Balling 1845

Carl Joseph Napoleon Balling, Uiber Kalk und Mörtel im Allgemeinen und mit besonderer Beziehung auf die Erzeugung hydraulischen Mörtels in Böhmen, Encyclopädische Zeitschrift des Gewerbewesens 5, Prag 1845, pp. 1–25.


Carl Joseph Napoleon Balling (1805–1868) was a Czech chemist, professor, and, toward the end of his life, also rector of the Prague Polytechnic School. He specialized in analytical chemistry and made significant contributions to the study of sugar production and brewing. The excerpt presented here is taken from Balling’s 1845 study on Bohemian hydraulic lime, in which he explains the differences between hydraulic and aerial lime. Among other things, he highlights the importance of Prague hydraulic lime suitable for hydraulic (water) constructions and of the white aerial lime (“Weißkalk”) from Zdice and Karlštejn, which was particularly valued for plastering work.


pp. 9–11

3. Anwendung des Kalks in Form von kieselsaurem Kalk.

Anders verhält sich der Kalk, wenn der Kalkstein, woraus er gebrannt wird, eine gewisse Menge Thon innig beigemengt enthält. Solche Kalksteine liefern das Uibergangs- und das Flötzgebirge. Der dem Kalkstein beigemengte Thon enthält hauptsächlich Kieselerde und Thonerde. Beim Brennen dieser Kalksteine, indem der Kalk durch das Entweichen der Kohlensäure in den ätzenden Zustand übergeht, wirkt derselbe auf den Thon ein, es entsteht basisch kieselsaurer und thonsaurer Kalk. Der erstere ist es vorzüglich, welcher mit dem gebrannten Gypse die Eigenschaft gemein hat, daß er mit etwas Wasser zu Brei angerührt und hierauf in Formen gebracht, das Wasser chemisch bindet, als Hydrat in den starren Zustand übergeht (wobei Wärme frei wird) und dadurch eine Masse von gewißer Festigkeit bildet, die fortwährend zunimmt, bis die Masse durchaus steinhart geworden ist, und einen hellen Klang erlangt hat. Da dieses Festwerden nicht auf der Anziehung von Kohlensäure, folglich nicht auf der Berührung mit der atm. Luft beruht, sondern in der Masse selbst, in ihrer eigenthümlichen chemischen Mischung gegeben ist, so bedarf sie der ersteren nicht; sie erhärtet bei Ausschluß der Luft selbst im oder unter Wasser, sie behält in demselben ihre angenommene Festigkeit bei, und wird davon weder aufgeweicht noch aufgelöset; sie verträgt ebenfalls einen gewißen Sandzusatz, und eignet sich nicht nur besonders zum Grundbau, sondern ein solcher Mörtel ist zum Wasserbau allein anwendbar, man nennt ihn daher Wasserbau-Mörtel oder hydraulischen Mörtel, den Kalkstein, aus welchem er erzeugt werden kann, nennt man hydraulischen Kalk.

Dieser Mörtel ist zugleich dichter als der erstere, und deßhalb zum Hohlbau im feuchten Grunde (Kellerbau &c.) vorzüglich geeignet, um das Durchdringen des Wassers zu wehren. Er läßt sich eben so vortheilhaft zum Bau über der Erde, zum Landbau verwenden, und liefert eine viel schneller fester werdende Mauer. Da er aber mit Wasser angemacht wie der Gyps ziemlich bald erhärtet, so darf ein solcher Mörtel nur in kleinen Quantitäten auf einmal zubereitet, und er muß immer sogleich nach der Zubereitung verarbeitet werden.

Die Wirkung desselben hängt von seinem Gehalte an kieselsauren (und thonsauren) Kalk ab, und dieser von der Menge Thon, die in dem Kalkstein enthalten ist. Dem Gehalte an Kali, Eisen- und Manganoxyd kann keine wesentliche Wirkung hiebei zugeschrieben werden. Diesen Thon nennt man hier insbesondere Cement. Mehr als 50 pCt. seines Gewichtes an Cement darf der hydraulische Kalkstein nicht enthalten, weil er in diesem Falle weniger wirksam ist. Kalksteine, die 5 bis 25 pCt. ihres Gewichtes Cement enthalten, verhalten sich theils wie gemeiner theilweise wie hydraulischer Kalk, und liefern einen vortrefflichen Landbaumörtel. Von dieser Art sind die Prager Kalksteine, welche um Prag gebrochen und in wie um Prag gebrannt werden. In der folgenden Tabelle ist die Zusammensetzung einiger derselben angegeben, wie sie vor 22 Jahren nach damit vorgenommenen Analysen bestimmt wurde. Alle diese Kalksteine enthalten kleine Mengen kohlensaure Bittererde, deren Quantität aber, weil sie so gering ist, daß sie auf die Qualität des Mörtels keinen merkbaren Einfluß hat, nicht besonders bestimmt wurde, sondern in der Menge des aufgefundenen kohlensauren Kalkes mit inbegriffen ist. Eben so hat man damals von dem Kaligehalte der Kalksteine noch keine Kenntniß gehabt, weßhalb auf die Auffindung und Bestimmung desselben keine Rücksicht genommen worden war. Indessen ändern diese Mängel nichts an der Beurtheilung und Vergleichung der relativen Brauchbarkeit dieser Kalke zur Erzeugung von Mörtel als Baumateriale. Wegen des größeren Gehaltes an Cement sind die Prager Kalke zum Theil (Nr. 1.) schon zu Wasserbauten geeignet und werden dazu auch gebraucht; sie lassen sich noch mit Wasser löschen, jedoch geht dieß etwas langsamer vor sich als bei reineren Kalken. Eben wegen dieses größeren Gehaltes an Cement sind die Prager Kalke weniger gut zum Weißen (Uibertünchen der Wände) geeignet. Dagegen ist der Kalk, welcher in der Umgegend von Beraun (Zditz) und Karlsstein in Böhmen gebrannt wird, viel reiner und ein vorzüglicher Weißkalk. Alle Urkalksteine geben einen guten Weißkalk, sie enthalten aber gewöhnlich etwas mehr kohlensaure Bittererde.

Der eigentliche hydraulische Kalkstein, welcher 30 bis 50 pCt. Cement und 50 bis 70 pCt. kohlensauren Kalk enthält, löscht sich im gebrannten Zustande (in Stücken) nicht mehr oder nur äußerst langsam. Er darf auch vor seiner Anwendung nicht gelöscht, sondern er muß im gebrannten Zustande gepocht und zu feinem Mehl gemahlen werden. So wird er in dichte Fässer oder Kisten verpackt aufbewahrt und versendet. Vor dem Gebrauche wird er mit der entsprechenden Menge Sand vermengt, nun erst mit Wasser zu einem Brei angemacht und sogleich verwendet. Dieß muß in kleineren Portionen geschehen, welche schnell in je ½ Stunde verarbeitet werden können.

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