Fiorillo 1791
Johann Dominicus Fiorillo, Ueber die Groteske. Einladungsblätter zu Vorlesungen über die Geschichte und Theorie der bildenden Künste, Göttingen [Johann Georg Rosenbusch] 1791.
Naturae sit ubique tenor ratioque sequenda.
Non vicina pedum tabulata, excelsa tonantis
Astra domus depicta gerent, nubesque, Notosque;
Nec Mare depressum laquaria summa vel Orcum,
Marmoreamque feret cannis vaga pergula molem:
Congrua sed propria semper statione locentur.
du FRESNOY de Arte Graphica.
pp. 1–24
Verschiedene Schriften, (1) die seit einiger Zeit über Grotesken und Arabesken erschienen sind, haben in meinem Kopfe mehrere Gedanken wieder rege gemacht, die ich schon über diesen Gegenstand gefaßt hatte, und die sich hauptsächlich auf eine Stelle des Vitruv (2) beziehen, worin er folgendes sagt:
(1) Ueber die Arabeske von A. Riem. Von Arabesken im Deutschen Merkur 1789. S. 120. Ueber den Gebrauch der Grotesken und Arabesken &c. v. D. S–z.
(2) Lib. VII, cap. 5. Sed haec, quae a veteribus ex veris rebus exempla sumebantur, nunc iniquis moribus improbantur; nam pinguntur tectoriis monstra potius, quam ex rebus finitis imagines certae. Pro columnis enim statuuntur calami, pro fastigiis harpaginetuli striati cum crispis foliis, & volutis: item candelabra aedicularum sustinentia figuras, supra fastigia earum surgentes ex radicibus cum volutis coliculi teneri plures habentes in se sine ratione sedentia sigilla: non minus etiam ex coliculis flores dimidiata habentes ex se exeuntia sigilla, alia humanis, alia bestiarum capitibus similia: haec autem nec sunt, nec fieri possunt, nec fuerunt: ergo ita novi mores coegerunt, uti inertia mali iudices connuieant artium virtutes. Quemadmodum enim potest calamus vere sustinere tectum, aut candelabrum aediculas, & ornamenta fastigii, seu coliculus tam tenuis & mollis sustinere sedens sigillum, aut de radicibus, & coliculis ex parte flores dimidiataque sigilla procreari? At haec falsa videntes homines non reprehendunt, sed delectantur, neque animaduertunt, si quid eorum fieri potest nec ne: iudiciis autem infirmis obscuratae mentes non valent probare, quod potest esse cum autoritate, & ratione decoris. Neque enim picturae probari debent, quae non sunt similes veritati: nec, si factae sunt elegantes ab arte, ideo de his statim deberit repente iudicari, nisi argumentationis certas habuerint rationes sine offensionibus explicatas. Etenim etiam Trallibus cum Apaturius Alabandeus eleganti manu finxisset scenam in minusculo theatro, quod εκκλησιαστήριον apud eos vocitatur, in eaque fecisset pro columnis signa, centaurosque sustinentes epistylia, tholorum rotunda tecta, fastigiorum prominentes versuras, coronasque capitibus leoininis ornatas, quae omnia stillicidiorum è tectis habent rationem: praeterea supra eam nihilominus episcenium, in quo tholi, pronai, semifastigia, omnisque tecti varius picturis fuerat ornatus. Itaque cum aspectus eius scenae propter asperitatem eblandiretur omnium visus, & iam id opus probare fuissent parati, tum Licinius Mathematicus prodiit, et ait Alabandeos satis acutos ad omnes res civiles haberi, sed propter non magnum vitium indecentiae insipientes eos esse iudicatos, quod in gymnasio eorum quae sunt statuae, omnes sunt causas agentes, in foro autem discos tenentes, aut currentes, seu pila ludentes. Ita indecens inter locorum proprietates status signorum, publice civitati vitium existimationis adiecit. Videamus item nunc, ne Apaturii scena efficiat et nos Alabandeos, aut Abderitas: quis enim vestrum domos supra tegularum tecta potest habere, aut columnas, seu fastigiorum explicationes? Haec enim supra contignationes ponuntur, non supra tegularum tecta. Si ergo quae non possunt in veritate rationem habere facti, in picturis probauerimus, accedemus & nos his civitatibus, quae propter haec vitia insipientes sunt iudicatae. Itaque Apaturius contra respondere non est ausus, sed sustulit scenam, et ad rationem veritatis commutatam, postea correctam approbavit. Vtinam dii immortales fecissent, uti Licinius revivisceret, & corrigeret hanc amentiam, tectoriorumque errantia instituta.
„Aber diese Schildereyen, wozu die Alten ihre Vorbilder von wirklichen Dingen hernahmen, finden jetzt, wegen einer schädlichen Sitte, keinen Beyfall. Man mahlt lieber Ungeheuer auf die Wände, als treue Abbildungen bestimmter Gegenstände. Statt der Säulen setzt man Rohrstengel hin, sstatt der Giebel Häckchen mit Hohlkehlen, mit krausem Laubwerk und Schnörkeln. Oder auch Leuchter welche Bilder kleiner Gebäude tragen, aus deren Giebeln zarte Stengel mit Schnörkeln hervorgwachsen, auf denen ganz widersinnig sitzende Figuren angebracht sind. Oder auch Blumen auf Stengeln, aus denen halbe Figuren hervorgehen, die bald ein menschliches bald ein thierisches Brustbild darstellen. Dergleichen Dinge giebts nicht, kann es nicht geben, und hat es nie gegeben. Dahin hat uns also die neue Mode gebracht daß unsgeschickte Beurtheiler das wahre Schöne in den Künsten übersehen. Denn wie kann ein Rohrstengel in der That ein Dach unterstützen? Wie kann ein Leuchter ein kleines Haus und die Zierrathen eines Giebels, oder ein so zarter und weicher Stengel eine sitzende Figur tragen? Wie können aus Wurzeln und Stengeln Blumen und Brustbilder hervorwachsen? Doch tadelt man solche Unrichtigkeiten nicht, sondern ergötzt sich daran, und achtet nicht darauf, ob diese Dinge wirklich seyn können oder nicht. Der Verstand wird durch ungegründete Urtheile umnebelt, und kann nicht mehr unterscheiden, was mit den Gesetzen der Schicklichkeit übereinkommt. Keine Schilderey verdient Beyfall, die nicht der Wahrheit gemäß ist: wenn sie der Kunst nach auch noch so schön ausgeführt ist, so muß uns dies nicht zu einem raschen Urtheile zu Gunsten derselben verleiten, wenn sich nicht der Inhalt durch sichre Schlußfolgen ohne Anstoß rechtfertigen läßt. Zu Tralles hatte einmahl Apaturius aus Alabandus auf einem kleinen Theater, welches sie dort εκκλησιαστήριον nennen, eine Scene mit reizender Mahlerey decorirt. Er hatte Statüen statt der Säulen gemahlt, Centauren welche Architraven trugen, runde Dächer mit Kuppeln, vorstehende Ecken an den Giebeln, Hauptgesimse, die mit Löwenköpfen geschmückt waren: lauter Dinge, die dazu da sind, damit das Wasser von den Dächern ablaufe. Dessen ungeachtet machte er darüber eine obere Decoration, woran Kuppeln, Vorplätze von Tempeln, halbe Giebel und alle die mannigfaltigen Verzierungen eines Daches gemahlt waren. Als diese Decoration den Augen aller schmeichelte, wegen des bunten Anblicks, welchen sie gab, und sie sochon auf dem Punkt standen, das Werk zu billigen, trat der Mathematiker Licinius auf und sagte, die Einwohner von Alabandus würden sonst in allen bürgerlichen Geschäften für ziemlich scharfsichtig gehalten, doch seyn sie wegen eines nicht grossen Verstosses gegen die Schicklichkeit in den Ruf der Geschmacklosigkeit gekommen. Alle Statüen in ihren Gymnasien nehmlich wären abgebildet als redeten sie vor Gericht, die auf ihrem Forum hingegen mit Wurfscheiben, oder im Lauf, oder im Ballspiel. So hat, sagt er, die unschickliche Anordnung der Statüen in Rücksicht auf die Plätze, den Alabandeern überhaupt den Vorwurf zugezogen, es fehle ihnen an Urtheilskraft. Laßt uns daher zusehen, daß uns die Decoration des Apaturius nicht zu Alabandeern oder Abderiten macht. Wer von euch kann über Ziegeldächern Häuser erbauen, oder Säulen und Giebel aufrichten? Dies sind Dinge die man auf ein Stockwerk setzt, nicht auf Ziegeldächer. Was also in der Wirklichkeit nicht Statt findet, das sollten wir in Gemälden billigen, und uns den Städten gleich stellen, die man wegen solcher Fehler für geschmacklos erklärt hat? Apaturius wagte hiegegen nichts einzuwenden, sondern nahm die Decoration weg, mahlte sie anders wie die wahren Verhältnisse es erforderten, und nach diesen Verbesserungen erwarb er Beyfall damit. Möchten doch die Götter geben, daß Licinius wieder auferstünde, und diesen irrigen Geschmack, diese Ungereimtheit in der Mahlerey der Wände verbesserte!“
Diese Aeusserungen des Vitruv sind von allen, die darüber geschrieben, als Schilderung und Tadel dessen, was wir mit dem Nahmen Grotesken und Arabesken belegen, angesehen worden. Freylich gab es für diese Art von Mahlerey damahls noch keinen bestimmten Nahmen, und Vitruv bezeichnet sie bloß mit den allgemeinen Ausdrücken von falschen, unvernünftigen Vorstellungen u. s. w. Ob er gleich in der angeführten Stelle die Geschichte des Apaturius erzählt, so scheint er doch nicht die Alten, sondern seine Zeitgenossen in Rücksicht dieses Geschmacks zu tadeln, als hätten jene eine so unnatürliche Erfindung noch nicht gebraucht, und gekannt.
Sind aber Sphinxen, Satyre, Tritonen, Centauren, Hermen, und Chimären Vorstellungen der wahren Natur?
Waren alle diese Dinge nicht vor Vitruvs Zeiten bekannt? Wurden nicht schon in den Friesen und andern Theilen der regelmäßigsten Baukunst, an den Altären, Dreyfüssen u. d. g. Verzierungen angebracht, wo Löwen, Greife, Schlangen, Adler, zwischen Leuchtern (Candelabra) Opfern, musikalischen Instrumenten, Gefäßen und Blätterwerke abgebildet waren? Diese Verzierungen waren dem Vitruv unstreitig bekannt, und mit einer gewissen Einschränkung gebraucht, sind sie beynah unentbehrlich. Wie kommts also, daß er gegen dieselben eifert?
Es scheint mir indessen, als hätten diejenigen, die über diesen Gegenstand etwas gesagt haben, zu sehr die verschiedene Gattungen von Zierrathen der Alten, Gryllen, Moresken, oder Arabesken, Gothische Schnörkel, und sogar Chinesische, und Japanische Ideen, alles unter den Nahmen von Groteske geworfen, ohne zu bedenken, daß die meisten Gemählde, die man zu Rom und Tivoli entdeckt hat, und die den Nahmen Grotesken führen, sich aus spätern Zeiten als denen des Vitruv herschreiben, da doch der Geschmack zu den Zeiten der Kayser sich beynah unter jeder neuen Regierung umänderte.
Ich will gerne zugeben, daß eine gewissse entfernte Aehnlichkeit das Auge eines blossen Liebhabers leicht täuschen könnte. Betrachtet man diese Werke aber mit einem Künstlerauge, so kann man leicht ihre Verschiedenheit und das Zeitalter, aus dem sie sich herschreiben, wahrnehmen.
Die ersten Zierrathen bey den Griechen waren ausser allem Zweifel jene simple Verzierungen von Laubwerk, die durch ihre gefälligen Schlingungen und ungekünstelte Einfalt jedem Auge gefielen. Diese wurden auch mit Vorstellungen der wahren Natur vermischt; so sieht man zwischen geschlungenem Laube ein Vogelnest, um welches die Alten ängstlich herumfliegen, weil eine Schlange oder ein anderes Raubthier sich nähert, und sie zu erwürgen drohet. Nun war man nicht zufrieden, das Auge allein mit diesen Zierrathen zu belustigen, sondern sie sollten auch eine gewissse Bedeutung haben, es sollte ein allegorischer Sinn darunter verschleyert werden, der auf diese oder jene Eigenschaft der Gottheit Bezug hätte. Auf diese Weise wurden Kapitäle, Friesen, und andere Theile der Baukunst mit Adlern, Greifen und Panthern, Donnerkeilen, Leyern und Thyrsen u. s. w. geziert, die alle auf Jupiter, Apoll, Bacchus, und andere Gottheiten anspielen sollten. So lange nun diese Grotesken nicht gegen die Natur verstiessen, sondern ihr nachgingen und ihren Weg weiter verfolgten, so lange sie nur mit der bescheidnen Freyheit einer durch Sinn für Wahrheit und Schönheit geleiteten Dichterfantasie über die Gränzen des Wirklichen hinaus gingen, konnte kein gerechter Tadel sie treffen. Um hiebey aber noch mehr Abwechselung anzubringen, wurden verstümmelte Figuren von Menschen und Thieren in das Laubwerk verwebt, und dieses war unstreitig der erste Schritt zu jenem überladenen Geschmack, der in der Folge unter den Römischen Kaysern so sehr überhand nahm. Hier fangen die Grotesken an in Carikaturen überzugehen. Diese Geburten einer regellosen Fantasie blieben nun nicht allein auf Verzierungen eingeschränkt; sie thaten sogar Eingriffe in die einmahl festgesetzten Regeln der reinen Baukunst. Ob es gleich den Baumeistern unmöglich war, dergleichen fantastischen Ideen zu Gebäuden Wirklichkeit zu geben, so geschah es doch durch die Vorstellung auf Gemählden, und dies ist es ohne Zweifel worauf man die Klagen Vitruvs beziehen muß.
In diese Classe gehören mehrere Vorstellungen auf den im Herculano entdeckten Gemählden, wovon ich nur einige als Beyspiel anführen will. (1) Hier findet sich nun deutlich was Vitruv sagt, Pro columnis enim statuuntur calami, pro fastigiis harpaginetuli striati cum crispis foliis, & volutis; ferner: Quemadmodum enim potest calamus vere sustinere tectum, aut candelabrum aediculas, & ornamenta fastigii &c. endlich: Quis enim vestrum Domos supra tegularum tecta potest habere, aut columnas, seu fastigiorum explicationes? Haec enim supra contignationes ponuntur, non supra tegularum tecta &c.
(1) Pitture d’Ercolano Tom. I. pag. 213. 217. 221. 225 und 229.
So kühn und regellos indessen diese Vorstellungen auch seyn mögen, so kann man ihnen doch nicht die Benennung von Zierrathen, Grotesken, oder Arabesken beylegen. Architectur ist die Rubrik, unter welche sie gehören. Ein geübtes Auge wird sie daher leicht von jenen die man Grotesken nennt und noch weit mehr von Arabesken, oder Moresken unterscheiden. Denn diese letzten, wo sie nehmlich ganz unverfälscht und rein von aller Vermischung mit einem fremden Geschmack sind, dergleichen noch einige in Spanien, zum Beyspiel zu Granada, auch in der Türkey angetroffen werden, bestehen bloß aus schwerfälligem Laubwerk und Blumen, die nicht mit der geringsten Spur von thierischen noch von menschlichen Gestalten untermischt sind.
Der Abstand Chinesischer und Japanischer Ideen von jener Art Mahlerey ist noch weit grösser, denn diese bestehen nicht in Verzierungen, nicht in geschlungenem Laube mit antiken Blättern, wie man sie in den Grotesken antrift; sondern in Pflanzen, Blumen, und Gewächsen mit Vögeln, fantastischen Drachen, und dieses alles ist mit einigen durchbrochenen Felsen, und kleinen Tempeln, oder Lusthäusern, ohne die geringste Symmetrie verziert.
Aus solchen Chinesischen Mahlereien, die einmahl in Europa eine allgemeine Liebhaberey wurden, entstand eine Menge anderer Gattungen, die schlechter oder weniger schlecht waren, je nachdem die Talente des Erfinders beschaffen waren. So hat A. Watteau eine Art Grotesken erfunden, die aus den Antiken, den Chinesischen, und seinen hinzugesetzten Fantasien zusammen erschaffen war. Alles wurde à la Watteau verziert, und die Augsburger und Nürnberger drückten das Siegel darauf und trieben es bis ins Abgeschmackte.
Ebenfalls können diejenigen Schildereyen deren der heil. Bernardus in seinen Werken erwähnt, nicht unter die Classe der Grotesken gerechnet werden (1).
(1) „Was soll in Klöstern vor den Augen der mit Lesen beschäftigten Brüder diese lächerliche Abentheuerlichkeit, diese wunderbare ungestaltete Schönheit und schöne Ungestalt? Was sollen da garstigen Affen, die wilden Löwen, die ungeheuern Centauren, die Halbmenschen, die gefleckten Tiger, die fechtenden Soldaten, die Jäger mit ihren Hifthörnern? Hier sieht man unter Einem Kopfe viele Körper, dort wieder viele Köpfe auf einem Rumpfe; hier an einem vierfüßigen Thiere einen Schlangenschwanz, dort an einem Fische den Kopf eines vierfüßigen Thiers. Das eine Thier hat vorn die Bildung eines Pferde und schleppt das Hintertheil einer Ziege nach sich; ein andres trägt Hörner und endigt sich hinten in einen Pferdeleib. Kurz, es zeigt sich überall eine grosse und bewundernswürdige Mannigfaltigkeit der Bildungen, daß man mehr Behagen findet in dem Marmor als in Handschriften zu lesen; daß man lieber den ganzen Tag hinbringt mit Betrachtung aller dieser Dinge, als mit Nachdenken über das göttliche Gesetz.“
Santi Bernardi Opera Omnia. Ed. Parisii 1719. fol. Vol. I. pag. 545.
Zu diesen letzten scheinen die, mit welchen der Prinz Pallagonia seinen Sommerpallast bey Palermo hat ausschmücken lassen, den Beschreibungen zufolge, völlig den Pendant abzugeben.
Ich habe schon angemerkt, daß unter den Kaysern die Simplicität in den Zierrathen verloren ging, und daß man, aus der Vermischung menschlicher und thierischer Formen neue Bildungen schuf, die zwar unnatürlich, aber doch einige davon ursprünglich Griechische Ideen waren. Denn ob schon Pausanias bey seinen Beschreibungen verschiedner Kunstwerke, bloß von Mythologischen und Historischen Gemählden spricht, so kann man doch den Griechen die Erfindung vieler von diesen Ideen nicht absprechen.
Bey den Römern konnte die Art von Luxus zu diesem Geschmack noch etwas beytragen, daß sie aus Indien Zeuge und Kleider erhandelten, worin Zierrathen und fantastische Thiergestalten gestickt und gewebt waren. (1)
(1) Philostratus sagt bey Beschreibung der Persischen Tracht: Die abentheuerlichen Thiergestalten welche die Barbaren auf verschiedne Weise mahlen und bilden. Philos. Icon. L. II. in Temistocle.
Diese Kleider hiessen nun acu pictae; so sagt Virgil: pictus acu chlamydem (2) und an einer andern Stelle: pictus acu tunicam. (3) Plinius schreibt den Phrygiern diese Erfindung zu: das Sticken mit der Nadel haben die Phrygier erfunden, daher hat man die Sticker Phrygiones genannt. (1) Daß auch bey den Mysterien Gewänder gebraucht wurden, worauf dergleichen ausschweifende Vorstellungen gewesen, sieht man aus dem Apulejus. (2) Er wurde bey seiner Einweihung in die Mysterien der Isis, in die Olympische Stola gekleidet, worauf Drachen, und Greife abgebildet ware…
(2) Aen. IX. v. 582.
(3) Aen. XI. v. 777.
(1) Plin. Lib. VIII, 48. Acu facere id (Idaei) Phryges invenerunt; ideoque Phrygiones appellati sunt.
(2) Apul. Metam. Lib. XI. Hinc dracones Indici inde grypher Hyperborei: quos, in speciem pinnatae alitis, generat mundus alter.
Von den Erfindern und Arbeitern dieser Tücher und Binden, die mit Zierrathen und Figuren von Thieren angefüllt waren, hat, wie einige glauben, in der Architektur der Theil zwischen dem Architrav, und der Cornische die Nahmen Fregio, und Friese bekommen. Dieser Theil stellt gewöhnlich eine mit Zierrathen und Thierfiguren gestickte Binde vor, daher Vitruv ihn mit einem griechischen Worte (Ζωοφόρος) Zophorus oder Thierträger nennt.
Diese Stickereyen konnten leicht die Mahler auf den Gedanken bringen, die Zimmer, wie mit diesen Indianischen und Phrygischen Tapeten ausgeschmückt, vorzustellen. Auch auf gewirkten Panzern war Stickerey üblich; (3) dies wurde dann auf metallenen Rüstungen nachgeahmt, von diesen dann wieder auf Statüen und Trophäen übertragen. Wenn also der Architekt und Bildner von dieser Kunst Vortheil zu ziehen wussten, warum sollte das nicht auch bey den Mahlern der Fall seyn? Mit dieser Art Mahlerey, welche aus leichten Zierrathen, Figuren, Thieren, Laub, und Blumenwerk besteht, wurden nun die Häuser der Römer angefüllt. Da die unteren Stockwerke derselben immer gewölbt waren, so waren sie auch der dauerhafteste Theil des Gebäudes und wurden durch den Einsturz des übrigen nicht beschädigt. In der Folge wurden auf diesen Ruinen neue Gebäude errichtet, ohne daß ihre Erbauer sich einfallen liessen, leere Räume unter denselben zu vermuthen. Man hat sie erst in neuern Zeiten wieder entdeckt; und da sie unter dem Boden des neuen Roms gefunden wurden, so nannte man sie grotte und die darin befindlichen Mahlereyen grottesche. In dieser Meynung stimmen Vasari, Varchi, Borghini, Armenini, u. a. überein.
(3) vid Herod. Lib. II. & III. und Plin. L. XIX. c. I.
Der einzige Lomazzo sagt im sechsten Buch (1) seines Werks, wo er von der Groteske handelt:
„Doch ehe ich zu ihren Zusammensetzungen komme, will ich dies bemerken, daß es die Meinung vieler Gelehrten ist, die Grotesken seyn nicht bloß von den Grotten so genannt worden, wohin sich die Alten zuweilen zur Erhohlung mit einer Geliebten heimlich zurückzogen; sondern weil sie zu dem Endzwecke gemacht wurden, nicht anders als Räthsel, Zifferschrift, oder aegyptische Figuren, sogenannte Hieroglyphen, um irgend einen Gedanken unter andern Figuren anzudeuten, wie wir es in Sinnbildern zu thun pflegen.“
(1) Trattato dell’ Arte de la Pittura Cap. 48. pag. 423. „Ma diro ben questo, prima ch’io venga alle loro composizioni, che egli è parere di molti dotti & esperti nelle Lettere, che queste grottesche non solo siano così dette dalle grotte, perche gli antichi vi solessero talvolta ricovrarsi nascostamente per piacere & diletto con qualche sua (loro) amata; ma perche a proposito venivano fatte non altrimenti, che enimmi, ò cifre, ò figure egitte, dimandate ieroglifici, per significare alcun concetto ò pensiero sotto altre figure, come noi usiamo negli emblemi, & nelle imprese.“
Es ist doch Schade, daß diese Stelle des Lomazzo noch keinem Hieroglyphendeuter in die Hände gefallen ist. Mit wie leichter Mühe hätte uns dieser eine geheime Geschichte der Kayser Nero, Titus, Adrian u. s. w. aus den gefundenen Grotesken heraus erklärt! Es gehört nicht zu meinem Endzweck, hier zu untersuchen, ob die Italiäner bey der Benennung dieser Gattung von Mahlerey nicht allein auf die Art ihrer Entdeckung, sondern auch auf ihre bürleske Gestalt Rücksicht genommen? Der Artikel Grottesca in dem grossen Wörterbuche der Crusca giebt hierüber keinen hinreichenden Aufschluß. Die Hauptsache hiebey wäre wohl, zu wissen, wie man solche Mahlereyen vor den Zeiten des Raphael genannt hat. Denn daß Vasari sagt: Morto da Feltri mahlte Grottesken &c. dies beweist weiter nichts, als daß zu Vasari Zeiten der Nahme schon für die ganze Gattung eingeführt worden war. Daß man indessen nachher bey dem Nahmen Grotteske, unstreitig mehr auf den burlesken Geschmack in diesen Mahlereyen, als auf die Ableitung von Grotta gesehen, dies ist klar aus der noch jetzt üblichen Anwendung des Worts auf komische Gegenstände, da man z. B. Balarino grottesco, von serio, und mezzo carattere unterscheidet. Auch Vasari (1) bestätigt diese Behauptung, wo er sagt: „Die Grotesken sind eine ausschweifende und lächerliche Art von Mahlerey.“
(1) „Le Grottesche sono una spezie di Pittura licenziosa e ridicola.“ &c. Cap. XXVII. pag. LIV. del proemio.
In so fern nun diese Grotesken als Zierrathen, mit einer gewissen Mäßigung benutzt werden, kann man ihnen Schönheit und Nutzen nicht absprechen, und ob schon die meisten, so wohl zu Rom als zu Tivoli gefundenen Grotesken, von Vitruv, wie ich schon bemerkt habe, nicht haben getadelt werden können, da sie nach seinen Zeiten gemahlt worden, und sehr zu vermuthen ist, daß der Geschmack in diesem Zeitraum sich umgeändert und verschlimmert habe, so würde doch Vitruv auch diese als bloße Verzierungen nicht verwerfen, denn sonst müßte er dies Verdammungsurtheil über mehrere Meisterstücke der Griechischen und Römischen Baukunst, wo sich dergleichen finden, zugleich mit fällen.
Wenn man hingegen seine Verachtung und die Warnung vor einem so kindischen Geschmack auf diejenigen Mahlereyen zieht, die eine fantastische Architectur vorstellen, dergleichen die angeführten Gemählde in Herculano sind, oder auch die Gesetze übertreten, die der dichterischen Freyheit Gränzen setzen müssen, wenn sie nicht zur Licenz werden soll, so wird man ihm auch in beyden Recht geben müssen.
Ich sehe also nicht, warum Hr. Riem (1) den Grotesken im Allgemeinen ohne den geringsten Unterschied zu machen, einen so heftigen Krieg ankündigt. Er hat zwar eine grosse Anzahl Gewährsmänner unter denen D. Barbaro das Amt des Flü gelmanns vertreten könnte; allein es liesse sich leicht eine Gegenarmee errichten, und dann käme es drauf an, welche Parthey mehr Blössen gäbe. Ich traue aber dem Berlinischen Publicum zu viel guten Geschmack zu, um nur von fern zu besorgen, daß Groteskenmahler dort die herrschende Künstlerclasse werden möchten. In einem Lande, wo die erhabenen Thaten des verstorbenen, die ruhmvolle Regierung des jetzt lebenden Monarchen, dem Künstler einen solchen Reichthum von Gegenständen zu interessanten Nationalstücken darbieten, ist es schwerlich zu befürchten, daß über den Tändeleyen der Groteske die ernstere Würde der Geschichtsmahlerey hintangesetzt werde. Zwar scheint Hr. Riem (2) sich auf Thatsachen zu gründen; ich glaube aber daß dieser leidenschaftliche Geschmack als ein Lauffeuer betrachtet werden kann, welches Rode, und Frisch mit leichter Mühe löschen werden.
(1) Ueber die Arabeske in der Monats-Schrift der Akad. der Künste &c. Th. I. S. 276.
(2) Th. II. S. 133. folg.
Jetzt noch einiges über das Wort Harpaginetuli, über welches die Commentatoren und Uebersetzer des Vitruv sich so sehr den Kopf zerbrochen haben (1). Doch wozu? Die Schwierigkeit ist jetzt gehoben; das Wort bedeutet nach der Auslegung des Verfassers der oben angeführten Schrift (2), weiter nichts als einen Haken. Die nehmliche Erklärung findet sich indessen schon in der 11ten und 12ten Anmerk. pag. 212. Tom. I. der Pitt. d’Ercolano.
(1) Unter denen die es zu enträthseln gesucht haben, kann auch Vossius ad Catull pag. 198. angeführt werden.
(2) Ueber den Gebrauch der Grotesken. von Sz.
Sonderbar ist es daß Galiani (3) sich des Wortes Rampini nicht bedient hat, welches doch so sehr mit dem Herkul. Gemählde T. I. pag. 213, und mit den Ausdrücken des Vitruv überein kömmt.
(3) L’Architettura di M. Vitruvio &c. del Marchese B. Galiani Napoli 1758. fol.
Ich kann bey dieser Gelegenheit nicht umhin, den Leser auch mit der Auslegung des D. Joseph Ortiz (4) bekannt zu machen. Er sagt in seinem Werke pag. 179. in einer Anmerkung:
„Es ist nicht ausgemacht, was Vitruv durch die Worte: pro fastigiis (ponuntur) harpaginetuli striati, cum crispis foliis et volutis, sagen will; aber aus dem ganzen Zusammenhange läßt sich vermuthen, daß harpaginetuli striati die seltsamen Gestalten von Frontispicen anzeigen sollen, die einige fantastische Mahler den Gebäuden gaben, die sie auf ihren Gemählden abbildeten. Dieser unwissende Misbrauch blieb nicht allein unter den Mahlern, sondern verbreitete sich auch unter mehrern Architekten, wie wir es an vielen alten Grabmählern, Sarkophagen und Aschenkrügen sehen. Zum Beyspiel an denen des Santi Bartoli pag. 95. u. 96.“
(4) Los Diez Libros de Architectura de M. Vitruvio Polion traducidos del Latin y comentados per D. J. Ortiz y Sauz Presbitero, Madrid 1787. fol. „Non consta que quiere significar Vitruvio por las palabras: pro fastigiis (ponuntur) harpaginetruli striati, cum crispis foliis et volutis; pero de todo el contexto puede deducirse, que harpaginetuli striati, indican las ridiculas formas de frontispicios que algunos Pintores caprichosos hacian a los edificios que rapresentaban en sus pinturas. Ni este ignorante abuso quedo solo entre los Pintores sino que aun trascendio a varios Architectos, come vemos en muchos sepulcros antiguos, lucillos, y urnas cinerarias; per exemplo, las de Santi Bartoli pag. 95. y 96.
Daß Grotesken immer in Rom, und in Italien gemahlt, und daß die antiken Gebäude so wohl zu Rom, als zu Tivoli, Capua, Bajae u. s. w. schon vor den Zeiten des Joh. da Udine benutzt worden sind, dies findet man in Vasari’s Leben des Morto da Feltri (1) ”Ritrovò (sagt Vasari) il Morto le grottesche piu simili alla maniera antica ch’alcun altro pittore, e per questo merita infinite lodi, da che per il principio di lui sono oggi ridotte dalle mani di Gio. da Udine, e di altri artefici a tanta belezza.” Ich würde zu weitläuftig werden wenn ich alle Stellen aus dem Leben des Joh. da Udine die auf unseren Gegenstand Beziehung haben, anführen wollte. Nur einige davon muß ich bemerken, vorzüglich eine, aus welcher klar ist, daß Raphael nicht den geringsten Antheil an den Verzierungen der Logge Vaticane gehabt, sondern bloß die Aufsicht über den Bau nach Bramantes Tode erhalten hat: Er liess (nehmlich Raphael) den Johann alle diese Gewölbe aus Stucco machen, mit schönen Verzierungen, die mit Grotesken eingefaßt waren. u. s. w. (1)
(1) Vasari T. II. pag. 320. Morto erfand Grotesken die mehr in antiker Manier waren als die irgend eines andern Mahlers, und verdient daher unendliches Lob, weil er den Anfang dazu machte, daß sie gegenwärtig durch Joh. von Udine und andre Künstler zu einer so grossen Schönheit erhoben sind.
(1) Vasari T. III. pag. 45. seq. ”. . . . Fece fare a Giovanni tutte quelle volte di Stucchi, con bellissimi ornamenti ricinti di grottesche &c.”
Eben so sagt Armenini (2) wo er von den Logge spricht. Raphael fand für gut, ihm (nehmlich dem Johann) die Besorgung hievon zu übertragen, so daß er ihn zum Aufseher der Logge des ersten Ranges machte u. s. w.
(2) pag. 179. ”Piacque a Raffaelle di darli il carico di quelle, di modo che lo fece capo delle Loggie del primo ordine &c.”
Was die gemahlten Geschichten aus dem alten Testamente betrifft, so sind diese bloß nach Cartons von Raphael durch junge Künstler verfertigt worden.
Borghini in seinem Riposo (3) gesteht ebenfalls dem Joh. da Udine ausschließlich die Ehre zu, die Logge ausgeziert zu haben.
(3) pag. 494.
Es müssen also einige unbedeutende Schriften seyn, welche behaupten, die Grotesken in den Logge seyn von Raphaels Erfindung, oder wohl gar von ihm gemahlt, gegen welche Hr. Riem (1) sich mit Recht so sehr ereifert. Eben so abgeschmackt ist die Meinung daß die damahls entdeckten Grotesken von Raph. und Joh. Nanni seyn copirt, und dann auf Raphaels Befehl die Gewölbe wieder rum zugeschüttet worden, damit niemand erfahren möchte, welchen Nutzen er daraus gezogen (2).
(1) T. II. pag. 26.
(2) vid Antologia Romana T. I. pag. 351.
Wie reimt sich dieß mit dem Umstande, daß in allen damahligen Kunstschriften von dieser Entdeckung als einer bekannten Sage geredet wird?
In Ansehung der Logge will ich nur noch hinzusehen daß sie lange nach Raphaels Tode, unter Pius IV. von Joh. da Udine, der sie unter Leo X. gemahlt hatte, weil sie sehr beschädigt waren a secco retouchirt werden mussten, nehmlich mit Leimfarben, wodurch sie schon damahls sehr an ihrer Schön heit verloren. Ich weiß nicht, wie sie jetzt beschaffen sind, da ich mich auf Nachrichten reisender Dilettanten nicht sehr verlassse; so viel weiß ich, daß sie vor zwanzig Jahren so beschaffen waren, daß ich an vielen Stellen kaum noch die Umrisse erkennen konnte.
Die einzigen Grotesken aus diesem Zeitalter, die sich noch in ihrem völligen Glanze erhalten haben, sind die, welche man auf der Treppe der beyden Paläste des Campidoglio, und in dem Palaste der Herzöge Mattei, und Massimi siehet.
Mehr wie zu wahr ist es aber, daß die wunderliche Idee, Raphael habe die Logge gemahlt, weit mehr zur Ausbreitung dieses Geschmacks beygetragen hat, als alle antike ehemahls gefundene Grotesken (1). Denn es wurden mit grossen Unkosten sogar Copien von dem Ganzen gemacht, die nach Antwerpen an einen gewissen Fugger (Fuccheri), und an den König von Spanien, nebst andere Zeichnungen verkauft wurden, woran Armenini selbst mit mehreren Künstlern gearbeitet hat (2). Diese Zeichnungen, die nach Spanien kamen, sind wahrscheinlich die nemlichen die in der Folge der Cardinal Camillo Massimi als er Nuntius in Spanien war, in der dortigen Bibliothek antraf, und Copien davon nehmen liess, welche nach seinem Tode nach England in die Hände des D. Mead kamen (1).
(1) Vasari T. III. pag. 46. wo von den Logge die Rede ist sagt ”Ed ardirò oltre ciò d’affermare, questa essere stata cagione, che non pure Roma ma ancora tutte l’altre parti del mondo si siano ripiene di queste forte pitture” – Und Milizia in seinen Memorie degli Architetti pag. LXXXIII. ” . . . . Non concepisco come fi usino altri quadri e piu inconcepibili sono i rabesnente nome di Raffaelle” – Ebenfalls J. Ortiz. L. c. ”El inmortal Rafael, que bedio’ todo su dibuxo en la clara fuente de los Antiguos imitò mas que ningun otro estos ornatos, a creditandolos con su autoridad y elegante dibuxo, fin que hubiese un Licinio que los reprobase.”
(2) vid Armenini pag. 183.
(1) vid Recueil de Peintures Antiques Paris 1757. fol.
Ob Regeln erfunden werden können, um die schicklichste Art der Composition, noch mehr, der Farbengebung für die Grotesken zu bestimmen, ob die Fantasie bey einem so kühnen Fluge nicht die Fesseln der Principien abwerfen muß, sind Probleme, die ich dem eigenen Nachdenken des Lesers überlassen will. Ich verweise sie daher nur auf Lomazzo (2) und auf die schon oft erwähnte Abhandlung (3). Ich habe schon zu Anfange geäussert, daß man diese Art von Mahlerey nicht ganz verwerfen könne, und ich wollte beynah behaupten, daß im einem Maskeraden-Saal keine schicklichere Vorstellungen Platz finden als gerade diese.
(2) pag. 424.
(3) Ueber den Gebrauch der Grotesken. von Sz.
Niemahls musste man sie aber zu grossen Seitenwänden, oder zu Plafond’s gebrauchen (4). Meines Erachtens müßte man Plafonds-Mahlerey so sehr wie möglich vermeiden. Stellt man Architektur in Perspektiv vor, so weiß jeder, daß es im ganzen Zimmer, Saal, oder was es sonst seyn mag, nur eine einzige Stelle, einen einzigen Punct giebt, wo es die Täuschung hervorbringen kann, als sey das Gemahlte wirklich. So bald man diesen Punct verläßt, so geräth alles in Verwirrung, und scheint sogar den Einsturz zu drohen. Ich will nicht einmahl die Unbequemlichkeit, die der Zuschauer immer wegen des zurückgebogenen Nackens und der aufwärts gekehrten Augen empfinden muß, in Betrachtung ziehen.
(4) Ich kann dem sonst einsichtsvollen Verfasser des Aufsatzes „Von Arabesken im Deutschen Merkur 1789. pag. 120.“ nicht beystimmen, wenn er sagt ”Wir können, wo Arabesken hingehören, am besten von den Alten lernen.”
Höchstens lassen sich aetherische und wo möglich momentane mythologische Sujets mit Vortheil zu Plafonds gebrauchen. Die Seitenwände müssen mit lehrreichen und angenehmen Geschichtsmahlereyen ausgeschmückt werden. Wollte man gern Aussichten anbringen, um dadurch dem Zimmer ein grösseres Ansehen zu geben, so lassen sich auf den Lambris Säulen anbringen, die bis zu dem Gesimse der Stube reichen, und in ihren Zwischenräumen könnten perspektivisch dargestellte Entfernungen, und sogar Figuren sehr gut angebracht werden.
Doch ich bin weit über mein Vorhaben hinausgegangen. Es war bloß mein Hauptentzweck, zu beweisen, daß wenn schon Vitruv in der angeführte Stelle von den sogenannten Grotesken spricht, er doch als Architekt vorzüglich nur auf die architektonischen Barbarismen zielt.
Obgleich hin und wieder die Grotesken dem guten Geschmack den Untergang zu drohen scheinen, so werden sie doch niemahls da, wo wirklich ächter Sinn für das Erhabene der Kunst einmahl geherrscht hat, festen Fuß erlangen können. Allein an denjenigen Oertern, wo man das Gefühl für Kunst noch nie an grossen und vortrefflichen Gegenständen geübt hat, da mag man immerhin mit Grotesken und Karikaturen den Anfang machen, und daran sein Ergötzen finden bis auf beßre Zeiten!
