Huth 1777
Johann Christian Huth, Gründliche Untersuchung derer Ursachen von der Festigkeit des alten Mauerwerks nebst einem aufrichtigen Unterricht von gehöriger Zubereitung des Kalks zu einem festbindenden Kalkmörtel, um ein eben so festes Mauerwerk als in den alten Zeiten auf die wohlfeilste Art zu machen, Halberstadt [Johann Heinrich Groß] 1777.
pp. 20–46
2. Capitel.
Vom Bitterkalk oder Lederkalk.
§. 1.
Der Name Bitter- und Lederkalk kommt hauptsächlich daher, weil er einen bitterlichen Geschmack hat und von denen Gerbern zu Bereitung des Leders gebraucht wird. Er wird bekanntermaßen aus einen harten Steine gebrannt und unterscheidet sich von dem Gipskalk hauptsächlich durch folgende Eigenschaften. 1) Daß wenn er gebrannt und recht durchgeglüet wird, einen großen und zwar beynahe den 4ten Theil seiner Schwere verliert. 2) Wenn er eine Weile in der Luft lieget, zu einem trockenen Pulver zerfället. 3) Durch aufgegossenes Wasser sich erhitzet, in vielen Wasser sich gröstentheils auflöset, wie eine Milch wird und aufquillet, dergestalt, daß aus einen Scheffel gebrannten Kalk beynahe 2 Scheffel gelöschter und dick gewordner Kalk werden. 4) Nach geschehener Auflösung zwar dicke aber nicht gleich hart wird und wenn er in einer Grube aufbehalten und mit Sand und Erde bedeckt wird einige Jahre lang weich bleibt. 5) Durch fahren, rütteln oder schlagen ohne zugegossenes Wasser wieder ganz weich wird 6) Ohne Sand sich nicht recht feste verbindet, wenn man ihm aber mit hinlänglichen Sande vermischt, und allmählig trocken werden läßt, wie ein Stein erhartet. Um nun ohne große Kosten und ohne viele Weitläuftigkeiten zu erfahren, ob ein vorhandener Kalksteinbruch einen guten Kalkstein in sich enthalte, kann man folgenden Versuch anstellen. Man nehme aus dem vorhandenen Steinbruche einige Stücke rohe Kalksteine, wiege sie und lasse sie in einem Kalkofen oder Töpferofen recht durchglüen, und wenn sie kalt worden sind, versuche man, ob und in welchen Maaße sie vorangezeigte Eigenschaften haben. Es kann auch schon genung seyn, wenn sie nur durch aufgegossenes Wasser sich schnell erhitzen, in vielen Wasser sich wie eine Milch gänzlich auflösen lassen, ohne daß etwas steinigtes oder sandigtes auf dem Boden des Gefäßes, worinne die Steine gelöscht werden, sich setzet, und der gelöschte und dick gewordene Kalk mit gleichviel Sand vermischt, in freyer Luft allmählig trocken, hart und feste wird. Wenn er diese Eigenschaften besitzet, so ist es schon ein sicheres Kennzeichen, daß der Kalkstein gut und mit guten Erfolg und Nutzen zu gebrauchen sey.
§. 2.
Die Bestandtheile des rohen Bitterkalksteins sind nach des, um die Untersuchung des Bitterkalks sich sehr verdientgemachten Hrn. Meyers zu Osnabrück gründlich angestellten chymischen Versuchen des ungelöschten Bitterkalks folgende:
1) Eine zarte absorbirende Erde, welche mit vielen Wasser und etwas wenigen Sauerwesen innigst vermischt und aufs festeste verbunden ist. Es ist aber eben so wenig als bey dem Gipskalk bekannt und ausgemacht, was es eigentlich vor eine Erde sey, und zu welcher Classe derer Erdarten eigentlich diese Erde gehöre. Zwar sind ausser der zarten Erde auch noch andere Erdarten bey dem Bitterkalk vorhanden, aber sie gehören nicht zu denen eigentlichen und wesentlichen Bestandtheilen des Bitterkalks, sondern die zarte Erde ist der wesentliche Bestandtheil desselben. Je mehr nun dergleichen zarte Erde in dem Kalkstein vorhanden ist, desto besser ist derselbe. Gedachter Hr. Meyer, hat in seinen herausgegebenen chymischen Versuchen zur nähern Erkenntniß des ungelöschten Kalks einen von ihme angestellten Proceß communiciret, welcher zu einer Anweisung dienet, wie man die kalkartigen Steine untersuchen und daraus erkennen könne, welche Steine am meisten Kalk Erde und am meisten fremde Erde enthalten und sich also zum Kalkbrennen am besten schicken. Dieser Proceß bestehet darin: Er hat 3 Loth ganz reinen Spiritum nitri mit eben so viel destillirten Regenwasser in einem Zuckerglase vermenget und zwey Loth gröblich zerstoßenen Kalkstein nach und nach hinein geworfen. Nachdem die Mixtur nach vorhergegangenen evervesciren stille worden, hat er die trübe Solution abgegossen und wieder etwas frischen geschwächten Spiritum nitri auf den rückständigen Kalk gegossen, hat mit ab- und zugiessen so lange fortgefahren, bis die Kalksteinstückchen gänzlich aufgelöset waren, wozu er 7 Loth und 1 Quentgen gemeinen nemlich nicht concentrirten Spiritum nitri gebraucht hat. Diese Solution hat er filtrirt, die im Filtro zurückgebliebene wenige leimfärbige Feces und Erden edulcoriret und diese mit Wasser abgespühlet und getrocknet. Hieraus hat er erhalten 10 Gran schwere aus kleinen hellen durchsichtigen länglichten Crystallo montano bestehende Erde, etwas kieselichten thonsteinigten Sand und etwas Glimmer, welches alles bey dem edulcoriren und schlemmen sich auf dem Boden des Gefässes gesetzt hatte und überdem noch 10 Gran leichtere Erde, welche aus wenigen leimfärbigen Thon mit dem feinsten Sande vermenget gewesen. Die klare Auflösung des Kalksteins hat er mit destillirten Regenwasser verdünnet, mit einer solutione salis tartari die aufgelösete Kalksteinerde präcipitiret und solche von dem Liquore durch ein Filtrum von weissen Druckpappier separirt, mit destillirten Wasser edulcoriret und nachdem er das Präcipitat getrocknet, 7 Drachmas und 2 Scrupel weisses Pulver wie feiner Uhrsand bekommen. Hieraus erhellet also klar und deutlich, daß der eine wesentliche Bestandtheil eine sehr zarte Erde sey, welche sich im Spiritu nitri auflösen lässet.
2) Das Wasser ist der 2te wesentliche Bestandtheil des Kalksteins so mit demselben innigst and fest verbunden ist und sich ohne die gröste Gewalt des Feuers nicht davon scheiden lässet. Dieses kann man aus der Schwere des rohen Kalksteins und der Schwere des gebrannten erweisen; denn es wird ein recht durchgebrannter Bitterkalk den 4ten Theil und drüber leichter als der rohe Kalkstein gewesen. Daß sich das Wasser mit der Kalkerde innigst und feste verbinde, kann man daraus erkennen.
a) Wenn man frischgebrannten Bitterkalk einige Wochen an einem trocknen Orte verwaret, so zerfällt er zu einem zarten Pulver und nimmt am Gewichte merklich zu, welches von nichts anders als von dem Wasser, so er aus der feuchten Luft an sich gezogen hat, herrühret. Ich habe ein Stück frisch gebrannten Bitterkalk, welches 22 Loth schwer war, einige Wochen an einem trocknen Orte liegen lassen, und, nachdem es zu einem trocknen Pulver zerfallen war, das trockne Pulver wieder gewogen und 28 Loth schwer befunden, es hat also 6 Loth Wasser und andere Dinge aus der Luft an sich gezogen. Dieses trockene Pulver habe ich über starken Feuer auf einem Eisenbleche bis zum gelinden Glüen noch mehr ausgetrocknet abermals gewogen, und noch 27 Loth schwer befunden, es ist also von denen 6 Loth eingezogener Feuchtigkeit nur 1 Loth wieder ausgedunstet.
b) Wenn man 1 Pfund ungelöschten frischen Kalk, mit Wasser kochet, sodann den Kalk trocknet, daß er wie ein Staub wird und diesen getrockneten Kalk wiegt, so hat er einige Lothe am Gewichte zu genommen, ohne zu rechnen, was sich im Wasser aufgelöset hat und abgegossen worden ist. Dieser Zuwachs am Gewichte muß nothwendig vom Wasser Herkommen. Es erhellet also hieraus, wie häufig und feste sich das Wasser mit der Kalk-Erde verbindet.
3) Der dritte Haupt-Bestandtheil des Bitterkalksteines, ist ein weniges Sauerwesen, welches dem Meersalz-Sauren am ähnlichsten ist. Ob aber dieses Sauerwesen ein wesentlicher und zur Verbindung des Kalks nöthiger Bestandtheil sey, daran wird sehr gezweifelt, weil es sehr wenig und in sehr geringer Quantität in dem Kalksteinen vorhanden ist und eine bloße reine Kalk-Erde durch ihre Fähigkeit sich mit bloßen Wasser zu verbinden zu einer steinigten Massa wird. Dieses sind die Haupt-Bestandtheile des rohen und ungebrannten Kalksteins. In dem gebrannten Kalksteine aber äussert sich noch
4) Der 4te Bestandtheil nemlich ein caustisches salinisches Wesen, welches nach aller Wahrscheinlichkeit nicht in dem rohen Kalkstein steckt, sondern aus dem Feuer kommt und dem Kalke mitgetheilet wird.
§. 3.
Die Zubereitung des Bitterkalks zu einem festbindenden Kalkmörtel bestehet in folgenden:
1) Die erste Arbeit der Zubereitung des Bitterkalks ist das Brennen. Wie solches geschiehet ist bekannt genung und hier nicht nöthig, es weitläuftig zu beschreiben, durch das Feuer werden die wässerigten Bestandtheile von denen Erdtheilen loßgerissen und ausgetrieben und es wird die Kalk-Erde in die kleinsten Theile zertheilet, es ist also solches der leichteste und kürzeste Weg den harten Kalkstein in ein feines Pulver zu verwandeln und solches mit Wasser in die Fugen und Zwischenräume des Mauerwerks zu bringen, selbige damit auszufüllen und es zu verbinden.
Nun ist die Frage wie lange der Kalkstein müsse gebrannt werden, und ob man ihn durch allzustarkes und langes calciniren, wie dem Gips schaden könne. Hierauf dienet zur Antwort, daß ein etwas länger anhaltendes oder stärkeres Feuer als zu seiner Auseinandersetzung nöthig ist, demselben nicht so viel als dem Gipskalk schade und es immer besser sey, wenn er etwas zuviel als zuwenig gebrannt, jedoch kann ihm ein allzustarkes und allzulange anhaltendes Feuer auch nachtheilig seyn. Man wird solches an denjenigen Kalksteinen gewahr welche zunächst an dem Feuer gestanden haben, diese geben gemeiniglich keinen so feste bindenden Kalk, als diejenigen so in der Mitte des Ofens gelegen haben und hinlänglich durchgebrennt worden sind, welches ich aus vielfältiger Erfahrung wahrgenommen habe. Wenn aber jemand die Frage aufwerfen solte; ob man den Kalkstein eben so gut mit Steinkohlen als mit Holz brennen könne, so dienet zur Antwort, daß es einerley sey, wenn nur der Kalkstein recht durchgebrannt worden ist.
Ich habe in dem Fürstenthum Bernburg bey Ballenstedt große Quantitäten Bitterkalk aus ein und eben demselben Kalksteinbruche theils mit Holz theils mit Steinkohlen im Großen brennen lassen und den Kalk bey dem damit gefertigten Mauerwerk von einerley Güte befunden. Hingegen ist derjenige Kalk, welcher in einem Ziegelofen mit denen Ziegel und Backsteinen gebrennt wird, nicht so gut als derjenige, welcher in einem besondern Kalkofen gebrannt wird; denn er wird an der vorder Seite von der heftigen Flamme zu stark gebrannt und an der hinter Seite durch die Ausdünstung derer noch ungebrannten und anfänglich noch etwas feuchten Ziegel und Backsteine angefeuchtet und also nicht recht egal und gleich durchgebrannt auch beym Herausnehmen von der im Feuerloche an dem Kalk liegenden Asche und von Ziegelstücken sehr verunreiniget.
2) Das Löschen ist die 2te Arbeit der Zubereitung des Bitterkalks. Dieses muß so bald es möglich nach geschehenen Brande vorgenommen werden. Denn wenn der gebrannte Kalk lange lieget, so ziehet er allmählig Feuchtigkeit und mit derselben andere in der Luft befindliche Dinge an sich, zerfället zu einem Pulver, lässet sich sodann im Wasser nicht gehörig auflösen und verbindet sich nicht recht feste mit dem Sande und denen Steinen. Die Ursache davon ist eben dieselbige welche oben bey der Zubereitung des Gipskalks Nro. 3. angezeigt worden ist. Die Löschung geschiehet nun e[n]tweder in einem offenen oder in einem verdeckten Kasten. Bey der Löschung im ofnen Kasten ist folgendes zu beobachten:
Man muß nicht zuviel Kalk auf einmal, sondern nur so viel in den Kasten hinein thun, daß der Boden desselben höchstens eine quere Hand hoch überall bedeckt ist, alsdenn giesset man so viel Wasser darauf, daß er beynahe ganz untergetauchet ist. Wenn er nun anfängt zu prasseln und zu kochen, muß er mit Kalkkrucken recht unter einander gerühret und unter beständigen Umrühren immer mehr Wasser zugegossen werden, daß er durch und durch wie eine dünne Milch wird und keine Klümper mehr darinne zu merken sind. Es muß also Wasser genug bey der Hand seyn; denn wenn es am Wasser fehlet und der Kalk beym löschen zu trocken und zu heiß und nicht recht umgerührt wird, so leidet er an seiner Auflösung und Verbindung merklichen Schaden, es entgehet ihm mit dem in die Luft aufsteigenden dicken Dampf ein großer Theil des caustischen Kalkwesens, welches ein jeder, der sich in diesem aufsteigenden Dampfe befindet, in seiner Luftröhre deutlich empfinden kan. Man muß zu dieser Löschung oder Auflösung des Kalks so viel möglich ein rein, weiches, helles und klares Flußwasser nehmen, welches weder mit Erd- und Salztheilen noch andern Dingen vermischt ist, weilen wie schon oben bey dem Anmachen, des Gipskalks gedacht worden ist, diese zu denen Bestandtheilen des Bitterkalks und deren Verbindung nicht gehörige Dinge, wenn sie zwischen die eigentliche und wesentliche Bestandtheile des Kalks kommen, ihren Contactum und ihre Attraction hindern und also ihrer genauen Vereinigung und festen Verbindung im Wege sind. Man darf nur, um von der Richtigkeit dieser Sache recht vergewissert zu werden, von einerley frisch gebrannten Kalk eine Quantität mit einem weichen und reinen Flußwasser, eine andere mit harten Brunnenwasser, die dritte mit trüben Wasser, die vierte mit einem andern flüßigen Wesen und so weiter löschen oder auslösen, sodann wenn der gelöschte Kalk dicke und steif worden ist mit gleichviel Sande vermischen und mit jeder Sorte einige Barnsteine oder Backsteine zusammen mauren, so wird man sowohl bey dem loschen, als hernach, wenn der Kalk zwischen denen Steinen trocken und hart worden ist, einen einen merklichen Unterscheid finden. Wenn nun der im Löschkasten befindliche Kalk nicht mehr dampfet noch schaumet, recht durch einander gerühret worden ist und wie eine fette Milch aussiehet; so lasset man ihn in eine dazu bereitete Grube laufen und wiederhohlt die Löschung mit eben so viel Kalk wie vorher von neuen wieder.
Die Löschung des gebrannten Kalks im verdeckten Kasten geschiehet folgender maßen: Man leget den frischgebrannten Kalk, so wie bey der Löschung im ofnen, in den Kalkkasten, so, dass kein Stein auf dem andern lieget und der ganze Boden bedeckt sey. Auf diesen Löschkasten, leget man eine Decke von Brettern, welche genau darauf passet und mit einem Loche versehen ist, durch welches man das Wasser hineingiesset. Durch dieses Loch giesset man so viel Wasser hinein, daß der Kalk von selbigen ganz bedecket werde und sich auflöse. Wenn er nun aufgehöret hat zu kochen, und durch das in der Decke des Kastens befindliche Loch kein Rauch mehr herauskommt, so hebt man die Decke ab, rühret den Kalk mit einer Kalkkrucke recht durcheinander, daß er wie eine fette Milch wird und lässet ihn in die Grube laufen. Daß diese Löschung des Kalks vor der Löschung im ofnen Kasten einen Vorzug habe, lässet sich sehr wahrscheinlich schliessen, weil auf diese Weise weder das Wasser noch das caustische Wesen ausdunsten und verrauchen kann. Ich habe bereits vor 5 Jahren 9 Wspl. Auf solche Weise in einer ausgemauerten Grube einlöschen lassen und sehr gut gelöschten Kalk bekommen, es liegt noch ein großer Theil in der Grube und ist noch weich und schmeidig. Wenn der Kalk nun gelöscht ist, wird er
3. In der dazu gemachten Grube bis zum Gebrauch verwahret; je länger er nun in dieser Grube lieget desto besser wird er, denn es vereiniget und verbindet sich die Kalkerde nach und nach immer mehr mit denen Wassertheilen. Man kan auch den trocken gebrannten Kalk in eine Grube schütten, so daß sie davon etwa der 3te Theil voll wird, sodann mit Sande bedekken. Es muß aber die Grube worein man den gelöschten Kalk laufen läßt und bis zum Gebrauch aufbehält, in einen dichten festen Erdboden gemacht oder ringsherum und auf den Boden mit einer dichten Mauer versehen seyn, damit sich weder der dünne Kalk noch das Wasser aus demselben in den luckern Erdboden hinein ziehen kann: auch ist nöthig den Kalk mit Sand und Erde zu bedecken. Denn wenn denen Kalktheilen das nöthige Wasser entgehet, ehe sie sich mit selbigen feste vereiniget und verbunden haben, so wird der Kalk in der Grube mit der Zeit zu trocken und wird, wenn man ihn auch beym Gebrauch mit Wasser wieder verdünnet, niemals recht feste, denn das beym Gebrauch aufs neue zugezossene Wasser verbindet sich nicht aufs innigste mit denen kleinsten Kalktheilchen sondern dunstet nach und nach wieder aus. Es fehlet also dem Kalke der zu seiner festen Verbindung nöthige wässerigte Bestandtheil und dieses ist die Hauptursache, warum der Kalk in und an dem Mauerwerke nicht feste wird und sich mit dem Mauerwerke nicht gehörig verbindet. Es ist bereits schon oben erwehnet worden, daß die bloße reine subtile Kalkerde ohne einigen Zusatz und andere Hülfsmittel eine Fähigkeit hat, sich mit dem Wasser aufs festeste zu verbinden. So geschwinde nun die Auflösung oder vielmehr Zertrennung derer Kalkerdtheilchen bey dem Löschen geschiehet, eben so geschwinde geschiehet auch bey derselben die Vereinigung und Verbindung dieser Kalktheilchen mit Wassertheilchen, welche mit der Zeit immer fester wird. Wenn also der Kalk entweder beym löschen nicht sein gehöriges und hinlängliches Wasser bekommt oder in der Grube worinnen er aufbehalten wird, nicht behält, so wird er auch weder an sich feste werden, noch sich mit dem Mauerwerke feste verbinden, wenn man auch beym vermauren noch so vieles Wasser hinzugiesset; denn es verbindet sich das alsdenn zugegossene Wasser nicht mit denen Kalktheilchen sondern dunstet, wie schon oben gedacht worden ist, nach und nach, so wie die Mauer und der Kalk trocken wird, wieder aus. Man thut auch sehr wohl, wenn man bey Einlöschung einer großen Quantität mehr als eine Grube machet und jede gehörig bedecket, sodann, so wie es nöthig ist und man den Kalk gebrauchet, eine nach der andern eröfnet. Denn wenn man ihm in eine große Grube einlöschet; so kann man selbige, wenn man etwas herausgenommen hat, nicht allemal sogleich wieder bedecken. Es wird also der in der Grube noch vorhandene Kalk durch den Zutritt der Sonne und der Luft hart und wo nicht ganz unbrauchbar, jedoch sehr viel schlechter. Hieraus erhellet klar und deutlich, daß auf ein sorgfältiges Löschen und Verwahren des gelöschten Kalks sehr viel ankomme, und fast die Hauptsache bey der Zubereitung des Kalks zu einem festbindenden Kalkmörtel ausmache, welches die wenigsten Maurer glauben und beobachten und daher ein schlechtes Mauerwerk machen. Es folgt nun
4) Die Vermischung des gelöschten Bitterkalks mit Sand. Es ist bekannt, daß die durch das Feuer von einander getrennte Kalktheilchen sich nicht wieder ganz genau mit einander vereinigen und einen recht harten und festen Stein ausmachen, wenn man ihnen auch eben so viel Wasser wieder zusetzet, als ihnen durch das Feuer entrissen worden ist. Die Ursache rühret aller Wahrscheinlichkeit nach daher. Es ist bereits schon oben bey dem Gipskalk erwehnt worden, und aus der Erfahrung bekannt, daß gewisse Dinge einander anziehen und durch diese Anziehungskraft sich mit einander verbinden und zwar um desto mehr und heftiger, je weniger sie mit andern Dingen vermischt sind. Es ist ferner bekannt, daß die reine Kalkerde und das Wasser einander sehr begierig und heftig anziehen und verbinden, wenn nichts darzwischen kommt, welches ihre Verbindung hindert. Da nun der mehr gedachte Hr. Meyer in seiner Abhandlung vom ungelöschten Bitterkalk erwiesen hat, daß dem gebrannten Kalkstein durch das Feuer ein caustisches salinisches Wesen mitgetheilt worden sey, welches in dem rohen Kalksteine nicht anzutreffen ist; So muß folglich dieses caustische und salinische Wesen, welches sich an die Kalkerde angehänget, oder sich mit derselben verbunden hat, die Ursache seyn, warum der gebrannte und gelöschte Kalk an und vor sich nicht wieder recht feste und hart wird, sondern mit Sande vermischt werden müsse, wenn er zu einer harten und festen Massa werden soll. Denn es bestehet wie schon oben erwehnt worden ist, das caustische Salzwesen aus einem Acido und einem Feuerwesen. Weil nun der Sand ebenfalls ein solches Wesen in sich hat, so ist sehr wahrscheinlich, daß dadurch die Verbindung der Kalkerde mit dem Sande befördert werde, besonders weil die Kalkerde durchs Wasser zum Theil aufgelöset wird. Bey der Vermischung des Kalks mit Sande sind 3 Stück zu beobachten;
a) ist nöthig, daß ein von Staub und Erde gereinigter, nicht allzukleiner und nicht allzugrober aus egalen Sandkörnerchen bestehen der Sand dazu genommen werde, wozu der Flußsand am besten ist. Da dieser aber nicht aus lauter gleich großen egalen Körnern besteht, so muß er durch ein Sieb geworfen werden.
b) daß hinlänglicher Sand weder zu viel noch zu wenig genommen werde. Hier ist nun die Frage, wie groß die Quantität Sand nach Proportion des Kalks seyn müsse? Diese lässet sich so genau nicht bestimmen, weil eine Sorte Kalk mehr Sand als eine andere verträget und haben will, bisweilen kann man zu einem Cub. Fuß gelöschten Kalk, so wie man ihn aus der Grube nimmt 1 ½ Cub. Fuß und bisweilen nur 1 Cub. Fuß Sand nehmen. So viel ist gewiß, daß man allemal wenigstens eben so viel Sand als Kalk und noch etwas drüber nehmen könne, es ist eine ganz genaue Proportion eben nicht hauptsächlich nöthig, und es wird ein guter Kalkmörtel erhalten, wenn die Sandkörnchen alle nur dünne mit Kalk umgeben und überzogen sind, es läßt sich dieses besser zeigen als sagen. Ein verständiger Mauermeister muß die Proportion bey jeder Art Kalk versuchen und zu treffen wissen.
c) Ist hauptsächlich nöthig und ein Hauptstück bey der Zubereitung des Kalkmörtels, daß die Vermischung des Kalks und des Sandes gehörig geschehe; denn da der Sand zu Verbindung des Bitterkalks hauptsächlich nöthig ist, so ist nothwendig auch viel dran gelegen, daß er gehörig untergemischt und unter dem Kalke überall gleich vertheilet werde. Nach der gewöhnlichen und heutiges Tages gebräuchlichen Methode wird der gelöschte und aus der Grube ausgestochne Kalk in einen Kalk[k]asten gethan mit zugegossenen Wasser verdünnet und der nöthige Sand mit Kalkhaken oder Krucken darunter gerühret, dieses wird mehrentheils so schlecht verrichtet, daß man öfters in dem zubereiteten Kalkmörtel noch viele Kalkklümper findet, so mit dem Sande gar nicht vermischt sind. Es ist also leicht zu erachten, daß ein solcher Kalkmörtel nicht gehörig binden könne und in dem Mauerwerk schlechte Dienste thun müsse. Durch das viele zugegossene Wasser wird der Verbindung des Kalks auch sehr geschadet; denn es werden mit dem Wasser, besonders wenn es etwa trübe und unrein ist, oder man ein hartes Brunnenwasser dazu nimmt, viele Erd-Salz und andere Theile zwischen die Theile des Kalks und Sandes gebracht und die Kalktheile dadurch verhindert, sich mit dem Sande feste zu vereinigen und zu verbinden. Hieraus ist klar und offenbar, daß man zu dieser Vermischung so viel möglich ein weiches helles und reines Wasser nehmen müsse. Die beste und in denen alten Zeiten gebrauchte Methode den Kalk mit dem Sande zu vermischen ist diese: Es wird der gelöschte und aus der Grube ausgestochene Kalk wie vorher in einen mit einem niedrigen Rande versehenen Kalkkasten gethan, und der nöthige Sand darüber geschüttet, sodann durch stampfen oder schlagen ohne Zugiessung einiges Wassers mit einander vermischet.
Durch das Schlagen wird der Kalk, wenn er bey dem Löschen sein gehöriges und nöthiges Wasser bekommen und in der Grube behalten hat, weich und flüßig, der Sand wird mit dem Kalke recht vermischt und wird nicht durch andere dazu gebrachte fremde Dinge so zu seiner Verbindung nicht gehören und derselben vielmehr nachtheilig sind, an der Verbindung mit denen Kalktheilchen nicht gehindert. Es muß aber jedesmal nur wenig und höchstens nicht mehr Kalk angemacht werden, als sogleich vermauert und verbraucht wird. Denn wenn man den einmal präparirten Kalkmörtel wieder mit Wasser erweichet, so ist solches aus mehr angeführten Ursachen seiner Verbindung nachtheilig. An denen Orten wo der Gipskalk um einen billigen und wohlfeilen Preiß zu haben ist, kann man den festbindensten Kalkmörtel auf die wohlfeilste Art folgender maßen machen:
Man nehme 1 Cub. Fuß gelöschten Bitterkalk aus der Kalkgrube, 1 Cub. Fuß kleingestoßenen oder gemahlnen Gipskalk und 2 Cub. Fuß reinen Sand oder Grand, lasse solches mit Schlageisen und Hinzugiessung des nöthigen Wassers recht durcheinander arbeiten, damit alles recht mit einander vermischt werde und keine Kalkklümperchen darinnen zu spühren sind und sodann gleich verbrauchen. Ich habe auf diese Art schon vielen Kalkmörtel zubereiten und vermauren lassen und bin durch die Erfahrung von der Richtigkeit dieser Sache vergewissert worden.
§. 4.
Was endlich den Gebrauch und die Anwendung des zubereiteten Kalkmörtels anlangt: so ist dabey eben dasjenige zu beobachten was oben bey dem Gebrauch des Gipskalks angemerkt worden ist; Nemlich
1) Daß er gleich nach geschehener Zubereitung müsse verbraucht werden.
2) Daß er nicht zu dicke zwischen die Steine sondern nur so viel als zu Ausfüllung derer Fugen höchst nöthig ist, gebracht werde. Denn es muß nicht der Kalk das Hauptstück des Mauerwerks ausmachen, sondern nur die Fugen und leeren Zwischenräume des Mauerwerks überall recht ausfüllen und die Steine mit einander verbinden. Diese Ausfüllung kann besonders bey Bruchsteinmauern nicht besser geschehen, als wenn, wie schon oben beym Gipskalk §. 4. Angezeigt worden ist, die auswendigen Seiten der Mauer mit einem hinlänglichen dicken und steifen Kalkmörtel vermauret und sodann die inwendige Mauer mit einen recht dünnen und flüßigen Kalkmörtel ausgegossen wird. Bey der Vermaurung trockner und frischgebrannter Steine ist die Vorsicht nöthig, daß man die Steine erst ins Wasser leget und voll saugen lässet. Denn es ziehen dergleichen Steine vieles Wasser in sich; wenn sie nun trocken vermauret oder mit Kalk verputzt werden, so ziehen sie das in dem Kalkmörtel befindliche und zu seiner Verbindung nöthige Wasser an sich und berauben dem Kalkmörtel einen zu seiner Verbindung höchstnöthigen Bestandtheil.
§. 5.
Hiernächst ist zu Ausführung eines festen und dauerhaften Mauerwerks nöthig
1) Daß dazu feste und lagerhafte Steine genommen werden.
2) Die Steine durch die ganze Mauer gut verbunden und so aufeinander geleget werden, daß immer ein Stein die Fuge zweyer oder mehrer andern bedeckt.
3) Daß die Mauer rings herum immer in gleicher Höhe und zwar in niedrigen höchstens 2 Fuß hohen Schichten aufgeführet und
4) Jede Schicht vor Regen und Sonne wohl bedecket werde. Denn die darauf scheinende Sonne verursachet, daß ein großer Theil des im Kalkmörtel befindlichen Wassers ausdunstet und demselben die zu seiner allmähligen festen Verbindung nöthigen Wassertheilchen ausgehen. Durch die Wärme wird die in dem nassen Kalkmörtel befindliche viele Luft ausgedehnet, und eben durch diese Ausdehnung die Kalktheilchen, welche sich vermittelst des Wassers mit einander und mit dem Sande verbinden sollen, von einander gerissen, lukker und mürbe gemacht, daß sie alsdenn wenn sie trocken worden sind, wie Staub aus einander fallen. Man siehet dieses an vielen Dingen, daß, wenn sie die gehörige Zeit zum austrocknen und zu ihrer Verbindung haben, sie sehr hart und feste werden und im Gegentheil wenn sie durch Wärme und starke Hitze geschwinde austrocknen, alsdenn von einander bersten und zerfallen. Es kann zum Exempel der weiche Thon, wenn er langsam austrocknet und sodann gebrannt wird in einen harten und festen Stein verwandelt werden, wenn man ihn aber durch Warme und Hitze in der Geschwindigkeit austrocknen will, so bekommt er durch und durch viele Risse und fällt auseinander. Eben dergleichen Bewandniß hat es auch mit starken Froste. Es ist bekannt, daß der Frost, das Wasser, indem es anfängt zu gefrieren, ausdehnet und die Gefäße worinne das Wasser ist zersprenget. Wenn nun eine frischgemachte oder berapte und noch nicht trocken gewordene Mauer von starken Froste betroffen wird, so werden die Kalktheilchen, anstatt daß sie sich mit einander verbinden sollen, von einander gerissen und fallen alsdenn, wenn der Frost wieder heraus ist, von einander; daher kann kurz vor dem Winter oder mittem im Winter, wenn es auch einige Zeit gelinde Wetter ist, kein dauerhaftes Mauerwerk gemacht werden, wenn auch gleich die besten Materialien genommen und auf die allerbeste Art zubereitet und angewendet werden. Der Regen hingegen so auf ein frischgemachtes Mauerwerk fällt und sich in selbiges hineinzieht, erweichet dem in der Verbindung stehenden Kalkmörtel wieder und stöhrt ihn in seiner Verbindung.
Aus allen denen obangeführten Gründen und Regeln wird nun ein jeder die Ursache leicht einsehen können, woher die Festigkeit des alten Mauerwerks rühre und wie man noch heutiges Tages ein eben so festes und dauerhaftes Mauerwerk machen könne.
