Sandrart 1675/I

Joachim von Sandrart, L’academia Todesca della Architectura, Scultura & Pittura: Oder Teutsche Academie der Edlen Bau- Bild- und Mahlerey-Künste: Darinn enthalten Ein gründlicher Unterricht/ von dieser dreyer Künste Eigenschafft/ Lehr-Sätzen und Geheimnissen/ von den Bau-Steinen und fünfferley Bau-Arten/ von den Statuen und ihrer Zugehör/ von der Erfind- und Zeichnung/ von Maaß und Proportion der Leiber/ vom Fresco- Stein- Landschafft-Bild- und Historien-Mahlen/ von Nacht-Stücken/ vom Mahlen mit Oel- und Wasser-Farben/ von den Affecten und Gewändern/ von der Perspectiv, und vom Mahl-Zimmer/ auch von den Farben/ deren Gebrauch/ Ursprung/ Natur und Bedeutung: Durch langen Fleiß und Erfahrung ergriffen… I, Nürnberg – Frankfurt [Jacob von Sandrart – Mattheaeus Merian] 1675.


Der
Deutschen Academie
Ersten Theils
Drittes Buch/
Von
Der Pittura oder Mahlerey-Kunst.

. . .

pp. 64–65

Das III Capitel.

Vom Fresco-mahlen.

Innhalt.

Diese Kunst/ thut viel auf einmal. Was Fresco-mahlen sey? was für Farben hierzu gehören. Der Fresco-Mahler/ mus hurtig und geübt seyn. Undienliche Farben. Anweisung zu dieser Mahlerey/ in großen Sachen. Umriß und Carton: dieser wird auf naßen Kalch stückweis/ aber sonsten ganz/ durchgezogen.

Die Kunst/ auf Mauren und nassem oder frischem Kalch zu mahlen/ übertrifft alle andere Mahlerey/ in diesem/ weil solche in einem einigen Tag geschehen mus/ da man sonst in andern Sachen/ viel Monat und Jahre/ mit ändern/ wieder übergehen und verbässern zubringet. Diese Mahlerey-Art/ in Fresco genannt/ ware vorzeiten viel-üblich/ und wird von etlich wenigen noch dato erhalten/ sonderlich in Italien/ auch etwas in Teutschland. In Niederland aber ist sie gar nicht im Brauch/ weil alda der See-Luft zu feucht ist. Es ist aber das Fresco-mahlen/ wann man eine Mauren mit Mörtel bewerffen läßt/ und also auf den naßen frischen Kalch mahlet; und mus der Mahler/ so viel er bewerffen lassen/ alsofort übermahlen: dann sonst vertrucknet der Anwurff/ samt der darauf angefangenen Arbeit/ also hart/ daß solche hernach mit den darneben zu stehen kommenden Anwurf sich nicht mehr vereinbaren noch denselben annehmen kan/ sondern sie scheiden sich spöttlich von einander/ zerspringen endlich und fallen ab. Will also/ dieses Mauer-mahlen/ hurtig in dem naßen Kalch nach einander verfärtiget seyn. Es müßen aber hierzu lauter Erd-Farben/ und keine Mineralien/ genommen werden/ sondern das weisse von gekochten Trevertin-Stein oder gebranntem Kalch/ gelb Ocker/ braun Roht/ terra verda, ultra-marino oder blau-Azur, Smalta, braun Ocker/ ombra, schwarz Kienruß/ und dergleichen Farben von starkem Wesen/ die der Kalch nicht aufzehren kan: wie man hingegen erfähret/ daß der Lack/ Schitt-gelb/ und alle andere von Säften gemachte Farben/ hierbey gleich anfangs verschwinden; der Zinober aber und Mennig/ samt allem Bley-gelb und dergleichen/ sich in schwarz verwandeln.

Diese Mahlerey erfordert eine geschwinde Hand und guten reiffen hurtigen Verstand: weil die Farben/ wann sie naß/ ein Ding viel anderst praesentiren/ als wann sie trucken sind. Es mus auch/ in dieser Arbeit/ der Meister/ mehr der Vernunft/ als des Abrißes/ sich bedienen/ alles schon im griff haben/ und ein guter geübter Practicus seyn: weil die Arbeit keine Saumseligkeit oder Zechbrüder dultet Hierbey ist aber zu merken/ daß man nichts zu retochiren übrig lassen/ und daß keine Leimfarben/ noch mit Eyergelb/ Gummi oder Dragant angemachte/ darzu kommen müßen: weil hierdurch der Maur ihre natürliche Weiße entfällt/ und nachmals alle Farben abstehen/ sehr gelb/ häßlich und schwarz werden.

Wer eine fürnehme Historie auf frischen Kalch zu mahlen gewillt ist/ der durchsinne und bedencke erstlich die Historie wol/ darnach setze er seine Gedanken mit der Feder oder Kreide auf Papier. Wann ihm nun solcher Abriß beliebig/ so mache er die Bilder der vorhabenden Historie auf ein ganze Tafel/ von Erde oder Wachs/ (auch bekleidet/ nach Notturft mit fein genetzter Leinwat oder dünn seidenem Zeug) ein oder zwey Spannen hoch. Wann also das Modell vollbracht ist/ so setze er dasselbige so hoch und weit von sich/ wie es sein Horizont, das Liecht und die Distanz erforderet/ und die Historie-Ordnung mit sich bringt: alsdann wird sich erzeigen der Figuren Proportion, Ordnung/ Liecht und Schatten/ halbe und beyde Theile/ völlig nach der Natur Schlag und Brauch. Nach solchem nimmet der Mahler ein darzu zusammgepaptes Papier der rechten Größe/ wie er vorhabens ist das ganze Werk zu machen/ zeichnet darauf/ mit etwas Behelf der fürnehmsten Theile des Lebens/ die ganze Historie wol ausgeführet: und dieses wird alsdann eine Carton genennet. Wann dieses fertig ist/ so schneidet man ein Stuck oder Figur ab/ just soviel/ als man selbigen Tag zu verrichten ihm vorgenommen/ und leget solches auf den Platz des angeworffenen nassen Kalchs/ und fähret alsdann mit einem spitzigen Pfriem oder Eisen säuberlich über den Umriß des Papiers.

Wann solches geschehen ist/ so findet der Mahler darunter den Umriß seines fürnehmens durchgezogen/ weil der frische Kalch gehorsam ist: und hierauf wird mit Farben nach dem Riß gemahlet. Des andern Tags/ wird wieder also ein Stuck von dem Carton abgeschnitten/ und damit/ wie gemeldt/ verfahren/ und also alle Tage fortgesetzet/ bis das Werk vollbracht ist. Man kan also nicht fehlen/ weil jedesmal/ bey auflegung des neuen abgeschnittenen Bilds/ auf der Mauer/ des vorigen Ende erscheinet.

Wann man aber/ auf eine Tafel oder Tuch/ nach dem Modell oder Carton von Papier/ mahlen will; alsdann ist das verschneiden unnötig/ sondern man überfährt solchen Modell hinten mit trucken-geschabter Kohle wolschwarz/ leget es also auf die Tafel fest nieder/ und zeichnet den Umriß mit dem vorgemeldten Stefft oder Eisen überall ab/ oder durchpauscht solches: alsdann findet man denselben ganz auf der Tafel/ und ist hierauf mit Oelfarben darüber zu mahlen. Dieses ist der Process und Gebrauch bey den meisten Italiänern/ sonderlich bey den Florentinern. Aber andere/ sonderlich die das meiste nach dem Leben mahlen/ bedienen sich allein der natürlichen Modellen: nach welchen sie ihr fürnehmen/ mit gutem Urtheil/ durch Verhülf der Kreiden/ auf ihre Tafel zeichnen/ und also/ ohne fernere Mittel/ das Werk fortsetzen.


pp. 66–67

Das IV Capitel.

Vom Mahlen mit Wasser- und Oel-farben/ auch auf Stein.

Innhalt.

Mahlerey alla Tempera oder mit Wasserfarben. Wie die Tempera gemacht werde? Welcherley Farben zu dieser Mahlerey tauglich? Sie dauret etwas/ aber nicht überall. Mahlerey mit Oelfarben: deren erste Erfindere/ Jan und Hubert von Eych/ in Flandern; denen die Rugieri gefolget. Das Oel macht die Farben rein/ lind und lebhaft. Process dieser Mahlerey. Grundfarbe des Tuchs/ und Aufdruck der Zeichnung. Mahlerey von freyer Hand. Furchtsames Mahlen/ zeiget des Mahlers Unverstand und Unerfahrenheit. Mahlerey auf Stein: als Lastri und Schieferstein. Vielfärbige Steine/ taugen nicht hierzu. Auf Stein/ läßt es sich/ ohne Grund/ mahlen.

Von Zeiten Cimabue und seiner Vorfahren/ bis auf unsre Zeit/ ist allemal/ und noch lang vorher bey den Griechen/ gebräuchig gewesen/ auf Taflen und Mauren/ auch in Gypswerk/ Bilder zu mahlen. Weil sie aber fürchteten/ daß die Mauren schricken möchten/ haben sie solche/ vermittels des Leims/ mit Tuch oder Leinwat überzogen/ darauf gegypst/ und dann erst ihre Gemälde geführet/ welches sie Tempera benamet.

Diese Tempera haben sie also zugerichtet. Sie nahmen erstlich ein Hüner-Ey/ schlugen es ein/ und zerriben darinn ein zartes Aestlein von einem jungen Feigenbaum: Da dann/ aus der Milch dieses Schößleins/ und aus dem Ayer-gelb/ die Tempera entsprungen. Mit dieser haben sie nachmals/ an statt des Wassers/ Gummi oder Tragant/ ihre Farben zugerichtet und gebrochen/ und also ihre Arbeit verrichtet.

Es sind zu solcher Arbeit alle Farben tauglich/ auch die man aus den Mineralien/ und durch die Alchimie zurichtet. Aber die weiße Kalch-Farbe ist hierzu undienlich/ weil sie zu scharff und stark ist. Aber das Blaue/ machten sie mit Leimwasser an: weil das Eyer-gelb solcher Farbe eine sichtige grüne anhenget und hinterlasset/ welches der Leim und Gummi nicht in sich hat. Es ist diese Art zu mahlen auch wärhaft: massen Stucke unserer Vorfahren zusehen gewesen/ die über hundert Jahre gedauret. Sie wird/ in Italien und Teutschland/ nur in truckenen Zimmern gebraucht. Aber in Niederland hat sie wenig Bestand/ wie gemeldet.

Nach diesem ist/ die Weise mit Oel zu mahlen/ ersonnen worden/ welche vorermeldte meist alle in Bann gethan/ wie überflüssig jeziger Zeit zu sehen ist.

Diese herrliche Kunst ist zweifelsfrey am ersten in Flandern/ von Jan und Hubert von Eych/ sonst von Brugg genannt/ erfunden worden. Jener hat/ dem König Alfonso, und Friderico II Herzogen von Urbino, jedem eine Tafel in sein Cabinet geschicket/ mit dem Bildnis des H. Hieronymi: welche nachmals Laurentius de Medices überkommen. Sie haben auch sonst viel preisliche Stuck verfärtiget. Ihnen folgte ihr Scholar und Lehrling Rugiero, neben seinem erstgebohrnen Sohn gleiches Namens: und hat jener/ alla S. Maria Nova zu Florenz/ ein kleines Stuck in quadro sehr künstlich gemahlet/ welches anheut bey jezt-regierendem Groß-Herzog zu finden ist.

Diese Manier/ die Farben mit Oel anzumachen und zu mängen/ erwecket und belebet die Farben viel mehr/ als vorige/ und wird zu solcher wenig anders/ als Lust und Liebe/ erfordert. Das Oel benimmet den Farben alle Schwäche und unreine Härtigkeit/ und macht sie/ durch seine Linde und Durchdringlichkeit/ gegen der Feuchtigkeit/ viel beständiger/ kräftiger und subtiler: also daß die Kunstmeistere allen Bildnisen gar leicht eine rechte Lebens-Art und Aenlichkeit mittheilen können; absonderlich/ wann sie vorher alles zierlich und mit gesundem Verstand gezeichnet haben.

Es wird aber damit also verfahren. Erstlich reiben sie die Farben auf einem glatten Stein/ mängen folgends diese Farben/ als weiß/ gelb/ rötlich und wenig schwarz/ unter einander/ doch also/ daß keine vorschläget; oder man nimt sich Bolus oder Kessel-braun allein. Mit dieser Mäng-Farbe oder Einschichtige/ übergehen sie die aufgespannte Leinwat oder Tafel ein- oder zweymal/ bis sie glatt genug überzogen ist: und das nennet man/ gründen. Wann nun das Tuch wol trucken worden/ leget der Künstler seinen Abriß und Zeichnung darauf/ welchen er mit Kreiden unten an gemacht/ streichet ihn fest an/ und drucket ihn also völlig auf: maßen das Tuch solchen leichtlich annimmet.

Andere/ und zwar die mehr-wissende Teutsche und Niederländische Mahler/ auch theils Italiäner/ zeichnen ihre Invention, nach dem gemachten Modell, von freyer Hand/ mit Kreide auf das Blat/ und fangen darauf an/ solche zu untermahlen. Andere/ beginnen gleich anfangs ihre Bilder nach dem Leben völlig auszumahlen. Und dieses sind die erfahrenste und hurtigste. Welcher Mahler aber langsam ist/ der gibt damit Anzeigung seiner Unerfahrenheit/ und daß er in seiner Vernunft nicht erfinden oder vorbilden könne/ wie er ein Ding recht machen soll/ er sehe dann die Fehler vor Augen. Solche/ die mit Forcht und verzagt den Pensel führen/ kommen mir vor/ als die Blinden/ welche die Bahn mit dem Stab bestechen/ damit ihnen nichts im Weg lige/ darwider sie gehen und sich stossen oder verletzen möchten. Darum soll der Mahler sich dahin gewöhnen/ jedesmal alle Dinge im Sinn und Verstand eigentlich zu überschlagen/ bevor er Hand anlege/ und seine Arbeit auf eine gute Speculation und Wissenschaft gründen.

Es ist den Kunst-Meistern das Herz allezeit mehr und mehr gewachsen/ daß sie sich unterfangen/ nicht allein auf Mauren/ Tafeln und Leinwat/ sondern auch auf Stein/ zu mahlen: worzu sehr tauglich ist der jenige/ so bey Genoua anzutreffen/ und auf welsch Lastri benamet wird Noch tauglicher aber ist/ bey uns Teutschen/ der am Rheinstrom und anderer Orten befindliche Schieferstein: weil solcher die Farben sehr gern annimmet und behaltet: wie dann auf diesem unzahlbar-viel Gemälde gemacht worden/ und noch täglich gemacht werden. Man hat es zwar auch auf dem Porfido, Schlangenstein/ und Mischio, und andern Teutschen Steinen/ probirt: sie sind aber/ weil sie vielfärbig und gemängt/ nicht also tauglich befunden worden. Doch ist/ das weiße Marmor/ auch stark im Gebrauch. Je rauher und truckner aber die Steine sind/ (doch daß sie nicht sandig seyen) je lieber und leichter nehmen sie die Farben an. Solche Steine können sehr schön poliret werden/ daß sie zum Mahlen völlig taugen. Es ist auch unnötig/ die Steine vorher mit Leimwasser/ oder anderm/ zu bestreichen: weil sie schon trucken sind/ und die erste Hand des Künstlers ganz liebreich und demütig annehmen. Will man aber einen Grund machen/ so mus er von Oelfarben seyn: weil der Leimgrund die Farben abspringen machet. Es werden aber hierzu die Farben anderst nicht zugerichtet/ als wie sonst mit Oelfarb/ auf Tafel und Leinwat/ verstandner maßen/ gebräuchlich ist.


pp. 86–88

Das XIV Capitel.

Von Der Farben Ursprung/ Natur und Bedeutung.

Innhalt.

Das Liecht entdecket/ und die Finsternis verdecket/ alle Dinge. Zweyerley Farben/ natürliche/ und durch Kunst erfundene. Liecht und Schatten/ sind die Hauptfarben der Welt/ und der Mahlerey Grundfarben. Schwarz auf Weiß/ belehret jederman/ und erhält die Mensch Gesellschaft. Weisse und Schwärze/ macht die Farben edel oder unedel. Vorzeiten hat man/ nur vier Farben/ gezehlet und gebrauchet. Die Sieben Hauptfarben. Zur Mahlerey/ sind viel Farben erfunden. Bewährte Oelfarben/ Schulpwitt oder Schulpweiß/ OckerGelb/ BraunRoht/ Terra verda, Lack eine schwache Farbe/ SchittGelb flüchtig/ Ombra Erdig/ BeinSchwarz/ RienSchwarz/ unbeständig/ Blau- und KohlSchwarz/ Ultramarina eine perfecte Farbe/ Teutsche und Berg-Blau vergänglich/ BleyGelb und Mennig. Ein Mahler/ soll der Farben Deutung wissen. Bedeutung von Weiß/ Gelb/ Blau/ Roht/ (samt Leibfarb und Purpur) Grün/ Braun und Schwarz. Mischfarben/ haben die Deutung ihrer Hauptfarben.

Im Anfang/ als der weise Schöpfer alle Dinge/ was wir mit den Augen sehen/ hervorgebracht/ hat er erstlich/ durch Hervorruffung des Liechtes/ das Chaos oder den vermängten Klumpen/ aus welchem alles erschaffen worden/ entdecket. In diesem Chaos, waren damals alle Farben beysammen und durch einander vermänget/ bis sie von einander gesondert worden. Nachdem auch alle Dinge ihre Gestalt bekommen/ werden sie doch durch die Nacht-Finsternis wieder verdecket/ und mußen täglich durch das Tagliecht wieder sichtbar werden. Also haben wir es allein dem Liecht zu danken/ daß wir alle Dinge in ihrer Farbe sehen. Daher etliche in die irr-Meinung gerahten/ als ob alle Farben in dem Liecht steckten: welches nicht seyn kan/ weil also alles weiß erscheinen müste/ und das Liecht keine andere Farbe geben kan/ als die es selber hat.

Es sind aber ingemein zweyerley Farben. Die erste ist die natürliche/ so einem jeden Ding angeschaffen ist/ worbey man es von andern unterscheidet und kennet/ wie insonderheit bey den Metallen geschihet. Die andere/ ist diejenige/ so durch Verstand und Kunst der Menschen/ durch Mischung der andern/ erfunden wird. Gleichwie aber der Schöpfer/ im Anfang/ das Liecht und Finsternis von einander geschieden hat/ und die Natur zwischen diese zwo Farben/ als zwischen zween Angel/ gehänget hat: also sind sie wol die zwo Haupt-Farben der Welt/ und in der Mahlerey die beyde Grund-Farben. Dann allein durch Weiß und Schwarz kan ein Künstler alle Dinge/ ohne Behuff anderer Farben/ in Liecht und Schatten hervorbringen/ wann er/ die Vertieff- und Erhöhung beobachtend/ alles wol rundiret/ und jedes nach seiner Maß herzukommen oder sich abverlieren machet. Die Schwarze und Weiße/ kan alle Geschöpfe ungestalt oder schon/ verhaßt oder lieb angenehm machen. Es sind/ diese zwo Farben/ das Leben der Edlen Schreib- und Druckerey-Kunst: da/ durch Schwarz und Weiß/ der Mensch in Künsten/ Historien und Wissenschaften unterrichtet/ auch die Menschliche Gesellschaft dadurch erhalten wird/ indeme man die Geschäfte und Handlunngen hiermit verbriefet/ auch vermittels dessen/ weit von einander entfernte Personen/ mit einander reden und conversiren können.

Von den Farben etwas gründlicher zu reden/ so ist zu erwehnen/ daß die Weiße für die nobelste hingegen die Schwarze für die unedelste gehalten wird: maßen auch die andere ihre Würde und Unwürde daher bekommen/ je mehr sie den Weiß oder Schwarz nahe tretten oder verwandt sind. Vorzeiten hat man/ nach der Elementen Anzahl/ nur vier Farben gezchlet: maßen Aristoteles allein Weiß/ Schwarz/ Gelb und Roht benennet. Also hat man auch anfangs bey den Griechen/ wie Euphranor und andere melden/ nur mit vier Farben gemahlet: woraus fast zu vermuhten/ weil sie ja das Blau am Himmel und das Grüne an Laub und Gras gesehen/ und daher diese beyde nicht können ausgeschlossen haben/ sie müßen Schwarz und Weiß/ als Liecht und Schatten/ nicht hierunter/ sondern allein die vier bunte Farben/ als Roht/ Gelb/ Blau und Grün/ damit verstanden haben. Dann wie solten sie allein mit zweyen von diesen letzern/ alles haben mahlen und ausbilden können? Es erscheinet aber nicht/ wie man/ besagte vier Farben Aristotelis, mit den Elementen vergleichen könne: weil zwar Roht und Schwarz dem Feuer und der Erde zu zueignen sind/ aber Weiß und Gelb keine Gleichheit mit Luft und Wasser haben.

Nach der Zeit/ hat man Sieben Haupt-Farben in der Natur gefunden/ als Weiß/ Blau/ Gelb/ Roht/ Braun oder Purpurfarb/ Grün und Schwarz: viewol die fünfte diesen Namen nicht verdienet/ und vielmehr aus Roht und Schwarz gemischet ist. Wann man sie/ gegen Weiß und Schwarz/ nach Liecht und Dunkel betrachtet/ so stehen sie billig in dieser Ordnung: sonsten aber wird das Roht dem Blau/und das Gelb dem Weiß/ weil ihre Metalle Gold und Silber sind/ vorgezogen.

Zu Behuf unsrer Kunst/ und solche zu verbässern/ sind nach und nach viel Farben erfunden worden: maßen hiervon ganze Bücher im Druck ligen/ da ein jeder ihm die Notturft heraus suchen mag. Es dienen auch/ nicht alle Farben/ einem jeden. Ich will dann hier nicht sagen/ von Miniatur, von Fresco– und Blumen-Mahlen/ von Gummi- und gemeinen Wasserfarben/ sondern allein von den Oelfarben/ die zu den Lebens-großen Werken gebraucht werden/ und die ich für die bäste/ beständigste und geschlachteste befunden habe.

Das Weiß belangend/ weil ich/ das gemeine Broht oder Hietel weiß von Venedig/ ganz unbeständig und unrein verspüret/ auch daß es bald erstirbt und in Gelb sich verdunklet: als hab ich mich des gerechten beständigen Schulpweiß bedienet/ welches/ aus Englischem Zinn oder Bley zubereitet/ zu Amsterdam/ bey den Farb-Händlern/ Schulptwitt genannt und verkaufet wird/ weil solches beständig bleibt. Sie haben auch alda in mänge sehr schone gute Gelbe Ocker/ so eine der nötigesten Farben: deren hoch-Gelbe auch in Schatten zu untermengen/ und so glühend-gut in Teutschland nicht zu finden ist. Diesem folget das BraunRoht/ sonderlich das/ so nicht zu finster und schtwärzlich aussiht: wird ebenmäßig aus Engeland in gemeldtes Amsterdam überbracht/ gleichivie auch Terra verda. Dann haben sie auch Braune Ocker/ Cülsche Erd/ von guter Substanz: deren etliche viel/ ich aber gar wenig/ gebrauchet.

Der Lack/ ist nicht mineral, wie obige/ sonedern nur ein ausgezogener Safft und flüchtige Farb. Weil wir aber/ ohne denselben/ unsere Werke nicht vollbringen können/ als ist desto mehr Fleiß anzuwenden/ daß man nur vom bästen aus Florenz und Venedig/ sonderlich im ausmahlen/ gebrauche: dann der geringe wird von Luft/ Sonne und Wasser ausgezogen/ und fliehet himveg.

Eben also ist es auch mit dem Schitt Gelb bewandt/ welches gleichfalls nur aus safftiger Substanz gezogen und zur Farbe incorporirt wird: ist also nicht minder vorsichtig/ und nur/ wo man deren nicht entbären kan/ auch mit Vernunft/ zu vermischen und zu gebrauchen. Es lauft/ bey dieser Farbe/ großer Mißbrauch mit unter: zu Augsburg wird das allerbäste und dunkelste Schitt-Gelb gemacht/ so mir jemals zur hand gekommen.

Ombra, ist mineral und der Flüchtigkeit nicht untergeben/ sonst aber ein Erdige Farbe: welche ich mehr vermeidet/ als gebrauchet/ umwillen sie gar unfreundlich colorirt. Das Bein-Schtwarz/ wird/ von großen Ochsen-Röhren/ oder harten Beinen/ im Feuer gebrannt/ wovon es schwarz wird/ dienet gar wol in den Oelfarben/ weit bässer und beständiger aber/ das aus Helfenbein gebrennt worden.

Das Ruß-Schwarz/ ist unbeständig und schädlich/ auch daher ganz zu vermeiden/ wann es seyn kan. Das Schwarz/ von Weinrebenholz gebrennt/ will noch bässer bestehen/ und wird von vielen gebraucht. Das gemeine Kohl-Schwarz/ ist zwar Schwarz/ auch viel-üblich/ aber nicht zum bästen darauf zu bauen.

Die ultra-marina oder Blau-Azur, von Lasur gemacht/ ist eine perfecte beständige Blaue Farb/ und je höher in Schönheit/ je beständiger. Dem Teutschen Blau und allerley Berg- Blau/ ist nicht wol zutrauen/ weil sie sehr versterben/ dunkler und grün werden.

Der recht-præparirte Zinnober/ ist zwar an gebührendem Ort zu gebrauchen/ aber sparsam anzulegen/ gleichwie auch das liechte und dunkle Bley-Gelb und die Mennig: dann ihre schöne Rötlichkeit hat keinen Bestand/ und pfleget hinweg zu fliehen. Und also habe ich/ alle diese Farben/ in der Natur geartet befunden .

Es dienet zur Mahlerey/ daß man wisse/ worauf jede Farbe in der Sitten-Lehre deute: damit der Künstler den Figuren/ nach Innhalt der Historie/ und nach den Gemüts-regungen/ ihre Colorit und Gestalt geben könne. Die zwo vornemste Farben/ sind Gelb und Weiß/ zu sehen an Sonn und Mond/ und zu finden in den beyden Metallen/ Gold und Silber. Das Weiß ist eigentlich die Farbe des Liechtes/ und dem Gelb vorzuziehen/ nicht allein/ weil das Liecht eher gewesen ist/ als die Sonne/ sondern auch/ weil sie die reinste und durchleuchtigste Farbe ist. Demnach wird durch sie angedeutet die Reinigkeit/ Keuschheit/ Gerechtigkeit und unbefleckte Unschuld; auch Weisheit/ als des Verstandes Liecht. Sie ist auch ein Anzeichen der Frölichkeit/ Gluckseeligkeit und Heiligkeit: weil das schöne Tagliecht alle Welt erfreuet/ und die Engel/ auch andere Seeligen im Himmel/ allemal in weißen Kleidern erschienen. Diese Farbe zeiget sich sonst in vielen natürlichen Dingen/ als insonderheit in fein Silber/ in den Perlen/ auf der Haut schöner Leiber/ in Lilien und andern Blumen/ im Schnee/ Papier/ Ey/ Meel/ Kalch/ Kreide und Unschlit. Sie gleichet sonst der ersten Kindheit/ dem Element Wasser/ dem Zinn/ der kaltfeuchten Phlegmatischen Complexion und dem Herbst.

Das Gelb/ ist die liechtste nach dem Weiß/ und der Sonne Farbe/ wie auch des Goldes: um deß willen sie für die edelste gehalten wird. Daraus folget nun/ daß sie auf Majestät/ Hoheit/ Adel/ Ehre und Herrlichkeit deute/ weil die Sonne die Regentin ist im Reich der Himmels-Liechter; und auf Reichtum/ weil solcher am wichtigsten im Gold bestehet. Das Bleich-Gelb/ wie es in dem hinfälligen Herbst-Laub erscheinet/ bemerket die Verderbnis. Sonsten hat diese Farbe ihren Sitz in dem Edelstein Topas/ und zeiget sich in der Sonn- und Ringel-Blum/ auch in andern Blumen. Ihr Alter ist die Mannschaft/ die Jahrzeit der Sommer/ die Complexion die Cholerische oder warm-trucken. Diese ztwo Farben/ Gelb und Weiß/ werden in den Wappen die zwey Metalle genennet/ und darf keines auf das andere gemahlt werden.

Nach Gelb komt dem Weiß am nächsten das Blau/ die schöne Farbe des Himmels: aus welchem Sonne/ Mond und Sternen/ also auch Gelb aus Blau in den Gemälden/ schonst hervorscheinen. Durch sie wird angedeutet die Andacht/ weil sie gen Himmel sich schwinget; die Aemsigkeit/ weil der Himmel in stäter Bewegung ist; die Vielwissenheit/ weil alle Weißheit von oben herab kommet; die Ruhmseeligkeit/ weil diese Farbe den ganzen Erd -Kreiß umgibet. Warum man sie zur Eifer-Farbe gemacht/ kan ich nicht ergründen: es müste dann auf den Andacht-Eifer lauten. Sie zeiget sich im Saffir/ und in vielen Blumen. Ihr Element ist die Luft/ der Planet Jupiter/ das Alter die Jünglingschaft/ das Metall Eisen/ die Complexion die Sanguinische oder warm-feucht/ und die Jahrzeit der Früling. In der Herolds-Kunst heist sie Lasur-Farb.

Roht/ stehet zwischen Weiß und Schwarz recht in der mitten/ und ist die Helden-Farbe: weil dapfere Leute/ im Krieg/ Blut vergießen/ und durch ihr fenriges Gemüte darzu geheißet und angefrischt werden. Daher hat sie die Deutung der Dapferkeit/ und der Grausamkeit/ wegen des Blutvergiessens/ des Zornes; der Gerechtigkeit/ weil die Bösen ihr eignes Blut färbet; der Schamhaftigkeit/ wegen errötung des Angesichts; der Liebe/ weil sie ist eine Flamme des Herzens. Sie glänzet im Edelstein Rubin/ und in vielen Blumen/ sonderlich in den hochfärbigen Rosen. Ihr Element ist das Feuer/ der Planet Mars/ das Alter die Mannheit/ die Complexion die Cholerische oder warm-trucken/ das Metall Kupfer/ und die Jahrzeit der Sommer. Sie wohnet auf der Schönheit Lippen/ und färbet dieselbe/ indem sie sich mit Weiß mänget/ welches wir auch daher Leibfarb/ sonst Rosenfarb/ nennen. In den Wappen ist sie die höchste/ und heiset Rubinfarb. Das Purpur/ ist das dunkelste Roht/ komt von den Meerschnecken/ und ist die Königsfarbe/ war auch vorzeiten gemeinen Leuten zu tragen verbotten. Ist allein/ in dem Wappen des Königreichs Castilien/ zu finden.

Grün/ ist die Farbe der grünenden Erd-Oberfläche/ und weiset sich in Laub und Gras/ ist den Augen angenehm: daher wird durch sie angedeutet di-Freundlichkeit; die Frölichkeit/ weil sie das Jahr lachen machet; die Gesundheit und Lebhaftigkeit/ weil sie der Kräuter Farbe ist; der Hoffnung/ weil die daher grünende Saat dem Landmann volle Scheunen verspricht. Sie glänzet im Edelstein Smaragd/ bildet gleichfalls den Früling und die frische Jugend/ hat die Venus zum Planeten. In den Wappen wird sie/ weiß nicht warum/ verworfen.

Braun/ ist aus Roht und Schwarz vermischt/ und die nächste an dieser; leuchtet aus dem Edelstein Amethyst/ und hat Mercurium zum Planeten. Ihre Deutung/ ist aus dem Gemische beyder Farben zu erlernen: Komt also hervor die Mäßigkeit in allen Gemüts-regungen und Geistes-kräften/ und daraus Verstand/ Genüglichkeit und Zufriedenheit. In Wappen/ wird sie selten gefunden. Sie bezeichnet auch das ruhige Alter.

Schwarz/ ist der Gegensatz von Weiß/ und verdunkelt alles: gleichwie durch diese alles verhellet wird. Also ist sie eigentlich keine Farbe/ sondern vielmehr der Tod aller Farben. Daher deutet sie auf Traurigkeit/ Leidwesen und allerley Unglücks-Arten/ auch der Verdamnis/ wegen der Höllen-Finsternis. Doch ist sie auch das Bild der Beständigkeit/ weil sie unter allen Farben am langsten dauret: weswegen ihr auch der Edelstein Demant zugeeignet wird. Ihr Element ist die Erde/ der Planet Saturnus, das Metall Bley/ die Jahrzeit der Winter/ die Complexion die Melancholische oder kalt-trucken. In der Herolds-Kunst/ behält sie ihren Namen.

Was die Deutung der Mischfarben betrifft/ Mischfarbe ist solche aus der Bedeutung der Hauptfarben/ so zusammengemängt werden/ leichtlich abzumerken: wie kurz vorher bey Braun allbereit erwehnet worden.


p. 89

Das XV Capitel.

Von
Der Perspectiv-Kunst.

Innhalt.

Die Wissenschaft der Perspectiv, macht die Zeichenkunst vollkommen. Ist zweyerley/ und gehet/ entweder aus der Practica, oder nach den Regeln. Die Erste/ ist unsicher. Ohne Regeln kan nichts wichtiges vollbracht werden. Diese werden hier/ von den neuen Autoren/ so hiervon geschrieben/ abgesehen. Definition der Perspectiv-Kunst. Worinn sie bestehe. Anmerkung vom Aug-Punct. Pyramidal-Figur der Gesichtstrahlen/ und Regula Optica, von den Winkeln derselben. Practica der Perspectiv. Von der Haupt- und Parallel-Linie. Von dem Horizontal-Punct. Von dem Distanz Punct. Anweisung/ zum Quadrat-Perspectiv, und zu andren vielen Figuren. Wie die Größe der auf einander gesetzten Dinge/ nach der Höhe zu finden. Exempel dessen/ an den  Statuen von Alexander und Bucephalo, und der Colonna Trajani.

Es wird unnötig seyn/ mit vielen Umständen die Ursachen zu erzehlen/ warum ein jeder/ der eine gute Erfahrung in unserer Profession erlangen will/ mit beywürkender Wissenschaft der Perspectiv-Regeln/ alles sichtbarlicher/ gewißer und correcter ausbilden könne. Dann die Zeichenkunst wird nunmehr fast in zweyerley Manier geübet/ und erscheinet deswegen in der observation sehr ungleich. Etliche haben im gebrauch/ nur blind hin all’ aventure, ohne Regeln/ ihrem ungegründten Wahn und den Mutmaßungen der Augen/ in allen natürlichen Dingen/ (da doch solches Augengemerk dem Selbstbetrug sehr ergeben ist) nachzufolgen/ die nachmals keine ration noch demonstration des Effects/ wann das Werk verfärtigt ist/ davon zu geben wissen: und dieses wird genannt/ aus der Practica arbeiten. Hingegen werden gefunden/ die die andere Manier in Obacht nehmen/ wann sie nämlich alles/ vermittels der wahren Regeln/ mit beyfügung der Erkäntnis und Ursache des Effects solcher Arbeit/ hervor bringen. Diese Art und Weise/ heißet/ nach dem Perspectiv und deren Regeln verfahren.

Ob nun wol diese beede Manieren im schwang gehen/ so ist doch die erste Art (wiewol sehr viele/ auch von den berühmtesten Künstlern/ gefunden werden/ die derselben sich bedienen/) nur ein blindes Wesen voll Ungewißheit/ deren man sich nicht untergeben soll. Es ist und bleibet auch eine lautere Unmöglichkeit/ daß einig wichtiges Werk/ ohne Vorwissen oder Beobachtung der wahren Regeln/ zu vollbringen sey: wie solte man dann/ ohne diesen Behuf/ in der Zeichenkunst ein vollkommener Meister können genennet werden? Also haben wir/ wie sonst in allem/ also auch in diesem/ an die unfehlbare sichere Regeln/ auser denen alles unrichtig bleibet/ uns zuhalten. Ich will aber/ den gönstigen Leser/ nicht zu den alten verlegnen weitläuftigen und schwachen Manieren weisen/ deren unser altes Teutschland sich lang bedienet/ auch viel Bücher davon geschrieben: und gehen wir viel sicherer zu den nach und nach besser-erfundnen wahren und kürzern Regeln in die Schule/ derer ich mich in unserer Academie zu Rom bedienet habe/ nemlich des vortrefflichen Balthasar Peruzi, auch Sebastian Serlio, Danti, mit andern auch des-Argues großer Erfahrenheit/ in Frankreich durch A. Bosse in vielen Büchern fleißig beschrieben: deren die jenige/ welche ferner allerley/ sowol weitläufige/ als kleine absonderliche Theile/ zu erfahren verlangen/ sich bedienen können. Dann meine intention gehet nur kurz/ und alsviel notwendig ist/ eine große ganze Historie/ und die darzu gehörende Theile/ gründlich nach den Regeln zu verstehen und einzurichten; welche Praxis, Ubung und Gewonheit/ allezeit auf einer guten speculation und Wissenschaft soll gegründet seyn: worzu diese Perspectiv-Kunst die Pforte und der Eingang ist/ als ohn welche nichts in dieser Kunst correct kan zuwegen gebracht werden.

Es ist aber die Perspectiv eine Kunst/ welche durch die delineation/ auf einer Fläche/ ein jedes sichtbares Ding also vorstellet/ wie es eigentlich dem Gesicht in gewißer Distanz oder Weite vorkommet: oder/ die da zeichnet oder entwirfft die Figur/ so sich begibt und formirt wird in der gemeinen durchschneidung der Pyramidalischen Strahlen des Gesichtes/ mit dem Plan oder der Fläche/ welche sie durchschneidet.

Denmach so bestehet die Perspectiv darinn/ daß man/ auf einer Fläche/ ein jedes sichtbares objectum oder Gegenwurf/ also entwerfe/ wie es in gewißer Distanz, durch dieselbe Fläche/ wann sie durchsichtig wäre/ gesehen würde.

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