Aviler – Sturm 1699

Augustin-Charles d’Aviler – Leonhard Christoph Sturm, Auszfürliche Anleitung/ zu der gantzen Civil Baukunst/ Worinnen Nebst denen fünf Ordnungen von J. Bar. de Vignola, Wie ach dessen und des berühmten Mich. Angelo, vornehmste Gebäuden/ Alles was in der Baukunst/ dem Bauzeuge/ der Außtheillung/ und der Verziehrung nach/ so wol bey der Bildhauer/ Mahler/ Steinmetzer/ Mäurer und Zimmerleuthe/ als Dach-Decker/ Schlösser/ Tischer/ Gärtner u. d. gl. Arbeit/ an allerley Arten der Gebäuden vorkommen mag/ berühret/ an deutlichen Beyspielen erklähret/ und mit schönen Rissen erläutert wird. Erstlich in Frantzösischer Sprache zusammen getragen und heraus gegeben, Amsterdam [Huguetan] 1699.


pp. 295–298

Von der Felder-Verzierung an Gewölbern und geraden Decken.

AN Aufzierung der Decken pfleget man allezeit den grösten Zierath zuwenden/ um das Gesichte bald anfangs zu vergnügen/ weil es bey dem Eintritt in die Zimmer am ersten auff die Decken fället. So unangenehm nun die Gothische Bauarth mit den Mißgeburten ihrer Schnitzwerck ist/ muß man sich doch über ihre Gewölber verwundern/ welche durch ihre Eselsrücken Bogen/ so wol ins Gevierdte als ins Creutz und dazwischen gezogene/ und aus diesen entsprungene Bogenstrickte recht künstliche Felder formiren. Ja man findet offt solch Geädere (also zu reden/ weil ihre Felderbögen wie Adern an dem Gewölbe herun lauffen) welches von Strab-gewölbern frey hervor gehet/ und öffters über sich noch durchbrochene Laternen/ und andere dergleichen Einfälle träget/ welche mit eisernen Stefften so forne knöpffigt sind/ sehr künstlich gefasset worden. Dieses Geädere ist meistentheils von hartem Stein/ das Gewölbe aber von behauenen Bruchsteinen/ die ziemlich dem Gewölbe-Eckmitten nachkommen/ oder von Brenstein/ auch von alten Gipsstücken/ welches alles mit starcken tiessen Mörtel gemauret wird. Man findet auch verschiedene von lauter Gips/ die sich weit genug erstrecken/ oder werffen/ und doch nicht dicker sind/ als etwan 3. biß 4. Zoll. An diesen Gewölbern ist dieses absonderlich/ daß man in die Auffüllung über den Gewölbern Lufft-gefäße verstecken/ und dadurch einen Wiederschall oder Echo zuwege bringen kan.

Die Felder in den Kirchen nach Römischer Art sind meistens von den alten Gebäuden abgenommen/ als dem Tempel des Friedens/ von den Sieges-Bogen/ und den meisten übrigen Denckmahlen/ die jetzo über einen Hauffen liegen/ daher man deren keine weitere Kundschafft hat/ als aus den Zeichnungen der ersten Baumeister unserer Zeit/ und anderer Untersucher des Alterthums. Weil aber bey Erwehlung der Felder nöthig ist/ auff den Zeug zu sehen/ als will erstlich von verschiedenen Zeug reden/ wie die Gewölber daraus gebauet werden.

Die besten und leichtesten werden aus Bruch- oder Brensteinen gemachet. Wann sie nun geleget/ und die Lehr-Bogen darunter weg genommen worden/ bewirfft man sie mit Gips oder Kalch/ zeichnet hernach mit Rothstein die Felder darauff/ mit Hülffe der Stricken/ von der Lehre/ auff den man die Puncten der Felder gefunden.

Also pflegen es die Gipser und Maurer ins gemein/ auch auff gantz geschobenen/ abhängichten und zugespitzten Tonnen-Gewölbern zu machen. Leon Baptista Alberti hält viel auff eine andere Art/ deren sich nach seiner Meinung die Alten sollen bedienet haben/ und also gehandhabet wird. Man formet wie ins gemein geschiehet den Lehr-Bogen aus Brettern/ und zeichnet aussen die Felder darauff/ nagelt dann so viel Holtz auff die gezeichneten Plätze/ daß es so hoch erhaben wird/ so tieff die Felder werden sollen/ und die gröbsten Glieder zu Einfassung der Gewölber/ sticht man herum hohl aus/ und machet mit einem Wort eine rechte Form zu dem Gewölbe/ die man darnach tieff mit Mörtel bewirffet/ und folgends darauff mauret/ so wird das gantze Gewölbe auff einmahl gantz fertig/ daß man wenig nachzuhelffen findet. Die Glieder vergildet man am besten/ und lässet den Grund dazwischen weiß/ welches besser absticht/ als wann alles gantz vergildet wäre/ wozu man schöne Beyspiele in den Römischen Kirchen sehen kan/ worunter die St. Peters Kirche/ auch in dieser Arbeit an Pracht und angenehmer Abwechselung verwunderam ist.

Die Gewölber von gehauenen Stein machet man anders; dann da lässet man die Ribben der Tonnen-Gewölber und Kugel-Gewölber/ vor dem übrigen Gewölbe hervorstehen/ und die Schlußsteine noch weiter herabhängen. Man muß aber hiebey zusehen/ daß die Fugen nicht eben längs auff ein Glied oder Schnitzwerck treffen.

Diese Felder der Gewölber müssen dem Zwischen-Raum der Ordnungen zu sagen/ auff welchen ihre Ribben ruhen/ und sich nach der Art dieser Ordnungen richten. Also solten die Felder über den ersten zwey Ordnungen schlecht seyn/ und nur aus länglicht gevierdten Taffeln bestehen.

Bey der Jonischen Ordnung können Felder mit Leisten und untermengten Schnitzwerck seyn. An der Corinthischen Ordnung schicken sich vertieffte Felder mit Rosen-Zügen/ oder Laubwerck gezieret. Die Streiffen/ die wie Ketten oder geschlungene Züge die Felder einfassen/ dürffen eben nicht gar viel gezieret seyn/ um die Verwirrung zu vermeiden/ die aus der allzuvielen Arbeit entstehet/ welches man an dem Gewölbe der Kirche du Val de Grace zu Paris sehen kan. Solche Bogen-Zierden stehen auch aussen an den Gewölbern wol/ sonderlich an den Hauben der Kuppeln/ wegen der vielen Wendungen.

Alle diese Felder werden in grosse und kleine eingetheilet. Die grossen sind die grossen Bogen-Stücken/ welche viel kleine Felder in sich begreiffen/ und unterschiedlich und mit Laubwerck geschlungenen Buchstaben/ Denck- und Sinn-Bildern/ und dergleichen gezieret sind.

1. Gewundene Rose.
2. Ausgegrabene Rose.
3. Knopff-Rose.
A. Grosse Gewölbfelder/ Gitterfeld von Rauten.
B. Von Eyer-windungen.
C. Von gewundenen Rauten.
D. Von zusammengesetzten Figuren.
E. Von acht Ecken und Creutzen.
G. Und endlich
H. Von sechs Ecken.
I. Verzierung der Gewölbe-Ribben mit gevierdten und länglicht gevierdten.
K. Allein mit gevierdten Feldern.
L. Einfache und M. Doppelte Ketten-Züge.
N. Verzierung mit abgewechselten Vierungen.
O. Mit achteckichten Feldern.
P. Mit einem geschlungenen Zug.
Q. Mit einem Zug von Laubwerck.

Diese kleine dienen am meisten grössere Felder zu begleiten/ auff welche die Haupt-Gemählde/ oder niedrig erhabene Schnitzwercke gemachet werden. Die kleinen Felder werden viereckicht/ rauten-formig/ rund/ eyer-rund/ sechs und achteckicht/ und von andern Figuren bereitet/ welche regulier sind. In diese Felder setzet man Rosen von mancherley Gestalt/ nachdem sie sich in die Figuren schicken/ weil sie aber öffters wiederhohlet werden/ muß man in acht nehmen/ daß in Kugel oder Kuppel-Gewölbern die am nächsten an dem Schluß-Stein stehen/ auch kleiner/ und die übrigen je weiter herunter/ je grösser gemachet werden.

Auch müssen die Felder/ die unten herum stehen/ ein wenig abhängicht vertieffet werden/ doch nicht so sehr als die an dem Pantheon, damit nichts von den eingesetzten Zierathen verstecket bleibe. Aber an den abschüßigen Gewölbern über den Treppen/ ist es besser daß man sie Bleyrecht gegen dem Boden vertieffe/ wie an der Treppe der geraden Säulen-Laube in dem Vaticano zu Rom/ als Bleyrecht gegen dem Horizont, wie an der Treppe des Rath-Hauses zu Pariß.

So viel als die geschnitzten Felder zu Aufzierung der Gebäude beytragen können/ so viel thun es auch die gemahlten/ die durch ihre Leichtigkeit das Gewölbe gleichsam höher machen. Weil aber ein gantz ausgeschnitztes Gewölbe schwer/ und ein gantz gemahltes zu schwach aussiehet/ ist unlaugbar/ daß die Vermischung beyderley Zierathen etwas vollkommenes zuwege bringen kan/ wann die Außtheilung gut daran ist. Demnach ist es am besten die Ribben der Gewölber mit Schnitzwerck zu zieren. Man kan auch an die Auflagen der Gewölber Bilder von Gips setzen/ und das übrige Feld des Gewölbes und die Ohren desselben mahlen/ dessen man schöne Beyspiele allenthalben in Kirchen und Pallästen/ sonderlich in Italien sehen kan. Wann man die Gewölber grau in grau mahlet/ und mit Silber oder Gold erhöhet/ muss man zwar alles nach Art der Mahlerey leicht machen/ dennoch aber in der Art wie niedrig erhabene Arbeit vorstellen.

Die Gemählde al Fresco haben den Vortheil/ daß sie/ sonderlich innerhalb der Gebäude lange Zeit die Farbe vollkommen behalten/ daferne anders der Bewurff gut/ und mit dem Zeug auch mit der Vorsicht gemachet ist/ wie in Italien geschiehet. In Pariß ist von dieser Art eines der besten Stücke die gemahlte Kuppel au Val de Grace von Mignard. Ausser den Oehl-Gemählden und den al Fresco, hat man noch die Mosaische Arbeit/ da man nach einen gemahlten Carton die Figuren in der rechten Mahlerhaltung mit gefärbten Steinen und Gläßern heraus bringet. Diese Wercke behalten ihren Glantz viel hundert Jahr/ und dürffen nur mit Wasser abgewaschen werden. Wann man kleine Gewölber recht hertzlich auszieren will/ machet man Felder von gemachten Stein/ und umfänget sie mit einer Bekleidung von Marmor/ dergleichen man in der Begräbniß Capelle der Hertzogen von Florentz siehet.

Die Kuppel-Gewölber müssen einen ziemlich hohen Untersatz haben/ damit sie hinter ihren Kräntzen nicht verstecket/ und an der Figur unvollkommen gemachet werden. Man thut auch besser ihren Carton nicht recht rund sondern etwas höher gezogen/ wie parabolisch zu bereiten/ damit sie nach der Verkurtzung eine desto vollkommenere Circul-Figur bekommen. Den Kräntzen darunter muß man wenig Außladung geben/ und siehet man deren in Italien/ da die Glieder welche an ihrem Spring eingezogen sind, durch eine Schattirung wieder gleichsam heraus gezogen werden/ welches sonderlich wol angehet/ wo die Glieder mit Marmor-Farbe gemahlet sind.

Nun ist noch übrig von den geraden Felder-Decken zu reden/ die man in Gemächern gebrauchet. In Franckreich machet man sie durch Hülffe einer Decke von an einander geschlagenen Latten/ woran der Gips mit Bürsten geschlagen wird/ damit die Bekleidung durchgehends ein pährig werde/ wann die Decken ein wenig gebogen/ oder an den Seiten herum geschlechtet sind/ ist die schönste Austheilung/ wann man in die Mitte ein groß Decken-Stücke mahlet/ mit verkurtzten Bildern/ und Bau-Zierden/ wodurch ein Orth höher scheinet/ als er ist.

An den ausgeschaleten Seiten herum machet man allerhand Gestalt/ Felder von Gips. Die Ecken schelet man rund aus/ um den Winckel der zusammenstossenden Bögen zu vermeiden/ in diese Ecken setzet man entweder halberhabene/ oder grau in grau gemahlte Zierathen/ oder Bilder von Gips. Man muß aber den Gliedern um die Neben-Felder ja nicht viel Außladung geben.

Die gantz geraden Felder-Decken/ werden billig vor die prächtigsten gehalten. Weil sie aber wenig in Gebrauch sind/ habe ich keinen Vorriß dazu geben wollen.

Diejenigen so erhabene Felder auff einem gleichen Grund haben/ scheinen am schwehresten/ die schönsten/ die man al’Antique nennet/ sehen aus als wären sie aus geschranckten Balcken gemachet/ welche in der Mitte vertieffte Felder einschliessen/ so mit einen architravirten Krantz umfangen sind/ in den kleinen Feldern werden Rosen/ und in den grösten Sinn-Bilder/ geflügelte Kinder/ Fruchtwinden/ Lauber-Züge und dergleichen/ mit Gold auff einen blauen Grund/ oder blau auff einen guldenen gemahlet. Unten an dem Kinn dieser geschranckten Balcken werden Zier-Züge u. d. gl. gemachet/ und in das Creutz Rosen gesetzet/ die gespitzt herunter hangen. Solche Decken machet man aus Bohlen oder Dielen/ die in der Form der Kräntze ausgehobelt sind/ und an die darunter versteckte Balcken mit eisernen Hafften fest gemachet werden. Solche Decken sind leicht und nicht so gebräuchlich wie die von Gips. Es wohnet auch niemand leichtlich über solchen Decken.

Man findet dergleichen in vielen Haupt-Sählen und Basilicken Italiens. In den Louvre zu Pariß und zu Fontainebleau, sind auch sehr grosse zu sehen. Man kan die Anordnung in etwas aus dem vorhergehenden Durchschnitt des Capitolii sehen.