Werner 1781
Georg Heinrich Werner, Anweisung alle Arten von Prospekten nach den Regeln der Kunst und Perspektiv von selbst zeichnen zu lernen, nebst einer Anleitung zum Plafond- und Freskomalen für Zeichner, Maler, Bildhauer, und alle Arten von Künstlern, Erfurt [Georg Adam Keyser] 1781.
Anweisung
zum
Plafondmalen
pp. 113–123
Erstes Kapitel.
Von den Zeichnung der Dekengemälde.
Platfonds werden alle wagerechte Deken genennt. Die Kunst, die sich mit Bemalung dieser Deken beschäftiget, heist daher, die Platfondmalerei. Sie ist schwerer als die andern Arten, daher kömt es, daß wir so viele Misgeburten haben, die unsere Deken verunstalten, anstatt sie zu zieren, die ein Gemische von Unsinn und Beweise unsers schlechten Geschmaks sind. Verschiedene klügere Künstler, die die Schwierigkeiten derselben eingesehen haben, geben auf der andern Seite zu weit, wenn sie diese Schwierigkeiten für unüberwindlich halten, und sich lieber gar nicht damit abgeben.
Die Hauptschwierigkeiten sind dreifach. Erstens in Ansehung des Kolorits. Die Dekengemälde erfodern ein ganz eignes Kolorit, als andere Gemälde. Da sie alle in der Höhe, entfernt vom Auge sind: so sind alle Mittelfarben beinahe ganz unbrauchbar, weil diese in unsern Augen beinahe gänzlich verschwinden, wenigstens das Kolorit sehr kalt und unkrästig machen würden. Hier können keine andere, als lauter ganze Farben gebraucht werden, die kräftig neben einander aufgetragen werden müssen, damit sie noch in der Entfernung, wodurch sie einen grosen Teil ihrer Kraft verlieren, ihre Wirkung, thun, und unser Auge rühren können.
Die zwote Schwierigkeit betrift die Wal der Gegenstände. Der Endzwek des Dekengemäldes ist, unser Auge zu täuschen, die Deke gleichsam aufzuheben, und uns weit über das Gebäude in die Luft sehen zu lassen. Ist es nun nicht Unsinn, wenn die Maler da Historien, die sich auf der Erde zugetragen haben, Bäume, ganze Landschaften, oder wol gar Seestüke hinkleksen? Was für eine Empfindung mus es in uns erregen, wenn wir über unsern Gebäuden Bäume wachsen, oder gar Schiffe in der Luft über uns herumtummeln sehen? Das einzige Element, welches der Künstler hier zum Schauplaz seiner Vorstellung wälen kan, ist die Luft. Er darf also auch keine andere Handlungen wälen, als solche, die sich in der Luft zugetragen haben, oder doch zutragen können. Es felt ihm hier keinesweges an Stof. Die heidnische Mythologie, die christlichen Legenden der Heiligen, und endlich das weitläuftige Feld der Allegorie bieten ihm einen reichen Vorrath an, aus dem er nur wälen darf. Außerdem kan er auch noch die Architektur benuzen: denn es erregt eine angenehme Empfindung des Erstaunens, der Bewunderung und des Wolgefallens in uns, wenn wir über uns bliken, und das Gebäude sich erheben und mit einer majestätischen Pracht nach dem Himmel zu steigen sehen. Nur mus er hier Verstand und Geschiklichkeit anwenden, daß es nicht aussieht, als ob über unsere Köpfe neue Gebäude hingebaut wären, oder gar als ob sie auf uns herabstürzen wollten. Alle Architektur, die hier angebracht wird, mus uns nur eine Fortsezung desjenigen Gebäudes zu sein scheinen, in welchem wir uns befinden. Und damit es nicht herabzufallen scheint, dazu mus es nach den Regeln der Horizontalperspektiv gezeichnet sein, die von der Vertikalperspektiv, die ich in dem ersten Kapitel behandelt habe, gar sehr verschieden ist.
Um es sich zu erleichtern, und auch in Ansehung der Richtigkeit sicherer zu gehen, that der Maler wol, wenn er erst das Maas von seinem Stüke nimt, es ins kleine verjüngt, und da sein ganzes Gemälde nach allen Regelnerst im Kleinen ausführt. Alsdenn kan er es leichter und mit aller Sicherheit auf seine grose Tafel übertragen; soll es al Fresco sein, sogleich auf die Deke; soll es aber in Oel sein, so kan er es mit mehr Bequemlichkeit auf seiner Staffelei verfertigen, und es alsdenn an der Deke bevestigen lassen.
Obgleich die Figuren vermittelst der Horizontalperspektiv sehr ungestalt gezeichnet werden müssen, wenn sie unserm Auge in der Tiefe natürlich vorkommen sollen: so müssen doch alle Verhältnisse, wie in der gewönlichen Malerei genau beibehalten werden, da denn die Figuren, die von dem Gesichtspunkt, welcher in der Mitte angenommen werden mus, sich am weitsten entfernen, den übrigen, die sich dem Gesichtspunkt nähern, zum perspektivischen Maasstab dienen müssen.
Wir wollen uns nun durch Beispiele näher mit den Regeln bekant machen. Siehe Tab. IX. Wenn die Säule Fig. 11 in einer Entfernung des Auges von 100 Schuh an die Deke gemalt werden sollte, so daß sie in einer Entfernung von 40 Schuh aufrecht erscheinen mögte, so mus vorher diese Säule C. N. I. H. nebst ihrem Grunde, welcher unten auf der Linie b c zu sehen ist, nach einem beliebigen Modul gehörig aufgezeichnet sein. Alsdenn werden von dem angenommenen Augenpunkte D nach allen Eken des Grundes 1, 2, 3, 4, H Linien gezogen welche die perspektivischen Erhöhungen 5, 6, 7, 8, 9, bezeichnen. Alsdenn kan man abermals von den Eken des Profils C n o F G K L Linien nach dem auser der Grundlinie, b c angenommenen Distanzpunkt ziehen. Die Punkte, wo diese Linien die Grundlanie d e durchschneiden, bemerkt man wiederum mit C n o F G K L. Diese Punkte bezeichnen denn die Verkürzungen der ganzen Säule und aller ihrer Teile auf der Grundlinie b c. So ist auf der Grundlinie d e die Weite C H die bestimte Verkürzung der ganzen Säule. Die übrigen Buchstaben bestimmen die Verkürzungen der übrigen Teile.

Wir wollen diese Regel, um sie noch deutlicher zu machen, an dem Tragestein Tab. X. Fig. 12 anwenden. Dieser Tragestein X soll ebenfals in einer Höhe von 75 Schuhen so gemalt werden, daß er unserm Auge 35 Schuh Abstand aufrecht angebaut scheine. Es werden hier wieder wie vorhin aus dem Augenpunkt D Linien nach allen Ekender Grundfläche dieses Tragesteins h i k l gezogen, welche zugleich die Ausläufungen desselben z m n o p q r bemerken. Um die bestimmte Verkürzungen zu bekommen, zieht man wiederum, wie vorhin schon gelehrt worden von dem ganzen Profil des Steins von Z bis zu Z nach dem Distanzpunkt A Linien, und bemerkt die Punkte, wo sie die Grundlinie f g durchschneiden. Die Weite von y bis Z ist die verkürzte Größe des ganzen Steins, und die Verkürzungen der einzelnen Teile sind nach Anweisung der Buchstaben von selbst herauszufinden.

Noch ein Beyspiel an Fig 13. Tab. IX. Diese Figur B K soll 50 Fus hoch gezeichnet werden. Man verfährt dabei in allen Stüfen nach der vorigen Anweisung. Die Linien aus dem Augenpunkt D bis auf die Grundlinie h i bestimmen ihre Stellung an zwei verschiedenen Orten, nebst ihren perspektivischen Breiten; die von dem Profil nach dem Distanzpunkt B gezogenen und auf der obern Grundlinie k l angemerkten Linien bestimmen ihre Verkürzungen, wie die Figuren B. K. ausweisen.
Diese drei Exempel werden hinreichend sein, das Verfahren bei Aufzeichnung und Verkürzung einzelner Figuren, begreiflich und deutlich zu machen. Wir wollen diese Regeln nun auf ein vollständiges Dekenstük anwenden. Siehe Tab. XI. Fig. 14. O, P, Q, R sollen die Pfeiler sein, die an der Deke D, E, B, C aufrecht erscheinen sollen. Die Stellen an welche die Pfeiler gezeichnet werden sollen, sind mit M bezeichnet. A in der Mitte, ist der Augenpunkt, nach diesem Punkt werden von allen Eken, und von allen Grundstellen der Pfeiler Linien gezogen, welche Linien sodenn die perspektivische Richtung der Pfeiler bestimmen. Um nun auch die Verkürzungen zu bekommen, so zieht man von dem Oberteil der Pfeiler O Linien nach dem Distanzpunkt K, und bemerkt die Stellen wo sie die Grundlinie H I durchschneiden. Diese Punkte sind hier mit F h i k 1 m n G bezeichnet, und sie bestimmen den Maasstab der Verkürzung. Wolte man anstatt der Pfeiler M lieber Säulen erwälen, wie Fig. 15. L L, so besteht der Unterschied blos in der Rundung, und es wird bei ihrer Aufzeichnung eben so wie vorhin verfahren, daß man von jeder Grundfläche Linien nach dem Augenpunkt A zieht, wodurch sie ihre perspektivische Richtung erhalten.

Kein Dekengemälde kan also richtig gezeichnet werden, wo man nicht zuvor eine ordentliche Zeichnung davon macht, welcher auch noch der Grundris beigefügt werden mus. Hierauf mus die Höhe in Betrachtung gezogen werden, in welcher das Gemälde ercheinen soll. Nach diese Höhe richtet man den Distanzpunkt ein, und sezt in der Mitte des Stüks den Augenpunkt, so ist das übrige nach obiger Anweisung leicht.
Hieraus erhellet, daß alle diejenigen Teile der Gegenstände, die mit den Grunde parallel stehen, nicht verkürzt werden können; diejenigen hingegen, welche aufrecht stehen, und ihre Beziehung nach dem Augenpunkt haben, müssen verkürzt werden, und das um so mehr, je näher sie dem Augenpunkt kommen.
Die Regeln, welche wir vorhin bei der einzelnen Säule, und bei dem Tragestein haben kennen lernen, wollen wir nur noch auf ein ganzes Architekturstük anwenden, daß es in einer gewissen Entfernung an der Deke als wirklich in die Höhe gebaut erscheine. Siehe Tab. XII. Fig. 16. Vorerst mus der Grundris des Stüks B und alsdenn dessen Profil richtig aufgezeichnet werden. Alsdenn wird der Augenpunkt A und der Distanzpunkt nach erforderlichem Abstand vestgesezt. Nach diesem werden von allen Winkeln des Grundrisses a b c u. s. f. Gesichtslinien nach dem Augenpunkt gezogen. Hierauf wird das Profil aufgezeichnet Tab. XIII. Fig. 17. Von allen Eken dieses Profils, als I, K, L, M, u. s. f. werden Linien nach dem Distanzpunkt G gezogen, welche in den Punkten, wo sie die Grundlinie O P durchschneiden, das Maas der Verkürzungen bestimmen. Ich habe hier nur wenige Teile bemerkt, weil die Zeichnung durch allzuviele Buchstaben nur undeutlich gemacht werden würde, aber diese wenigen werden hinlänglich sein, einen deutlichen Begrif von der Sache zu machen. Als C D ist die ganze Länge in ihrer Berkürzung, C N die Höhe des Postaments, u. s. f.


Daß jeder Maler überhaupt die Baukunst voll kommen verstehen mus, nicht um etwas aufzuführen sondern um es richtig zu zeichnen, versteht sich von selbst. Aber keiner hat diese Wissenschaft so nöthig, als der Landschaft; und Platfondmaler, weil ein jeder Feler in seinen Architekturstüken sogleich in die Augen fallen und seine Unwissenheit beschimfen würde.
Bei den Platfondgemälden hat er noch dahin zu sehen, daß er alles Dicke und Schwere untenhin, (oder auf die Seite) und alles Dünne und leichte obenhin (oder in die Mitte) ordnen müsse. Dieses ist auch auf die verschiedenen Säulenordnungen anzuwenden, daß er nicht etwa die Korintische unten, und die Toskanische obenhinbringt. Die unterste als die schwerste mus die Toskanische sein, dann folgt die Dorische, hernach die Jonische, alsdenn die Römische, und zulezt die Korintische als die leichteste.
Daß bei der Wal der Gegenstände auf den Ort, dessen Beschaffenheit, Gebrauch, Besizer u. s. w. Rüksicht genommen werden mus, bedarf wol keiner besondern Anweisung. Ein mythologisches Stük in eine Kirche, eine Heiligengeschichte in ein Komödiehaus, ein schwerer prächtiger Tempel auf die Deke eines Gartenhauses, und dergleichen, sind Unschiklichkeiten, die wol ein jeder ohne Erinnerung einsehen wird.
Mehr Aufmerksamkeit erfodert die Beleuchtung, welche so eingerichtet sein mus, daß sie von einem jeden Ort, wo man auch stehen mag, gleiche Wirkung thut, und doch lediglich von der jedesmal besondern Beschaffenheit und Einrichtung des Gebäudes abhängt. Eben so viel Aufmerksamkeit und Verstand erfodert die Einteilung der Felder und die Anordnung der Hauptgegenstände, damit nichts zu sehr verzerrt wird, und die Hauptsache auch hauptsächlich in die Augen fällt.
Wir wollen nun noch ein Beispiel hinzufügen, wie man verfahren mus, wenn man ein besonders gewältes schon fertiges Gemälde, Kupferstich, oder Zeichnung, an die Deke malen soll. Siehe Tab. XIV. Fig. 18. sei das Gemälde, welches an die Deke gezeichnet werden soll. Diese Zeichnung teile man vorerst in beliebige Teile, wie hier in 36 Quadrate. Hierauf werden diese Teile oder Quadrate auf eine andere Tafel übergetragen, siehe Tab. XV. und auf der Grundlinie H I abgestekt, Fig. 19. 6, 5, 4, 3, 2, 1. Alsdenn nimt man nach Verhältnis der Höhe, oder des Abstands der Deke vom Auge, den Augenpunkt an, welches hier G ist. Nach diesem Punkt G werden von allen Abteilungen 1, 2, 3, 4, 5, 6, Linien gezogen. Um nun die Verkürzungen zu finden, so teilet man eine Perpendikularlinie D B ebenfalls in 6 solche gleiche Teile. Von jedem dieser Teile ziehet man nun Linien in den unten befindlichen Distanzpunkt A. Auf der Durchschneidungslinie B. E. erhält man nun von B nach E zu, die bestimten Verkürzungen durch a, b, c, d, e, f. Diese Verkürzungen trägt man alsdenn auf die Tafel Fig. 18. von C nach F und von I nach F über, wodurch man die richtige Verkürzung der Quadrate erhält, wie hier die Buchstaben und Zale klärlich ausweisen. In diese Quadrate trägt man alsdenn nach Anweisung ihrer Bezeichnung alles das ein, was in den eben so bezeichneten so bezeichneten Quadraten Fig. 17. enthalten ist.


In beiden andern Figuren, Fig. 20 und 21. Tab. XVI. ist das nämliche enthalten, nur daß wegen anders angenommener Augen und Fernepunkte, die Verkürzungen auch anders ausfallen. In Fig. 20 nämlich ist der Augenpunkt H. Die nämlichen Teile sind auf der Perpendikularlinie D K angemerkt. Von dieser sind die Linien nach dem unten befindlichen Distanzpunkt o gezogen, und auf der Durchschneidungslinie K L mit den Buchstaben f, g, h, i, k, 1 bemerkt, welches die bestimten Verkürzungen sind.
Zu Figur 20 ist ebenfalls der Augenpunkt H. der Distanzpunkt W und die Verkürzungen auf der Durchschneidungslinie von R nach E.

Auf die hier beschriebene Weise können nun alle mögliche Zeichnungen und Gemälde auf die Deke übergetragen, und vermittelst der Einteilung in Quadrate, nach Belieben vergrößert oder verkleinert werden, indem man die Quadrate nur vergrößern oder verkleinern, und die dahin gehörigen Teile alsdenn hineinzeichnen darf.
Wem aber diese regelmäßige und gründliche Methode noch immer zu schwer sein solte, der kan sich der von dem berühmten Lairesse, in seinem großen Malerbuch vorschlagenen Methode bedienen. Man zeichnet nämlich sein Stük, ordentlich auf, legt es alsdenn horizontal (wasserrecht) hin, verfügt sich hierauf mit einem Spiegel in diejenige Entfernung, und Augenhöhe, nach welcher das Dekenstük hernach betrachtet werden soll, und rükt da den Spiegel so lange bis die Zeichnung vollkommen darin erscheint. Alsdenn ist es leicht die ganze Zeichnung aus dem Spiegel, mit Schatten und Licht und allen Verkürzungen auf gergründetes Papier zu zeichnen, und es, so gros als es werden soll, vermittelst der vorhin angezeigten Methode mit den Quadraten zu vergrößern. Man kann es auf diese Art auf der Staffelei fertig malen, und alsdenn nur an die Deke anheften.
Dieser vortrefliche und berühmte Maler Lairesse thut noch einen andern Vorschlag. Man solle nämlich alle Figuren, die an die Deke gemalt werden solten in Gips oder Wachs oder Thon poussiren, sie hierauf eben so wie sie auf dem Gemälde geordnet werden sollen, vermittelst eiserner Dratstüke in weichen Thon steken, die ganze Gruppe in ein solches Licht, und in eine solche Erhöhung sezen daß sie dem Auge eben so in allen Verkürzungen erscheint, wie das Gemälde an der Deke erscheinen soll, und dann die Zeichnung hiervon abnehmen.
Noch einen andern Vorschlag thut Lairesse, der noch leichter auszuführen ist. Wenn z. B. ein ganzes Haus, so gros es auch sei, oder gar eine ganze Gegend mit allen Figuren (die benöthigten Figuren kan man sich ja selbst nach Belieben stellen) abgezeichnet werden soll, so nimt der Zeichner ein konvex (erhaben) geschliffenen Spiegel, kehrt seinem Gegenstand den Rüken zu, so, daß er ihn im Spiegel sehen kan, und geht in dieser Stellung so lange fort, bis der ganze Gegenstand im Spiegel zu sehen ist. Den darf er nun nur abzeichnen, wie er ist, denn er enthält schon alle Verkürzungen.
Zugleich gibt er eine Anweisung, wie ganze Zimmer, Säle, Gallerien oder Lustgärten an eine Wand zu zeichnen sind. Siehe Tab. VIII. Fig. 11. E ist hier der Augenpunkt, C der Grund A die Deke D und B die Seitenwände oder Spalire. Die Länge Weite und Tiefe kan willkürlich angenommen werden, und man hat nichts weiter dabei zu thun, als daß man alle Gesichtslinien von allen Seiten nur in den Augenpunkt zusammen zieht, und dabei, wie schon oben gelehrt worden, verfährt.

Dieser grose Künstler erzält, wie er selbst zu feiner Uebung verfahren sei. Er nagelte nämlich seine Leinwand oder Papier an eine Deke, legte sich auf den Rüken; und zeichnete seinen Entwurf mit schwarzer oder weiser Kreide darauf. Hernach verfertigte er seine Figuren nach wol ausgesuchten Kupferstichen. Durch diese vielfältig wiederholte Uebung brachte er es so weit, daß er die schönsten Dekenstüte ohne Rüksicht auf die Regeln, auf seiner Staffelei aus freier Hand verfertigen konte.
In Ansehung der Beleuchtung und des Kolorits gibt es hier keine neue Regeln. Alles was in den vorigen Kapiteln gesagt worden ist, mus auch hier beobachtet werden. Nochmals will ich nur erinnern, daß es an Rüksicht auf die Haltung, hier ganz besonders nothwendig ist, daß das Kolorit und die Beleuchtung in denen vom Augenpunkt entferntesten Teilen auserordentlich kräftig sein, nach dem Augenpunkt zu aber immer schwächer werden, und im Augenpunkt selbst gleichsam verschwinden müsse.
Auf Tab. XVII. sind alle bisher gelehrte Regeln angebracht worden. Die Verkürzungen erscheinen hier alle vertikal und nicht horizontal, denn die Figuren N. 1. 2. 3, und 4 sind blos in der Länge, nicht aber in der Breite verkürzt n. 2 hingegen hat ihre völlige Länge, weil sie horizontal liegt. Die Beleuchtung ist Sonnenlicht, und zwar von oben, wie es bei allen Dekengemälden sein mus. Der Augenpunkt ist nach Anweisung der Figuren 3, 1, 4, in der äusersten Ferne des Firmaments angenommen, welches ebenfalls eine unveränderliche Regel ist.

Da die meisten Dekenstüke auf Kalk gemalt werden: so will ich noch eine kurze aber deutliche Anweisung zum Freskomalen beifügen.
pp. 124–130
Zweites Kapitel.
Vom Freskomalen.
Es gibt zweierlei Arten auf Kalk zu malen, das Fresko, und das Trokenmalen.
Das Trokenmalen geschieht auf Mauern die vorher mit einem nicht alzudünnen Gips beworfen worden sind, welchen man troken werden lässt, und worauf man alsdenn mit allen Arten von Farben, in Oel und Wasser malen kan. Bei alten Mauern hat man nur die Vorsicht zu brauchen, daß man die alte Weise zuvor abkrazen, und die Mauer mit frischer Tünche überziehen lassen mus, da auserdem Malerei und Tünche zugleich abspringen würden.
Das Freskomalen geschieht hingegen auf einer frisch mit Mörtel überworfenen Mauer. Die Farben ziehen sich in den nassen Mörtel hinein, und die Malerei wird hierdurch ungleich dauerhafter, als die auf trokenen Gips.
Ehe der Künstler das Malen selbst anfangen kan, hat er vorher für verschiedene Dinge zu sorgen.
Vor allen Dingen mus er das Gerüste untersuchen, damit er sich demselben nicht mit Gefar seines Lebens anvertraue. Ferner mus er sich hüten, daß er seine Arbeit nicht sogleich vornehme, wenn die Mauer mit frischem Kalk beworfen worden ist, noch auch an einem verschlossenen Ort, weil die davon aussteigenden Dünste überaus schädlich sind.
Wenn die Mauer recht ausgetroknet ist, so wird sie wieder angefeuchtet, und mit einem etwas dünnern Kalk noch einmal beworfen. Auch dieser mus abtroknen, und sodann erst wird er mit dem Mörtel überzogen, welcher aus noch dünnerm Kalk mit etwas klaren Flussand vermischt, besteht. Auf diesem aufgetragenen Mörtel mus die Arbeit sogleich vorgenommen werden, und es mus nie ein größeres Stük damit überzogen werden, als in einem Tage gemalt werden kan, weil die Arbeit, sobald der Mörtel troken wird, nicht mehr von statten geht. Doch darf er auch nicht noch ganz nas sein, sondern mus in etwas abgetroknet sein, weil sonst die Arbeit sich zu sehr mit dem Kalk vermischt. Um aber dem Mörtel das Rauhe und Unebene zu benehmen, mus er vorher abgekörnt, oder wie es die Italiener nennen, granirt werden. Dieses Abkörnen geschiehet, wenn man erstens mit einem starken Pinsel die kleinen hervorstehenden Sandkörner hinwegnimt, und sodann einen Bogen Papier darauslegt, und ihn mit der Mauerkelle gelind andrükt und streicht. Hiermit fährt man von einem Orte zum andern fort.
Weil sich auf dem nassen Kalk nichts ändern oder verwischen lässt, so müssen alle Striche sogleich flüchtig vest und richtig gemacht werden. Um desto gewisser und sicherer zu gehen, bedient man sich der Kartons, oder großer Zeichnungen, die von eben der Gröse sind, wie das Gemälde werden soll, und mit allen ihren Teilen und Farben zwar flüchtig, aber völlig ausgeführt sind. Diese Kartons werden an die Wand befestiget, und die Zeichnung darnach angezeigt, auch alsdenn die Farben nach ihnen aufgetragen.
Solten aber irgend einer Ursache wegen die Kartons nicht anzubringen sein, so mus man sich des Tab. XIV. vorgeschlagenen Mittels der Vergitterung bedienen, seine Zeichnung in Quadrate teilen, und diese Quadrate auf die Wand übertragen, und so ein Quadrat nach dem andern bemalen. Solte bei Endigung des Tages noch etwas von dem übertünchten Stük übrig bleiben, so mus solches abgehauen, und den andern Tag frisch beworfen werden.
Um sich bei Aufreisung der Zeichnung nach dem Karton, das verdrüsliche Ueberfahren zu ersparen: so kan man alle Linien und Umrisse mit Nadeln durchs stechen, und sie denn mit einem Beutelchen voll fein gepülverten Kolstaub drüken und überfahren, wodurch man die verlangten Umrisse auf dem Kalk erhalten wird, welche alsdenn aus freier Hand leicht auszuführen sind.
Da die Farben in Töpfen gemischt werden, und es sehr schwer ist, wenn eine Farbe ausgegangen ist, vollkommen dieselbe Mischung zu treffen. So thut man wol, wenn man auf einmal so viel Farben anmacht, als zum ganzen Stük erfodert werden.
Müssen während der Arbeit noch einige Farben gemischt werden, so bedient man sich dazu einer kupfernen Pallette mit einem Rand, worauf man ein kleines Gefäs mit Wasser zum verdünnen bevestigen kan.
In Auftragung der Farben wird eine eben so grose Geschwindigkeit und Gewisheit erfodert, besonders aber im Vertuschen wo es unumgänglich nöthig sein solte. Jeder Strich mus so bleiben wie er ist, und jede Farbe mus gleich aufgetragen werden, wie sie bleiben soll, denn das mehrmalige Ueberfahren mit frischer Farbe ist eine Sudelei, die dem Gemälde Schönheit und Dauer benimt. Die ersten Farbenstriche verlieren zwar zuweilen ihre Kraft und Schönheit auf der nassen Tünche, diese überfährt man aber von einem Flek zum andern sogleich wieder mit eben derselben Farbe.
Die verschiedenen Tinten sezt man nur neben einander ohne etwas zu vertreiben. Sind Vertiefungen oder Erhöhungen nöthig, so lässt man die erste Farbe etwas abtroknen, und dann erhöht oder vertieft man die Farbe mit dem Pinsel blos durch Schraffirung.
Bei Mischung der Farben hat man wol zu überlegen, daß sie beim Troknen alle heller und matter werden, sie müssen daher dunkler gemischt, und stark, dunkel und kräftig aufgetragen werden.
Sollte indessen bei aller Vorsicht und Geschiklichkeit ein Gemälde dennoch in Zeichnung oder Kolorit mislingen, so ist alsdenn kein anderer Rath, als daß es ganz abgeschabt, die Stelle mit frischem Mörtel überzogen, und so ganz vom Anfang gearbeitet wird.
Nun noch etwas von den Farben.
Nicht alle diejenigen Farben, die in der Oelmalerei gebraucht werden, sind in der Freskomalerei zu brauchen, weil ein großer Teil derselben sich nicht mit dem Kalk und Mörtel verträgt, sondern von demselben zerfressen wird, daß ein solches Gemälde in kurzer Zeit verschiest und alle seine Schönheit verliert. Ich will hier noch die zu dieser Malerei schiflichen Farben verzeichnen.
1. Weis von Kalk gemacht. Man löscht Kalt mit Wasser ab, und lässt ihn ein halbes Jahr stehen. Man kan dieses Weis alsdenn zu allen Mischungen brauchen.
2. Weis von Eierschalen. Dieses ist ein vortrefliches Weis, welches zu allem gebraucht werden kann. Man nimt die Eierschalen, stöst sie, und wäscht das Pulver so lange, bis das Wasser ganz rein davon abgeht. Alsdenn vermischt man diesen Teich mit einem Stük ungelöschten Kalk, und zerreibt die Masse auf einem Reibstein so fein als möglich. Dieses Weis ist nicht blos zu Mischungen, sondern auch zum Erhöhen zu brauchen. Noch besser wird es, wenn man die gestosenen Schalen vorher in einem wolverwahrten Gefäs verbrennen und ausglühen lässt, wodurch man zugleich den unleidlichen Gestank vermeidet, welchen sie außerdem von sich geben.
3. Weis von Ligusrischem Marmor. Dieser Marmor wird zu Pulver gestosen, und nachdem er mit Kal, vermischt worden, mit Wasser abgerieben.
4. Zinnober. Wenn der Zinnober nicht voni Kalk zerfressen werden soll, mus er auf folgende Weise zubereitet werden: Man nimt gestosenen reinen Zinnober, thut denselben in ein Geschirr, und giest Wasser darüber, worin vorher lebendiger Kalk abgelöscht worden. Doch mus das Wasser klar und hell sein. Dieses giest man nach einiger Zeit wiederum ab, und an dessen statt frisches darauf. Je öfter man dieses Auf und Abgiesen wiederholt, jemehr nimt der Zinober die Eigenschaften des Kalks an, daß er sich alsdenn auf dem Gemälde mit demselben verträgt.
5. Gebranter Vitriol. Man brennt den römischen Vitriol im Ofen und vermischt ihn alsdenn mit Brandwein. Er gibt eine schöne Pupurfarbe, besonders wenn man damit untermalt, und er denn mit Zinober überfahren wird.
6. Englisch Roth. Fällt etwas mehr ins Braune.
7. Bergröthe. Ist wie das vorige sehr dauerhaft.
8. Gebranter Oker oder Erdgelb. Fällt etwas ins bleiche oder gelbliche, ist aber zur Fleischfarbe unentberlich.
9. Gewönlicher Oker oder Erdgelb. Man hat dessen verschiedene Arten hell und dunkel, wovon einige ganz ins braune fallen.
10. Ofengelb oder Neapolitanisch gelb. Eine schöne gelbe Farbe unentbehrlich zur Karnazion von Weibern, jungen Leuten und Kindern, das hingegen der Oker zur Fleischfarbe der Männer und alter Leute genommen wird.
11. Erdgrün. Ist die einzige auf Kalk brauchbare grüne Farbe. Alle andere Arten verschiesen, unde nur diese ist dauerhaft. Das Veronesische ist das beste.
12. Braunschweiger Grün. Eine sehr schöne grüne Farbe, deren Bereitung aber noch nicht alt genug ist, um mit Gewisheit zu wissen, ob es mit der Länge der Zeit nicht verschiest. Sonst ist es sehr gut zu brauchen, und hat bis izt auch einige Jahre ausgehalten.
13. Erdschwärze Umbra. Man hat deren sehr verschiedene Arten, die bald lichter bald dunkler sind, und bald ins braune bald ins röthliche spielen. Die bekantesten Arten sind Englische, Kölnische, Römische und Venezianische, welches unter allen die schwärzeste ist. Durch das Brennen kan man sie verändern, und sich noch mehrere Arten derselben machen. Sie wird auch feiner und feuriger dadurch.
14. Kohlschwarze. Diese wird von Weinreben, Pfirsigkern, und dikem blauen Pappier durch das Verbrennen gemacht. Jedes gibt eine andere Farbe. Man darf es aber nicht zu Asche, sondern nur zu Kole verbrennen lassen, und dann mit Wasser ablöschen.
15. Schmalte. Man hat dabei nur das zu beobachten, daß sie in ganz frischen Kalk eingetragen, und nach Verfliesung einer Stunde noch einmal überfahren werden mus.
16. Salzbraun. Hat eine Violfarbe, und wird durch die Vermischung mit Schmalte mächtig erhöhet.
17. Ultramarin. Ist nur zu kostbar, um es oft allein zu brauchen. Es wird meistens mit Schmalte vermischt.
18. Marmorschwärze. Es wird von dem schwärzesten Marmor auf eben die Art bereitet, wie das Marmorweis.
Dieses sind die mir bekanten Farben, welche hier zu brauchen sind. Alle andere vertragen den Kalk nicht, sondern verderben auch durch die Vermischung die andern Farben.
