Goethe 1789

[Johann Wolfgang Goethe], Fortsetzung der Auszüge aus dem Taschenbuche eines Reisenden, in: Christoph Martin Wieland (ed.), Der Theutsche Merkur Februar 1789, Weimar 1789, pp. 113–131.


I.
Fortsetzung
der Auszüge
aus
dem Taschenbuche eines Reisenden


(S. T. M. 1788. Octobr. S. 32. u. Nov. S. 97.)

pp. 113–120

7.
Einfache Nachahmung der Natur,
Manier, Styl.

Es scheint nicht überflüssig zu seyn, genau anzuzeigen, was wir uns bey diesen Worten denken, welche wir öfters brauchen werden. Denn wenn man sich gleich auch derselben schon lange in Schriften bedient, wenn sie gleich durch theoretische Werke bestimmt zu seyn scheinen; so braucht denn doch jeder sie meistens in einem eignen Sinne, und denkt sich mehr oder weniger dabey, je schärfer oder schwächer er den Begriff gefaßt hat, der dadurch ausgedruckt werden soll.

Einfache Nachahmung der Natur.

Wenn ein Künstler, bey dem man das natürliche Talent voraussetzen muß, in der frühsten Zeit, nachdem er nur einigermaßen Auge und Hand an Mustern geübt, sich an die Gegenstände der Natur wendete, mit Treue und Fleiß ihre Gestalten, ihre Farben, auf das genaueste nachahmte, sich gewissenhaft niemals von ihr entfernte, jedes Gemählde das er zu fertigen hätte wieder in ihrer Gegenwart anfienge und vollendete; ein solcher würde immer ein schätzenswerther Künstler seyn; denn es könnte ihm nicht fehlen daß er in einem unglaublichen Grade wahr würde, daß seine Arbeiten sicher, kräftig und reich seyn müsten.

Wenn man diese Bedingungen genau überlegt, so sieht man leicht, daß eine zwar fähige aber beschränkte Natur, angenehme aber beschränkte Gegenstände, auf diese Weise behandlen könne.

Solche Gegenstände müssen leicht und immer zu haben seyn; sie müssen bequem gesehen und ruhig nachgebildet werden können; das Gemüth, das sich mit einer solchen Arbeit beschäftigt, muß still, in sich gekehrt, und in einem mäßigen Genuß genügsam seyn.

Diese Art der Nachbildung würde also bey sogenannten todten oder stillliegenden Gegenständen, von ruhigen, treuen, eingeschränkten Menschen in Ausübung gebracht werden. Sie schließt ihrer Natur nach eine hohe Vollkommenheit nicht aus.

Manier.

Allein gewöhnlich wird dem Menschen eine solche Art zu verfahren zu ängstlich, oder nicht hinreichend. Er sieht eine Uebereinstimmung vieler Gegenstände, die er nur in ein Bild bringen kann indem er das Einzelne aufopfert; es verdrießt ihn, der Natur ihre Buchstaben im Zeichnen nur gleichsam nachzubuchstabieren; er erfindet sich selbst eine Weise, macht sich selbst eine Sprache, um das, was er mit der Seele ergriffen, wieder nach seiner Art auszudrucken, einem Gegenstande den er öfters wiederhohlt hat eine eigne bezeichnende Form zu geben, ohne, wenn er ihn wiederhohlt, die Natur selbst vor sich zu haben, noch auch sich geradezu ihrer ganz lebhaft zu erinnern.

Nun wird es eine Sprache, in welcher sich der Geist des Sprechenden unmittelbar ausdruckt und bezeichnet. Und wie die Meynungen über sittliche Gegenstände sich in der Seele eines jeden der selbst denkt, anders reihen und gestalten: so wird auch jeder Künstler dieser Art, die Welt anders sehen, ergreiffen und nachbilden, er wird ihre Erscheinungen, bedächtiger oder leichter fassen, er wird sie gesetzter oder flüchtiger wieder hervorbringen.

Wir sehen daß diese Art der Nachahmung am geschicktesten bey Gegenständen angewendet wird, welche in einem großen Ganzen viele kleine subordinirte Gegenstände enthalten. Diese letztere müssen aufgeopfert werden, wenn der allgemeine Ausdruck des großen Gegenstandes erreicht werden soll, wie z. E. bey Landschaften der Fall ist, wo man ganz die Absicht verfehlen würde, wenn man sich ängstlich beym Einzelnen aufhalten, und den Begriff des Ganzen nicht vielmehr fest halten wollte.

Styl.

Gelangt die Kunst durch Nachahmung der Natur, durch Bemühung sich eine allgemeine Sprache zu machen, durch genaueres und tiefes Studium der Gegenstände selbst, endlich dahin, daß sie die Eigenschaften der Dinge und die Art wie sie bestehen genau und immer genauer kennen lernt, daß sie die Reihe der Gestalten übersieht und die verschiedenen charakteristischen Formen neben einander zu stellen und nachzuahmen weiß: dann wird der Styl der höchste Grad wohin sie gelangen kann; der Grad, wo sie sich den höchsten menschlichen Bemühungen gleichstellen darf.

Wie die einfache Nachahmung auf dem ruhigen Daseyn und einer liebevollen Gegenwart beruhet, die Manier eine Erscheinung mit einem leichten fähigen Gemüth ergreift, so ruht der Styl auf den tiefsten Grundfesten der Erkenntniß, auf dem Wesen der Dinge, in so fern uns erlaubt ist es in sichtbaren und greiflichen Gestalten zu erkennen.


Die Ausführung des oben gesagten, würde ganze Bände einnehmen; man kann auch schon manches darüber in Büchern finden; der reine Begriff aber ist allein an der Natur und den Kunstwerken zu studiren. Wir fügen noch einige Betrachtungen hinzu, und werden, so oft von bildender Kunst die Rede ist, Gelegenheit haben uns dieser Blätter zu erinnern.

Es läßt sich leicht einsehen, daß diese drey hier von einander getheilten Arten, Kunstwerke hervorzubringen, genau mit einander verwandt sind, und daß eine in die andere sich zart verlauffen kann.

Die einfache Nachahmung leicht faßlicher Gegenstände, (wir wollen hier zum Beyspiel Blumen und Früchte nehmen) kann schon auf einen hohen Grad gebracht werden. Es ist natürlich, daß einer, der Rosen nachbildet, bald die schönsten und frischesten Rosen kennen und unterscheiden, und unter Tausenden die ihm der Sommer anbietet, heraussuchen werde. Also tritt hier schon die Wahl ein, ohne daß sich der Künstler einen allgemeinen bestimmten Begriff von der Schönheit der Rose gemacht hätte. Er hat mit faßlichen Formen zu thun; alles kommt auf die mannichfaltige Bestimmung und die Farbe der Oberfläche an. Die pelzige Pfirsche, die fein bestaubte Pflaume, den glatten Apfel, die glänzende Kirsche, die blendende Rose, die mannigfaltigen Nelken, die bunten Tulpen, alle wird er nach Wunsch im höchsten Grade der Vollkommenheit ihrer Blüthe und Reiffe in seinem stillen Arbeitszimmer vor sich haben; er wird ihnen die günstigste Beleuchtung geben; sein Auge wird sich an die Harmonie der glänzenden Farben, gleichsam spielend, gewöhnen; er wird alle Jahre dieselben Gegenstände zu erneuern wieder im Stande seyn, und durch eine ruhige nachahmende Betrachtung des simpeln Daseyns, die Eigenschaften dieser Gegenstände ohne mühsame Abstraktion erkennen und fassen: und so werden die Wunderwerke eines Huysums, einer Rachel Ruysch entstehen, welche Künstler sich gleichsam über das Mögliche hinüber gearbeitet haben. Es ist offenbar daß ein solcher Künstler, nur desto größer und entschiedener werden muß, wenn er zu seinen Talente noch ein unterrichteter Botaniker ist: wenn er von der Wurzel an den Einfluß der verschiedenen Theile auf das Gedeihen und den Wachsthum der Pflanze, ihre Bestimmung und wechselseitige Wirkungen erkennt, wenn er die successive Entwicklung der Blätter, Blumen, Befruchtung, Frucht, und des neuen Keimes einsiehet und überdenkt. Er wird alsdenn nicht bloß durch die Wahl aus den Erscheinungen seinen Geschmack zeigen, sondern er wird uns auch durch eine richtige Darstellung der Eigenschaften zugleich in Bewunderung setzen und belehren. In diesem Sinne würde man sagen können, er habe sich einen Styl gebildet; wie man von der andern Seite leicht einsehen kann, wie ein solcher Meister, wenn er es nicht gar so genau nähme, wenn er nur das auffallende, blendende leicht auszudrücken beflissen wäre, gar bald in die Manier übergehen würde.

Die einfache Nachahmung arbeitet also gleichsam im Vorhofe des Styls. Je treuer, sorgfältiger, reiner sie zu Werke gehet, je ruhiger sie das, was sie erblickt, empfindet, je gelassener sie es nachahmt, je mehr sie sich dabey zu denken gewohnt, das heißt, jemehr sie das Aehnliche zu vergleichen, das Unähnliche von einander abzusondern, und einzelne Gegenstände unter allgemeine Begriffe zu ordnen lernet: desto würdiger wird sie sich machen die Schwelle des Heiligthums selbst zu betreten.

Wenn wir nur ferner die Manier betrachten, so sehen wir, daß sie im höchsten Sinne und in der reinsten Bedeutung des Worts ein Mittel zwischen der einfachen Nachahmung und dem Styl sein könne. Je mehr sie bey ihrer leichterern Methode sich der treuen Nachahmung nähert, je eifriger sie von der andern Seite das Charakteristische der Gegenstände zu ergreiffen und faßlich auszudrücken sucht, jemehr sie beydes durch eine reine lebhafte, thätige Individualität verbindet, desto höher, größer, und respectabler wird sie werden. Unterläßt ein solcher Künstler sich an die Natur zu halten und an die Natur zu denken so wird er sich immer mehr von der Grundfeste der Kunst entfernen, seine Manier wird immer leerer und unbedeutender werden, je weiter sie sich von der einfachen Nachahmung und von dem Styl entfernt.

Wir brauchen hier nicht zu wiederholen, daß wir das Wort Manier in einem hohen und respectablen Sinne nehmen, daß also die Künstler, deren Arbeiten, nach unsrer Meynung, in den Kreis der Manier fallen, sich über uns nicht zu beschweren haben. Es ist uns blos angelegen das Wort Styl in den höchsten Ehren zu halten, damit uns ein Ausdruck übrig bleibe um den höchsten Grad zu bezeichnen, welchen die Kunst je erreicht hat und je erreichen kann. Diesen Grad auch nur zu erkennen, ist schon eine große Glückseligkeit, und davon sich mit Verständigen unterhalten ein edles Vergnügen, das wir uns in der Folge, zu verschaffen manche Gelegenheit finden werden.


pp. 120–126

8.
Von Arabesken.

Wir bezeichnen mit diesem Namen eine willkührliche und geschmackvolle mahlerische Zusammenstellung der mannigfaltigsten Gegenstände, um die innern Wände eines Gebäudes zu verzieren.

Wenn wir diese Art Mahlerey, mit der Kunst im höhern Sinne vergleichen, so mag sie wohl tadelnswerth seyn und uns geringschätzig vorkommen, allein wenn wir billig sind, so werden wir derselben gern ihren Platz anweisen und gönnen.

Wir können, wo Arabesken hin gehören, am besten von den Alten lernen, welche in dem ganzen Kunstfache unsre Meister sind, und bleiben werden.

Wir wollen suchen unsern Lesern anschaulich zu machen, auf welche Weise die Arabesken von den Alten gebraucht worden sind.

Die Zimmer, in den Häusern des ausgegrabenen Pompeji sind meistentheils klein; durchgängig findet man aber, daß die Menschen die solche bewohnten alles um sich her gern verziert und durch angebrachte Gestalten veredelt sahen. Alle Wände sind glatt und sorgfältig abgetüncht, alle sind gemahlt; auf einer Wand von mäßiger Höhe und Breite findet man in der Mitte ein Bildchen angebracht, das meistens einen mythologischen Gegenstand vorstellt. Es ist oft nur zwischen zwey und drey Fuß lang und proportionirlich hoch, und hat als Kunstwerck mehr oder weniger Verdienst. Die übrige Wand ist in Einer Farbe abgetüncht; die Einfassung derselben bestehet aus so genannten Arabesken. Stäbgen, Schnirkel, Bänder, aus denen hie und da eine Blume oder sonst ein lebendiges Wesen hervorblickt, alles ist meistentheils sehr leicht gehalten, und alle diese Zierarten, scheint es, sollen nur die einfarbige Wand freundlicher machen: und indem sich ihre leichten Züge gegen das Mittelstück bewegen, dasselbe mit dem ganzen in eine Harmonie bringen.

Wenn wir den Ursprung dieser Verzierungsart näher betrachten, so werden wir sie sehr vernünftig finden. Ein Hausbesitzer hatte nicht Vermögen genug, seine ganzen Wände mit würdigen Kunstwerken zu bedecken, und wenn er es gehabt hätte, wäre es nicht einmal rathsam gewesen; denn es würden ihn Bilder mit Lebensgroßen Figuren in seinem kleinen Zimmer nur geängstigt, oder eine Menge kleine neben einander ihn nur zerstreuet haben. Er verziert also seine Wände nach dem Maaße seines Beutels auf eine gefällige und unterhaltende Weise; der einfarbige Grund seiner Wände mit den farbigen Zierathen auf demselben giebt seinen Augen immer einen angenehmen Eindruck. Wenn er für sich zu denken und zu thun hat, zerstreuen und beschäftigen sie ihn nicht, und doch ist er von angenehmen Gegenständen umgeben. Will er seinen Geschmack an Kunst befriedigen, will er denken, einen höhern Sinn ergötzen, so sieht er seine Mittelbildchen an, und erfreut sich an ihrem Besitz.

Auf diese Weise wären also Arabesken jener Zeit nicht eine Verschwendung sondern eine Ersparniß der Kunst gewesen! Die Wand sollte und konnte nicht ein ganzes Kunstwerk seyn, aber sie sollte doch ganz verziert, ein ganz freundlicher und fröhlicher Gegenstand werden, und in ihrer Mitte sollte sie ein proportionirliches gutes Kunstwerk enthalten, welches die Augen anziehen und den Geist befriedigen sollte.

Die meisten dieser Stücke sind nunmehr aus den Wänden heraus gehoben und nach Portici gebracht, die Wände mit ihren Farben und Zierarten stehen noch meistentheils freyer Luft ausgesetzt und müssen nach und nach zu Grunde gehen.

Wie wünschenswerth wäre es daß man nur einige solche Wände im Zusammenhang, wie man solche gefunden, in Kupfer mitgetheilt hätte; so würde das, was ich hier sage, einem jeden sogleich in die Augen fallen.

Ich glaube noch eine Bemerkung gemacht zu haben, woraus mir deutlich wird, wie die bessern Künstler damaliger Zeit dem Bedürfniß der Liebhaber entgegen gearbeitet haben. Die Mittelbilder der Wände, ob sie gleich auch auf Tünche gemahlt sind, scheinen doch nicht an dem Orte, wo sie sich gegenwärtig befinden, gefertigt worden zu seyn: es scheint als habe man sie erst herbey gebracht, an die Wand befestigt, und sie daselbst eingetüncht und die übrige Fläche umher gemahlt.

Es ist sehr leicht aus Kalk und Puzzolane feste und transportable Tafeln zu fertigen. Wahrscheinlich hatten gute Künstler ihren Aufenthalt in Neapel, und mahlten mit ihren Schülern solche Bilder in Vorrath; von daher holte sich der Bewohner eines Landstädtchens, wie Pompeji war, nach seinem Vermögen ein solches Bild. Tüncher und subordinirte Künstler, welche fähig waren Arabesken hinzuzeichnen, fanden sich eher, und so ward das Bedürfniß eines jeden Hausbesitzers befriedigt.

Man hat in dem Gewölbe eines Hauses zu Pompeji ein paar solche Tafeln los und an die Wand gelehnt gefunden; und daraus hat man schließen wollen, die Einwohner hätten bey der Eruption des Vesuvs Zeit gehabt, solche von den Wänden abzusägen, in der Absicht sie zu retten. Allein es scheint mir dieses in mehr als einen Sinne höchst unwahrscheinlich, und ich bin vielmehr überzeugt, daß es solche angeschafte Tafeln gewesen, welche noch erst in einem Gebäude hätten angebracht werden sollen.

Fröhlichkeit, Leichtsinn, Lust zum Schmuck, scheinen die Arabesken erfunden und verbreitet zu haben, und in diesem Sinn mag man sie gerne zulassen; besonders wenn sie, wie hier, der bessern Kunst gleichsam zum Rahm dienen, sie nicht ausschließen, sie nicht verdrängen, sondern sie nur noch allgemeiner, den Besitz guter Kunstwerke möglicher machen.

Ich würde deswegen nie gegen sie eifern, sondern nur wünschen, daß der Werth der höchsten Kunstwerke erkannt würde. Geschicht das, so tritt alle subordinirte Kunst, bis zum Handwerk herunter, an ihren Platz, und die Welt ist so groß und die Seele hat so nöthig ihren Genuß zu vermannigfaltigen, daß uns das geringste Kunstwerk an seinem Platz immer schätbar bleiben wird.


In den Bädern des Titus zu Rom sieht man auch noch Ueberbleibsel dieser Malerey. Lange gewölbte Gänge, große Zimmer, sollten gleichsam nur geglättet und gefärbt, mit so wenig Umständen als möglich verziert werden. Man weiß, mit welcher Sorgfalt die Alten ihre Mauern abtünchten, welche Marmorglätte und Festigkeit sie der Tünche zu geben wußten. Diese reine Fläche mahlten sie mit Wachsfarben, die ihre Schönheit bis jetzt nach kaum verlohren haben, und, in ihrer ersten Zeit, wie mit einem glänzenden Firniß überzogen waren. Schon also, wie gesagt, ergötze ein solcher gewölbter Gang durch Glätte, Glanz, Farbe, Reinlichkeit, das Auge. Die leichte Zierde, der gefällige Schmuck kontrastirte gleichsam mit den großen, einfachen, architektonischen Massen, machte ein Gewölbe zur Laube und einen dunklen Saal zur bunten Welt. Wo sie solid verzieren sollten und wollten, fehlte es ihnen weder an Mitteln noch an Sinn, wovon ein andermal die Rede seyn wird.


Die berühmten Arabesken, womit Raphael einen Theil der Logen des Vatikans ausgeziert, sind freylich schon in einem andern Sinne; es ist als wenn er verschwenderisch habe zeigen wollen, was er erfinden, und was die Anzahl geschickter Leute, welche mit ihm waren, ausführen konnte. Hier ist also schon nicht mehr jene weise Sparsamkeit der Alten, die nur gleichsam eilten mit einem Gebäude fertig zu werden, um es genießen zu können: sondern hier ist ein Künstler, der für den Herrn der Welt arbeitet, und sich sowohl als jenem ein Denkmal der Fülle und des Reichthums errichten will. Am meisten im Sinne der Alten, dünken mich die Arabesken in einem Zimmergen der Villa, welche Raphael mit seiner Geliebten bewohnte. Hier findet man, an den Seiten der gewölbten Decke, die Hochzeit Alexanders und Roxanens, und ein ander geheimnißvoll allegorisches Bild, wahrscheinlich die Gewalt der Begierden vorstellend. An den Wänden sieht man kleine Genien und ausgewachsene männliche Gestalten, die auf Schnirkeln und Stäben gaukeln, und sich heftiger und munterer bewegen. Sie scheinen zu balanciren, nach einem Ziel zu eilen, und was alles die Lebenslust für Bewegungen einflößen mag. Das Brustbild der schönen Fornarina ist viermal wiederhohlt, und die halb leichtsinnigen halb soliden Zieraten dieses Zimmergens athmen Freude, Leben und Liebe. Er hat wahrscheinlicherweise nur einen Theil davon selbst gemahlt, und es ist um so reizender, weil er hier viel hätte machen können, aber weniger und eben was genug war machen wollte.