten Verteilung geeigneten Struktur. Dieselben werden meist mit Bindemitteln, als: Leimwasser, Del, Wasserglas u. s. w., angerieben und mit Pinseln auf die Oberfläche der Gegenstände aufgetragen. Alle Farben sind chemische Verbindungen oder Gemenge solcher. Nicht jede farbige, unlösliche chemische Verbindung ist aber ohne weiteres als Malerfarbe brauchbar, da die Verwendung als Farbe nicht nur das Vorhandensein eines gefärbten Körpers, sondern auch eine zur feinen Verteilung und Deckkraft geeignete Form desselben voraussetzt. Es muß also die Zubereitung der Farben neben der Rücksicht auf die richtige Zusammensetzung und Farbe des Farbkörpers stets mit einer gewissen Vorsorge für die Struktur, das heißt die Art der Lagerung der kleinsten Teilchen, welche ja die Verteilung und Deckkraft, oft auch die Farbe sogar beeinflußt, unternommen werden. Die Fabrikation der Maler- oder Anstreicherfarben ist deshalb ein spezieller Teil des chemisch-technischen Großgewerbes, der chemischen Industrie.

Alle in der Natur fertig vorkommenden oder auf künstlichem Wege dargestellten Farben lassen sich in zwei große, gut unterscheidbare Gruppen bringen; in die Farben nämlich, welche uns die elementaren Körper, welche wir Metalle nennen, in ihren verschiedensten Verbindungen liefern, und in die Farbstoffe, welche uns das Element Kohlenstoff in seinen mannigfachen Verbindungsformen darbietet. Zu der ersten Gruppe der Farben, welche ein oder mehrere Metalle zur Grundlage haben, gehören die sogenannten Metall-, Mineral- und Erdfarben, z. B. Bleiweiß, Zinkweiß, Ultramarin, Zinnober, die verschiedenen Ocker u. s. w. Zur zweiten Gruppe rechnen wir die farbigen Kohlenstoffverbindungen, welche uns das Pflanzen- und Tierreich, z. B. Katechu, Krapp, Gummigutt, Karmin u. s. w. oder die chemische Industrie in den verschiedensten Teerfarben darbietet. Die schönsten und beständigsten Farben liefern uns seit jeher die Metalle in ihren Verbindungen mit anderen Elementen, insbesondere mit Sauerstoff in den Oxyden, mit Schwefel in den Sulfiden, z. B. Zinnober u. s. w. Die metallischen Farben unterscheidet man gewöhnlich in Erdfarben und in künstliche Mineralfarben. Unter Erdfarben versteht man diejenigen metallischen oder Mineralfarben, welche auf der Erde in größerer Menge als schon fertig gebildetes Material vorkommen, und nach ihrer bergmännischen Gewinnung, sei es als Haupt- oder Nebenprodukt, nur mehr geringer, fast nur mechanischer Vorbereitung (Pochen, Schlämmen u. s. w.) bedürfen, um sofort fertige Maler- oder Anstrichfarben abzugeben. Dagegen werden die künstlichen Mineralfarben in den chemischen oder Farbenfabriken erzeugt, und beruhen im allgemeinen die diesbezüglichen chemischen Vorgänge auf der Bildung farbiger, unlöslicher Verbindungen, welche nach dem Waschen, Pressen und Trocknen als Farben in den Handel kommen. Diese Unterscheidung in Erd- und künstliche Mineralfarben ist aber insoferne keine strenge, da ja viele jetzt in großen Mengen künstlich dargestellte Mineralfarben auch fertig gebildet in der Natur vorkommen, z. B. Ultramarin, anderseits auch viele Erdfarben, z. B. Ocker, künstlich dargestellt werden können und dargestellt werden.

Als Farben können nur solche Körper verwendet werden, deren einzelne elementare Bestandteile mit einer gewissen Festigkeit mit einander verbunden sind, so daß ein Zerfall derselben und damit eine Farbenveränderung nicht durch den Einfluß des unbelichteten oder belichteten Sauerstoffs der Atmosphäre, durch die Lichtbewegungen an und für sich oder durch die entsprechenden Bindemittel bewirkt wird. Also nur Körper von einer gewissen Stabilität werden luft- und lichtbeständig sein.

Von einer Farbe kann man verlangen:

1. Daß dieselbe eine zum Zwecke der Malerei, was Verteilung und Deckkraft anbelangt, möglichst günstige Beschaffenheit und Struktur besitzt. (Mikroskopische Prüfung, Prüfung der Feinheit, Deckkraft und Ergiebigkeit.)

2. Daß die dieselbe, soweit es die für die Verwendung als Farbe notwendige Molekularstruktur und die gewünschte Farbennuance erlaubt, rein, das heißt frei von nicht durch die Natur der Sache bedingten Verunreinigungen sei. (Chemische qualitative, eventuell quantitative Analyse.)

3. Daß die Zusammensetzung auch der gegebenen Bezeichnung entspreche, und daß Mischfarben oder Surrogate als solche bezeichnet seien. (Chemische Analyse.)

4. Daß dieselbe durch atmosphärische Einflüsse, also durch den unbelichteten oder belichteten Sauerstoff, durch die Lichtschwingungen an und für sich, durch die Kohlensäure, Schwefelwasserstoff der Luft u. s. w., sowie durch die für die betreffende Farbe geeigneten Bindemittel nicht verändert werde. (Chemische Analyse.)

Zahlreiche Farben in den verschiedensten Nuancen werden durch Mischungen der hier abgehandelten Farben erzeugt und unter den verschiedenartigsten Namen in den Handel gebracht, teils Phantasienamen, teils Namen, welche der wahren Natur der Farbe nicht entsprechen, also zu einer Täuschung Veranlassung geben; seltener kann man aus der Bezeichnung die Natur der Mischung ersehen. Es ist entschieden ein Uebelstand, wenn z. B. unter Chromgrün eine Mischung aus Berlinerblau und Chromgelb in den Handel kommt, weil der Käufer glaubt, wirkliches Chromgrün (Chromoxyd) zu haben, und weil er an dasselbe dann gewisse Anforderungen zu stellen berechtigt ist, die ihm die Mischfarbe nicht bietet. Mischfarben sollen die Bezeichnung „Mischfarbe“ tragen, mit Beschwerungsmitteln versetzte Farben sollen durch eine entsprechende Bezeichnung, z. B. der Angabe des Prozentgehaltes an reinem Farbstoff, gekennzeichnet werden. Mischfarben haben natürlich die Eigenschaften ihrer Komponenten.

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17. Band. Heft 3.


Farbenkunde der gebräuchlichsten anorganischen Farben.

Von Georg Buchner, Chemiker in München.

(Fortsetzung)

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Neapelgelg

3. Neapelgelb. Das Neapelgelb, auch Neapolitanische Erde genannt, ist eine sehr beständige Bleifarbe, die jetzt fast ausschließlich nur mehr in der Oelmalerei, abgesehen von der Porzellanmalerei, angewendet wird. Sie ist, wie das Kasselergelb, von dem Chromgelb verdrängt. Das Neapelgelb ist seiner chemischen Natur nach je nach der Art der Darstellung ein mehr oder weniger reines, antimonsaures Bleioxyd mit überschüssigem Bleioxydgehalt. Es wurde früher für eine Erdfarbe gehalten (daher der Name Neapolitanische Erde) und in Neapel und Venedig zuerst hergestellt. Die Farbe ist sehr beständig, auch in der Hitze, und hat je nach der Herstellungsart verschiedene Nuancen, doch werden solche auch durch Zumischung, besonders von Chromrot, erhalten. Die Neapelgelbe sind sehr gut deckende Farben mit Oel, Wasser und Kalk, von kurzer Trockendauer. Für sich sind sie beständig, können mit allen Farben gemischt werden, mit Ausnahme von Zinkgelb, gelbem Ultramarin und deren Mischfarben, da sie deren Farbe etwas verändern.

Von schwefelwasserstoffhaltiger Luft wird Neapelgelb, wie alle Bleifarben, geschwärzt, auch ist es giftig. Bei der Verwendung des Neapelgelbs als Wasserfarbe sind eiserne Gegenstände wie Spatel u. s. w. zu vermeiden, da hierdurch die Farbe mißfarbig wird. Als Bleigelb gehen im Handel Mischungen aus Bleiglätte und Neapelgelb.

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17. Band. Heft 4.


Farbenkunde der gebräuchlichsten anorganischen Farben.

Von Georg Buchner, Chemiker in München.

(Fortsetzung)

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pp. 2–3

Ocker

11. Ocker. Die Ocker gehören zu den wichtigsten, beständigsten und in jeder Maltechnik verwendbaren Farben. Dieselben sind gelb bis rotbraune, glanzlose, erdige, feine Pulver; ihrer chemischen Natur nach sind sie mehr oder weniger reine, teils kalk- und magnesiahaltige Thone, deren Farbe von der größeren oder geringeren Menge des vorhandenen Eisenoxydhydrates (gelbe Ocker) oder Eisenoxydes (rote Ocker) nebst auch geringeren Mengen anderer Metalloxyde, am meisten Manganoxyd, bedingt wird. In der Natur finden sich die Ocker fertig gebildet, doch werden die roten Ocker zumeist durch mehr oder weniger starkes Erhitzen der gelben Ocker (sogenanntes Kalcinieren) hergestellt, wobei das gelbe Eisenoxydhydrat sein Wasser abgibt und in rotes wasserfreies Eisenoxyd übergeht. Je nach der Art und Stärke des Erhitzens, mit oder ohne Luftzutritt, Zusätzen von Kochsalz beim Glühen, Mischen mit Thon und anderen Ockern werden die zahlreichen Ockernuancen des Handels hergestellt. Die Ocker sind entstanden durch Verwitterung eisenhaltiger Thongesteine. Sie finden sich oft so rein und in so feinem Zustande, daß sie ohne weiteres als Malerfarbe verwendet werden können. In diesem Falle hat die Natur selbst den Mahl- und Schlämmprozeß ausgeführt, welchen bei den meisten Ockern erst die Fabrikanten besorgen müssen. Die Farbe und Färbekraft der Ocker hängt von der Menge des enthaltenen Eisenoxydhydrates, beziehungsweise Eisenoxydes, aber auch von dem molekularen Zustand des Eisenoxydes ab; es können demnach zwei Ocker mit dem gleichen Eisengehalte doch in Bezug auf die Farbe und Farbenergiebigkeit verschieden sein. Ein sehr manganoxydhaltiger, brauner Ocker ist die sogenannte echte Umbra, die auf Cypern, aber auch in Bayern u. s. w. gefunden wird. Seit alters her genießen die italienischen Ocker, z. B. Neapelrot, Pompejanischrot, Terra Pozzuoli, Terra di Siena, die italienischen Licht-, Gold- und Dunkelocker den Ruf größter Schönheit. Es rührt dies wohl daher, daß dies die ältesten bekannten Ocker sind, denn auch an andern Orten sind Fundstätten schöner Ocker, und sind die Namen Terra di Siena u. s. w. mehr typische Bezeichnungen geworden, womit gesagt sein soll, daß diese Farben den typischen Ockern an Farbe und Schönheit gleichkommen. Es finden sich Ockerlager besonders in England, Frankreich, Deutschland, besonders auch in Bayern.

Zusammensetzung einiger Ockerarten.

RötelGelberdeUmbraOcker von SavoyenOcker von VierzonOcker von St. Georges
Kieselerde4160–7040–604469,570
Thonerde20–2516–2040–602069,570
Eisenoxyd (bezw. Hydrat)ca. 501–1040–501923,525
Kalk2
Magnesia1
Wasser2410775

Das Wertbestimmende der Ocker ist die Schönheit ihrer Farbe, ihre Deckkraft und die Reinheit, das heißt, daß sie bis auf Spuren frei von kohlensaurem Kalk, schwefelsaurem Kalk (Gips) und kohlensaurer Magnesia sind. Enthalten die Ocker letztere Verbindungen in nennenswerten Mengen, so sind sie erstens viel weniger deckend in Oel als die reinen Ocker; zweitens geht dann beim Brennen der kohlensaure Kalk, resp. Magnesia, in Aetzkalk, resp. Aetzmagnesia über, welche dann bei Mischung mit anderen Farben, z. B. Pariserblau, letztere verändern. Die reinen Ocker gehören zu den beständigsten Farben; sie ändern sich weder am Licht an und für sich, noch hat der belichtete oder unbelichtete atmosphärische Sauerstoff oder der Schwefelwasserstoffgehalt, die Luft eine Einwirkung. Sie können vermöge ihrer indifferenten Eigenschaften mit allen Farben gemischt werden, auch mit allen Bindemitteln: Wasser, Oel, Kalk, Wasserglas u. s. w. Die Ocker werden manchmal, um ihnen ein schöneres, feurigeres Ansehen zu verleihen, mit Schwefelsäure versetzt; solche Ocker geben an Wasser die Säure ab und färbt dieses dann blaues Lackmuspapier rot. Solche Ocker sind natürlich infolge des Einflusses der Schwefelsäure auf andere Farben u. s. w. zu vermeiden, ebenso gut alle die mit Anilinfarben gefärbten Deckocker, bei denen ähnlich wie bei den Lackfarben der Deckocker nur als Körper, die Anilinfarbe aber als Farbe dient. Solche Farben sind infolge der Lichtunbeständigkeit der Anilinfarben natürlich in allen Fällen zu vermeiden, in denen eine Dauer der Farbe verlangt wird. Die mit Anilinfarben geschönten Ocker und Farben geben bei der Behandlung mit Weingeist den Anilinfarbstoff an diesen ab, während reine Ocker beim Schütteln mit Weingeist nach dem gehörigen Absetzen den Weingeist ungefärbt erscheinen lassen.

Von den Ockern eignet sich besonders die Terra di Siena gut zum Lasieren von Holz, da sie im Gegensatz zu den anderen Erdfarben den Grund durchscheinen läßt (Lasurfarbe). Zu den minderwertigen Ockern gehört auch das Ambergergelb, der rote Bolus, auch sogenannter Rötel (Rotkreide, Hausrot). Letzterer ist eine gute Wasser- und Kalkfarbe. Der geglühte Rötel gibt auch eine brauchbare Oelfarbe, sogenannte rote Steinfarbe.

(Schluß folgt.)