Hwiid 1788
A[ndreas] C[hristian] Hwiid, Protogenes, in: Deutsches Museum II/9, Leipzig [Weygandsche Buchhandlung] 1788, pp. 193–216.
Deutsches Museum.
Neuntes Stück. September, 1788.
I. Protogenes.
Von Prof. A. C. Hwiid in Kopenhagen.
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pp. 206–209
Nach einer alten Sage, die Plutarch 38) und Aelian 39) uns überliefert haben, hat Protogenes sieben Jahre an diesem Gemälde gearbeitet, 40) und nach Plinius Bericht zog er die Tafel viermal mit den Farben über, 41) damit sie dauerhafter würden, wenn die äußere Oberfläche gleich durch Alter oder Zufall abgerieben werden sollte. Nachher kam dies berühmte Stück nach Rom, 42) wo es zu Plinius Zeiten im Tempel des Friedens aufgestellt war; 43) bald darauf wurde es aber, mit andern griechischen Gemälden, die zugleich nach Rom gebracht waren, vom Feuer verzehrt. 44)
38) Plutarch. l. c. ἑπτὰ γὰρ ἔτεσι συντελέσαι λέγεται τὴν γραφὴν ὁ πρωτογένης. Es ist daher wahrscheinlich, daß dieses Stück mehrere Figuren enthalten hat. Suidas bestätigt es l. c. πρωτογένης ὅταν ἐν Ῥόδῳ διόνυσον ἔγραφέ τι τὸ ξένον καὶ θαύμαστον ἔργον, wo διόνυσος mehrere Figuren voraus zu setzen scheint. Ich glaube mit Küster und Paul Leop. (Emend. lib. XVI. c. 2.) daß διόνυσον eine verdorbene Leseart ist anstatt ιάλυσον.
39) Aelian. Hist. V. l. c. erzählt das nämliche Gerücht: πρωτογένης ὁ ζωγράφος τὸν Ἰάλυσον, φασὶν, ἑπτὰ ἔτεσι διατελῶν γραφῶν ἐξετελέσεν.
40) Man erinnere sich aus Plinius, daß Protogenes sehr langsam arbeitete, in allem, auch dem Kleinsten, die Wahrheit der Natur zu erreichen suchte, und besonders auf dieses Stück vielen Fleiß wandte. Die Kalkmalerei, die bei den Alten gewöhnlich war, erfoderte viele Zeit und hatte mehrere Schwierigkeiten. Denn ehe die Arbeit vorgenommen wird, müssen Zeichnungen von derselben Größe gemacht — man nennt diese Zeichnungen Cartons — und die Farben mehrmals übergezogen werden. Verunglückte Stellen auf der Kalkmalerei zu retouchiren, welches auch dem besten Maler zuweilen nothwendig wird, erfodert viele Zeit; denn die äußerste Kalkkruste, die das Fehlerhafte enthält, muß ausgenommen und ein anderes Stück wieder eingesetzt und aufs neue ausgearbeitet werden. Und wenn man zugleich bei dieser Malerei eine Gruppe von mehreren Figuren annimt, wird es nicht unwahrscheinlich sein, daß die Arbeit sieben Jahre erfodert hat, zumal wenn man diese Jahre, nach dem Sprachgebrauch des gemeinen Lebens, nicht so genau nimt. Montesquieu soll 20 Jahre auf seinen Esprit des loix gewandt haben; denn die für die Ewigkeit arbeiten, arbeiten langsam.
41) Plin. l. c. Huic picturæ (die Rede ist von Jalysus) quater colorem induxit subsidio injuriæ et vetustatis, ut decedente superiore, inferior succederet. Diese Stelle scheint beim ersten Anblick etwas schwer. Falconet l. cit. S. 175. erinnert hier gegen Plinius: cette maniere de s’exprimer: il mit quatre couleurs, l’un sur l’autre, quater colorem induxit, n’est point celle d’un connoisseur. I. Parce qu’elle ne présente à l’esprit aucun des procédés de l’art. 2. Parce qu’elle n’est pas claire. 3. Parce qu’elle est triviale &c. Peut-etre Protogène a-t-il ébauché et empaté trois fois son tableau avant de le finir; — mais s’il a peint quatre tableaux finis l’un sur l’autre, etoit ce un Peintre? Pline ne voit pas combien cette marche et ces petits moyens sont opposés aux ressorts, à l’esprit, aux procédés de l’art. Dagegen erläutert Graf Caylus (Mem. d. l’Acad. des Inscript. Tom. XIX. p. 263.) den Plinius also: Protogène avoit repeint quatre fois son tableaux de Jalysus, à fin qu’au moyen de cet empatement de couleur, ce tableau put conserver plus long tems sa fraicheur, et resister à la futeur du tems… Cette pratique a été celle de tous les grands coloristes: le Titien entre autres en a fait un usage constant: il peignoit à pleine couleur, et quand il avoit amené son ouvrage à un certain point, il le laissoit reposer, puis à quelque tems de la, il le reprenoit, le repeignoit, le refondoit et repetant plusieurs fois la même operation, il rendoit son tableau d’une force de coloris, à laquelle personne n’a encore pu atteindre. Tel est, il n’en faut point douter, le veritable sens du passage de Pline. Man sehe Durand Hist. de la peint. anc. p. 30. und Jaucourt Encyclop. Tom. XII. p. 240. Wem aber die Alfresko-Malerei (auf Kalk) nicht unbekant ist, wird den Plinius selbst noch deutlicher finden, als die Caylische Erklärung. Andreas Pozzo, der im Schluß seiner berühmten Abhandlung von der Perspektiv einen auf eigne Erfahrung gegründeten Unterricht von der Kalkmalerei gegeben hat, (denn er hatte selbst al Fresco gemalt) sagt: (de Piles Oeuvr. Tom. III. p. 213.) La peinture à fresque a cela de particulier, que d’abord que les couleurs viennent à s’imbiber dans la chaux, elles s’affoiblissent et perdent eine partie de leur éclat et de leur vivacité. C’est ce qui oblige d’y appliquer plusieurs couches de la meme couleur l’une sur l’autre. Denn durch mehrere Schichten derselben Farbe zieht die Farbe tiefer in den nassen Kalk hinein und wird mit ihm inkorporirt. Dies ist eine der vornehmsten Ursachen, warum die Frescogemälde in vielen Jahrhunderten der Zeit widerstehen. Zugleich seigen sich die Farben munterer und lebhafter, wenn der Kalk trocken wird. Weiter p. 224. Email, cette couleur est bonne pour le fresque, mais on doit la coucher avant toutes les autres, tandis que l’enduit est encore bien frais sans quoi elle n’y tiendroit point. Une heure après on y en remet une seconde couche (Schichten) pour lui donner plus de vivacité et d’éclat. Die Erzählung des Plinius, daß Protogenes viermal die Farben überzog, um das Gemalte dauerhafter zu machen, widerspricht also nicht der Methode der Maler, wie der berühmte Falconet einwendet, dessen Hauptfach die Skulptur und nicht die Malerei war. Wenn diese viermal nacheinander wiederholten Wasserfarben von dem noch nicht die trockenen Kalk eingezogen und ihm einverleibt waren, sieht man leicht, daß, wenn die äußerste Oberfläche der Kruste durch Zufall oder Alter abgerieben wurde, die nämliche Farbe wieder zum Vorschein kam. Dies sagt Plinius deutlich: Subsidio injuriæ et vetustatis, ut decedente superiore inferior succederet. Auch an den Frescogemälden, die in Herkulanum gefunden worden, habe ich es gesehen, daß die äußere Kalkkruste (l’enduit) 5 bis 6 Linien herunter von den Farben durchzogen war, und auf einigen kleinen Stücken habe ich mit einem Messer lange schaben können, ehe der weiße Kalk hervorkam. Wer also in dieser Absicht die Ueberreste griechischer Frescogemälde in Italien untersuchen wolte, würde es erfahren, daß Plinius sich in dieser Sache weit mehr als Kenner ausgedrückt hat, als diejenigen, die über ihn gespottet haben.
42) Cicero (orator. cap. 2. p. 592. Ern.) hat dieses Stück in Rhodus selbst gesehen, nec solum ab optimis studiis excellentes viri deterriti non sunt, sed neopifices quidem se artibus suis removerunt, qui aut Jalysi quem Rhodi vidimus, non potuerunt, aut Coæ Veneris pulchritudinem imitari.
43) Plin. l. c. Palmam habet tabularum ejus Jalysus, qui et Romæ dicatus in templo pacis.
44) Dies erzählt Plutarch l. c. ταύτην μὲν οὖν τὴν γραφὴν (den Jalysus nämlich) εἰς τοῦτο ταῖς ἄλλαις συνῳδευσαν ἐν Ῥώμῃ τὸ πῦρ ἐπενείματο. Mus. Sept. 88.
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