Sandrart 1675/II
Joachim von Sandrart, Der Teutschen Academie zweyten Theil/ von der alt- und neu-berüthmten Egyptischen/ Griechischen/ Römischen/ Italiänischen/ Hoch- und NiederTeutschen Bau- Bild- und Mahlerey-Künstlere Lob und Leben, Nürnberg [Johann-Philipp Miltenberger] 1675.
Der
Deutschen Academie/
Andern Theils/
Zweytes Buch:
Von
Der modernen berühmten Italienischen
Mahlere/ Bildhauere/ und Baumeistere/
Leben und Lob.
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Das XX. Capitel.
Unterschiedliche Italiänische Mahlere/ die zu Rom
nach dem Jahr 1573. gelebet haben.
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pp. 200–201
CX.
PIETRO BERRETINI
Mahler von Cortona.
Unter denen fürtreflichen und in hohen Ehren gehaltenen Lob-würdigsten Geistern unserer Zeit/ war auch der berühmte Pietro zu Cortona; als der eines sittsamen geschickten Gemühts/ und von gesunder Vernunft gewesen/ auch sonst einen guten Tugend-Wandel geführet hat/ wordurch er dann so wol als auch vermittelst seiner großen Kunst zu Rom (als woselbst er biß an sein End verblieben) hoch gestiegen und insgemein die Cron der Mahler genennet worden. Anfangs gleich in seiner Jugend gabe er grosse Hoffnung zu allem gutem von sich/ welches nachmalen sein ansehnliches Zeichnen und Mahlen in fresco genugsam bestättiget/ und nicht weniger auch die Ausbildung herrlicher Poësien/ Historien/ großer und kleiner Bilder beglaubt gemacht.
Unter vielen andern Stucken von seiner Hand zu Rom/ hat er eine große Altar-Tafel in der unvergleichlichen großen Kirchen S. Peter sehen lassen/ worinnen er dann die Vorsehung GOttes in einem ofnen Himmel/ da die Welt-Kugel von vier grossen bekleideten Englen gehalten wird/ ausgebildet. Darauf nahme er hernachmals über sich das neu-gebaute Palazzo Barberini zu Rom â Capo Dechase genannt/ in welchem er den großen Saal/ samt allen andern in fresco so wol/ als auch die Architectur der anhängigen Gebäude des Palasts mit den Gärten/ Logien/ so insgesamt von den Steinen Peperini gebauet/ zubereitet/ mehrerntheils aber in fresco mit sehr Ruhm-würdigen Historien/ Emblematen und Allusionen zu grossem Contento, weiln dergleichen vorhin nie gesehen worden/ gemahlt da ihn dann Papst Urban der VIII. fast täglich durch den Palast Quirinal privat zu Fuß gehend/ besucht/ und an seiner Geschicklichkeit und Fleiß ein sehr großes Gefallen gehabt/ wie solch fürtreflich Werk von Invention, Bedeutung und Verstand der Genüge nach zu beschreiben/ wol ein eignes Buch erforderte/ sofern es anderster nicht völlig in Kupfer gebracht wäre/ als wohin ich auch dermalen mich bezogen haben will.
Hierauf nun ist der Cardinal Pamfilio zum Pontificat erhoben und Innocentius X. genennet worden/ der dann sein gewesenes Wohnhaus/ samt vielen andern noch darneben/ auf dem Platz Navona biß Alla Madona della Pazze abbrechen/ und dahin den Majestätischen Bau genannt Palazzo Pamfilio, mit samt der Kirchen/ und vornen auf den Platz die verwunderliche Fontana und Pyramide aufs allerreichlichst/ nach Reglen der Architectura mehrgedachten Bernini, bauen und machen lassen/ in welchem innwendig ein sehr großer Saal und Gewölb/ dessen Mitte oder Fläche oben in denen abgehenden Angulen und Ecken herabwerts er dermassen mit herrlichen inventionen der Gemählden bereichert/ daß das Römische Volk Ursach genommen sich zu rühmen/ daß es an diesem etwas unvergleichliches überkommen habe: die Historie dieses grossen Werks ist von unten übersich anzusehen/ das Haupt-Werk aber bildet/ in einem herumgehenden grossen und reichen Gesäms/ mit Bildern/ Festonen und anderm geziert/ die Historie oder Geschichte nach Inhalt des Poeten Virgilii, die Thaten Æneæ des tapffern Trojaners/ neben andern beygefugten zierlichen Figuren. Davon gleichfals in Kupfer Carlo Cæsio zu Rom vielfärtige Druck gefärtiget/ welche denen Liebhabern fernere gute und genauere Nachricht und Wissenschaft geben mögen. Zu der neu-erbauten Capuciner-Kirchen zu Rom hat er einen Altar gemahlt/ wie der fromme Hauptmann Cornelius vor dem heiligen Apostel Petrus niederkniet/ er solchen aber wieder aufstehen heisset/ mit noch andern Neben-Figuren/ von sehr guter Ersinnung und reichen Verstand ausgeführt/ daß in Oelfarben nichts wol bässers von seiner Hand zu bekommen ist.
Nach diesem wurde Petrus von dem Herzog von Florenz beruffen/ und ihme allda ein grosser Saal im fresco in der Residenz zu mahlen anbefohlen/ den er dann auch nach allem contento zu End geführt/ und dem Herzog/ der damals noch jung/ zu Nachfolg der Tugend und Antrieb/ lauter tugendreiche Historien vorgebildet; das obriste gröste Stuck des Gewölbs war eine schöne nackende Venus, so mit aufgeflochtenem Haar auf einem Bett/ mit allerley anderen lasciven Weibsbildern und der Liebe/ auch mit Cereris und Bacchi Früchten gezieret liget/ von deren Gesellschaft ein zarter schöner Jüngling/ durch Antrieb Minervens/ hinweg lauft/ und auswarts zu der Tugend Herculis sich begibet/ unangesehen die anderseits stehende Satyren/ Bacchanten und Arcadische buhlerische Nymfen/ samt ihren Wollüsten/ demselben vergeblich zuruffen/ in folgender Unterschrift:
Adolescentiam Pallas à Venere avellit,
Radix amara Virtutis, fructus suavis.
Unterhalb folgen andere acht dergleichen lehrreiche Historien/ fürtreflich gebildet/ folgenden Innhalts/ so aus der Lateinischen Uberschrift zu ersehen.
Antiochus irato mari se committere,
quàm blandienti amori vela pandere tutiùs existimavit.
Eodem poculo Massanissa fidei in Romanos,
libertati Sophonisba litavit.
In Alexandri pectus pudicitiæ munimento
Persicis oculorum tormentis inexpugnabile.
Augustus Regiam Nili Sirenem cerâ
prudentiæ aure obseratâ contemnit.
Crispo innocentia magno stetit, sed illa
pretio quolibet constat benè.
Cyrus, ne à captiva caperetur,
Pantheum fugiendo vicit.
Filius amans, & silens, vafer medicus,
pater indulgens.
Hostium corpora Scipio ferro vincere,
animos continentiâ vincire voluit.
Mit diesen herrlichen Werken und dergleichen mehr erhube ihn das Glück täglich/ und also auch bey angetrettenem Alterthum.
Zum Gezeugnus seines jederzeit geführten erbaren Wandels/ bauete er inn und unter der Kirchen S. Lucas zu Rom einen von metallinen Bildern gemachten Altar/ so ihn/ neben der angeordneten Sepultura, in die 20000. Cronen gekost; welcher von männiglichen gesucht und gerühmet wird. Nach dieser Verrichtung hatte er/ wegen treuer Freundschaft/ mir versprochen/ mich in Anno 1635. da ich von Rom verreiset/ um zugleich alle fürnehme Werke in Lombardien und Venetien zu besehen/ biß an das Alpen-Gebürg zu begleiten; weiln aber wegen damahlig eingefallener eilfärtiger Arbeit des Palasts Barbarini er nicht abkommen können/ hingegen viel Jahr hernach vernommen/ daß ich Italien noch einest zu besehen begehrte/ bate er mich/ ihn meiner Zurückkunft vorhin zu berichten/ mit erbieten/ biß nach Venedig mir entgegen zu reisen; welches dann auch nach meinem Vornehmen geschehen wäre/ wo nicht darauf der leidige Krieg und Französische Einfall in Bayren erfolgt/ der zugleich unverschuldter Dingen meine ganze Hofmark Stockau/ das schöne Schloß und allerley Mahlmühlen und Wassergäng/ samt der ganzen Oeconomia, Bräu- und Wirthshaus mit darzu gehörenden Unterthanen den zweyten Pfingsttag erbärmlich eingeäschert/ und durch so großen Schaden an meinem Vornehmen und der Lust-Reis verhindert hätte. Es war dieser gute Freund sonst sehr officios, die alte Freundschaft würklich zu erhalten/ auch jederman Liebs und Guts zu thun/ sehr höflich und aufrichtigen Gemüts/ lebte ohnverheurathet/ gerecht/ exemplarisch und fromm/ biß er endlich auch die Schuld der Natur bezahlet/ und sehr prächtig zur Erden bestattet worden/ mit grossem Geleit vieler hohen Stands-Personen/ deren viel ihme Lobreiche Reim-Gebände zur Gedächtnus und Betraurung gesetzet haben/ darunter einer auf seinen Namen Pietro de Cortona mit einem Anagrammatismo oder Wörter-Wechsel also gespielet:
Pietro da Cortona,
Corona de Pittori.
Er hat aber 60. Jahr erreicht/ und jederzeit aller Erbarkeit sich beflissen/ zuvorderst aber seinen studien abgewartet/ weßhalben er auch in der Academie meiner Zeit von jeden lieb und wehrt gehalten worden.
Der
Teutschen Academie/
Andern Theils/
Drittes Buch:
Von
Der Hoch- und Nieder-Deutschen berühmten
Mahler/ Bildhauer und Baumeister/
Leben und Lob.
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Das XXIII . Capitel.
Claudius Gilli/ und noch andere ein und
zwanzig Mahlere.
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p. 335–336
CCLXVIII.
CARPOPHORUS TENCHALA,
Mahler von Bissone
Obwolen CARPOPHORUS TENCHALA von Bissone am Luganer-See in dem Herzogtum Mayland/ und also aus den Italiänischen Gränzen bürtig/ so nehme ich doch daher Gelegenheit/ ihn unter die Teutsche zu setzen/ weil er sich meistens in Teutschland aufgehalten/ und von den Liebhabern seiner ungemeinen Wißenschaft nimmer daraus gelaßen wird. Dieser fürtrefliche Künstler hat die fast ganz darnider ligende Kunst in fresco oder naßen Kalk auf Mauren zu mahlen/ wieder erhoben/ und seine herrliche Erfahrenheit durch allerhand schöne verfärtigte Werke an Tag geleget.
Den Anfang seiner Kunst hat er zu Mayland/ Bergamo und Verona ergriffen/ und schon in früher Jugend durch unterschiedliche glücklich-geendete große Stuck seinen Geist/ und was aus ihm werden wolle/ entdecket/ dannenhero sein Ruhm täglich gewachsen/ und so gar biß in Teutschland erschollen ist/ daselbst beschriebe ihn des Kunstliebenden Herrn Prælaten von Lampach Hochwürden/ damit er selbiges neu-erbaute fürtrefliche Gotteshaus mit seiner Kunst bereichern solte/ wie Seine Werke zu Lampach.er dann auch dahin alle an den Mauren herumgehende fregie und Gebäude mit zierlichen Bildern und Ornamenten/ theils colorirt/ theils ob wären dieselbe von Marmor oder stucco, gemahlt/ dabeneben hat er auch daselbst unterschiedliche grosse Historien/ und unter andern die Sendung des heiligen Geistes über die versamlete Apostel und unser liebe Frau gemacht/ und darmit gnugsam bezeuget/ daß er wegen seiner großen Anmutigkeit/ guten Zeichnung/ Geist-reicher Inventionen und perfecten Kunst-Gebrauch/ wol verdienet/ unter Andere seine Werke die fürnehmste Meister in fresco gerechnet zu werden: Nicht geringers Lob hat er in dem Käyserlichen Kunst-Cabinet zu Wien/ in der verwittibten Käyserin Hof-Capell/ bey unser Frauen zu den Schotten/ bey den H. H. P. P. Dominicanis, und in andern unterschiedlichen Kirchen und Häusern: Ingleichen bey H. Graf Palvi in Ungarn zu Peternell/ bey H. Grafen von Träun in Steyermark und nun in Mähren bey dem Herrn Bischof von Olmütz/ und an andern Orten allerley große und herrliche Werke zu seinem höchsten Ruhm glücklich verfärtiget.
Mit seinen fürtreflichen Wißenschaften stimmet wol überein sein tugendhafter Lebens-Wandel/ Seine Manier zu mahlen.wormit er sich allenthalben sehr beliebt machet. Sonsten bestehet seine Arbeit in einer guten Zeichnung und vielen sinnreichen Inventionen/ die er nach Art der Historien/ in einer stattlichen Ordinanz und vernünftigen Colorit, unvergleichlich anmutig und freudig beyzubringen/ auch mit zierlichen Landschaften/ artigen Gebäuden/ Zierrahten und Thieren zu erfüllen weist/ und solches alles nach Erforderung dieser Kunst expedit und hurtig/ worvon die große Mänge seiner bißher verfärtigten Werke zeugen kan: Indem aber seine Kunst noch täglich durch die langwürige Erfahrung steiget/ und er in der bästen Zeit seines Lebens auch begierig ist/ sich je länger je mehr berühmt zu machen/ als hat man noch viel von dieser edlen Hand zu erwarten.
