Gelehrte Nachrichten 1759

Gelehrte Nachrichten Zum Hamburg. unpartheischen Correspondenten 41, Am Freytage, den 12 October. 1759.


Neapolis.

In der Königlichen Druckerey sind in Atlas-Format gedruckt: Le Pitture antiche d’Ercolano et contorni incise con qualche spiegazione. Tom. I. Unter allen angenehmen Künsten der Alten haben die Neuern den mechanischen Theil ihrer Mahler-Kunst am wenigsten ergründet. Plinius hat zwar vieles von dem Verfahren in damaligen Zeiten geschrieben. Allein, was damals jedermann verständlich war, ist uns heut zu Tage gänzlich dunkel. Die gegenwärtige kostbare Sammlung uralter Gemahlde giebet uns in vielen Dingen ein großes Licht, und erleuchtet sowol die Künstler, als Liebhaber. Man ersiehet daraus, daß die Alten alle Arten der Mahlerey mit Ruhme cultiviret haben, und daß sie nicht weniger mit großen Künstlern beglückt gewesen sind, als wir. Man findet unter den Herculanischen Gemahlden auch viele mittelmäßige und schlechte Stücke. Allein, giebet es nicht überall, wo große Künstler sind, eine große Menge Stümper? Der König beyder Sicilien hat dem gelehrten Publico mit den Meisterstücken der Alten ein schäßbares Geschenk gemachet, da er dieselben in Kupfer stechen, und von geschickten Meistern solche Erklärungen dazu verfertigen lassen, woraus man den Werth der Stücke besser beurtheilen kann. Man muß in der ganzen Sammlung den Theil, der für die Mahler-Kunst gehöret, von dem unterscheiden, welcher der Gelehrsamkeit gewidmet ist. Man wird vom letztern vielleicht am liebsten unterrichtet seyn wollen. Wir wollen etwas daraus anführen. Man hat bisher in den Schriftstellern noch keine Spur finden können, daß die Alten die Mahlerey mit Oel-Farben verstanden hätten. Die Fresco-Mahlerey war ihnen bekannt. Allein, die Antiquarii haben doch noch über die Frage gestritten, ob die Alten ihre Wände und Wölbungen bloß al Fresco gemahlet haben, oder nicht. Die Herculanischen Gemahlde beweisen, daß sie dieselben auch mit Wasser-Farbe gemahlet haben. Denn verschiedene derselben haben etwas gelitten, und sind schuppenweise abgefallen. Unter der ersten Farbe hat man eine andere gefunden, ohne daß die Oberfläche des Grundes das geringste gelitten haben sollte. Dieses kann aber bey einem Fresco-Gemählde unmöglich geschehen. Denn bey dieser Mahlerey werden die in reinem Wasser zerlassenen, und auf den noch frischen Grund von Kalk und Sand aufgetragenen Farben dem Grunde so einverleibet, daß sie unmöglich abfallen können, wenn nicht der Grund selbst mit abfällt. Hierzu kommt noch, daß die Fresco-Mahlerey nicht alle Farben leidet, welches schon Plinius wußte. (Ex omnibus coloribus cretulam amant, udoque illini recusant Purpurissum, Indicum ceruleum, Melinum, Auripigmentum, Apianum, Cerussa. lib. 35. cap. 7.) In den Herculanischen Gemählden aber findet man alle bey den Alten gebrauchte Farben, und besonders die, welche zur Fresco-Mahlerey nicht taugen. Dem ersten Ansehen nach scheinet das Verfahren bey der Mahlerey mit Wasser-Farben auf die Wände mit dem, auf Holz zu mahlen, einerley zu seyn. Man ließ den Grund wohl trocknen, hernach überzog man ihn mit einer einzigen Farbe, die gemeiniglich roth, gelb oder grün war, und auf diesen Farben-Grund mahlete man hernach mit verschiedenen in Gummi oder Leim zerlassenen Farben, wie gewöhnlich. Die Fresco-Mahlerey der Alten scheinet nicht völlig mit der Neuern ihrer übereinzustimmen. Sie trugen zwar die Farbe auch auf den frischen Grund auf, wie wir. Allein, sie nahmen nur die Grundfarbe allein, und mahleten hernach erst auf diesen Farben-Grund, wenn er trocken geworden war. Es scheinet auch, daß man vor Alters die Fresco-Mahlerey sehr selten zu Personen-Gemählden, sondern bloß zu Ausschilderungen der Thiere, Bäume und zu Grotesken gebrauchet habe. Eine Stelle im Vitruv (lib. 7. c. 3.) scheinet diese Meynung in etwas zu unterstützen. Einige von den Herculanischen Gemählden haben einen Schaden gelitten, welcher nicht zu vermeiden, noch zu ersetzen gewesen ist. Nachdem sie aus der Erde an die freye Luft gekommen sind, haben sich ihre frischen und lebhaften Farben verwandelt; ja, einige sind gänzlich ausgegangen. Man schreibet dieses der großen Feuchtigkeit des Landstriches zu, worinn sie gelegen, und vielleicht hat auch die große Hitze etwas dazu beygetragen, welche diese Stücke bey der Verschüttung der Stadt von der Glut der Lava des Vesuvs haben ausstehen müssen. Die heiße Asche und das kochende Harz haben vermuthlich das Gummi verzehret, welches den Farben ihre Festigkeit gegeben, und daher hat die Luft die Farben leicht hinwegnehmen können. Wenn man zweifeln konnte, daß die Alten in der Mahlerey die Zeichen-Kunst eben sowol, als in der Bildhauer-Kunst gebrauchet hatten, so würde man aus einigen Herculanischen Stücken bald davon vergewissert werden. Fast in allen findet man eine sehr richtige Zeichnung, ja, einige besitzen so viel Feinheit, daß sie den stärksten Zeichenmeistern unserer Zeiten genug zu schaffen machen sollten. Der Ausdruck ist in allem ungemein lebhaft. Die historischen Stücke sind groß und edel ausgeführt, die Leidenschaften erscheinen darinn in ihren wahren Charaktern, und die mitunterlaufenden kleinen Fehler werden durch sehr seltene Schönheiten ersetzt. In den perspectivischen Stücken erkennet man die Grundsäße dieser Kunst, ob sie gleich vielmehr nur angezeiget, als völlig entwickelt sind. Die Verfasser dieser Schrift versprechen, in Zukunft Beweise davon zu liefern, daß die Alten diese Wissenschaft allerdings verstanden haben. Um von den Gemählden selbst noch etwas zu sagen, so enthält dieser erste Theil deren 50, welche das eigentliche Hauptwerk ausmachen, und deren Erklärung die Akademisten zu Neapolis übernommen haben. Alles, was die Geschichte, die Mythologie, die Naturlehre und die Künste Gründliches und Auserlesenes darbiethet, ist in den Anmerkungen beygebracht worden, um damit die Erklärungen, welche man von den Stücken giebet, zu unterstützen. Diese Gemählde sind die außerlesensten unter allen für die Lehrbegierde des Publici. Weil sich die Landschaft-, See-, Blumen- und Frucht-Stücke nicht zu dem Formate schicken wollten, so hat man sie im Werke hin und wieder als Vignetten angebracht; und wenn man alle diese großen und kleinen Stücke zusammen nimmt, so enthält dieser Theil mehr als 150 Gemählde des Alterthums. Vor dem Werke stehet das Portrait Sr. Sicilianischen Majestät, und außerdem ist dieser Theil mit einer umständlichen Charte des Golfo di Napoli verehret. Der Druck des ganzen Werks ist so prächtig, wie man es von der Ausgabe, die ein Monarch übernommen hat, vermuthen kann, der hierdurch selbst ein ewiges Denkmaal seiner Größe und seines Geschmacks stiftet.