Cröker 1729
Johann Melchior Cröker – Johann Rudolph Cröker, Der wohl anführende Mahler, welcher curiöse Liebhaber lehret, wie man sich zur Mahlerey zubereiten, mit Oel-Farben umgehen, Gründe, Fürnisse und andere darzu nöthige Sachen verfertigen, die Gemählde geschickt auszieren, vergülden, versilbern, accurat lacquiren, und saubere Kupffer-Stiche ausarbeiten solle. Diesem ist noch beygefüget Ein Kunst-Kabinet rarer und geheim gehaltener Erfindungen, Alles aus eigener Erfahrung ausgezeichnet. Neue viel vermehrte und verbesserte Auflage, Jena [Johann Rudolph Cröker] 1729.
pp. 9–11
Das 4. Capitel
Was fresco mahlen sey / und wie mit solchem umzugehen
Die Kunst auf Mauren und nassen Kalck zu mahlen, übertrift alle andre Mahlerey, in diesem, weil solche in einem Tage geschehen muß, da man sonst in andern Sachen viel Jahre und Monate mit verändern und verbessern zubringen kann.
Es ist aber Fresco mahlen, wenn man eine Maure mit Mörtel oder Kalck bewerffen läst, und also auf solchen nassen Kalck mahlet, und muß der Mahler so viel als er bewerffen lasssen, alsofort übermählen; denn sonsten vertrucknet der Anwurff samt der darauf angefangenen Arbeit allzuhart, daß solche hernach mit dem daneben zustehenden Anwurff sich nicht mehr vereinbaren noch selben annehmen, sondern sie scheiden sich spätlich von einander, zerspringen endlich und fallen ab: will also dieses Mahlen hurtig in den nassen Kalck nach einander verfertiget seyn. Es werden aber hierzu lauter Erd-Farben, aber keine Mineralien genommen, sondern das Weisse von gebrantem Treverting-Stein, oder gebrantem Kalck, gelbem Ogger, Braunroth, Terra verta, Ultramarin ober blau Azur, Smalta, braun Ogger, Umbra, Kinruß und dergleichen Farben, so von einem starcken Wesen sind, und die der Kalch nicht aufzehren kan. Diese Mahlerey will haben eine geschwinde Hand, reiffen hurtigen Verstand, weil die Farben, wenn sie noch naß, ein Ding viel anders vorstellen, als wenn sie trucken sind. Es muß auch der Mahler in dieser Arbeit mehr der Vernunft, als des Abrisses fich bedienen, alles schon gleichsam in einem Grieff haben, und ein geübter Künstler seyn; weil die Arbeit keine Saumseligkeit noch Zech-Brüder duldet. Hierbey ist aber zu mercken, daß man nichts zu retouchieren übrig lassen, oder das keine Leim-Farben, noch mit Ogger-gelbe, Gummi oder Tragent angemachte Farben dazu kommen müssen; weil hierdurch der Mauren ihre natürliche Weisse entfället, und nachgehends alle Farben abstehen, sehr gelbe, heßlich und schwartz werden. Wer eine vornehme Historie in Fresco mahlen will, der durchsinne und bedencke die Historie wohl, darnach mache er seine Zeichnung auf Pappier, wenn ihm nun solcher Abriß beliebig, so mache er die Bilder der vorhabenden Figur auf eine ganze Tafel von Erde oder Wachs (auch bekleidet nach Nothdurfft mit fein genetzter Leinewand oder dünnem Zeug) ein oder zwey Spannen hoch. Wenn also das Muster vollbracht ist, so setze er dasselbe so hoch und weit von sich, wie es sein Horizont-Licht und Weite erfordert, und die Ordnung der Historie mit sich bringet: alsdenn wird sich erzeigen der Figuren Abtheilung, Licht und Schatten, halbe und beyde Theile völlig nach der Natur, Schlag und Gebrauch. Nach solchem nimmt der Mahler ein darzu zusammen gepaptes Pappier, der rechten Grösse, wie er vorhabens ist das ganze Werck zu machen, zeichnet darauf mit etwas Behülff der fürnehmsten Theile des Lebens die ganze Historie wohl ausgeführet. Wann dieses fertig, so schneidet man ein Stücke ab, just soviel, als man selbigen Tag zu verrichten ihm vorgenommen hat, und leget solches auf den Platz des angeworffenen nassen Kalcks, und fähret denn mit einer spißigen Pfriemen oder Eisen sauber über den Umriß des Pappiers. Wenn solches geschehen, so findet der Mahler darunter den Umriß seines Fürnehmens durchzogen, weil der frische Kalck gehörsam ist, und hierauf wird mit Farben nach dem Riß gemahlet: des andern Tages wird wieder ein Stück von obgedachtem gepaptem Pappier abgeschnitten, und damit, wie gemeldet, verfahren, und also alle Tage fortgesetzet, bis das Werck vollbracht ist. Wenn man aber auf eine Taffel oder Tuch nach dem Muster hinten mit, trucken geschabter Kreiden oder Kohlen es wohl schwatz gemacht, so lege es also auf die Taffet[!] fest nieder, und mit dem Stift umzogen, oder durchpauscht es, alsdenn findet man selbigen ganz auf der Tafel, und dieses ist der ganze Proceß bey den Italiänern und Florentinern: welche nach dem Leben mahlen, bedienen sich allein der natürlichen Modellen, nach welchen sie ihr Vornehmen mit gutem Urtheil durch Beyhülffe der Kreiden auf ihre Taffel zeichnen, und also ohne ferner Mittel das gantze Werck fortsehen. Ein guter Oel-Farben-Mahler verderbet sich aber mit vielem Fresco mahlen, dergleichen mit den Wasser-Farben, weil er dadurch zu einer grellen, kalten Wasser-Farben-Manier verleitet wird.
